Der Nebel

Mein Kollege fuhr fort mit seinen vergifteten Ausführungen, unter denen ich weiter litt, obschon ich bereits vor einer Viertelstunde die Toilette aufzusuchen im Begriffe gewesen war, und wähnte ich mich zu Anfang unserer Zusammenarbeit in einer naiven, glühenden Liaison mit ihm, durchdrang mich doch der Ekel vor ihm, seinen Reden, seiner zerstörerisch und wahrlich, alles lustvoll Menschliche abtötend, korrekten Art, und es kehrte sogleich Reue in mir darüber ein, dass ich in der Mittagspause nur ein Stamperl dieses gurkigen, tschechischen Schnapses mir gegeben hatte, dessen Dämpfe sich von meiner Mundhöhle ausbreitend meine Seele nach und nach mit jedem Schlucke zu ersetzen schienen, oder umgekehrt, frischen Hauch in sie gleiten zu lassen schienen - in Wahrheit kämpfte ich zum Anbruch jedes Tages darum, in jener Schwebe zu sein, in welcher ich mir eines beständigen, steten Geisteszustandes unsicher sein musste, um nicht eines Äußersten fette Beute zu werden, denn war ich diese schon der absoluten und ganz gewiss irreversiblen Müdigkeit, meiner liebsten Sünde von solcher Größe und Beharrlichkeit, die ein beschwerlicher Fluch freilich mir durchaus war, augenscheinlich war es mir jedoch auch Pflicht geworden, ihr Dankbarkeit dieses von ihr hervorgerufenen dauernden Dämmergemütes wegen zu zollen, war ihr mich umgebender, die Eindrücke filternder Nebelschleier doch rein ihr Werk und Verdienst geworden, den ich, ja nunmehr, weder zu missen noch zu entbehren vermochte, und auf den ich also ganz und gar angewiesen war. Meine fortwährende Müdigkeit war, wenn auch meinem zerbrechlichen Gemüte nicht vollkommen Genüge tuend, ein Zaun zwischen der Welt und mir, ein barmherziges Hemmnis genauso wie ein mütterliches Zudecken, die mir die unbegreifliche Fülle an Torheiten und Absurditäten meines Umfeldes geschwind ungenießbar, somit reizlos machten, wo sich nur Gebot und Gelegenheit ergaben, und welche den wesentlichen Unterschied zwischen mir und meinem Vater ausmachte, da meine Indifferenz gegenüber Mensch und Welt das Ergebnis ebendieser Müdigkeit und meiner sich immer weiterentwickelnden und immer sprießenden und wieder sterbenden Anschauung war, wo die seinige aus seinem Dilemma der allgemeinen Unzufriedenheit und des Wahrens seiner goldenen Werte geboren worden war und stets auch von demselben genährt wurde, und dieser meiner Allmüdigkeit, wie ich sie mittlerweile zu nennen pflegte, hatte ich vor Jahren bereits die Vollmacht zu Teil werden lassen, über meine Lebensziele zu walten, darüber, wann es Schlafens- und Mahlzeit wäre, darüber, welche Art und welchen Ton ich welchem gegenüberbrächte und vor allem darüber, welches Zufalles ich an welchem Orte und zu welcher Zeit harrte, und hieraus hatte sich auch die Notwendigkeit ergeben, dass ich zweierlei Maßstäbe des Urteils ansetzte, namentlich mich mit meinem Charakter, meinen Erfahrungen, meiner Vernunft, meinem Verstande, schlichtweg allem, was ein Ich bilden mochte, und die Müdigkeit mit all ihren Eigenschaften und Eigentümlichkeiten, die ich ihr angehaftet hatte, und deren Liste wallte, sich regte und bewegte, wegen meiner Gewohnheit, gedanklich den niedrigen, aber weiten Topf der Attribute dieser Müdigkeit schweifend zu durchmessen, was mir recht vergnüglich war, einer steten Erweiterung oder Verkürzung unterworfen war. Und sann ich im Zuge dessen weiter nach, so neigten sich Begriffe und ihre Bedeutung mehr und mehr in eine Verschwommenheit, von der eine verkannte Gefahr ausging. Mein Kollege hingegen hatte die Gewissheit, seine Wörter und deren Bedeutung fest in geballtem Griffe zu haben, um mit ihnen alles zu bombardieren, was ihm und seiner Welt, in der er lebte und ich zu leben hatte, zuwiderlief. Meist hatte er deshalb guten Erfolg zu verzeichnen, weil alles um ihn aus seiner Sicht ein Abbild seiner inneren gewürgten Welt war, einer Welt mit schönem höchstamtlichem Stempel, doch in Wahrheit waren sie alle Abbilder voneinander mit möglichem Ursprunge in irgendeiner falschen Exklusivität, in die sie Eintritt gewährt bekommen zu haben glaubten, in etwas Ausschließliches, das sich seit geraumer Zeit aber über beinahe alles erstreckt hatte und alles hatte erblinden lassen, und das es nun erwünschte, man würge und foltere sein Denken, damit man mit höchstem Genusse und einem Sentiment glückseliger Befreiung besehe, wie der Mensch sein und das eigentümliche, natürliche Wesen seiner Städte fern bis hinter die Weichbilder derselben hinausgetrieben hatte, denn das jeder einzelnen Stadt eigene Wesen war von dieser Ausschließlichkeit ausgeschlossen worden und musste gar bei zergliedernder Prüfung aus dieser neuen Denkart verbannt werden, welcher das genannte Wesen dabei gar zustattenkam, und die uns endlich nur stets naherückte, dass wir gegen alles und jeden bedenklich nachgiebig gewesen waren.

Doch wie der Rauch meiner Zigarette es immer aufs Neue befruchtete, so war ihr bläulicher Nebel, der meine Silhouette nunmehr auch in seiner Abwesenheit umgarnte, meinen Augen und meiner Nase sicherer Schutz, denn seit ich ihm meine Nase zur Wohnung geöffnet hatte, waren mir die Spuren seines mannigfaltigen Daseins jederzeit merklich, sodass ich nie im dekadenten Irregang jenem falschen Spross des Überdrusses verfiel, der sich nun einverleibte, was vom kümmerlichen Verstand und der Vernunft der Leute noch einzuverleiben war, und nun an deren Stelle waltete, so waren es letztlich Leichen, die ich da um mich gehen und werken und sich empört gebärden sah, und derer es viele gab, welche mich zurück in die sieche Ordnung jagten, in der ich nur siechen konnte, wenn ich über die Leichen hinwegging auf der Suche nach der alten, denn dies schickte sich nicht und war untersagt; mit einigem Stirnrunzeln war nur das Hinwegsteigen über die etlichen Obdachlosen geduldet.


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