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Warum immer ich...

... aus dem Blog von locutus   Profil von locutus


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Warum immer ich...


05.03.2008 um 11:08, keine Kommentare
Die Welt ist entzaubert. Keine älteren Damen spinnen mehr die Fäden unseres Schicksals, wie seinerzeit die Moiren der Griechen, die Parzen der Römer oder die Nornen der Germanen. Alle Hexen sind verbrannt. Auch Gott persönlich wünscht uns keine Furunkel mehr an den Hals, wie einst dem leidgeplagten Hiob.



Das Schicksal hat in unserem kleinen Universum keinen Platz mehr. Das „von einer höheren Macht über jemanden Verhängte, ohne sichtliches menschliches Zutun sich Ereignende“ (Duden) gibt es nicht mehr: Höhere Mächte sind rar geworden, und kaum etwas ereignet sich noch, ohne dass der Mensch nicht seine die Finger im Spiel hätte.



Der Zustand unserer Psyche, erklärt man uns, sei heute wählbar wie die Innenausstattung eines Apartments, die kreative Gestaltung unserer Erbanlagen vornehmlich beschränkt durch die Bedenken von Ethikkommissionen. Wir formen Fauna und Flora, wie es uns gefällt. Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge schnurren zu kalkulierbaren Restrisiken zusammen. Sogar das Klima entwickelt sich nicht frei von menschlichem Einfluss. Und meistens stimmt der Wetterbericht.



„Schicksal“ ist zur leeren Vokabel ausgeblutet – und müsste doch dringend neu erfunden werden. Denn die Welt des 21. Jahrhunderts ist ein befremdlicher Ort. In den USA gibt es einen Menschen, der sieben Mal vom Blitz getroffen wurde. Hin und wieder fällt jemandem ein Meteorit auf den Kopf. Die einzige Ampel auf meinem Weg ins Büro ist fast immer Rot, obwohl sie genau so oft grün sein müsste. Und aufgrund eines seltsamen statistischen Effekts trifft der Wetterbericht für mich meistens nicht zu.



Ich sehe überall die Zahl 27.



Horoskope sagen mein Schicksal nicht mehr voraus. Auch der Mond hat seine Macht über den Menschen verloren. Die Börsenkurse machen, was sie wollen. ABS steigert die Unfallrate. Introvertierte Feuerwehrleute sterben früher. Fettes Essen muss nicht dick machen. Atomkraftwerke, Stromnetze und das Microsoft-Betriebssystem kollabieren, ohne dass wir etwas dagegen tun können. Flugzeuge sind gefährlicher, als man uns weismachen will. Manche Vorsorgeuntersuchungen schaden mehr, als sie nützen. Risiko-Experten verrechnen sich und bringen sich um.



Irgendwo im Universum, so versichern Astrophysiker, die bei Trost sind, gibt es einen Ort, an dem diese bizarre Welt als exakte Kopie noch einmal existiert. Das aber ist noch nicht das Verstörendste.



Das Verstörendste ist: Unsere Mütter hatten recht. Sich regelmäßig die Hände zu waschen, monogam zu leben und nicht allzu füllig zu werden, sich gesund zu ernähren und nur wenig Drogen zu konsumieren - das ist im Grunde alles, was wir tun können, um unser seltsames Dasein zu verlängern. Den größten Teil unserer Lebensgeschichte schreiben nicht wir, sondern Zufall und Notwendigkeit. Es gibt allen Grund, zu fragen, was im 21. Jahrhundert Schicksal bedeutet und wie es funktioniert. Was ich brauche, ist eine Betriebsanleitung.



Warum geschieht etwas auf diese Weise? Und warum ausgerechnet mir? Die Suche nach Antworten auf solche Fragen ist der Ursprung aller Forschung. Im Streit darüber brachen einst Magie und Wissenschaft auseinander und gingen getrennte Wege. Wie genau es dazu kam, ist ein Rätsel der Geistesgeschichte. Der Rationalismus – die Überzeugung, dass alles seine Gründe hat und mit dem Verstand erfasst werden kann – reicht wie fast jede vernünftige Idee bis zu den alten Griechen zurück.



Hippokrates weigerte sich, zu glauben, dass Epilepsie übernatürliche Ursachen hat; Aristoteles entlarvte die prophetischen Träume mancher Zeitgenossen als schlichte Zufälle; Epikur und Lukrez stellten fest, der Lauf der ganzen Welt sei ohne göttliche Eingriffe zu erklären.



Doch erst im 17. Jahrhundert begann die Erkenntnis, dass die Welt logisch und nachvollziehbar aufgebaut ist, sich langsam durchzusetzen. Die britische Royal Society bewies, dass Insekten nicht einfach aus dem Nichts entstehen, wie man bis dahin angenommen hatte. Magnetismus und Elektrizität waren nichts Okkultes mehr, sondern beruhten auf kleinen, unsichtbaren Teilchen. Die Beobachtungen am Himmel ließen sich besser erklären, wenn man annahm, dass die Sonne nicht um die Erde kreist .

Schließlich bekam das Volk Wind von der Sache.



In Handbüchern und Flugschriften konnte es sich darüber informieren, dass Zauberei „im Grunde kunstvolles Vergiften“ sei, Astrologie „ein lächerliches Stück Irrsinn“, Alchemie „eine Kunst, an deren Anfang die Lüge steht“. An die Stelle von Gott, Glück und Schicksal traten die ersten Ideen von Statistik und Wahrscheinlichkeit. Forscher bemerkten, dass die Sterberaten der Menschen eher von den sozialen Umständen abhingen als von einem göttlichen Ratschluss.



Im späten 17. Jahrhundert tauchte erstmals das Konzept der „Koinzidenz“ auf, des rein zufälligen Zusammentreffens von Ereignissen. Und der Mathematiker Jakob Bernoulli stellte fest, „dass wir selbst unter den scheinbar zufälligsten Dingen eine gewisse Notwendigkeit oder, sozusagen, Schicksal anzunehmen gezwungen wären.“ Dieses Schicksal aber war nicht mehr das Werk einer höheren Macht. Es entstand aus sich selbst.



Natürlich blieb die neue Rationalität nicht auf die Wissenschaft beschränkt, auch die Politik war im allgemeinen Überschwang zeitweise nur noch „eine Art Berechnung der Wahrscheinlichkeit gelegentlicher Ereignisse“. Neue Gesellschaftsideen waren die Folge, die eine Menge Leute den Kopf kosteten: Die Französische Revolution stellte den Menschen, seinen Verstand und sein Handeln in den Mittelpunkt.



Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung hatte mit dem Recht auf das Streben nach Glück erstmals den „Selfmademan“ zum Ideal erhoben . Die protestantische Ethik machte den Menschen zum Schmied seines Glücks und degradierte Gott zum „Partner individuellen Erfolgs- und Glücksstrebens“ . Machbarkeit war kein Mythos mehr: Wissenschaftlicher Fortschritt und wirtschaftlicher Aufschwung lagen in der Hand des Menschen. Das Recht, nach Glück zu streben, wurde bald zum Recht auf Glück, schließlich zur Pflicht zum Glück.



Auch wenn der Glaube an die Machbarkeit im 20. Jahrhundert schwere Rückschläge verkraften musste - die wenigsten zweifeln heute daran, ihr Schicksal selbst gestalten zu können. Immer weniger scheint vorherbestimmt, kaum etwas dem Zufall überlassen. Fast die Hälfte der Bevölkerung glaubt, sie habe ihr Leben in der Hand. Alles scheint möglich.

Doch je genauer Mediziner und Biochemiker, Physiker und Mathematiker die Musik des Zufalls studieren, desto deutlicher erkennen sie eine erstaunliche Partitur.



Der bleierne Generalbass des Determinismus ist darin für alle Zeiten festgeschrieben. Zugleich aber sind die Geburt unserer Welt, die Entstehung des Lebens, die Historie, die Entwicklung jedes Wesens auch eine Symphonie von unglaublichen Wendungen und unkontrollierbaren Ereignissen. Jede Zelle, jeder Fadenwurm, jeder Mensch und das Universum selbst nehmen einen individuellen Weg, der in letzter Konsequenz nicht programmiert ist und nicht programmierbar, nicht einmal prognostizierbar.

Fast alles geschieht ohne unser Zutun und ist damit Schicksal. Die Welt ist für immer verzaubert.



Wir brauchen keine Nornen mehr, die unsere Schicksalsfäden weben, auch nicht das Gift der Zauberei, den Irrsinn der Astrologie oder die Lügen der Alchemie. Zufall und Notwendigkeit, so zeigt die moderne Forschung, sind das eigentliche Produkt des Weltgetriebes. Wir sind Teil einer Maschine, die nichts hervorbringt als ihr eigenes Schicksal. Wie viel wir an ihren Rädchen drehen können, das gilt es herauszufinden.



„Warum ich?“, schreibt der US-Philosoph Michael Gelven in seiner „philosophischen Untersuchung des Schicksals“, bleibt die wahrscheinlich tiefste Frage, die wir stellen können . Vielleicht ist „Schicksal“ am Ende nur ein leeres Wort, das, wie Immanuel Kant meint, keine Bedeutung besitzt . Der einzige Weg, das herauszufinden, ist, die abgelegenen Stellen im Bauplan der Welt zu suchen, an die es sich zurückgezogen haben könnte.
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