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Der Fall Sonja Engelbrecht - Zeitungsartikel, Links, Berichterstattung

Der Fall Sonja Engelbrecht - Zeitungsartikel, Links, Berichterstattung

22.07.2015 um 20:39
Ein neuerer Artikel aus der Bild vom 13.04.2015, der den Fall Sonja-Engelbrecht zwar nur grob umreißt, aber dennoch eingefügt gehört, da sich auch einige Fälle darin befinden, die hier auf Allmy eigene Threads besitzen:

http://www.bild.de/regional/muenchen/vermisste-personen/warum-verschwinden-menschen-herr-lederer-40517728.bild.html


2200 MENSCHEN WERDEN PRO JAHR IN MÜNCHEN ALS VERMISST GEMELDET

VERMISST!

Davon sind fast 80 Prozent Kinder und Jugendliche. Die meisten Fälle werden schnell gelöst aber nicht alle enden glimpflich


11. April 1995, 2.30 Uhr. Sonja Engelbrecht (19) läuft mit einem Schulfreund zum Stiglmaierplatz.
Sie war bei Freunden, will nun ihre Schwester bitten, sie abzuholen. Sonja geht in eine Telefonzelle, da kommt die Tram ihres Begleiters.
Er steigt ein – und Sonja verschwindet spurlos. Das Telefon bei ihrer Schwester hat nie geklingelt.
Die Polizei vermutet, dass Sonja Engelbrecht tot ist. Der Fall liegt bei der Mordkommission. Doch einen Beweis gibt es bis heute nicht.


Sie wollte nur spazieren gehen – und kehrte nie zu ihrer Familie zurück. Lydia Achatz (37) verschwand am 21. August 2009 in Haselbach.
Barfuß ging sie am Abend aus dem Haus ihrer Eltern, wurde morgens noch von Arbeitern im Ebersberger Forst gesehen. Ohne Handy, ohne Geld, ohne Papiere. Ohne Schuhe.
Die Familie hat 1000 Euro Belohnung ausgesetzt – falls Lydia noch lebt.


Wurde ihm seine Leidenschaft fürs Pokern zum Verhängnis?
Kadir Karabulut war 41 Jahre alt, als er am 4. März 2013 verschwand. Er spielte professionell. Sein Auto wurde in Augsburg gefunden.
Die Polizei ermittelte im Wett-Milieu. Sie geht nicht davon aus, dass der Niederbayer mit türkischen Wurzeln freiwillig abgetaucht ist.
Hat er sich mit den falschen Leuten angelegt?
Hinweise an die Kripo Dillingen, Telefon 09071/56-0.


Ihrem Partner sagte sie, sie wolle aufs Altstadtfest in Amberg – doch auf dem Weg dorthin verschwand die Italienerin Anna Poddighe (41) am 17. Juni 2012.
Seltsam: Ihrer Schwester soll sie gesagt haben, sie wolle zu einem Konzert in die Schweiz.
Spürhunde haben nach ihr gesucht, der Fall war bei Aktenzeichen XY – ohne Erfolg.
Für Hinweise, die den Fall aufklären, zahlt die Kripo Amberg 5000 Euro Belohnung: 09621/890-0.


Christopher James Miles kam mit 28 Jahren aus England nach Österreich, arbeitete als Taxifahrer. Am 31. Juli 2010 fuhr er Hotelgäste von Saalfelden nach Ruhpolding.
Er setzte die Leute ab – und verschwand. Die Polizei fand seinen VW-Bus am Bahnhof in Ruhpolding.
Nicht abgesperrt. Sein Vater Nick sucht bis heute nach seinem Sohn.
Auf Facebook schreibt er: „Ich würde alles dafür geben, dich zu Hause zu haben.“
Hinweise an die Kripo Traunstein unter Telefon 0861/9873-0.


Kaum Informationen und beunruhigende Spuren: Das Verschwinden von Monika Liebl aus Erding ist äußerst mysteriös.
Die Frau verschwand am 21. Juli 2007. Ihr Auto – ein Ford Ka – stand in der Innenstadt. Ihre Handtasche allerdings lag am Kronthaler Weiher.
Darin: 1000 Euro Bargeld. Wozu Monika Liebl so viel Geld dabei hatte, ist unklar.
Mehrfach hat die Polizei den Teich abgesucht, ohne Erfolg.
Hinweise an die Kripo Erding: Tel. 08122/968-0.


Sie ist noch ein Kind: Celestine Werner war erst 12 Jahre alt, als sie am 11. April 2013 aus einer Wohngruppe in Kempten verschwand.
Ihre Betreuerin rief die Polizei. Zuletzt gesehen wurde das Mädchen, als sie sich kurz vor ihrem Verschwinden mit einer Freundin in der Stadt traf.
Die Ermittler haben einen Verdacht: Ihre eigenen Eltern könnten Celestine entführt haben! Die hatten nämlich das Sorgerecht verloren.
Hinweise an die Kripo Kempten unter Telefon 0831/9909-0.


Wurde diese hübsche Frau Opfer eines grausamen Verbrechens? Kerstin Langley damals 39 Jahre alt, verschwand im Juli 2007.
Erst Anfang 2012 ein Hinweis: Auf einer Faschingsparty in Neumarkt erzählte eine Frau, dass ihr Ex-Mann zwei Frauen getötet habe. Dieser Mann ist auch der Ex von Kerstin Langley!
Doch die Ermittlungen wurden mangels Beweisen eingestellt. Eine Leiche wurde nie gefunden.
Für Hinweise, die den Fall aufklären, sind 10.000 Euro Belohnung ausgesetzt. Kripo Regensburg: 0941/506-0.


Endete eine Fahrt in den Urlaub für die zweifache Mutter Chettana Taprap (31) tödlich?
Ihr Ex-Freund meldete die Frau in Kroatien als vermisst.
Er sagte, sie sei mit ihm und den Kindern (2 und 5) von Ingolstadt auf die Insel Rab gefahren und dort von einem Strandspaziergang nicht zurückgekommen.
Aber: Es gibt Zweifel an dieser Version. Die Ermittler haben den Verdacht, dass die Frau nie in Kroatien ankam.
Zuletzt gesehen wurde Chettana Taprap in Flachau (Österreich).
Die Kripo Ingolstadt sucht Zeugen 0841/9343-0.

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Warum verschwinden Menschen, Herr Lederer?
2200 Menschen werden allein in München jedes Jahr als vermisst gemeldet. Sie zu finden ist sein Job: Kriminalhauptkommissar Günter Lederer (59).
Der Co-Chef der Vermisstenstelle der Münchner Polizei im BILD-Interview.


BILD: Herr Lederer, was für Menschen verschwinden?
Günter Lederer: „75 bis 80 Prozent sind Kinder und Jugendliche. 20 Prozent sind demente und kranke Leute. Erwachsene, gesunde Menschen sind selten dabei. Nicht jeder, der seiner Frau wegläuft, ist ein Fall für die Polizei.“
BILD: 2200 Fälle im Jahr – wie viele können Sie lösen?
Lederer: „Fast alle. Wirklich verschwunden bleiben im Jahr zwei oder drei Leute. Kinder und Jugendliche werden meist schnell aufgegriffen. Es gibt Streuner, die waren schon 20, 30 Mal weg. Da müssen wir dann erkennen, wann trotzdem was passiert sein könnte.“
BILD: Wie geht das?
Lederer: „Vieles beruht auf Erfahrung. Die oberste Frage lautet: Herrscht konkrete Gefahr für Leib und Leben der Person? Wenn ja, gibt es Handyortung, Suchaktionen, Spürhunde. Bei kleinen Kindern sofort. Ansonsten befragen wir Bekannte und Nachbarn, schauen uns die Wohnungen an. Ist jemand krank und hilflos, gehen wir an die Öffentlichkeit.“

BILD: Aus welchen Gründen verschwinden Leute?
Lederer: „Es gibt natürlich Unglücksfälle und Suizide. Aber manche wollen einfach eine Auszeit nehmen. Ein Vermisster kam nach 7 Jahren aus Tibet zurück. Jeder darf sich frei bewegen. Wir dürfen einer besorgten Ehefrau nicht sagen, wo ihr Mann ist, wenn er das nicht will. Gibt es Anzeichen für ein Verbrechen, übernehmen andere Kollegen.“

BILD: Was, wenn jemand partout nicht zu finden ist?
Lederer: „Dann besorgen wir uns die DNA und den Zahnstatus. Das kommt samt Beschreibung in eine internationale Datenbank. Eine Vermissten-Akte wird erst geschlossen, wenn die Person gefunden ist.“
BILD: Ihr kuriosester Fall?
Lederer: „Ein Paar wollte in den Urlaub fahren, das Auto war gepackt – plötzlich war der Mann weg. Mitten im Glockenbachviertel. Drei, vier Tage vergingen, wir haben Plakate verteilt, waren in allen Kneipen. Da tauchte er plötzlich wieder auf. Erklärung: Er war sauer, weil das Essen nicht pünktlich auf dem Tisch stand.“
BILD: So glimpflich geht es nicht immer aus...
Lederer: „Nein. Wir haben anfangs im Fall Daniela Karaffa ermittelt – die Frau aus Pasing, deren Überreste später im Kapuzinerhölzl gefunden wurde. Der Mordprozess gegen ihren Ex-Mann läuft gerade. Die Frau hatte zwei kleine Kinder, das hat mich sehr bewegt.“
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Der Fall Sonja Engelbrecht - Zeitungsartikel, Links, Berichterstattung

25.03.2016 um 20:48
Quelle:



Süddeutsche Zeitung vom 16.10.1995



Titelgeschichte



spurlos



Mitten in München verschwindet ein 19jähriges Mädchen, Sonja . Spätnachts. Unter mysteriösen Umständen. Keine Zeugen. Sonja läßt Menschen zurück, deren Leben seither nicht mehr dasselbe ist: Mißtrauen, Wut und Ohnmacht fressen sich in ihre Gedanken. Und fast alle, die Sonja nahe waren, haben heute ein schlechtes Gewissen.Seit mehr als einem halben Jahr warten Sonjas Eltern und der Rest der Familie auf ein Lebenszeichen. Bislang vergeblich. Sonjas Zimmer steht leer, die Poster ihrer Lieblingsband „Deine Lakaien” hat ihre Mutter abgehängt.



Sonja Engelbrecht . Ein ganz normales, intelligentes, überdurchschnittlich hübsches Mädchen. 1.68 Meter groß, ziemlich dünn, lange blonde Haare, graublaue Augen. Etwas verträumt, ohne festen Freund. Sie lebt bei ihren Eltern und geht auf die Fachoberschule. Ihr Lieblingsfach ist Englisch. In den anderen Fächern bringt sie eher mäßige Leistungen. Aber kurz vor den Prüfungen lernt sie immer so viel, daß es zum Durchkommen reicht. Ihr Berufsziel: Fremdsprachen-Korrespondentin.



Am 11. April um 2.28 Uhr wird Sonja zum letzten Mal gesehen. In den Stunden zuvor ereignen sich etliche Zufälle, von denen jeder für sich harmlos und nebensächlich ist. Aber alle zusammen haben ins Unglück geführt. Wäre auch nur ein einziger dieser Zufälle anders verlaufen, es hätte wohl nie den „Vermißtenfall Sonja ” gegeben.



Am frühen Abend des 10. April klingelt bei den Engelbrechts das Telephon. Sonja geht hin und verdreht genervt die Augen – Robert ist dran. Eigentlich ein guter Kumpel, aber in letzter Zeit wurden Sonja seine Anrufe etwas zu viel. Immer öfter ließ sie sich von ihrer Mutter verleugnen. „Die Sonja schläft”, hätte Ingrid Engelbrecht , 52, auch diesmal gesagt. Aber Sonja war ein paar Sekunden vor ihr am Apparat.



Robert, 18, hat von einer tollen Kneipe gehört, dem „Vollmond” in Schwabing. Dort soll es „nicht so spießig” sein wie anderswo und gute Musik im Hintergrund laufen. Robert will mit Sonja hingehen. Sie zögert, sagt, sie sei müde. Dann läßt sie sich doch überreden. Aber sie will nicht alleine mit Robert hingehen. Also ruft sie Luci an, ihre beste Freundin. Auch Luci zögert. Sie macht eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin, muß früh um halb acht anfangen. Andererseits läßt sie sich von Sonja fast immer breitschlagen mitzukommen, wenn irgendwo was los ist. „Wer geht denn alles mit?” fragt Luci, 19. Sonja weiß es noch nicht. Luci will sich die Sache überlegen. Je mehr Leute dabei sind, desto lustiger findet Luci die Abende. Sie will ihre Cousinen Anna und Elli anrufen, aber dort ist dauernd belegt. Auch Sonja versucht vergeblich, die beiden zu erreichen. Sie ruft noch einmal bei Luci an, bekommt von ihr endgültig eine Absage. Nach dem Gespräch schießt Luci immer wieder der Gedanke durch den Kopf: „Ich hätte doch mitgehen sollen.” Ein paar Tage später macht sie sich bittere Vorwürfe, daß sie auf diese innere Stimme nicht gehört hat.



Sonja teilt sich mit ihrer Schwester ein Auto – Silvia, 23, fährt meistens tagsüber damit, Sonja abends. Doch an diesem Montag will Silvia einem Freund einige CDs zurückbringen, die sie sich geliehen hatte. Warum wählt sie genau diesen Abend? Ein Zufall. Beim Weggehen streitet sie kurz mit ihrer Schwester. Sonja ist sauer, weil sie mit der U-Bahn fahren muß.



Gegen 21.30 Uhr treffen sich Sonja und Robert am Hauptbahnhof. Sonja kommt etwas zu spät, wie meistens. Sie vergißt ständig die Uhrzeit. An diesem Abend hat das noch verhängnisvolle Folgen.



Die 19jährige ist gut gelaunt. Stolz zeigt sie Robert ihre neue schwarze Lederjacke, die sie zum ersten Mal trägt. Im „Vollmond” entdeckt Robert zwei Bekannte. Sonja und er setzen sich zu ihnen an den schweren, klebrigen Holztisch, den eine Hängelampe in ein trübes Licht taucht. Julian und Josef erzählen vom Snowboarden. Sonja redet wenig. Bei Leuten, die sie nicht kennt, hält sie sich immer zurück und gibt sich cool. Auf Fremde wirkt sie deshalb oft arrogant und unnahbar, auch wenn sie in Wahrheit nur unsicher ist.



Seit ihr einmal der Geldbeutel geklaut worden ist, nimmt Sonja abends immer nur ein paar Münzen mit. Sie trinkt ein Bier, mehr nicht. Gegen Mitternacht wollen die Jungen in ein benachbartes Lokal zum Billardspielen. Sonja lehnt ab, sie hat kein Geld mehr. Robert fängt an, sich zu langweilen. Er will die letzte U-Bahn noch erwischen und drängt zum Aufbruch. „Ja ja”, antwortet Sonja und bleibt sitzen. Sie läßt sich Zeit, wie immer. Plötzlich ist es ein Uhr. Zu spät für die letzte U-Bahn.



Josef lädt die anderen zu sich nach Hause ein. Er wohnt gleich um die Ecke, seine Eltern sind verreist – zufällig. Robert will etwas trinken, aber Josef rückt nichts heraus. „Meine Eltern kommen morgen zurück, und ich hab' schon so viel weggesoffen”, sagt er. Eigentlich wollten Sonja und Robert bleiben, bis im Morgengrauen die erste U-Bahn fährt. Aber jetzt langweilen sie sich immer mehr. Sonja redet davon, ihre Schwester anzurufen. Doch sie greift nicht zum Hörer. Robert will jetzt unbedingt gehen. Er weiß, daß gegen halbdrei noch eine Trambahn der Nachtlinie fährt. Gegen zwei Uhr macht er sich mit Sonja auf den Weg zum Stiglmaierplatz.



Unterwegs muß Sonja austreten. In einem kleinen Park schlägt sie sich in die Büsche. Hinterher meint sie: „Ich komm' mir so beobachtet vor.” Sie sagt allerdings nicht, von wem. Beim Stiglmaierplatz fährt ein Polizeiwagen über die Kreuzung. Sonja stupst Robert an: „Paß auf, daß wir nicht bei Rot über die Straße laufen.” Ihr fällt ein, daß sie jetzt noch ihre Schwester anrufen und sich von ihr abholen lassen könnte. Robert fragt, ob die Schwester ihn vielleicht auch heimfahren würde. „Weiß nicht, ich glaub' eher nicht”, antwortet Sonja . Es sind die letzten Worte, die Robert von ihr hört.



Sonja und Robert gehen in eine Telephonzelle, schieben eine Karte ein. In diesem Moment sieht Robert, wie eine Tram am Stiglmaierplatz hält. „Mit der fahr' ich”, ruft er Sonja zu. Dann rennt er los. Gerade noch rechtzeitig steigt er ein. Robert fährt davon in Richtung Hauptbahnhof, ohne sich noch einmal nach Sonja umzudrehen.



In dieser Nacht ruft Sonja nicht mehr bei ihrer Schwester an. Niemand sieht, wie sie die Telephonzelle verläßt und wo sie danach hingeht. In keiner der umliegenden Kneipen wird Sonja mehr gesehen, und auch von den Taxifahrern, die am Standplatz neben der Telephonzelle stehen, meldet sich keiner als Zeuge. Sonja ist plötzlich spurlos verschwunden. Bis heute.



Daheim in München-Laim läßt Sonja immer ihre Zimmertüre offen, wenn sie abends weggeht. Ist die Tür am Morgen danach geschlossen, weiß Ingrid Engelbrecht , daß ihre Tochter wieder zurück ist. An diesem Dienstagmorgen steht die Türe offen. Sonjas Mutter erschrickt ein bißchen, denkt aber zunächst, daß das Mädchen bei einer Freundin übernachtet hat. Gegen 14 Uhr fängt sie an, alle Freundinnen anzurufen. Sie telephoniert auch mit Robert, dem sofort dämmert, daß etwas Schlimmes passiert sein muß. Aber er sagt nur: „Ich hab' keine Ahnung, wo sie ist. Sie müßte längst daheim sein.” Um 20 Uhr gehen Sonjas Eltern zur Polizei.



Jedes Jahr verschwinden in München 1700 Menschen. Nach drei Tagen sind zwei Drittel von ihnen wieder daheim. Nach einer Woche sind 80 Prozent wieder aufgetaucht, nach drei Monaten sind es 99 Prozent. Den letzten ungeklärten Vermißtenfall gab es vor drei Jahren. Solche Zahlen erklären, warum die Polizei Sonjas Eltern erst mal beruhigt. Bis zum Ende der Osterferien, glauben die Beamten, sei das Mädchen bestimmt wieder da.



Als diese Frist verstreicht, setzt die Polizei eine Arbeitsgruppe ein. Die Ermittler befragen 100 Zeugen, überprüfen 60 Spuren – ohne Erfolg. Robert muß zweimal aufs Präsidium und tausend Fragen beantworten: Seit wann kennt er Sonja ? Mit wem ist sie noch befreundet? Was geschah in dieser Nacht? Bei einem dritten Termin überprüft die Polizei, ob seine Angaben stimmen – Robert muß nachts die Strecke nochmal zurücklegen



Auch Silvia gerät zunächst unter Verdacht, weil sie zwei Gesprächstermine bei der Polizei verpaßt. Als es endlich klappt, werden die Kripo-Beamten ziemlich direkt. Sie fragen Silvia, ob sie sich geweigert habe, ihre Schwester abzuholen, ob sie Krach mit ihr gehabt oder sie womöglich umgebracht habe. Doch Silvia, soviel steht heute fest, hat ebensowenig ein Verbrechen begangen wie Robert.



Noch etwas scheint sicher: Sonja ist nicht davongelaufen. „Das wäre ihr viel zu umständlich gewesen”, glaubt Silvia. Auch ihre Freunde und Eltern sagen, Sonja sei nicht der Typ, der einfach abhaut.



Nach den Osterferien ziehen Luci und Robert durch die Stadt und hängen handgeschriebene Suchplakate auf. Ein paar Anrufer melden sich, doch keiner, der Sonja wirklich gesehen hat. Robert liegt nachts oft wach und macht sich Vorwürfe. Immer wieder fragt er sich, wieso er Sonja nicht mit in die Tram gezogen hat.



In Sonjas Zimmer reißt Ingrid Engelbrecht die Poster der Dark-Wave-Gruppen „The Cure” und „Deine Lakaien”, deren Musik Sonja so gern gehört hat, von der Wand. Jetzt hängt nur noch eine Riesen-Armbanduhr aus Plastik über dem Bett. Mit Sonjas Nähe zu den Wavern können ihre Eltern nicht viel anfangen. Die schwarzen Klamotten gefallen ihnen nicht, und auch nicht der Silberschmuck mit den Pentagrammen und den umgedrehten Kreuzen. Vorigen Winter ließ Sonja sich ein Loch für einen Nasenring stechen. Damit ihr Vater nichts merkte, ließ sie sich danach immer die Haare ins Gesicht fallen. Als Harry Engelbrecht , 62, den Ring schließlich doch bemerkte, spottete er: „Du siehst aus wie eine Wilde aus dem Busch.”



Sonja hielt Distanz zu ihrem Vater, einem Diplom-Ingenieur bei der Wehrbereichs-Verwaltung. Doch richtigen Streit hatte sie mit ihm nicht.

Im Dezember ließ sie sich einmal nachts von ihm aus der Disco abholen. Am nächsten Tag sagte sie zu Robert: „Das mach' ich nicht noch einmal.”

Sie erklärte allerdings auch immer wieder, daß sie nicht so bald von daheim ausziehen wolle.



Nach Sonjas Verschwinden meldet sich Robert wochenlang nicht bei ihren Eltern. Der schmächtige, dunkelhaarige Junge hat einfach Schiß. Dafür trifft er sich jetzt öfter mit Luci und Sonjas anderen Freundinnen. Früher fühlte er sich nicht besonders wohl unter den Mädchen, ihr „Geschnatter” ging ihm auf die Nerven. Doch seit Sonja nicht mehr da ist, fühlt er sich mit ihnen auf seltsame Weise verbunden.



Die Eltern von Sonja sind wütend auf Robert. Sie finden, ein Junge darf ein Mädchen nachts nicht allein heimgehen lassen. Aber Sonja ging immer allein nach Hause, sie hatte nie Angst. In letzter Zeit war sie ständig müde. Sie zog sie sich in ihr Zimmer zurück, hörte bis spät in die Nacht Dark-Wave.



Ihre Mutter glaubt nicht, daß sie tot ist. „Das müßte ich doch spüren”, sagt Ingrid Engelbrecht , „aber ich spüre nichts.” Sie und ihr Mann glauben eher an eine Entführung als an einen Mord. Harry Engelbrecht : „Vielleicht stecken Mädchenhändler dahinter, oder Drogendealer.” Sonjas Vater kämpft heute verbissen darum, seine Tochter wiederzufinden. Er sucht Kontakt zu jedem, der etwas wissen oder erfahren könnte. Schwer fällt ihm nur, Sonja zu beschreiben. Welche Augenfarbe sie hat, daran erinnert er sich nicht.



Harry und Ingrid Engelbrecht wollen hoffen, solange es einen Funken Hoffnung gibt. Vielleicht lebt Sonja tatsächlich. Doch es spricht manches dafür, daß sie ermordet wurde. Luci sagt: „Ich war einmal dabei, wie sie in einer Disco und vor dem Eingang Leute gefragt hat, ob sie bei ihnen mitfahren kann. Ich hätte Angst gehabt vorm Trampen, aber sie hat sich nichts dabei gedacht.” Möglicherweise hat Sonja in jener Nacht einen Fehler begangen, für den weder Robert noch sonstjemand verantwortlich wäre: Sie könnte zu einem Mörder ins Auto gestiegen sein. Die Polizei sucht immer noch Zeugen.



Texte:

Roland Bäurle

Photos:

Ulrike Frömel
Vielen Dank, wie immer, an DieKrähe für das Zusenden eines SZ-Artikels :)


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Der Fall Sonja Engelbrecht - Zeitungsartikel, Links, Berichterstattung

01.06.2016 um 22:07
31.07.2000
Süddeutsche Zeitung

130 Spuren ausgewertet und 150 Zeugen verhört

Zum Artikel „Warten auf die verlorene Tochter / SZ vom 25. Juli

Als Leiter des Dezernats 11 des Polizeipräsidiums München, das auch für den Vermisstenfall Sonja Engelbrecht zuständig ist, habe ich mit Befremden Ihren Artikel vom 25. Juli zur Kenntnis genommen. Dies um so mehr, da ich in diesem Beitrag zwar zitiert, aber im Vorfeld zu keinem Zeitpunkt kontaktiert wurde – ein den Regeln der journalistischen Sorgfaltspflicht absolut widersprechendes und nicht zu akzeptierendes Verfahren. Er hinterlässt beim Leser den Eindruck, als ob die Polizei den Vermisstenfall Sonja Engelbrecht nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und Sorgfalt bearbeitet habe. Dies entspricht keinesfalls den Tatsachen.

Unmittelbar nachdem die Mutter von Sonja bei der zuständigen Polizeiinspektion Vermisstenanzeige erstattet hatte, wurden bereits erste Fahndungsmaßnahmen eingeleitet und der Fall von der Vermisstenstelle übernommen. Nachdem deren erste Ermittlungen nicht ausschließen konnten, dass Sonja Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte, wurde schon wenige Tage danach eine Arbeitsgruppe der Mordkommission mit der Klärung des Falls beauftragt. Bereits zum damaligen Zeitpunkt wurde sowohl vom logistischen als auch vom personellen Ansatz analog eines zu bearbeitenden Mordfalles vorgegangen.

Es wurden über 130 Spurenkomplexe abgearbeitet und 50 Zeugenvernehmungen durchgeführt, die sich nicht nur auf Angehörige und Freunde beschränkten, sondern auch auf das weitere Umfeld der Sonja erstreckten. Den eingegangenen Hinweisen auf mögliche Aufenthaltsorte von Sonja Engelbrecht wurde ebenso akribisch nachgegangen. Die Stunden vor dem Verschwinden von Sonja wurden detailliert rekonstruiert und decken sich mit den Zeugenaussagen nicht nur des letzten Begleiters. Auch die Öffentlichkeit wurde in die Fahndung mit einbezogen.

Leider gibt es bis heute keinen Hinweis auf den Verbleib von Sonja . Die Ermittlungen ergaben auch keinen plausiblen Grund für Sonja , von zu Hause wegzulaufen, da sie weder im privaten noch im schulischen Bereich Probleme hatte. Wir müssen deshalb auch nach heutigem Stand davon ausgehen, dass Sonja Engelbrecht einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Unverständnis herrscht bei mir auch angesichts Ihres Artikels, in welchem der letzten Begleiter von Sonja öffentlich an den Pranger gestellt wird. Die polizeilichen Ermittlungen bestätigten, dass der letzte Begleiter nichts mit dem Verschwinden von Sonja zu tun hatte. Für eine von langer Hand geplante Entführung gab und gibt es keine Hinweise. Diese Hypothese ist auf Grund der Ermittlungen nicht haltbar.

Selbst Vater von zwei Kindern, habe ich natürlich vollstes Verständnis für die Eltern Engelbrecht , die durch das ungewisse Schicksal ihres Kindes eine schwere Last zu tragen haben. Gleichwohl muss ich der publizierten Kritik an der Ermittlungstätigkeit der Polizei aus genannten Gründen entschieden widersprechen.

Udo Nagel, Kriminaldirektor
Leiter Dezernat 11, München


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31.08.2016 um 08:14
Zum Tag der Vermissten ist wieder ein neuer Artikel erschienen, den mir @seli zur Verfügung gestellt hat:

http://www.br.de/sonja-engelbrecht-verschwunden-100.html
Tag der Vermissten
Sonja Engelbrecht - Keine Spur seit 21 Jahren
Vor 21 Jahren verschwand die damals 19 -jährige Münchnerin Sonja Engelbrecht spurlos. Ihre Eltern haben nie aufgehört, daran zu glauben, dass ihre Tochter noch am Leben ist. Noch immer hoffen sie auf den entscheidenden Hinweis, der sie zu ihrer Tochter führt.

Von: Katharina Wysocka und Katharina Haase
Stand: 30.08.2016




Noch immer wissen die Eltern von Sonja Engelbrecht nicht genau, was geschah in der Nacht am 11. April 1995, als ihre Tochter verschwand. Die damals 19-jährige Sonja verbringt den Abend mit Bekannten zunächst in einer Bar, dann in einer Privatwohnung. Gemeinsam mit ihrem Schul-Kameraden Robert geht sie nach zwei Uhr nachts durch die Innenstadt heim.

Sonja hatte ein ungutes Gefühl

Ein Schulfreund Sonjas sagte damals aus, auf dem Heimweg sei Sonja in einer Grünanlage ausgetreten und habe sich bereits beobachtet gefühlt. Doch die beiden hätten niemanden entdecken können. Am Stiglmeierplatz sei die junge Frau in eine Telefonzelle gegangen, weil sie ihre Schwester anrufen wollte, mit der sie sich ein Auto teilte. Genau in diesem Moment sei die Nachttram gekommen und Sonjas Begleiter Robert eingestiegen. Was dann geschah, liegt im Dunklen. Bei ihrer Schwester hat Sonja nie angerufen, auch nicht daheim.


Nichts ist wie es war
Für Sonjas Eltern bricht mit einem Schlag ihr bisheriges Leben weg. Es beginnen Jahrzehnte voller Verzweiflung, Angst und Ungewissheit. Die ersten Wochen erlebt die Mutter wie in Trance, kann keinen klaren Gedanken fassen. Dann stellen Ingrid und Harry Engelbrecht eigene Nachforschungen an, die Suche nach ihrer Tochter ist zu ihrer Lebensaufgabe geworden. Gibt es nach 21 Jahren für sie denn auch unbeschwerte Tage?


"Nein, diese Tage gibt es nicht. Also man denkt immer wieder mal jeden Tag daran und man wird immer wieder daran erinnert. Bis zum letzten Atemzug denkt man daran und hört früher nicht auf."
Ingrid Engelbrecht, Mutter von Sonja


Sorge der Eltern schamlos ausgenutzt

Die Eltern durchleben Hoffnungsschimmer und immer wieder schmerzliche Enttäuschungen. In ihrer Verzweiflung glauben sie sogar zwei Mal Betrügern, die anrufen. Einer behauptet zum Beispiel, er hätte Sonja in einer Bar in Budapest gesehen. Die Engelbrechts geben dem Mann alles Geld, das sie haben. Danach verschwindet er und sie hören nie wieder etwas von ihm. So lange Ingrid und Harry Engelbrecht keine Gewissheit haben, können Sie nicht abschließen, können ihre Tochter nicht betrauern. Zu viele offene Fragen lassen ihnen keine Ruhe: Warum bringen die Ermittlungen keine Ergebnisse? Warum fehlt von ihrer Tochter jegliche Spur? Haben die Polizisten, die Behörden, wirklich alles getan, um ihre Tochter zu finden? Es gibt verschiedene Theorien. Vielleicht ist Sonja gutgläubig in ein fremdes Auto gestiegen und wurde verschleppt. Der Stiglmeierplatz war damals ein Drogenstrich. Vielleicht hat ein Zuhälter die junge Frau überwältigt.

Eine geplante Tat?
Sonjas Eltern sind überzeugt: die Tat war geplant. Sonja sei mit K.O.-Tropfen betäubt und entführt worden. Womöglich von Frauenhändlern. Und wenn das so ist, dann lebt Sonja ja vielleicht noch.


"Wenn sie damals die ko Tropfen hatte, vielleicht haben sie ihr auch noch Drogen eingeflößt, dass sie gar nicht mehr weiß, wer sie ist, wo sie wohnt. Sie kann auch aus diesem Grund, wenn sie noch lebt, noch nicht, nicht zurück kommen, weil sie gar nicht richtig weiß, wer sie ist. Und das ist keine Seltenheit, so etwas gibt es öfters heutzutage. Wenn die Hoffnung stirbt, stirbt die Seele, dann ist es aus."
Ingrid Engelbrecht


Bei jedem Gespräch kommen die Gefühle mit großer Wucht wieder hoch. Dennoch, Ingrid Engelbrecht nimmt zahlreiche Auftritte im Fernsehen auf sich, gibt Zeitungs- und Radio-Interviews.

Die Eltern finden keine Ruhe
"Ich wollte einmal schon aufhören damit, dass ich gar nicht mehr weitermache. Aber wenn ich nicht weiter mache, gerät es in Vergessenheit und dann weiß in 100 Jahren noch niemand, was los war. Deshalb muss ich weiter machen."
Ingrid Engelbrecht


Die Eltern sind mittlerweile 73 und 83 Jahre alt, doch sie geben nicht auf. Vergangenes Jahr haben sie für Sonja eine Internetseite machen lassen. Ihre Hoffnung ist, dass sich nun endlich Zeugen von damals melden. Denn selbst Menschenhandel ist nach 20 Jahren verjährt und sie hätten keine Strafe zu erwarten.

"Ich appelliere nur an das Gewissen, dieser Menschen, die wissen, wohin sie verschleppt wurde. Denen passiert ja garantiert nichts in Deutschland. Die brauchen keine Angst zu haben, dass jemand ihnen etwas antut, dass sie ins Gefängnis kommen. Wahrscheinlich hat sich die Spur aufgelöst, aber den Anfang, den hätten wir gerne. Ich finde, es ist für meine Familie sehr wichtig. Wir haben jetzt eine große Familie, Gott sei Dank, die Familie muss auch Gewissheit haben, die muss Klarheit haben. Auch wenn wir nicht mehr auf der Welt sind. Die nächsten, die müssen einfach wissen, was los war. Das ist sehr wichtig für uns."
Ingrid Engelbrecht

Nie die Hoffnung aufgeben
"Das ist eigentlich der Wunsch jedes Menschen, auch wenn er noch so ein Schicksal hat, das er wenigstens damit abschließen kann, so ist immer noch der Gedanke da, ja was ist los, wo könnte und so weiter."
Harry Engelbrecht


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05.04.2019 um 23:05
https://www.tz.de/welt/muenchen-sonja-engelbrecht-weiterhin-vermisst-aktenzeichen-xy-startet-aufruf-zr-12102429.html

Vielen lieben Dank an @DieKrähe für den neuen Artikel, der noch einmal eine Zusammenfassung der Erkenntnisse und Ermittlungsergebnisse liefert, nachdem Aktenzeichen XY anlässlich des Jahrestages auf der FB-Seite den Fall nochmals gepostet hat:
https://www.facebook.com/ZDFAktenzeichenXY/videos/396252990926440/?t=17
Ich hoffe, daß es in diesem Fall in Ordnung ist, daß ich einen Querverweis zum offiziellen Aktenzeichen XY-Kanal poste.

Zum Verständnis:
Wir dürfen seit Langem keine Vollzitate bzw. komplette Artikel mehr posten, nur noch Ausschnitte unter Angabe der Quelle, weshalb auch dieser Strang die letzten Jahre mager gefüllt wurde.
Als ich die Gruppe damals eröffnet habe, war dies noch anders, sodaß komplette Artikel eingefügt werden konnten, damit diese nachlesbar waren, auch, wenn die Links nicht mehr abrufbar waren. Dies habe ich getan mit der entsprechenden Querverbindung - also dem ursprünglichen Link zum Artikel und folglich dem Urheber.
Dies dürfen wir aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr.

Facebook ist aus gutem Grund als Quellenangabe auf Allmy unerwünscht.
Die Verlinkung habe ich hier nur eingefügt, da es sich um einen offiziellen Account des ZDF handelt.


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