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Blog von fabs   Profil von fabs

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"Die Sonne ging auf, wenn sie kam"


am 05.05.2013, in der Kategorie Politik
Der Nazi Jürgen Elsässer hat in der aktuellen Ausgabe seines verschwörungstheoretischen Schmierblättchens Compact seiner Kameradin Beate Zschäpe einen herzzerreißenden Brief geschrieben, nachfolgend dokumentiert auf YouTube.



Von den gutgemeinten Überlebenstipps einmal abgesehen, ist der rührselige Mist von der Mutter Theresa des deutschen Naziterrorismus gegen Ende des Briefs, ausführlich von der AG No tears for Krauts in der Jungle World erklärt worden.

Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wurden in den frühen neunziger Jahren im Osten politisch sozialisiert. Auch wenn der ausländerfeindliche Furor dieser Jahre vor dem Westen der Republik keinen Halt machte, lag das Zentrum der damaligen Gewalt im Osten. Dort fanden die größten Ausschreitungen statt, nur dort waren bei Angriffen auf Asylbewerberheime im großen Rahmen Massenverbrüderungen von Neonazis und Anwohnern zu beobachten, nur dort stellten die Nazis zeitweise die dominante Jugendkultur. »Vom Gefühl her«, so beschrieb ein Bekannter von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe die damalige Situation im Osten, »war auf den Schulhöfen von Haupt- und Berufsschulen damals jeder zweite rechts. Das ist heute schwer vorstellbar, aber in den Neunzigern war das die dominante Jugendkultur, so wie heute Hip-Hop in Berlin.«

Aus dieser Zeit, in der die Parole »Ausländer raus!« die Massenstimmung zwischen Rügen und Erzgebirge wiedergab, stammt zum einen das Feindbild des NSU: Während die Neonaziszene den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten bald von der sogenannten Überfremdung zum Antisemitismus, zur »Anti-Antifa«-Arbeit und zur Parole vom »nationalen Sozialismus« verlagerte, konservierten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe das Feindbild der neunziger Jahre mit ihrem Gang in den Untergrund. Mit ihren Morden lieferten sie die verspätete terroristische Begleitung zu Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda.

Zum anderen dürften die drei in den neunziger Jahren im Osten jene Selbstsicherheit und Unverfrorenheit gewonnen haben, mit der sie sich in der Zeit nach ihrem Abtauchen bewegten. Ein solches Gefühl von Sicherheit, das entsteht, wenn man in der Öffentlichkeit weniger auf Kritik als auf Zustimmung oder zumindest Verständnis stößt, vermittelten ihnen auch ihre Nachbarn und Freunde in der Zeit ihres Lebens im Untergrund. So dürfte es kein Zufall sein, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe den Osten der Republik in den 13 Jahren ihrer ­Illegalität nur zum Morden, zum Ausspannen auf Fehmarn und für gelegentliche Besuche bei Freunden verließen: Zwei Jahre lebten sie in Chemnitz, elf Jahre in Zwickau. Im Osten der Republik kannten sie sich nicht nur aus, nur hier konnten sie auch ihr halbwegs normales Leben mit Hoffesten, Nachbarschaftsdiensten, Kinderbetreuung und langjährigen Freundschaften führen. Insbesondere Beate Zschäpe legte eine große Geselligkeit an den Tag: Sie freundete sich mit Nachbarinnen an, trank regelmäßig mit ihnen und wurde nach und nach zu einer engen Vertrauten, mit der auch über die intimsten Dinge gesprochen wurde. Dass die Zwickauer Freunde und Bekannten nach dem Auffliegen des NSU erstaunt waren, dass es sich bei den langjährigen Nachbarn – in der Zwickauer Polenzstraße lebten die drei knapp acht, in der Frühlingsstraße fast vier Jahre – um Nazis handelte, lag keinesfalls an deren Verwandlungsfähigkeit: Beate Zschäpe dürfte angesichts der Auswirkungen, die Alkohol auf die Selbstkontrolle hat, zumindest bei ihren Frauenabenden nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg gehalten haben. Eine Zwickauer Freundin berichtete: »Wir haben dann meist ein Glasel oder auch mal zwei Flaschen Wein getrunken. Manchmal waren es auch drei Flaschen, und zu bestimmten Anlässen gab’s auch Schnäpse.« Uwe Böhnhardt sah, wie sich ein Bekannter erinnerte, der ihn zufällig traf, noch im Sommer 2002 aus wie 1998, zur Zeit seines Untertauchens. Weder seine Kleidung noch sein Haarschnitt hatten sich verändert; er trug in der Zeit, in der die drei längst in der Zwickauer Polenzstraße lebten, immer noch Glatze, Springerstiefel und Bomberjacke. Und ein ehemaliger Nachbar berichtete, dass Beate Zschäpe so schlecht auf Ausländer zu sprechen gewesen sei, dass sich sein Bruder nicht getraut habe, ihn zu besuchen, weil er mit einer Vietnamesin verheiratet ist.

Wenn die Zwickauer Nachbarn und Freunde, die mehrheitlich weder bekennende Nazis waren noch Kontakte zur rechten Szene hatten, trotzdem weiter insbesondere mit Zschäpe befreundet blieben und niemand auf die Idee kam, dass es sich bei den jungen Männern mit den kurzen Haaren und den Rechtsrock-CDs um Nazis handelte, dann hatte das einen einfachen Grund: Sie fielen nicht auf, weil sie normal waren. Und zu dieser Normalität gehört im Osten nicht nur, dass Jungs, wie Böhnhardt und Mundlos, »World of Warcraft« spielen und gern Mountainbike fahren, dass Frauen, wie Zschäpe, »Hello-Kitty«-Hausschuhe tragen, Cindy aus Marzahn mögen und Sexy-Cora-Fans sind. Sondern es gehört ebenfalls dazu, dass sportive junge Männer und ihre Freundinnen oder Schwestern, gerade in Klein- oder Mittelstädten wie Zwickau, Fremde auch nach dem »Aufstand der Anständigen« doof finden, einen Waffenfimmel haben und der Parole vom »nationalen Sozialismus« einiges abgewinnen können – auch dann, wenn sie sich von den Taten des NSU distanzieren. Die Bomberjacken, die Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe auf den Fotos aus den neunziger Jahren tragen, waren in der ostdeutschen Provinz bis weit über das Jahr 2000 hinaus nicht nur für Neonazis Einheitskleidung, sondern für jeden, der etwas auf sich hielt.

In den neuen Bundesländern werden Nazipositionen also in einem weit stärkeren Maß als im Westen von Leuten geteilt, die sich selbst nie als Nazis begreifen würden; in der ostdeutschen Provinz gehören sie weit stärker zum akzeptierten Meinungsbild als im Westen. Das bedeutet nicht, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe von ihren Nachbarn im Westen als Nazimörder enttarnt worden wären; das bedeutet ebenfalls nicht, dass sie im Westen in die soziale Isolation getrieben worden wären. Aber es heißt, dass sie wegen ihres Outfits, ihrer Äußerungen und ihres Gebarens eher beargwöhnt worden wären; der soziale Anschluss wäre ihnen weniger leicht gefallen als in Zwickau. Sie hätten sich dort im Unterschied zum Osten nicht bewegen können wie der Fisch im Wasser.

(...)

Im Sommer 2006 erklärte Alexander Horn, der die Soko »Bosporus« als Profiler beriet, dass der Mörder der neun Kleinunternehmer vermutlich ein Serienkiller sei. Er habe seine Opfer nur zufällig nach ihrem türkischen Erscheinungsbild ausgewählt. Für einen politischen Hintergrund gebe es keinen Anhaltspunkt: »Neonazis können kein politisches Kapital aus den Morden schlagen.« Diese Vorstellung – Neonazis morden, weil sie politischen Gewinn aus ihren Taten ziehen – lag auch der späteren Verwunderung darüber zugrunde, dass der NSU bis zum November 2011 auf Bekennerschreiben verzichtet hatte. Sowohl die Rede vom »politischen« oder »rechten Hintergrund« neonazistischer Gewalttaten als auch der Glaube, dass Nazis um einer Sache willen morden, basiert auf einem Missverständnis. Denn anders als nach dem Auffliegen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe suggeriert wurde, sind es nicht »Weltbilder« oder politische Programme, die ursprünglich nette und umgängliche Jugendliche zu Mördern werden lassen. Böhnhardt und Mundlos hatten lange vor ihrem Anschluss an die Naziszene und der Ausbildung des »gefestigten nationalsozialistischen Weltbildes«, von dem der Verfassungsschutz so gern spricht, eine starke Affinität zu Gewalt.

Wer überhaupt eine Kausalitätskette bemühen will, hätte entgegengesetzt zu argumentieren: Das nationalsozialistische Weltbild verwandelt nicht Klosterschüler in Gewalttäter, sondern potentielle Gewalttäter, Gangster und Größenwahnsinnige werden von der Naziideologie und der rechten Szene angezogen, weil diese der eigenen, mal eingestandenen, mal uneingestandenen Sehnsucht nach Verfolgung und Vernichtung eine höhere Weihe verleihen. Sie werden Nazis, weil ihnen die Bewegung die Möglichkeit bietet, den eigenen Drang, jemanden einzuschüchtern, fertigzumachen oder umzubringen, als Dienst an einer höheren Sache auszugeben. In dieser Sehnsucht nach dem Gewaltausbruch verschaffen sich die unterdrückten Triebe, die täglich hingenommenen Demütigungen, Quälereien und Verletzungen kompensatorisch Geltung. Nicht anders als die Astrologie, die Homöopathie und der Liberalismus ist das nationalsozialistische Weltbild ein »ungeglaubter Glaube« (Adorno), der von seinen Anhängern halb ernst genommen und halb durchschaut wird. Deshalb sind den nazistischen Mördern und ihren Vordenkern die inneren Widersprüche ihrer Bewegung und ihrer sogenannten Weltanschauung letztlich gleichgültig. Welchen nationalsozialistischen Runen-Freak hat je interessiert, dass Hitler weniger Ähnlichkeiten mit Hermann dem Cherusker als mit Charlie Chaplin hatte? Welches SA- oder FAP-Mitglied fand es übermäßig schlimm, dass SA-Chef Ernst Röhm und der heimliche FAP-Boss Michael Kühnen schwul waren? Und welcher Rassekundler stört sich ernsthaft am Widersinn der Behauptung, dass die Juden eine »minderwertige Rasse« seien, aber die halbe Welt kontrollieren würden?

Auch das »Weltbild« selbst, in dessen Namen sie zu prügeln und morden vorgeben, ist den Nazis in letzter Konsequenz egal: Beate Zschäpe war in den Zwickauer Jahren, als der NSU acht Türken und einen Griechen ermordete, regelmäßiger Gast in einem türkischen und einem griechischen Lokal, lachte viel mit den Besitzern und brachte ihrem griechischen Nachbarn zu Weihnachten, zum Geburtstag und zu Ostern kleine Geschenke. Dem herkömmlichen Nazi­mörder, dem SA-Mann von heute, geht es weniger um Konsequenz, Konsistenz und Logik als um eine Rechtfertigung für das eigene Bedürfnis, andere zu quälen und zu töten. So ist es zwar kein Zufall, dass sich der Drang nach Verfolgung in erster Linie gegen Migranten, Juden, Homosexuelle, Obdachlose, Behinderte richtet: Immerhin sind sie die traditionellen Projek­tionsflächen all jener Triebe, Wünsche, Sehnsüchte und Ängste, die der herkömmliche Nazi in einem langen Prozess zu unterdrücken, zu verdrängen und von sich abzuspalten gelernt hat oder gezwungen wurde. Aber wenn niemand anders zur Verfügung steht, wird das Verfolgungsbedürfnis auch am Bewohner des Nachbardorfs, dem, wie es in den neunziger Jahren unter mecklenburgischen Zeltplatznazis beliebt war, Touristen oder dem Kameraden von nebenan, ohne weltanschauliche Rechtfertigung, ausgelebt. Uwe Böhnhardt, der wegen seiner Gewaltausbrüche auch unter seinen Kameraden gefürchtet war, soll bei einer Schlägerei 1996 nur knapp davon abgehalten worden sein, einen anderen Nazi zu erstechen.

In den Morden und den Bombenanschlägen des NSU sowie im mehr als zehnjährigen Verzicht auf Bekennerschreiben und öffentliche Rechtfertigungen findet die Naziideologie zu sich selbst. Zwar konnten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe nicht ganz auf weltanschauliche Rationalisierungen verzichten: Zumindest ein paar Kameraden, die die drei auch anderweitig unterstützten, wussten bekanntlich davon. Dennoch war ihr Drang, die Verbrechen im großen Rahmen zu rechtfertigen und als Fanal, Dienst an einer Sache oder als Mittel zur Verbreitung von Angst und Schrecken darzustellen, nur schwach ausgeprägt. Das Morden war sich letztlich selbst genug. Sowohl ihre Obsession, Fotos von ihren Opfern zu machen, als auch ihr Vorgehen an den diversen Tatorten sprechen dafür, dass ihnen das Töten vor allem eines verschaffte: Lustgewinn. Die beiden Profiler des FBI, die schon früh von Neonazis als Tätern sprachen – und deren Analyse die Soko »Bosporus« nie erreichte –, waren sich sicher, dass sich keine Auftragskiller hinter den Morden verbergen, weil die Hinrichtungen stets tagsüber, also unter allzu risikoreichen Rahmenbedingungen, erfolgt seien. Im Unterschied zu Berufskillern, die aus finanziellem Interesse handeln, töteten, so hieß es, die Mörder der Kleinunternehmer wegen des Nervenkitzels und hätten ein persönliches Motiv. Insofern lag der Profiler der Soko »Bosporus« mit seiner Serienkillerthese wiederum nicht gänzlich falsch: Wie der Nazimörder seinen Sadismus weltanschaulich begründet, ist der neonazistische Massenmörder ein Serientäter, der das Ausleben seines Vernichtungsdrangs als Dienst an der guten Sache auszugeben gelernt hat: der eine mehr, der andere weniger.


http://jungle-world.com/artikel/2013/15/47522.html
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Was Zeev Jabotinsky ...


am 03.05.2013, in der Kategorie Politik
... von Avigdor Liebermann unterscheidet.

Current public discourse in Israel reflects an increasing belief that Zionist nationalism is incompatible with a commitment to liberalism, democracy, freedom, and equality. But the writings of of Ze’ev Jabotinsky – soldier in the Jewish Legion in WWI, ideologue, and leader of the nationalist, pre-state Revisionist Zionist movement – attest that no such contradiction exists.

Jabotinsky’s commitment to equality was total and complete. In particular, his attitude toward the Arab minority in the Land of Israel and his vision for the Jewish State stand in stark contrast to the philosophy underpinning recent attempts to introduce illiberal legislation in the Knesset.

A new booklet entitled Ze’ev Jabotinsky on Democracy, Equality, and Individual Rights, edited by the Israel Democracy Institute’s Prof. Mordechai Kremnitzer and this author, makes clear that, although Jabotinsky was the leader of the nationalist camp, which advanced the idea of the Jewish state with all its might, he declared over and over again that Arabs must be granted absolute equal rights within that state.

Jabotinsky based his beliefs on the principle that “every man is a king” – hence no man is superior to another.


The first consequence of ‘every man is a king’ is, obviously, universal equality: the essence of your or my royalty is that there cannot be anyone above you or me in dignity or status.

Moreover, Jabotinsky explained that equal rights are not an abstract idea, but a value that must be anchored in reality: complete equality before the law for individuals, groups, and languages.

Democracy means freedom. Even a government of majority rule can negate freedom; and where there are no guarantees for freedom of the individual, there can be no democracy. These contradictions will have to be prevented. The Jewish State will have to be such, ensuring that the minority will not be rendered defenseless.

Jabotinsky clarified that if Arabs in Israel do not enjoy a political, cultural, and economic existence that is honorable, the whole country will suffer:

[Even] after the formation of a Jewish majority, a considerable Arab population will always remain in Palestine. If things fare badly for this group of inhabitants then things will fare badly for the entire country. The political, economic and cultural welfare of the Arabs will thus always remain one of the main conditions for the well-being of the Land of Israel.

In the draft constitution presented in his book “The Jewish War Front,” Jabotinsky conferred equal status on both Hebrew and Arabic, provided for cultural autonomy for the Arabs, and mandated that land be distributed without consideration of nationality and without discrimination.

Is today’s reality in Israel in line with Jabotinsky’s vision? His uncompromising notion of equality was never realized. Nonetheless, for decades, a delicate balance has existed between Israel as the nation-state of the Jewish people (which justifies the Law of Return, use of Jewish symbols, etc.) and Israel as a democratic state committed to equality for all its citizens.

In recent years, this balance has been disturbed.

The previous Knesset passed several troubling laws, including the Admission Committees Law. This law, which was designed to block Arabs from being accepted into small communities, places a question mark on the state’s commitment to equality. Many other legislative proposals – which were thankfully shelved – were liable to disrupt this balance as well.

One such bill, “Basic Law: Israel – Nation-State of the Jewish People,” now resurfacing in the current Knesset, is diametrically opposed to Jabotinsky’s worldview. This bill gives clear precedence to the Jewish nature of Israel over its democratic character. It differentiates between the treatment of Jews and Arabs in areas such as the allocation of cultural resources and land distribution. It goes as far as to state that Arabic is not an official language of Israel. Most significantly, it does this in the context of a Basic Law, which carries constitutional import.

To those who would assert that such legislation is necessary to preserve the Jewish nature of the state, Jabotinsky responded years before the state was established:


I do not believe that the constitution of any state ought to include special paragraphs explicitly guaranteeing its “national” character. Rather, I believe that it would be better for the constitution if there were fewer of those kinds of paragraphs. The best and most natural way is for the “national” character of the state to be guaranteed by the fact of its having a certain majority.

http://blogs.timesofisrael.com/guess-who-demanded-equal-rights-for-arabs/
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Anti-Aufklärer


am 10.04.2013, in der Kategorie Politik
Mit der Fatah befindet sich die SPD bereits auf Kooperationskurs, nach dem Vorschlag des "Anti-Aufklärers" (Sevim Dagdelen) Peer Steinbrück zur Geschlechtersegregation im Sportunterricht stellt jetzt auch die Hamas die Weichen auf Partnerschaft. Ob ihn seine erste Auslandsreise nach gewonnener Wahl in den Gazastreifen führt, wo er inmitten voneinander strikt getrennter und vollverschleierter Knaben und Mädchen das Hohelied auf Respekt, Toleranz und kulturellen Austausch singt, ist indes nicht bekannt.

Hamas, the Islamist militant group that governs the Gaza Strip, is to introduce a law banning mixed-sex schools for all children over the age of nine.

In practice, virtually all schools in the Palestinian territory are already segregated at that age.

The law appears largely to be aimed at asserting Hamas's Islamist credentials, says the BBC's Jon Donnison in Ramallah.

The vast majority of schools in Gaza are run by either Hamas or the UN.

All of those are already segregated after the age of nine, says our correspondent

There are a handful of private schools where boys and girls are taught together: In theory, the new law will mean that is no longer possible.

Our correspondent says it remains to be seen if Hamas will enforce the legislation.

In the past, Hamas has approved laws aimed at appealing to conservative elements in Gaza: Banning men from cutting women's hair or forbidding women from smoking water pipes are two examples. But in those cases the laws were never fully enforced.

The majority of Palestinians in Gaza and the West Bank accept segregated education as part of their culture, our correspondent says.

As such, the new law in Gaza will likely receive little opposition while at the same time allowing Hamas to dampen criticism from more conservative Islamists who believe the government is too moderate, our correspondent adds.

Israel, as well as the United States and the European Union, regard Hamas as a terrorist organisation.


http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-21995395
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"Jeder Soldat erhielt nur 25 Patronen"


am 05.04.2013, in der Kategorie Politik
Yoram Kaniuk widerspricht in der Verarbeitung seiner persönlichen Erinnerungen an den israelischen Unabhängigkeitskrieg zionistischen und antizionistischen Geschichtsnarrativen gleichermaßen.

Eigentlich hatte er sich bereits von seinen Lesern verabschiedet. "Als alter Mann mit Krebs und Leistenbruch und zerstörtem Bauch, nehme ich Abschied von euch", lautet der Satz, mit dem Yoram Kaniuk seinen autobiografischen Roman"Zwischen Leben und Tod" abschloss.

Nun liegt in der flüssigen Übersetzung von Ruth Achlama sein neuer Roman "1948" vor – eines der besten Bücher aus der Feder des 82-jährigen Kaniuk und gleichzeitig eines der bedeutendsten Werke der hebräischen Gegenwartsliteratur.

Im November 1947, kurz vor dem UN-Beschluss zur Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat, meldete sich der angehende Abiturient Kaniuk, um an der nationalen Aufgabe teilzunehmen, nämlich "Juden vom Meer ans Land zu bringen" und einen jüdischen Staat zu gründen.

Sechzig Jahre danach rekapituliert er seine Erfahrungen und schildert die erschütternde Geschichte eines Toren, "der sich aufgemacht hatte, ein Held zu werden und den Feind zu schlagen."

"Ich bin Freund und Feind"

Wie so oft in der autobiografisch gefärbten Prosa Kaniuks (etwa in seinem Buch "Der letzte Berliner") vermengen sich Dichtung und Wahrheit. "Vielleicht habe ich manche Erinnerung mit den Jahren erfunden", bekennt Kaniuk und erzählt, wie er Jahre später seinen Retter wieder traf.

Dieser, ein Engländer im Dienst der Arabischen Legion, hätte ihn, der damals schwer verwundet hinter dem Zionstor lag, unschwer von seinem Posten auf der Jerusalemer Mauer erschießen können, doch er tat es letztlich nicht. "Ich konnte dich nicht umbringen. Ich bin Freund und Feind. Ich habe dich zu töten versucht, aber auch gerettet", habe er Kaniuk bei der Wiederbegegnung anvertraut.

Die Scheidelinie zwischen Erinnerung und Wahrheit ist naturgemäß nach sechzig Jahren verschwommen, aber eigentlich erscheint es unwesentlich, ob das Gedächtnis trügerisch ist, denn: "Eine Lüge, die aus der Suche nach Wahrheit entsteht, kann wahrer sein als die Wahrheit selbst", konstatiert Kaniuk in seiner eigensinnigen Art.

Konsequent und eigensinnig

Und wie eigensinnig und subversiv ist seine Version des Kriegs von 1948 – der als Unabhängigkeitskrieg in die israelische Geschichte eingegangen – ist! Zum einen hinterfragt Kaniuk konsequent das zionistische Narrativ und dekonstruiert dabei den Mythos des Neuen Juden, jenes mutigen und selbstbewussten Hebräers, der nach damals herrschender Vorstellung "eine neue, eigenständige, männliche jüdische Geschichte" in klarer Abgrenzung von der langen Verfolgungs- und Demütigungsgeschichte der Juden in der Diaspora schaffen sollte.

Kaniuk beschreibt eine Generation, die ahnungslos, naiv, gar töricht in die Schlacht zog, um für den neuen Staat zu kämpfen. "Wie sollten wir denn wissen, wie man einen Staat gründet?", fragt er selbstironisch. Wie sollten die Nachfahren jener, die 2000 Jahre unter anderen Völkern lebten, plötzlich ein Volk werden und als solches "ein Land, das noch gar nicht sein Eigen war", lieben?

Nicht minder kritisch geht Kaniuk mit den damals propagierten Werten und Idealen um, bezeichnet die Maxime "Mir nach!" als den schlimmsten Fehler jenes Krieges, der das Leben tausender junger Israelis kostete. Er setzt sich auch mit dem Fehlen von Angst und mit der Glorifizierung des Heldentums auseinander, bezeichnet manche militärische Aktion gar als absurd – so die Eroberung von Caesarea durch die Kämpfer des Palmach, der vorstaatlichen Armee.

"Sie kamen aus dem Mülleimer der Geschichte"

Anders als viele seiner Zeitgenossen schlug sein Herz schon damals für die seelisch gebrochenen Überlebenden des Holocausts, denen er ans rettende Ufer half, wo sie von den einheimischen Sabras mitunter verächtlich als sabonim (hebr. Seifen) bezeichnet wurden. Kaum hatten die größtenteils illegal Eingewanderten die neue Heimat erreicht, wurden sie ebenfalls in den Kampf geschickt, wie Iska, der Partisan aus Stalingrad. Auch er kam um.

"Das war nichts Außergewöhnliches", schreibt Kaniuk lakonisch und schildert, wie man viele der Gefallenen unter der Bezeichnung almoni (hebr. namenlos) beerdigte. Aufmerksam beobachtete er auch, wie Holocaust-Überlebende – "Menschen, die einer anderen Kosmologie entstammten" – in die verlassenen Häuser der Araber drangen.

"Sie kamen aus dem Mülleimer der Geschichte. Sie hatten recht, weil sie überlebt hatten und sich daher für zu große Sünder hielten, um sich als Richter aufzuspielen", stellt der Sabra Kaniuk fest und fährt fort, das zionistische Narrativ gegen den Strich zu bürsten: "Sie waren stärker als die Israelis. Verglichen mit ihnen waren wir wandelnde Witzfiguren."

Essen, Wasser, Waffen – knapp

Wenngleich Kaniuk den Gründungsmythen des Staates Israel kritisch gegenübersteht, so dürften andererseits auch die "Neuen Historiker" – die in der Geschichtswissenschaft Ähnliches versucht und dabei manchmal über das Ziel hinaus geschossen sind – wenig Grund zur Freude an seiner Sichtweise haben. Kaniuk widerspricht als Zeitzeuge mehr als einmal der Behauptung, die israelischen Kämpfer seien zahlenmäßig im Vorteil gewesen

So hätten beim blutigen Kampf um das Kloster San Simon in Jerusalem alle gewusst, "dass wir keine Chancen hatten, dass die Araber sehr zahlreich waren und gut kämpften". Essen gab es kaum, die Lebensmitteltransporte kamen nicht durch, das Wasser war knapp. Er widerspricht ebenfalls der Vorstellung, die Israelis seien besser bewaffnet gewesen.

Beim Kampf um einen Hügel vor Jerusalem habe jeder israelische Soldat lediglich fünfundzwanzig Patronen erhalten, mit denen er auskommen musste. Die meisten starben, sahen aus wie "Fleischstücke in der Metzgerei". Auf dem Gewehr, das Kaniuk und seine Kameraden erhielten, war übrigens ein Hakenkreuz zu sehen. Es handelte sich um tschechische Waffen, die für die Wehrmacht produziert worden waren und nach Kriegsende dann einen anderen Abnehmer fanden.

Leid, Grausamkeit, Tod – auf beiden Seiten

Nein, er sei kein Heiliger gewesen, auch wenn sich die Kameraden über seine "beschissene Gerechtigkeit" ärgerten und über ihn, den Kopfmenschen, wegen "seines Beethovens" lachten. Auch er hat getötet. Einige Araber, darunter ein Kind. Eigentlich versuchte er es zu retten, lehnte sich vehement gegen die anderen Kameraden auf, erntete sarkastische Bemerkungen wegen seines Zögerns. Er richtete sein Gewehr sogar auf einen Mitstreiter, der sich über ihn lustig machte. "Ich weiß, dass ich sorgfältig gezielt hatte, aber das Kind war umgekommen."

Eindrucksvoll schreibt Kaniuk über Leid, Grausamkeit, Tod – auf beiden Seiten. Es beschäftigt ihn bis heute, wie abgestumpft er, ein so junger Mann, damals war. Und doch plagten ihn bereits damals mehr Selbstzweifel und Gewissensbisse als die meisten seiner Kameraden.

Ohne die Geschichte des Soldaten Kaniuk, der sich nicht scheute, seine Meinung zu äußern, auch wenn er dadurch zum Außenseiter wurde, ist sein gesamtes literarisches Werk nicht zu verstehen. Seine Darstellung des moralischen Dilemmas erinnert an die meisterhaften Erzählungen, die der israelische Schriftsteller S. Yizhar bereits 1948/49 über diesen Krieg schrieb – "Der Gefangene und Chirbet Chisa" (dt. "Geschichten von Krieg und Frieden", 1997).

Schwer verwundet

Der Krieg endete für ihn, als er 1948 in Jerusalem schwer verwundet wurde und mehrere Monate im Lazarett verbringen musste. Kaniuk lässt die Ereignisse, die ihn fast das Leben kosteten, mit einem virtuosen Gespür für Spannung und Sprache lebendig werden. Der persönliche Rückblick des 82jährigen ist zugleich der gelungene Versuch, sich vom kollektiven Geschichtsbild abzusetzen.

Und doch ist seine persönliche Geschichte gleichzeitig die Geschichte einer ganzen Generation junger Israelis von "schöner Haartolle und Gestalt", wie man sie bis heute in Israel besingt. Ob sie klug handelten, wird seltener gefragt. "Kluge Menschen rackern sich nicht ab, um neue Staaten in einem heißen Landstrich zu gründen, der von arabischen Einwohnern wimmelt und inmitten feindseliger arabischen Staaten liegt", resümiert Kaniuk, der Zweifler, der gleichwohl an keinem anderen Ort der Welt leben könnte.


http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article113232162/Jeder-Soldat-erhielt-nur-fuenfundzwanzig-Patronen.html
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Fata Morgana der sozialen Revolution


am 16.03.2013, in der Kategorie Politik
Die Redaktion der anarchistischen Zweimonatsschrift El Libertario zieht eine Bilanz des Chavismus.

Eine kurze Bilanz von 14 Jahren bolivarischer Regierung zu ziehen, ist keine leichte Aufgabe. Vor allem geht es darum, mit zwei einander widersprechenden, aber sich auch ergänzenden Mythen aufräumen: Auf der einen Seite gibt es jene, die Hugo Chávez als Verkörperung des »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« und des Antiimperialismus glorifizieren, auf der anderen jene, die ihn als Diktator und Feind des freien Marktes denunzieren.

Dabei ist das, was seit dem ersten Wahlsieg von Hugo Chávez im Jahr 1999 Venezuela prägt, eine eigenartige Mischung aus vom caudillismo geprägtem Militarismus, populistischer Demagogie und Staatskapitalismus, fußend auf der im Überfluss verfügbaren Ölrente. Die sogenannte bolivarische Regierung stellt überdies eine Fortführung, keinen Bruch mit der repräsentativen Demokratie in Venezuela – die 1958 mit einem Abkommen der herrschenden Eliten, dem »Pakt des Fixpunkts«, begann – und ihrem Wirtschaftsmodell dar, das auf der Ausbeutung von Rohstoffvorkommen für den internationalen Markt beruht.

Der bolivarische Prozess zeichnet sich durch Autoritarismus aus, gepaart mit einem Bündnis mit transnationalen Kapitalgesellschaften in gemischten Unternehmen, die die Öl- und Gasreserven des Landes kontrollieren, und dem Ausverkauf der Bodenschätze wie Gold und Kohle. Hinzu kommt eine von Korruption durchzogene Regierung. Für den Abbau der Rohstoffe werden die Sierra de Perijá und der Regendwald Guayanas mi­litarisiert, unter dem Vorwand, dies diene der Bekämpfung der Guerilla oder des illegalen Bergbaus. Dadurch werden die dort lebenden indigenen Gemeinden unterdrückt.

In der ökonomischen Globalisierung war Venezuela eine Rolle als sicherer, billiger und zuverlässiger Lieferant fossiler Energieträger für den Weltmarkt zugedacht. Wie keine andere Regierung vor ihr war die derzeitige mit ihrer nationalistischen und populistischen Rhetorik sehr erfolgreich damit, das Land dazu herzurichten, sich dem globalen Erdölgeschäft unterzuordnen und sich noch unterwürfig für die erhaltenen Krümel zu bedanken, während der Reichtum weiterhin sehr ungleich verteilt ist. Zugleich sind die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten, die die Ausbeutung der fossilen Brennstoffe und der Bodenschätze verursacht, zu einem politischen Tabu geworden, sowohl für die Pseudo-Linke in der Regierung wie für die rechte und sozialdemokratische Opposition, die es ohne Zweifel wütend macht, dass Chávez mit seiner Ölpolitik Venezuela dem transnationalen Kapital so unterworfen hat, wie es eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, sollten sie regieren. Dank seines trügerischen Diskurses konnte »el Comandante« Entscheidungen treffen, die noch vor zwei Jahrzehnten einen hohen sozialen und politischen Preis gehabt hätten – zum Beispiel lukrative Verträge über die Ölförderung mit bis zu 40 Jahren Laufzeit zugunsten von transnationalen Unternehmen wie Chevron, BP, Eni und Repsol zu vergeben.

Das bolivarische Regime hat einen großen Propagandaapparat entwickelt, um die Wohltaten seines líder und der von ihm geschaffenen Sozialpolitik zu verkaufen, aber die Fakten zeigen, dass die Situation der Bevölkerung sich kaum signifikant verbessert hat – und das, obwohl die Staats- und Öleinnahmen in dieser Legislaturperiode die höchsten in der Geschichte des Landes in einem vergleichbaren Zeitraum waren. Genutzt haben sie vor allem dem Aufstieg der »Boli-Bourgeoisie«, der bolivarischen Bourgeoisie, die auf Kosten der offiziellen Macht angewachsen ist.

Vielleicht der beste Hinweis darauf, wie sich die Krise für die Bevölkerung verschärft hat, ist der erschreckende Anstieg der Anzahl der Morde in Venezuela: 2012 gab es mehr als 21 000 Mordopfer, 1998 waren es noch 4 400. Das verdeutlicht die Verbreitung eines Klimas krimineller Gewalt, das die gesellschaftliche Desintegration spiegelt. Diese Tendenz hätte sich umkehren oder zumindest aufhalten lassen, wären die Armut, der Mangel an Bildungsangeboten und die kollektive Desorganisation tatsächlich zurückgedrängt worden, wie es die Fürsprecher des Chavismus auf der ganzen Welt verbreiten.

Nicht weniger bedeutend war die Domestizierung und Auflösung der sozialen Bewegungen, die in den neunziger Jahren Widerstand gegen das neoliberale Modell leisteten. Die Morde in den jüngsten Jahren an aus Basisbewegungen stammenden Kämpfern wie Mijaíl Martínez, Luis Hernández, Richard Gallardo, Carlos Requena und Sabino Romero wurden nie aufgeklärt und strafrechtlich verfolgt, da die Anhänger der Regierung ein komplizenhaftes Stillschweigen wahrten. Sie zeigen, dass die einzigen Bande der Solidarität, die in 13 Jahren des Chavismo geknüpft wurden, vertikaler Art waren – mit der mystifizierten Figur des »Comandante Chávez«.

Das militaristische – und daraus folgend autoritäre, chauvinistische und bürokratische – Wesen dieses Regimes ist offensichtlich: Die Mehrheit der führenden Kader kommt aus den Kasernen, und das Regime hat eine politische Kultur durchgesetzt, die gefährliche Züge der Politik Fidel Castros kopiert. Darunter fällt das Prinzip des blinden Gehorsams gegenüber dem Führer mit dem daraus resultierenden Personenkult, dessen groteskes Ausmaß man jüngst anhand des Begräbnisrituals für den caudillo erleben durfte. Einer auf diesem Kontinent bekannten Regel folgend, die immer gilt, wenn das Militär an der Macht ist, sind in Venezuela außerdem die Ausgaben für die Streitkräfte ungebremst angestiegen. Der venezolanische Staat war in den vergangenen Jahren der größte Käufer von militärischer Ausrüstung in Lateinamerika.

Was einst die größte Stärke des Regimes war, verwandelt sich nun in seine wesentliche Schwäche: Chávez war alles, und mit seinem Fehlen bleibt dem Regime nur, treu sein Andenken zu bewahren und seinen Wünschen für die Nachfolge nachzukommen. Die Schwäche der Regierung, die ihren angeblich »sozialistischen und volksnahen« Charakter mit einem bizarren Personenkult betonen wollte, wird nun allzu deutlich. Die Schuld daran liegt bei Chávez selbst. Die Geheimniskrämerei um seine Krankheit hatte die gleichen Beweggründe wie die extreme Zentralisierung der Macht, und der Mangel an ideologischer Kohärenz lässt seine Anhänger nun untereinander um sein Erbe kämpfen. Die hohen Bürokraten und die Militärkaste sind dabei klar im Vorteil, während sie Straffreiheit für ihre Vergehen aushandeln.

Doch diese Probleme sind nicht die einzigen Sorgen der zwei Gruppen, die sich um die Macht und die Ölrente streiten: des Gran Polo Patriótico (Großer patriotischer Pol) der Chavistas und der Koalition der Opposition, Mesa de Unidad Democrática (Tisch der demokratischen Einheit). Die rechte und sozialdemokratische Opposition hat es nicht geschafft, sich von ihren Wahlniederlagen vom 7. Oktober und 16. Dezember zu erholen, und zuvor hatte sie den Wählern lediglich versprochen, die klientelistischen Instrumente zu erhalten und zu verfeinern, die so hilfreich für Chávez waren.

Hugo Chávez wird mit einem sichtbaren Erbe im Alltag dieses Landes in die Geschichtsbücher eingehen: eine ungebändigte Inflation, wachsende Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung, sukzessive Währungsabwertungen, extreme individuelle Unsicherheit und eine Krise der öffent­lichen Versorgung; ein brachliegendes Bildungs- und Gesundheitssystem, Wohnraummangel und vieles mehr, das nicht weniger unheilvoll ist.

So musste die Bevölkerung Venezuelas nicht auf ein Sinken des Ölpreises warten, um mit den derzeit grassierenden gesellschaftlichen Problemen konfrontiert zu werden, 14 Jahre einer korrupten, unfähigen und verschwenderischen Regierung reichten dafür vollständig aus. Chávez’ Anhänger hingegen glauben wohl selbst daran oder wollen es zumindest die Bevölkerung glauben machen, wenn sie Chávez als ein revolutionäres Beispiel verehren, dem man zu folgen habe.


http://jungle-world.com/artikel/2013/11/47325.html

Den autoritären Personenkult seiner Anhänger wird das sicherlich kaum tangieren.
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Der Caudillo ist tot, es lebe der Caudillo!


am 13.03.2013, in der Kategorie Politik
Es kommt vor, dass Jürgen Elsässer richtig liegt. Seine „Vier Thesen zur bleibenden Bedeutung von Hugo Chavez“ fassen treffend zusammen, was den venezolanischen Staatschef auszeichnete. In der Bewertung muss man Elsässer ja nicht folgen.

„Gläubiger Christ und überzeugter Marxist – das war für ihn kein Widerspruch.“ Tatsächlich hat Chávez bewiesen, dass jemand, der ostentativer frömmelte und sich häufiger auf Gott berief als George W. Bush, für einen Linken gehalten werden kann.

„Er versöhnte Volkseigentum und Privatbesitz.“ Selbst im Ölsektor blieb die Verstaatlichung hinter dem Niveau Saudi-Arabiens, das gemeinhin nicht als linker Staat gilt, zurück, und die Rechten von Fox News ließen sich nicht täuschen: „In fact, the private sector still controls two-thirds of Venezuela’s economy — the same as when Chavez was elected in 1998, according to estimates by the Central Bank.“ (1) Nur viele Linke glauben an den “Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, versöhnt hat Chávez also einen beachtlichen Teil der Linken mit dem Kapitalismus.

Reform? Revolution? Chávez kann es besser: „Mit dem Militär im Rücken zum Präsidenten gewählt werden, und alle weitere Schritte der Umgestaltung über Volksentscheide durchsetzen und absichern.“ Wer geglaubt hatte, mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus sei klar geworden, dass linke Politik immer etwa mit Basisdemokratie, Selbstverwaltung und gesellschaftlicher Emanzipation zu tun haben müsse, wurde durch Chávez und seine Fans belehrt: Stillgestanden! Das Denken einstellen! Zur Urne vorwärts marsch!

Und nicht zuletzt: „Er versöhnte die antiimperialistische Linke mit der islamischen Revolution.“ Man kann darüber streiten, ob das wirklich noch nötig war. Aber Chávez leistete weit mehr als profane Versöhnungarbeit, er veränderte die Heilsgeschichte. Das flüsterte offenbar Gott dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zu: „Although Hugo Chavez, is no longer among us today, I am sure that his innocent spirit has ascended to the heavens and will one day return to us with Jesus Christ and will once again help humankind establish peace, justice and kindness.” (2)

Bislang galt für den Erlöser: Es kann nur einen geben! Doch erinnern wir uns des tiefsinnigen theologischen Gesprächs zwischen Chávez und Ahmadinejad im Jahr 2009:
„Chávez: Du hast mir das sehr gut erklärt. Der Imam Nummer… acht!
Ahmadinejad: Zwölf.
Chavez: Zwölf! Ich habe mich nochmal geirrt!
Ahmadinejad: Der achte Imam ist in der Stadt Mashad, da wo wir waren.
Chavez: Ah, da wo wir waren. Danke. Ich denke, ich werde weiterstudieren, sie sehen schon. Gut, der Imam Nummer zwölf, genannt…
Ahmadinejad: Mahdi
Chavez: Mahdi, Mahdi - Mahdi und Christus werden zurückkehren - zusammen, sich an den Händen haltend… Sie werden wiederkommen.“ (3)

Da soll noch einer sagen, der Dialog der Kulturen trage keine Früchte. Warum sich mit einem Erlöser begnügen, wenn man auch zwei haben kann? Oder drei, vielleicht sogar…vier? Denn wenn Jesus mit Chávez herniederfährt, braucht ja auch der Mahdi einen Kompagnon. Ein Job für Mahmoud?

Die wahren Propheten finden sich aber natürlich anderswo, nämlich in unseren Redaktionsräumen. In der Jungle World stand schon 2007: “Chávez hingegen ließ sich die Vollmacht erteilen, per Dekret zu regieren, und will über die von der Verfassung vorgesehene Zeit hinaus Präsident bleiben. Wahrscheinlich bis er, wie Lenin, einbalsamiert wird.” Und sehet, oh Ungläubige, diese Prophezeiung erfüllt sich nun.


via JungleBlog
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1) http://www.foxnews.com/world/2010/07/18/socialism-private-sector-dominates-venezuelan-economy-despite-chavez-crusade/#ixzz2MrmAfVcC
2) http://www.huffingtonpost.com/2013/03/06/mahmoud-ahmadinejad-hugo-chavez-resurrect-jesus_n_2819630.html
3) http://jungle-world.com/jungleblog/611/ - Davon lassen sich zwar Antimps, Nazis, Islamisten oder die in bester Absicht gekommenen Delegationen des deutschen Bundestages bzw. europäischer Handelspartner, also kurzgesprochen: die Reaktionäre aller Länder, beeindrucken, aber lange nicht klassenbewusste Arbeiter: Then in July 2006 Chávez visited Iran Khodro, the biggest car and vehicle manufacturing plant in the Middle East. The Iran Khodro workers had heard many positive things about Chávez and were excited to meet him in person. To begin with the workers were pleasantly surprised at the President of a country shaking hands with workers and even kissing them on the cheek. They were about read out a statement in his honour, welcoming this revolutionary leader to their factory. But before they could read it Chávez began praising Ahmadinejad, calling him his brother, calling the Iranian regime a revolutionary government and so on. The workers were totally disgusted by him. They tore up the statement and left the hall. ( http://marxist.cloudaccess.net/latam/453-chavez-legacy.html)
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Hinter der Wirklichkeit


am 18.02.2013, in der Kategorie Politik
Ein Schritt zurück und die Wirklichkeit sieht anders aus. Oder vielleicht eher das, was wir tagtäglich als Wirklichkeit wahrnehmen – tausendfach festgehalten in den Aufnahmen von Fotojournalisten, millionenfach verbreitet durch die Medien. Wie sehr der Schein trügen kann, führt uns mit seinem Projekt Photojournalism Behind the Scenes der italienische Fotograf Ruben Salvadori vor Augen.

Mit der Fotografie begann der 22-Jährige vor vier Jahren während seines Studiums der Internationalen Beziehungen und Anthropologie in Jerusalem. Mit dem Wunsch im Kopf, die Gesellschaft und die Menschen in Israel besser verstehen zu können, machte sich der junge Mann auf die Suche nach Motiven. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zog ihn besonders an.

Heraus kamen ausdrucksstarke Bilder, wie man sie regelmäßig in Zeitungen, auf Websites, im Fernsehen findet: Steine fliegen, Müll brennt auf der Straße, Polizisten verstecken sich hinter ihren Schilden. Doch Salvadori trat den entscheidenden Schritt zurück und nahm seine Kollegen mit in den Sucher.


Der Effekt ist erschreckend: Lediglich die Wahl eines anderen Ausschnitts, eines anderen Blickwinkels lässt dramatische Szenen plötzlich harmlos wirken. Zugleich entlarvt sie die kleinen und großen Tricks der Fotografen, die von der leichten Verfälschung durch Weglassen bis zur bewussten Manipulation und Inszenierung reichen.

Bilder können die Wirklichkeit nicht einfangen

Aus den grimmig schauenden Sicherheitskräften, bei denen der Betrachter gleich die wütenden Demonstranten auf der anderen Seite mitdenkt, werden so drei Polizisten, die auf einer leeren Straße miteinander reden. Ganz nah vor ihnen kniet der Fotograf. Von Gewalt keine Spur.

Andere Bilder entlarven, wie Jugendliche mit vermummten Gesichtern, in der Hand Steine, im Hintergrund Rauch und Flammen, nur für die Aufnahme posieren. Auch hier zeigt Salvadori: Der Konflikt, den das Foto belegen soll, findet eigentlich nicht statt. Jedenfalls nicht an diesem Ort, nicht zu dieser Zeit.

Das Projekt Behind the Scenes vermittelt anschaulich, was jeder seriöse Fotojournalist weiß, aber selten offen ausspricht: Ein Bild fängt nie die Wirklichkeit als solche ein. Schon die Wahl eines Ausschnitts konstruiert eine neue Realität. Und der Beobachter, so objektiv er sich auch gibt, so sehr er auch am Rande bleibt, kann niemals neutral sein: Seine Anwesenheit verändert das Geschehen.

Der Eindruck eines vermeintlichen Wirklichkeitsbezugs journalistischer Fotografie ist dabei historisch erlernt. Er hat mit dem Vertrauen zu tun, das wir in die dokumentarische Qualität solcher Aufnahmen setzen. Doch diese Sicht war schon naiv, bevor die Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht haben, welche Verantwortung nicht nur auf dem Fotografen, sondern auch auf den Medien lastet, die ein Bild auswählen, weitergeben, mit Kontext versehen.

Immer zeigt das Foto nur einen Ausschnitt all dessen, was am Ort des Geschehens zu sehen gewesen wäre. Wir ergänzen die gedachte Wirklichkeit außerhalb der Begrenzung und greifen dabei auf eigene Erfahrungen, Kenntnisse und vom Bild selbst angedeutete Zusammenhänge zurück. Die auf einen Sekundenbruchteil reduzierte Aufnahme kann zudem nicht widerspiegeln, dass die Realität vor allem ein Prozess und eben kein Moment ist.

Was aber heißt das für den Betrachter, der doch in journalistischen Bildern faktische Informationen vorzufinden glaubt? Salvadoris Projekt besitzt zweifellos die Macht, das Vertrauen in die Medien in dieser Hinsicht zu beschädigen. Kritik von Kollegen hat sich der Italiener bereits zugezogen. Doch ihm lediglich zu unterstellen, er beschädige das Ansehen der unzähligen ernsthaften, ihre Arbeit reflektierenden Fotoreporter, die doch oft so wichtig sind, um überhaupt etwas aus Krisenregionen zu erfahren, greift viel zu kurz.

Ein Reporter ist nie bloß Beobachter

Die eigentliche Stärke von Salvadoris Projekt liegt deshalb darin, etwas wieder ins Bewusstsein zu holen: Das sind alles bloß Menschen, vor wie hinter der Linse, unabänderlich subjektiv, mit eigener Perspektive, eigenen Interessen. Im Grunde ist es ein Appell an seine Kollegen, immer wieder neu das eigene Tun zu reflektieren.

Man machte es sich allerdings zu einfach, sähe man die Verantwortung ausschließlich bei den Fotografen. Allein schon die Erwartungen der Abnehmer und Konsumenten, die Gier nach Spektakulärem, geboren aus einem wahnwitzigen Überangebot an Bildern, sind ebenso ein wichtiger Teil dieses Prozesses.

Zwar können Bildagenturen und Redaktionen, die sich später für ein bestimmtes Bild entscheiden, nicht ohne Weiteres wissen, was außerhalb des Ausschnitts, was vor und nach der Aufnahme passierte. Doch gerade deswegen ist Salvadoris Arbeit so wichtig. Sie ist ein Appell an Medien und ihre Nutzer, sensibel zu bleiben, genau hinzuschauen und die richtigen Fragen zu stellen


http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-03/fotografie-journalismus-ruben-salvadori/komplettansicht

Hier geht es zu Salvadoris Foto-Essay über die Beeinflussung durch gestellte Bilder im arabisch-israelischen Konflikt: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-03/fs-ruben-salvadori-2
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Die widerständige Kol­la­bo­ra­teu­rin


am 11.02.2013, in der Kategorie Politik
http://files.newsnetz.ch/story/1/8/4/18469100/22/teaserbreitgross.jpg?1360323114

Das bis zur offenen Kollaboration gehende Appeasement, welches man von deutschen Politikern im Umgang mit dem iranischen Regime mittlerweile gewohnt ist – die Beispiele sind Legion und ziehen sich quer durch alle Parteien – hielt sich doch immer zumindest formal an die Regeln diplomatischer Gepflogenheiten.

Claudia Roths kumpelhaftes High-Five mit dem Massenmörder Ali Reza Sheikh-Attar lässt jedoch auf eine Vertrautheit und Intimität zwischen der Grünen-Chefin und dem iranischen Botschafter schließen, die überrascht: Nicht, dass Roth ihre Sympathien für das Mullahregime nicht hinlänglich unter Beweis gestellt hätte. Dass sie jedoch vor laufenden Kameras mit einem Massenmörder und in jeder Hinsicht würdigem Repräsentanten der Barbarei im Iran jovial herumalbert, dürfte nicht nur in der deutschen Iranpolitik, sondern selbst bei den Grünen einzigartig sein (wiewohl etwa der grüne Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer eine Nachfrage des Haaretz-Kolumnisten Jamie Kirchick zum Vorfall in Gutsherrenmanier abbügelte).

Claudia Roth selbst ließ inzwischen auf ihrer Facebookseite verlautbaren, dass es sich bei dem »im Netz kursierenden Video« nur um »einen kleinen Ausschnitt der wirklichen Geschehnisse« handele, tatsächlich sei ihr nur daran gelegen gewesen, eine peinliche Situation zu überspielen, die aus des Botschafters Weigerung resultierte, Frauen die Hand zu geben. Dass die ehemalige Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung vor einem Mann einen heiteren Knicks hinlegt, der also aus seiner Frauenverachtung keinen Hehl macht, gibt sie nun in dreister Weise als Dienst an der Opposition aus, weil sie vorgeblich den Botschafter dazu bewegen wollte, einen iranischen Filmemacher zur Berlinale fiegen zu lassen.
Die Kultur zum Tode, sie liegt Claudia Roth wie Claus Peymann und vielen Deutschen am Herzen, denn wo geschauspielert und gesungen wird, da hört man weder die Schreie der Gemarterten nebenan, noch die Aufrufe zur Vernichtung Israels.

Zwar heißt von Rainer Stinner (FDP) bis Thomas Feist (CDU) jeder der vielen, dem Mullahregime freundlich verbundenen Politiker, seine Kumpanei mit den iranischen Schlächtern einen »kritischen Dialog«, betrieben einzig aus Sorge um »Menschenrechte«.

Noch die offenkundig herzlichste Kollaboration und persönliche Vertrautheit mit mörderischen
Repräsentanten des Regimes als Akt des Widerstands auszugeben, bedarf jedoch einer besonderen Dummdreistheit, die hierzulande niemandem so zu eigen ist wie Claudia Roth.


http://freeirannow.wordpress.com/2013/02/07/die-widerstandige-kol%C2%ADla%C2%ADbo%C2%ADra%C2%ADteu%C2%ADrin/
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Die im Schmutz wühlten


am 06.02.2013, in der Kategorie Literatur
Eine kleine Zusammenfassung der Entstehung des (amerikanischen) investigativen Journalismus.

Die Bewegung begann 1902. 1917 fand sie ein vorläufiges Ende, doch nach dem Ersten Weltkrieg traten immer wieder bewundernde Nachahmer und Nachahmerinnen der »Muckraker« auf den Plan. So hatte der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt die ersten Vertreter dieser Berufsgruppe im Jahr 1906 genannt.

Roosevelt hatte sie beleidigen und ihren Einfluss vermindern wollen, doch die Muckraker, die »Schmutzaufwühler«, waren stolz auf ihre Arbeit, nahmen die Bezeichnung gerne an und trugen diesen Namen fortan mit Begeisterung. Schließlich gingen sie absichtlich dorthin, wo es stank, und wirbelten Schmutz auf. Sie stocherten im Unrat des gesellschaftlichen Systems und berichteten über dessen ökonomische Schattenseiten.

Heute ist diese Form des Journalismus in den westlichen Ländern längst professionalisiert. Der investigative Journalist Günter Wallraff recherchiert in Callcentern und Obdachlosenasylen, seine 1985 erschienene Dokumentation »Ganz unten« gehört zum Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die französische Journalistin Florence Aubenas meldete sich 2009 arbeitslos, versuchte ein Jahr lang, als Putzfrau mit Minijobverträgen zu überleben, denn etwas anderes fand sie nicht, und stand mit der literarischen Verarbeitung dieses Versuchs (auf Deutsch 2010 erschienen unter dem Titel »Putze – Mein Leben im Dreck«) ein Jahr lang auf Frankreichs Bestsellerlisten. In den USA ist es Barbara Ehrenreich, die sich immer wieder unter die Working Poor mischt, unter die Arbeitssuchenden, Ausgesteuerten und Kämpfenden, um ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen, in 13 Büchern mittlerweile, der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Die Pioniere

Einer der ersten, die den investigativen Journalismus pflegten und die Beschimpfung »Muckraker« auf sich zogen, war der Amerikaner Lincoln Steffens (1866–1936). Steffens kam aus wohlhabenden Verhältnissen und hatte lange in Europa studiert, zu lange, wie sein Vater befand, der ihm deshalb den monatlichen Wechsel strich. Danach war Steffens lange Zeit auf Stellensuche, letztlich – aufgrund von Beziehungen und nur, weil ihm wirklich nichts anderes übrig blieb – wurde er Journalist. Besser gesagt, Steffens wurde ein Zeilenschinder, wie er sich selbst bezeichnete, denn er wurde nach Anzahl der Worte und Zeilen bezahlt. Wer von seinen zahlreichen Kollegen nicht gedruckt wurde, also am Ende des Monats keine Zeilen zählen konnte, hatte Pech gehabt, doch Steffens entdeckte durch Zufall eine Methode, die es ihm erlaubte, seine Konkurrenten zu überflügeln: Ausgesandt, um Beamte, Polizisten und Unternehmer zu einem gerade aktuellen Skandal zu befragen, nutzte er die Gelegenheit und befragte sie auch zu völlig anderen Themen, über die die Betroffenen umso unverfänglicher plauderten, je sicherer sie sich hinsichtlich des eigentlich im Mittelpunkt des Berichts stehenden Skandals zu fühlen begannen.

Lincoln Steffens war als Freelancer für World, Sun und Evening Post immer auf der Suche nach Korruption und Günstlingswirtschaft, nach den Misthaufen der Gesellschaft, nach der »Schande der Städte«, wie eine seiner Artikelserien aus jenen Jahren hieß. Während der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts begann er, auf der New Yorker Wall Street zu schnüffeln. Danach stürzte er sich auf den Polizeiapparat, dessen Vertreter ihm bereits während der ersten Kontaktaufnahme unmissverständlich klarmachten, was sie für dessen Aufgabe hielten: Die Polizei, so wurde ihm erklärt, schütze die Besitzenden nicht nur vor Diebstahl und Raubüberfall, sondern auch und in erster Linie vor Streik und Meuterei.

Die Besitzlosen galten wenig oder gar nichts in jener Phase der amerikanischen Geschichte, in der der Westen noch erschlossen und die Arbeitskräfte im Osten auf eine Art und Weise ausgebeutet wurden, die noch aus der historischen Distanz schaudern macht. Die Zeit exzessiver Kapitalkonzentration und Trustbildung lag erst wenige Jahre zurück, die Zeit, als jemand wie John D. Rockefeller, der 1863 die erste Erdölraffinerie gegründet hatte, als Inhaber der Standard Oil Company mächtiger werden konnte als der Präsident der Vereinigten Staaten. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kontrollierte Rockefeller ganze Regionen der USA, beispielsweise in Colorado, und noch 1915 kam eine Regierungskommission zu dem Schluss: »Zwei ganze Landkreise von Südcolorado sind seit Jahren um eine eigene Regierung gebracht worden, wobei ein Großteil der Einwohner seiner Freiheit und eines Teils seines Einkommens beraubt, grausamen Verfolgungen und Misshandlungen ausgesetzt und auf einen Status ökonomischer und politischer Leibeigenschaft reduziert wurde.«

Ein Stahl-Tycoon wie Andrew Carnegie hatte seine Stahlwerke erst wenige Jahre zuvor (1881) mit denen von Henry Clay Frick fusioniert, demselben Frick, den der russische Anarchist Alexander Berkman im Folgejahr zu töten versuchte, da Frick erst die Löhne der Arbeiter in der Carnegie Steel Company gesenkt und dann bewaffnete Streikbrecher gegen die Protestierenden in den Kampf geschickt hatte, was zu zahlreichen Todesopfern führte.

Noch waren die Massaker an der indianischen Urbevölkerung Nordamerikas nicht beendet, noch gab es Lynchmorde an Schwarzen. Noch 1919 stellte die US-Regierung für die ersten zehn Monate jenes Jahres fest, dass es in diesem Zeitraum Lynchmorde an 63 Personen, davon 59 Schwarzen, gegeben habe, und dass elf Schwarze bei lebendigem Leib verbrannt worden waren.

Auch die Zeit bedeutender Erfindungen wie der von Isaac Merritt Singer, der 1850 die nach ihm benannte Nähmaschine entwickelt hatte, lag noch nicht weit zurück: Die I. M. Singer Company wurde zur größten und maßgeblichen Nähmaschinenfabrik der USA und expandierte während der sechziger Jahre nach Europa. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen die Nähmaschinen, den jüdischen Stetln in Osteuropa und Russland, die maßgeblich auf dem Schneiderhandwerk basierten, die ökonomische Grundlage zu entziehen. Auch das war ein Grund für die gewaltigen Flüchtlingsströme, die sich seit 1880 in die Neue Welt ergossen und ein gewaltiges Heer an Arbeitssklaven bildeten. Diese schufteten auch dann noch in den Sweatshops der Textilindustrie an der Ostküste, als Steffens sich für deren Lebensbedingungen zu inter­essieren begann.

Doch die Arbeiter begehrten auf. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die erbittert geführten Arbeitskämpfe, von denen einige in die Geschichte eingegangen sind.

Die Unternehmer reagierten mit Aussperrungen und setzten privat gedungene »Sicherheitskräfte« und »Detektive« gegen die Streikenden ein. Berüchtigt geworden sind die Pinkertons, Angestellte einer in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegründeten Detektei, die sich zunächst auf die Kopfgeldjagd spezialisiert hatten und sich nach dem Bürgerkrieg ausschließlich als Streikbrecher, Agents Provocateurs und Angreifer betätigten. Aber auch die Polizei prügelte auf die Streikenden ein: »Da, sehen Sie sich die andern an. Im Ostviertel herrscht ein Streik, und das Büro hier ist immer voll verprügelter Streikender.« So zitiert Steffens, der damals noch am Anfang seiner Laufbahn stand, in seinen Memoiren einen älteren und erfahrenen Kollegen. »Solange sie sich hier bei uns doch noch einarbeiten müssen, würde ich Ihnen raten, sich in der Nähe dieses Büros aufzuhalten und jeden Morgen zuzuschauen, wenn man die zerschlagenen Köpfe herein schleppt; wenn man die Verhafteten dann wieder entlässt, können Sie sie ausfragen. Keiner Zeitung wird es zwar einfallen, diese Berichte zu drucken, aber Sie würden dabei selbst sehen und hören, wie die Polizei mit solchen Streiks fertig wird.«

Diesen Rat erhielt Lincoln Steffens von seinem Kollegen Jacob (Jake) Riis, der mit seinem Assistenten Max Fischel jede Nacht durch New York und die Polizeireviere der Stadt zog, um in den frühen Morgenstunden das Erlebte zu Protokoll zu geben, wobei er auf Seiten der Obdachlosen, Prostituierten, Immigranten ohne Job und Streikenden stand, die auf den Polizeirevieren gelandet waren. »Jake Riis«, schreibt Steffens, »war Amerikaner von dänischer Abstammung. Er bearbeitete das Polizeiwesen, das Gesundheitsamt, das sich damals noch im selben Gebäude befand, und die ›Ostviertel‹, wie man die ärmlichen und vorwiegend von Ausländern bewohnten Stadtgegenden zusammenfassend nannte. Und er verschaffte sich nicht einfach die Nachrichten, sondern kümmerte sich auch darum. Tyrannei, Missbräuche und Unglück aller Art hasste und ­bekämpfte er leidenschaftlich. Er war der ›Schrecken‹ der Beamten und Vermieter, die in seinen Augen verantwortlich waren für den erbärmlichen Zustand der Mietskasernen, in denen die Armen leben mussten. Er hatte sie in Artikeln, Büchern und öffentlichen Ansprachen bloßgestellt.«

Jacob Riis (1849–1914) gilt als einer der Ersten im Geschäft des investigativen Journalismus, gar noch als Vorläufer von Steffens. Einst selbst als mittelloser Immigrant nach New York gekommen, war er seit 1877 Polizeireporter und somit ein älterer Kollege von Steffens, den er maßgeblich beeinflusst und auf die Spur des Muckraking gebracht hat.

Riis war auch der Autor von »How the Other Half Lives« (Wie die andere Hälfte lebt), einem Fotoband, der nicht nur den Journalismus und die Fotografie revolutioniert hat: Riis dokumentierte darin seine Streifzüge durch die Elendsviertel und »Schwitzbuden« New Yorks, wie die Produktionsstätten der aufkommenden Textilindustrie genannt wurden. Er zeigte frierende und hungernde Kinder, Kinder, die sich zum Schlafen in irgendeiner schmutzigen Straßenecke zusammengekauert hatten, die Kinder der Einwanderer und Einwandererinnen aus Italien, Irland, Osteuropa und Russland. Das Buch zeigte die in Heimarbeit nähenden Frauen und Kinder und das Menschengewimmel in den Straßen der Lower Eastside. Vor allem veranschaulicht es die Mietverhältnisse, denen die Immigranten unterworfen waren, und beeinflusste positiv die Wohnungsbaugesetzgebung im Staate New York.

Auswirkungen auf die Gesetzgebung hatte auch die Arbeit von Ida Tarbell (1857–1944), die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei ihrer Berichterstattung ganz auf die Standard Oil Company konzentriert hatte. Tarbell selbst war zwischen Bohrtürmen aufgewachsen, hatte als eine der ersten Frauen ein Studium (der Biologie) abgeschlossen und war als junge Frau nach Paris gegangen, von wo aus sie ihre ersten Artikel in die Vereinigten Staaten verkaufen konnte. Zwischen 1902 und 1904, inzwischen lebte sie wieder in den USA, erschien ihre zwanzigteilige Artikelserie über Rockefeller und Standard Oil und führte dazu, dass 1906 Anklage gegen die Gesellschaft erhoben wurde. Denn Standard Oil hatte, wie Tarbell gewissenhaft nachgewiesen hatte, gegen den Sherman Antitrust Act verstoßen, den Versuch, die Monopolbildung gesetzlich zu verbieten.

Armut und Stolz der »Muckraker«

Tarbell selbst war es unangenehm, als »Muckraker« bezeichnet zu werden, aber Riis war stolz darauf, schlagenden Polizisten und Vermietern Furcht einzujagen, damit sie ihr Treiben nicht ungestraft fortführen konnten. Sein Einsatz für die Betroffenen kam diesen zu­gute, wenn auch nicht in dem Ausmaß, das Riis sich gewünscht hätte. Er selbst nährte sich eher schlecht als recht von seiner Arbeit, denn Muckraking bedeutete, dass man monatelang für einen einzigen Artikel recherchierte, der von den renommierten Zeitungen am Ende sogar oft boykottiert wurde. Entweder war man als Muckraker extrem arm, oder man verfügte zuvor schon über Geld, wie Steffens, der von einem jung verstorbenen Freund ein Vermögen geerbt und seine Einblicke in die Funktionsweise der Wall Street dahingehend genutzt hatte, dass er selbst an der Börse spekulierte.

Eine andere Möglichkeit bestand darin, dass man sich bereits einen Namen gemacht und etwas Geld verdient hatte, das man wieder in die Sache investieren konnte. Dies traf beispielsweise auf den sozialistischen Journalisten und Schriftsteller Upton Sinclair (1878–1968) zu, der es sich immerhin leisten konnte, eigene Recherchen in den Schlachthöfen und der fleischverarbeitenden Industrie Chicagos durch die Recherchearbeit einer Frau zu ergänzen, die über lange Jahre hinweg zu den bei Polizei und Unternehmern gefürchtetsten Personen gehörte. Sinclair engagierte die 1830 geborene Mary Jones, damit sie sich umsehe in Chicago und seine eigenen Beobachtungen mit Fakten stütze.

Jones, die ursprünglich aus Irland stammte, hatte ihren Mann und ihre vier Kinder als junge Ehefrau während einer Gelbfieberepidemie verloren. Um ihre Depressionen zu bekämpfen und weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen musste, ging sie als Näherin nach Chicago, wo sie Zeugin der Ereignisse wurde, die unter dem Stichwort »Haymarket« in die Geschichte eingegangen sind: Am 1. Mai 1886 streikten insgesamt 80 000 Arbeiter. Am 3. Mai eröffneten Polizeikräfte das Feuer auf die ausgesperrten Arbeiter einer Landmaschinenfabrik. Auf der Protestkundgebung gegen dieses Vorgehen auf dem Haymarket der Stadt explodierte am 4. Mai eine Bombe inmitten von Polizisten, die gegen diese Protestkundgebung vorgehen wollten, sieben von ihnen starben, einer noch vor Ort, die anderen in den darauf folgenden Tagen.

Diese Bombe gelegt zu haben, wurden acht Männer angeklagt, fünf von ihnen wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Die anderen drei, die zu Haftstrafen von 15 Jahren oder lebenslänglich verurteilt worden waren, wurden 1893 begnadigt, nachdem der Gouverneur von Illinois die Hinrichtungen zum Justizmord erklärt hatte. August Spies, Adolph Fischer, George Engel und Albert Parsons (einer, Louis Lingg, hatte in der Todeszelle Selbstmord begangen) waren am 11. November 1887 gehängt worden: »Für einen schnellen und leichten Tod, der sonst jedem Verurteilten peinlichst gesichert wird«, schreibt Horst Karasek, der Herausgeber ihrer Lebensläufe, »hatte man diesmal nicht gesorgt; die vier Männer starben durch Erdrosselung, nach schwerem Todeskampf.«

Der – von den Behörden eingestandene – Justizmord an prominenten Vertretern der frühen Arbeiterbewegung hatte zahlreiche Menschen, darunter auch Mary Jones, politisch radikalisiert. Aus ihr wurde eine Agitatorin der »Knights of Labour«, der »Ritter der Arbeit«, der wichtigsten, aus dem Schneiderhandwerk hervorgegangenen amerikanischen Gewerkschaftsorganisation des 19. Jahrhunderts.

1905 gehörte Mother Jones, wie sie inzwischen genannt wurde, zu den Gründungsmitgliedern der Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) und wurde zur berühmtesten (und am beharrlichsten verfolgten) Arbeiteraktivistin der Vereinigten Staaten: »1903 brachte sie eine Gruppe Kinder«, schreibt die gleichfalls irischstämmige Syndikalistin Elizabeth Gurley Flynn über sie, »die in den Textilfabriken des Stadtbezirkes Kensington in Phil­adelphia (Pennsylvania) arbeiteten, nach Oyster Bay (Long Island), um Präsident Theodore Roosevelt die Existenz der ›Kinderarbeit‹ zu beweisen. In Colorado führte sie nach dem Blutbad von Ludlow im Jahre 1914 eine Protestdemonstration zum Amtssitz des Gouverneurs. In West Virginia führte sie ein über das andere Mal Delegationen zu den verschiedenen Gouverneuren und ›machte ihnen die Hölle heiß‹, wie sie sagte. Einer der letzten Streiks, an dem sie teilnahm, als sie schon fast 90 Jahre alt war, war der große Stahlstreik von 1919, während dieses Streiks wurde sie mehrere Male zusammen mit William Z. Foster verhaftet.«

Von der Reportage zur Literatur

Mother Jones starb 1930 im Alter von 100 Jahren und war bis wenige Jahre vor ihrem Tod politisch aktiv gewesen. Die Informationen, die sie über die Verhältnisse in den Schlachthöfen Chicagos zusammengetragen hatte, flossen ein in Upton Sinclairs Roman »The Jungle«, der 1906 erschien und das Prinzip des Muckraking vom Journalismus auf die Literatur übertrug. In »Der Dschungel« erzählt Sinclair die Geschichte einer Einwandererfamilie aus Litauen, deren Mitglieder mit großen Hoffnungen in die USA gekommen waren, nun aber, so sehr sie sich auch abmühen und dagegen ankämpfen, ihrem Niedergang entgegengehen, denn für Arme wie sie gibt es nur Ausbeutung und Betrug.

Die Verelendung der Familie des Jurgis Rudkus und der frühe Tod seiner Frau Ona spielten sich bei Sinclair ab vor dem Hintergrund der Schlachthöfe Chicagos, deren barbarische Arbeits- und Hygienebedingungen der Autor anprangert und von denen er behauptet, dass dort durchaus auch mal ein Arbeiter in einen Bottich gefallen und mit eingedost worden sei.

Wie betriebsam Sinclair war, kann man an dem Nachwort ablesen, das der Aufbau-Verlag der Ausgabe von 1976 beigefügt hat. Dort wird Sinclairs Werk wie folgt rekapituliert: »In ›The Moneychangers‹ (Die Börsenspieler, 1908) stellte er die Intrigen von Wallstreetmagnaten bloß, er verurteilte in ›Metropolis‹ (1908) Laster und Müßiggang der oberen Zehntausend, schrieb in ›King Coal‹ (König Kohle, 1917) über den Bergarbeiterstreik von Colorado, wies in ›The Profits of Religion‹ (Der Nutzen der Religion, 1918) auf den Klassencharakter der Religionsgemeinschaften hin, wandte sich in ›Jimmie Higgins‹ (1919) gegen die Versuche der westlichen Alliierten, die junge Sowjetmacht durch eine militärische Intervention zu stürzen, prangerte in ›The Brass Check‹ (Die Messingmarke, 1919) die Käuflichkeit der amerikanischen Presse an, zeichnete in ›100 %: The Story of a Patriot‹ (Hundert Prozent, 1920) ein rea­listisches Bild von der Tätigkeit eines Arbeiterspitzels, geißelte in ›The Goose-Step‹ (Der Parademarsch, 1923) und ›The Goslings‹ (Die Küken, 1924) das Schul- und Hochschulwesen seines Landes, setzte sich in ›Money Writes‹ (Das Geld schreibt, 1927) kritisch mit der zeitgenössischen Kunst auseinander, schilderte in ›Oil‹ (Petroleum, 1927) den Konkurrenzkampf der Erdölmagnaten, kämpfte in ›Boston‹ (1928) für die Rehabilitierung der widerrechtlich zum Tode verurteilten Sozialisten Sacco und Vanzetti, befasste sich in ›The Wet Parade‹ (Alkohol, 1931) mit den Auswirkungen der Prohibition und den Korruptionsskandalen der Harding-Coolidge-Hoover-Administrationen, enthüllte in ›William Fox‹ (1933) Geheimnisse der Filmindustrie von Hollywood und deckte in ›The Flivver King‹ (Das Fließband, 1937) die in den Fordwerken üblichen Ausbeutungs­methoden auf.«

Upton Sinclair muss also unentwegt geschrieben haben. Mother Jones wurde in ihrem langen, kämpferischen Leben zu derjenigen Amerikanerin, die auf die meisten Verhaftungen und Haftstrafen zurückblicken konnte, und auch Lincoln Steffens sowie Jacob Riis waren Besessene. Was ihnen ganz besonders die Zornesröte ins Gesicht trieb, was sie zu ausgedehnten Recherchereisen bewog und sie nächtelang an ihren Schreibtischen hielt, war die Existenz der Kinderarbeit, die in den Vereinigten Staaten erst 1938 verboten wurde.

Dass dieses Verbot nach jahrzehntelangem Kampf und allen Unternehmerwiderständen zum Trotz letztlich durchgesetzt werden konnte, war dem Engagement von Mother Jones und von Jacob Riis zu verdanken, der über eine seiner Recherchen berichtet hatte: »Durch dunkle Treppenhäuser steigend, die mit den Gerüchen von Kohl, Zwiebeln, Fischen usw. erfüllt sind, trifft man auf jedem Stockwerk auf surrende Nähmaschinen (…) fünf Männer, eine Frau, zwei junge Mädchen, noch keine fünfzehn Jahre alt, ein Junge, der ungefragt sein Alter mit 15 angibt, wobei man weiß, dass er lügt, sitzen an den Maschinen und nähen Hosen. Der Boden ist mit halbfertigen Kleidern bedeckt (…). Ein kleines Kind mit eingefallenen Wangen schläft in einem Bett, und aufgehäufte Kleidungsstücke bewahren es vor dem Herausfallen. Die Gesichter und die Hände und die Unterarme der Arbeiter sind schwarz von der Farbe der Kleider, an denen sie arbeiten. Sie produzieren 120 Dutzend Hosen pro Woche, für welche die Fabrikanten 70 Cents pro Dutzend bezahlen.«

Wo Riis nicht hingelangte, dort recherchierte der Soziologe und Photoreporter Lewis Hine (1874–1940). Hine war als Lehrer auf die Tatsache der weit verbreiteten Kinderarbeit gestoßen und verband seine soziologischen Kenntnisse mit den Fertigkeiten, die er sich autodidaktisch in der Fotografie angeeignet hatte. Zwischen 1908 und 1918 fuhr er im Auftrag des National Child Labour Committee zehn Jahre lang durch die gesamten Staaten und gab sich als Versicherungsagent oder Bibelverkäufer aus. So verschaffte er sich Zugang zu Fabriken, Minen und Sweatshops und hielt mit der Kamera fest, was er sah: Kleine Mädchen vor oder zwischen überdimensional wirkenden Webstühlen, kleine Zeitungsjungen, die vor Erschöpfung einfach irgendwo eingeschlafen waren, Kinder in den Kohlengruben von Pennsylvania.

Im Jahr 1900, heißt es in einem Gedenk­artikel zu Hine, der Weihnachten 2012 auf Spiegel Online erschienen ist, habe es in den USA 1,7 Millionen Kinderarbeiter gegeben, jedes sechste Kind zwischen fünf und zehn Jahren habe in Bergwerken, auf Baumwollfeldern, in Heimarbeit oder in Fabriken schuften müssen. Mehr als 5 000 Porträtfotos legte Hine nach seiner zehnjährigen Recherche vor, um die Kinderarbeit zu belegen, deren Existenz von der Regierung nach wie vor schlichtweg bestritten wurde.

Unamerikanische Umtriebe

Doch der Erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur für den investigativen Journalismus. Mit dem Kriegseintritt der USA im Sommer 1917 und dem Anti-Spionage-Gesetz war eine fundierte Berichterstattung, die sich an die Wahrheit hielt, für einige Zeit unmöglich geworden, denn über die Realität in Betrieben zu berichten, galt seither als Spionage und Unterstützung für den Feind. Und es lag im Sinne der Unternehmer, das Verbot auch nach Kriegsende aufrechtzuerhalten: »Nun, da der Krieg beendet war,« heißt es in einer Biographie der Journalistin Agnes Smedley, »forderten einige Konservative weiterhin eine Zensur dessen, was sie als ›unamerikanische‹ radikale Publikationen erachteten«.

Doch sie setzten sich nicht durch. Agnes Smedley, die unmittelbar nach dem Krieg für die linksliberale Zeitschrift Call schrieb, verkleidete sich unter anderem als Immigrantin, um auf der Einwandererinsel Ellis Island die Behandlung zu recherchieren, die die Einwandererinnen und Einwanderer dort erfuhren. Damit griff sie auf eine Methode zurück, die Nellie Bly (das ist das Pseudonym von Elizabeth Cochrane, 1864–1922) 1887 zum ersten Mal angewandt hatte (Jungle World 40/2011). In jenem Jahr war sie für die New York World in ein Heim für bedürftige Arbeiterinnen marschiert und hatte sich dort absichtlich solchermaßen auffällig benommen, dass die Polizei gerufen wurde. Es fiel ihr nicht schwer, diese und vier Ärzte davon zu überzeugen, das sie geisteskrank sei. Daraufhin wurde Bly eingewiesen in das berüchtigte New York City Lunatic Asylum auf Blackwells Island.

Blackwells Island ist eine Insel im East River zwischen Queens und Manhattan, auf der sich außerdem eine Klinik für Pockenkranke und ein Gefängnis befanden, letzteres kannten viele Sozialisten und Anarchisten jener Epoche aus eigener Anschauung. Die Verhältnisse im Lunatic Asylum standen denen im Gefängnis in nichts nach, Bly berichtete von mangelhaften hygienischen Zuständen, grauenhaftem Essen und stetigen gewalttätigen Übergriffen des Personals. In der Klinik benahm sie sich wieder vollkommen normal, was auf niemanden, am wenigsten auf die Ärzte, Eindruck machte. Nach zehn Tagen sorgte ein Anwalt für ihre Entlassung, und nachdem ihre Reportage erschienen war, wurde eine Kommission eingesetzt, um das Asylum zu überprüfen.

Nellie Bly, im Übrigen die ersten Frau, die (in Anlehnung an Jules Verne) eine Weltreise absolvierte, ohne sich in männlicher Begleitung zu befinden, Ida Tarbell, Agnes Smedley – der investigative Journalismus hat immer auf Frauen eine große Anziehungskraft ausgeübt, denn er bot denjenigen eine ausgezeichnete Möglichkeit ökonomischer und gesellschaftlicher Emanzipation, deren Fakten stimmten, die sauber recherchiert hatten und nicht zu widerlegen waren. Dann spielte auch das Geschlecht keine Rolle mehr.

Der investigative Journalismus hat die Gesetzgebung beeinflusst, die Kinderarbeit beendet, Sozialprogramme auf den Weg gebracht. Mehr aber konnte und wollte er nicht. »Nach 1948 schien es,« ließ der Aufbau-Verlag zu Zeiten der DDR über Upton Sinclair vermelden, »als wolle auch Sinclair einen Burgfrieden mit der herrschenden Klasse Amerikas schließen. Er nahm verzerrte Berichte über Erscheinungen des Personenkultes um Stalin zum Anlass, unsachliche Kritik an der gesamten sowjetischen Führung zu üben und sich mehr und mehr von den antiimperialistischen Kräften zu entfernen.« Nicht nur Sinclair also, das gilt auch für die anderen Muckraker, blieben unabhängig. Auch das ist schon eine ganze Menge.


http://jungle-world.com/artikel/2013/05/47078.html
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Herr Tsianos und der pazifistische Antisemit


am 06.02.2013, in der Kategorie Politik
In der linken Monatszeitschrift Konkret wird aktuell eine Debatte über die Kritik am politischen Islam geführt. Nachdem Lars Quadfasel diese in Heft 1/13 eröffnete, wurde als Counterpart in der zweiten Ausgabe des Jahres Vassilis Tsianos zum Gespräch gebeten. Der Sozialwissenschaftler gehört zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe Kanak Attak und hat sich in der antirassistischen Szene einen Namen gemacht.

Ohne große Umschweife stellt er zu Beginn des Gespräches fest, das Islam- bzw. auch Islamismuskritik per se abzulehnen sei. Zum einen bestehe die Gefahr, das Rechte diese okkupieren und für ihre Zwecke verwenden könnten bzw. diese mainstreamisiert werden könnte - ein Umstand, der ihn in Sachen Israel schon nicht mehr interessiert, wie noch zu zeigen sein wird -, es sich aber schlichtweg für weiße Europäer verbiete, Kritik an "dem Anderen" zu üben. Die Bürde des Kolonialismus liege schließlich immer noch auf diesen. Er wendet nicht zu Unrecht ein, das es stereotypisierte, kollektive Zuschreibungen von Islamkritikern gibt, die "Moslem" pauschal unter "Terrorist" subsumieren und sich auch gesellschaftlicher Rassismus gegen Moslems (und vermeintliche Muslime, da in mangelnder Abstraktion äußere Merkmale als Hinweis auf die Religion gesehen und bspw. säkulare Türken oder Araber dem Islam zugeschlagen werden) Bahn bricht, wendet diese rassistische Logik im selben Atemzug aber auf die "weißen Europäer" an, die er pars pro toto aus identitären Gründen über einen Kamm schert und nicht auf deren politisches Movens der Kritik reflektiert, schließlich sind für ihn auch emanzipatorische Gründe nicht relevant. (Im weiteren Verlauf blitzt das große Problem, das er auch mit laizistischen Linken hat, immer wieder auf und seine generelle Haltung zum Islam ist von der Annahme, plebejische Elemente aus revolutionstechnischen Gründen zu destillieren, geprägt. Symptoamitsch ist die Einschätzung des Interviewers, die dieser am Ende von Tsianos hat: dieser habe ein generelles Interesse, Kritik am politischen Islam und vor allem an dessen integralen Bestandteil, dem Antisemitismus, zu unterbinden aber auch dazu später mehr.) Auf der einen Seite existiert für ihn das Kollektiv der Moslemhasser, auf der anderen das Kollektiv der muslimischen Gehassten - in Tsianos Nacht sind alle Katzen grau.

Ein weiterer Grund für ihn besteht in der deutschen Nahostpolitik des Dritten Reiches, infolgedessen habe sich der Islamismus radikalisiert. Tsianos verschweigt, das die Wurzeln des modernen Islamismus im Ägypten der 1920er Jahre als Antwort auf die Adaptierung europäischer Politkonzepte, Lebensarten und der Modernisierung entstanden und das dieses Bündnis geradezu perfekt dafür prädestiniert ist, die weltanschauliche Kongruenz von Islamismus und Nazifaschismus herauszuarbeiten: schon vor der Machtergreifung waren es palästinensische Islamisten die unter Betonung gemeinsamer Standpunkte Kontakt zu Hitler und den Seinen suchten und an einer grundsätzlichen Zusammenarbeit interessiert waren. Dieses Bündnis war so fest, das weder die forcierte Abschiebepolitik der deutschen Juden ins Mandatsgebiet noch der anfänglich unverhohlene antiarabische Rassismus der Nazis es torpedieren konnten. Bei Tsianos fällt auch das unter den Tisch.

Konkreter wird Tsianos, wenn er über seine Vorstellung von Universalismus und der "Solidaritätslinken", die ihm vorschwebt, doziert. Unter ersterem schwebt ihm nicht die Aufhebung der Differenz in einem kosmopolitischen Melting Pot, einem Verein freier und gleicher Menschen, vor, sondern die Globalisierung des Partikularen. Aufklärung und die Proklamation allgemeiner Menschenrechte geraten dabei in den Hintergrund bzw. versteigt er sich zu Aussagen wie der folgenden: die Aufklärung ist nicht unbedingt das beste Produkt, das die Europäer in die Welt gesetzt haben (Tsianos). Die Versiegelung kultureller Differenz, und nicht deren Aussöhnung, ist Tsianos Anliegen; etwas das von postmodernen Antirassisten intellektuell aufbereitet wurde und mittlerweile von Nazis aufgegriffen wird und durchaus mit deren völkischer Ideologie korreliert: Als größtes Integrationshindernis gilt derweil der Islam, weshalb man vielen orientalischen Landbesetzern bis zum Tag ihrer Rückführung nur viel Koranfestigkeit wünschen kann. (...) Der Islam bindet die Fremden zu einem kulturellen Kollektiv zusammen, das seine Angehörigen vollständig vereinnahmt und die unaufhebbare kulturelle Differenz zum Gastland unterstreicht. So bewirkt die Lehre des Propheten Mohammed in Europa eine positive Selbstghettoisierung der Gläubigen und einen Verzicht auf Mischehen mit Ungläubigen. Damit leistet der Islam einen wichtigen Beitrag zum ethnobiologischen Erhalt auch der Deutschen. Solange die Fremden wegen der politischen Verhältnisse nicht ausgewiesen werden können, muß ihre islamische Identitäts- und Glaubensgemeinschaft intakt bleiben, damit es nicht zu kulturellem Einheitsbrei und Völkervermischung kommt. (Jürgen Gansel, Deutsche Stimme 04/06)

Zu letzterem, der angestrebten "Solidaritätslinken", will er mit der konsequenten Berücksichtigung der spezifischen Sicht "der Subalternen" kommen, die seine Vorstellung von Universalismus maßgeblich prägt. Die Sicht eines solche Subalternen aus beispielsweise Zwickau ist vom reaktionären Gehalt mit dem des Gazaner Mob wohl kaum zu unterscheiden - aber der Antirassist hat schließlich bereits deutlich gemacht, das es nicht entscheidend ist was einer sagt, sondern wer es sagt. Kritik an autoritären und repressiven Zuständen in arabischen Gesellschaften gelten ihm als "weiß", "europäisch" und "eurozentristisch", solange sie nicht von den Betroffenen selbst geäußert wird; die Relevanz der Kritik wird nicht an deren Bezug zur Realität und notfalls dem politischen Hintergrund - es ist schließlich tatsächlich schwer zu glauben, das sich misogyne und homopohobe Rechtsradikale aus heiterem Himmel für Freiheit und Rechte von Frauen und Schwulen Arabern erwärmen können - bemessen, sondern an Merkmalen wie der Hautfarbe oder dem kulturellen Hintergrund.

Es überrascht daher auch nicht, das er sich zu einem Fürsprecher der Hamas mausert. Was wollen wir lieber? Wollen wir eine Solidaritätslinke, die nicht imstande ist, tatsächliche soziale Projekte in den besetzten Gebieten zu fördern? - Jetzt reden sie wovon? Von der Hamas? - Ja ich rede tatsächlich von der Hamas. Ich rede von dem ganzen Diskurs, den wir in den letzten Monaten über Judith Butler hatten. Wie können wir solche Organisationen einschätzen? Nachdem er im Rekurs auf Butler, die Hamas und Hisbollah als Teil der globalen Linken bezeichnete, diese Eingemeindung in seine "Solidaritätslinke" indirekt selbst vollzieht, will er dem Leser die Hamas schmackhaft machen: Da gibt es Führungskämpfe ganz unterschiedlicher Fraktionen, die sind sehr gut sozial involviert und die sind nicht eindeutig mit anderen offen terroristischen islamistischen Fundamentalisten zu identifizieren.

Mittlerweile gehört es zum Standardrepertoire neunmalkluger Leitartikler und ihrer Leserschaft, Israel Verhandlungen mit der Hamas anzuraten, auch die ewig Betroffene und stumpf-fröhliche Claudia Roth machte sich Ende des vergangenen Jahres auf die Suche nach den Pragmatikern in der Hamas; Tsianos bewegt sich also ziemlich professionell in dem Mainstream, von dem er sich zu Beginn des Gespräches absetzen wollte.

Anlässlich der Gründungsfeierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Hamas erfuhr man im ZDF am 8. Dezember letzten Jahres über Khaled Meschaal folgendes: Einer, der vom Hetzer zum Pragmatiker wurde, Gewalt nicht mehr für die Lösung hält. Seine dritte Wiedergeburt sei dieser Besuch in Gaza, sagt Maschal und spielt an auf einen Mordversuch des israelischen Mossad 1997, den er knapp überlebte. Nun hoffen sie hier, dass auch andere zurückkehren können. (...) Maschal, ein Hoffnungsträger, viel hängt nun davon ab, ob der Chef der radikalen Hamas sich gegen die noch Radikaleren durchsetzen kann. Die Zeitung für Deutschland legte nach: Maschal ist zumindest bereit, sich mit einem palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 zu begnügen, wenn Jerusalem die Hauptstadt ist und die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren können. Und die Kollegen von der taz haben herausgefunden, das Meschaal kampfesmüde ist: Ausgerechnet der 'Hardliner' der Hamas signalisierte in den vergangenen Jahren einen Kurswechsel und die Bereitschaft, den militanten Widerstand zumindest temporär aufzugeben. Tatsächlich sprach Meschaal vor einer überdimensionierten Attrappe einer M-75 Rakete, die seine Friedfertigkeit (und nicht zuletzt die seiner garantiert subalternen Gefolgsleute) nur unterstreicht, davon, das man keinen Fußbreit Palästinas aufgeben wird. Hamas leader Khaled Meshaal, making his first ever visit to the Gaza Strip, vowed on Saturday never to recognize Israel and said his Islamist group would never abandon its claim to all Israeli territory. "Palestine is ours from the river to the sea and from the south to the north. There will be no concession on an inch of the land," he told a sea of supporters at an open-air rally, the highlight of his three-day stay in Gaza. "We will never recognize the legitimacy of the Israeli occupation and therefore there is no legitimacy for Israel, no matter how long it will take." (Reuters) Ein Mitschnitt bzw. die Übersetzung der Rede kann übrigens bei MEMRI eingesehen werden.

Tsianos bewegt sich also auf sicherem Terrain, wenn er für die Hamas wirbt; man könnte auch sagen, seine Ansichten sind "mainstreamisiert". Wenn wir die Hamas und andere Organisation eindeutig mit den terroristischen Versionen des islamistischen Terrorismus identifizieren, haben wir keinen Ort mehr, um interne Befreiungspotentiale zu unterstützen. (...) Ja, die Hamas ist antisemitisch, aber das ist nicht der einzige Punkt. Es gibt unterschiedliche antisemitische Formationen darin: Es gibt eliminatorische Antisemiten, es gibt pazifistische Antisemiten ... Das terroristische Vorgehen durch die jahrelang vollzogene Praktik des Suicide Bombing und der Raketenhagel auf israelische Zivilisten, der in Wort und Schrift betonte aggressive, eliminatorische Charakter der Organisation reichen einem deutschen Antirassisten natürlich nicht aus, um die Hamas als eine der "terroristischen Versionen des islamistischen Terrorismus" zu betrachten, wobei natürlich auch die Frage aufgeworfen werden kann, ob es nicht-terroristische Versionen des Islamistischen Terrorismus überhaupt gibt. Von seinem intellektuellen Elfenbeinturm und vor allem gesicherten Verhältnissen aus, erkennt man in einer antisemitischen Terrorbande schnell mal "interne Befreiungspotentiale", die gerade erst dazuführten, das die Hamas den Zwang zur Verschleierung an den Gazaner Universitäten durchsetzte. Aber das gilt völkischen Beobachtern wie Vassilis Tsianos ohnehin als kulturelle Andersartigkeit und ist unbedingt schützenswert.

Ohnehin scheren ihn die Menschen vor Ort einen Dreck. Das es vorwiegend Muslime sind, die unter der eisernen Knute der Brüder darben, kommt er zwar nicht umhin festzustellen, aber er hat eine altbewährte, simple Erklärung parat: Israel ist schuld. Über Autoritarismus und Unterdrückungspraxis der Hamas weiß er zu berichten, das diese in einem Verhältnis gesehen werden (müssen) zu der Gewalt, mit der sie zu tun haben. Und das ist die Gewalt eines Vertreters des US-Imperialismus vor Ort und eine Situation der sozialen Apartheid in Israel. Nicht etwa dem Umstand, das die Hamas als islamistische Gang an Freiheit wenig interessiert ist und daher renitente Kritiker in Presse und NGOs repressiert, Schwule und Frauen, die nicht dem islamischen Idealbild entsprechen, traktiert und Christen verfolgt, ist die Unfreiheit der Gazaner geschuldet. Der Grund für das autoritäre Verhalten der Hamas ist nicht in deren Ideologie angelegt, die sie konsequent exekutiert und die deswegen auch gar keine "interne(n) Befreiungspotentiale" bietet, sondern vor allem extern beseitigt gehört, damit sie sich tatsächlich nicht noch eines Tages from the river to the sea ausbreitet, sondern der landgestütze Flugzeugträger der USA als Vollstrecker deren imperialen Ambitionen ist schuld. Wenig originell und mittlerweile Mainstream, aber nur konsequent kann man diese Sprache nennen, lässt sich doch endgültig daraus der Antizionismus Tsianos herauskristallisieren und erinnert diese Metaphorik noch an alte K-Gruppen Tage, deren Dogmatismus und autoritären Habitus über die theoretische Deutungshoheit Tsianos und das postmoderne Milieu, aus dem er stammt, teilen.
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