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Was über Norman Finkelstein zu sagen wäre RSS

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Was über Norman Finkelstein zu sagen wäre


05.01.2012 um 21:47, in der Kategorie Politik
Das in Deutschland und Österreich nicht nur in der faschistischen Rechten äußerst populäre und kommerziell erfolgreiche Werk "Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird." des amerikanischen Politikwissenschaftlers Norman Finkelstein, ist bei näherem hinsehen auffällig nah an Peter Novick's "Nach dem Holocaust. Der Umgang mit Massenmord." gebaut. Finkelstein hat allem Anschein nach Novicks Buch gelesen, seine Gedanken übernommen und sie radikalisiert: wo Novick durchaus sehr kritisch die Rolle des Holocaust in der amerikanischen Gesellschaft bewertet und die Frage aufwirft, wie nach dem langen Unverständis über den Massenmord an den europäischen Juden dieser einen solchen Einzug ins Massenbewusstsein halten konnte, polemisiert Finkelstein seinen schlecht recherchierten Text einfach.

In den 1950er Jahren ist mit der Uraufführung eines auf dem Tagebuch der Anne Frank basierenden Theaterstückes ein erstes Anzeichen für eine Verschiebung der Erinnerungstätigkeit in die kulturindustrielle Sparte auszumachen. Der Eichmann-Prozess, die Arendt-Debatte und der Sechs-Tage-Krieg waren in den 1960ern die erwähnenswerten Wegmarken, die Trivialisierung des Menschheitsverbrechens fand mit der Serie "Holocaust" in den 1970ern einen neuen Höhepunkt. Das treibende Moment hinter dieser Entwicklung, die den Holocaust vom anfangs in Amerika wenig beachteten "Nebenkriegsschauplatz" über die Trivialkultur ins amerikanische Massenbewusstsein katapultierte, ist der Umstand, das die Tragödie des Holocaust sich als Metapher des Bösen, der weit weg von Amerika stattfand, in den amerikanischen Wertekonsens einverleiben ließ: Werte wie Optimismus, moralisches Sendungsbewusstsein, dem Triumph des Guten über das Böse - also durchaus Werte, die in den USA common sense sind - ließen sich über den Holocaust vermitteln. Nebenbei konnte die Heroisierung der eigene Nation in Szene gesetzt werden - schließlich spielte man bei der Niederschlagung des Nazifaschismus eine wichtige Rolle. Es ist eine wenig aparte Mischung aus Emotionalismus, Moralismus und Heroisierung die in der Trivialisierung der Schoah mündet.

Finkelsteins Buch wäre wohl nie ein Bestseller geworden, wenn er das, was für es essentiell ist, ausgelassen hätte: hätte er einen analytischen und damit auch seriösen Ansatz vertreten, wäre sein Essay nicht so polemisch und emotional ausgefallen, wäre es nicht verschwörungstheoretisch aufgebläht worden und würde Macht und Gier als Antriebskraft bestimmter Kreise hinter dem Holocaustgedenken suggerieren, wäre es also kein Pamphlet eines utilitaristischen und pathologischen Verschwörungstheoretikers - dann wäre es in Deutschland ganz sicher nicht bei jenen, die glauben Juden hätten krumme Nasen und jagten dem Geld hinterher, zum Referenzwerk geworden. Und mit Sicherheit auch nicht bei denen, die sich niemals bei den Nazis verorten würden, es aber als Balsam für die von der "Moralkeule Auschwitz" (Walser) gepeinigten deutschen Seele empfanden.

Geradezu grotesk erscheinen bei dem moralischen Impetus Finkelsteins die perfekt geplanten Medien-Inszenierungen zum Erscheinen des Buches, die für sich genommen mehr als ein deutlicher Hinweis auf eine kalkulierte Profilierung und Kommerzialisierung mit der Thematik sein dürften. Auch die tiefsitzendere Intention, dieses Buch überhaupt zu verfassen, ist mehr als fragwürdig: man kann beim betrachten der Vita Finkelstein durchaus schlussfolgern, das sein Antrieb im persönlichen Bereich liegt: da der Wissenschaftsbetrieb ihn überhaupt nicht zur Kenntnis nahm kultivierte er seine absurde Theorie vom Standpunkt eines Underdogs aus, lieferte Enthüllungen ohne Beweise und bereicherte sich an den Gedanken Peter Novick's, ohne auf diesen zu verweisen.

Natürlich ist auch eine Kritik an der Trivialisierung der Shoah von Nöten - aber sie dürfte nicht auf Emotionen abzielen, wie Finkelsteins Machwerk über die Holocaustindustrie und sie müsste auf Rationalität und die Mittel der Vernunft setzen.

Nach Theodor W. Adorno ist sich Auschwitz durch den Versuch zu nähern, das Unbegreifliche, also die vollkommene Sinnlosigkeit, mit der sechs Millionen Menschen hingemordet worden, zu begreifen, oder aber wenigstens die Unbegreiflichkeit dieses Ereignis begreifbar zu machen. Gerade aber das Verhindern dieses notwendigen gedanklichen Vorgangs, ist eine Rationalisierungsleistung der Kulturindustrie. Mißt man sie nämlich an ihrer eigenen Logik, dann können die Massenmedien, das notwendige - die Menschen zur kritischen Reflexion über Auschwitz zu bewegen - gar nicht bewerkstelligen. Sie erzählen Geschichten von Individuen wo es gerade um den Verlust jeglicher Individualität ging. Sie verwandeln das, was sich der Vernunft widersetzt, in leicht konsumierbare Bilder, die einen nicht nachdenklich stimmen - also Gedanken einfordern - sondern zum Weinen bringen - also Emotionen auslösen. Die Judenvernichtung wird dabei irrationalisiert und rationalisiert in einem. Irrationalisiert wird sie, weil das reale Geschehen nur noch den Background für die Erzählung menschlicher und menschelnder Schicksale darstellt. Wer Schindlers Liste gesehen hat, weiß, das die jüdischen Frauen und Mädchen nach Auschwitz verschickt und zum Duschen nur aus Gründen der dramaturgischen Spannung wegen geschickt werden. Auschwitz wird dabei ikonograpisch als Abbild der biblischen Hölle gesetzt, nicht als eine von Bürokraten betriebene Fabrik zur Vernichtung von Menschen. Wenn Auschwitz als ein Schicksal erscheint, das die Opfer erleiden, als eine Art Naturkatastrophe, die man darstellen kann ohne sich mit den Tätern auseinandersetzen zu müssen, wird der Blick auf die reale Hölle Auschwitz verstellt. Rationalisiert wird das Ganze, weil dem Geschehen nachträglich ein Sinn verliehen wird, der der Realität vollkommen abgeht. Nicht zufällig ist das Happy End obligatorisch. Ob nun in Schindlers Liste oder Roman Polanski's cineastisch ausgefeilterem Pianist: es wird das, was historisch vollkommen die Ausnahme war, zur Regelmäßigkeit. Entkommen tun die Juden der deutschen Vernichtungsmaschinerie immer nur, weil sich ein Wilm Hosenfeld oder Oskar Schindler findet, der unter Einsatz seines eigenen Lebens und Verlust des persönlichen Vermögens hilft. Die Figur des Good German, der unter dem Zwang der Verhältnisse zum Helden wird, verleiht dem Wahn einen Zweck. Wenn nach der Vorstellung das Licht wieder angeht und die Tränen getrocknet sind, ist man mit sich und der Welt wieder im reinen.

Die Judenvernichtung als kulturindustrielle Inszenierung - das ist nicht das Grauen, dem man mit den Begriffen der Vernunft nicht mehr beikommen kann, das ist bloß noch eine schrecklich traurige Story, die aber auch sehr spannend war und ihre eigenen Helden hervorgebracht hat.
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