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Dirk Reinhardt - Über die Berge und über das Meer
01.03.2026 um 23:46
2019 erzählt Dirk Reinhardt nach seinem mexikanischen Fluchtepos Train Kids wieder über zwei Jugendliche auf der Flucht, diesmal aus Ostafghanistan, wo der Einfluss der Taliban 2014 bereits immer stärker sich auf das Leben der Leute auswirkt. Diesmal hat Reinhardt die Fluchtwege nicht bereist, sondern sich in Deutschland Geschichten erzählen lassen. Dennoch ist der erste Teil, das Leben in Afghanistan, viel beeindruckender als die Fluchtbeschreibung (von der Überquerung der Grenzberge zwischen dem Iran und der Türkei abgesehen). Je näher die beiden Hauptfiguren sich Europa bzw. Deutschland nähern, desto schneller und weniger detailreich schreibt Reinhardt, und das Ende ist dermaßen kitschig, dass es einem deutschen Heimatfilm der 1950er Jahre entlehnt sein könnte.
Die Hauptfiguren sind die 14-jährige Soraya, ein Mädchen aus einem Dorf (eine Sesshafte), und der 15- oder 16-jährige Tarek (ein Hirtennomade aus der Volksgruppe der Kuchi).
Soraya ist das siebte Kind und siebte Mädchen, sodass der Dorf-Mullah nach altem paschtunischen Recht Soraya zu einem Jungen namens Samir erklärte, um die Ehre der Familie wiederherzustellen und einen männlichen Begleiter für die außer Haus gehenden Frauen (Mutter und Schwestern) zu haben. Auch darf sie mit anderen Jungen auf der Straße spielen und in die Schule gehen. Und nun ist sie in dem Alter, an dem es das Wunder der Umwandlung zur Frau zu feiern gibt. Soraya weiß, dass sie ab nun auch im Haus eingesperrt sein wird, die talibanische Patroille, die nächtens immer im Dorf auftaucht, droht ihr und ihrer Familie, falls sie außer Haus geht. Da sie sich ein eingesperrtes Leben bei ihrer Familie nicht vorstellen kann und auch keines bei einem Ehemann (auch entspricht sie weder durch ihre Wildheit noch durch ihr Aussehen dem Frauenideal der doch sehr konservativen und patriarchalischen Männer dieser Gegend, und eine ihrer Schwestern ist an einen mehr als 20 Jahre Älteren, Gewalttätigen verheiratet worden), beschließt sie mit Unterstützung ihrer Eltern, die auf Geldsendungen hoffen, zu einem Freund ihres Vaters nach Istanbul zu reisen. Da sie weder Geld noch Papiere hat, um dorthin zu fliegen, nimmt sie den Fluchtweg, den Schleuser in Herat organisieren.
Tarek hat sich bereits von Soraya angezogen gefühlt, als sie noch als Samir offiziell ein Junge war. Jeden Sommer sind seine Familie mit ihrer Herde auch bei diesem Dorf vorbeigezogen, um Tauschhandel zu treiben. Und jeden Sommer freuten sich beide aufeinander. Doch in diesem Sommer 2014 beschließen die Kuchiälteren der Gruppe, mit denen Tareks Familie gemeinsam wandert, dass sie eine andere Route einschlagen. Einerseits sind die Flüsse wegen eines milden Winters ausgetrocknet, andererseits wollen sie weder US-amerikanischen Truppen noch talibanischen Banden in die Hände fallen. Und da die Herde immer kleiner wird und es nicht mehr sicher ist, eine große Familie ernähren zu können, beschließen Tarek und seine Eltern, dass Tarek zu einem viel älteren Bruder seines Vaters nach Deutschland reist. Auch er hat kein Geld und keine Papiere zu fliegen, also macht auch er sich auf den Weg nach Herat, um bei einem der Schleuser eine Reise in den Westen der Türkei zu kaufen.
So treffen sich beide doch wieder, und nicht mehr als zwei Buben. Sie reisen zwar auf der gleichen Route durch den Iran, aber mit zwei unterschiedlichen Fluchtgruppen und unterschiedlichen Schleppern. Auf dem zehntägigen Fußweg über die Grenzberge zwischen dem Iran und der Türkei treffen sie sich, ausgehungert und durchfroren wieder. Tarek unterstützt die Schlepper, die ganze Gruppe lebend über die Berge zu bekommen (er kann als Schafhirte sehr gut eine Gruppe zusammenhalten und dabei auch anpacken, wenn es nötig ist), dafür kann er in einem Zelt schlafen und bekommt die doch ausgiebigeren Essrationen der Schlepper. Soyara und Tarek vereinbaren, sich noch in der Türkei wieder zu treffen.
Diejenigen, welche die Migrantengruppen über die Berge führen, stammen aus einem kurdischen Dorf im Osten der Türkei, wo es praktisch keine Arbeitsplätze gibt, also blieben der männlichen Jugend nur drei Möglichkeiten, sich den Rebellen anzuschließen, zu schmuggeln oder als Schlepper tätig zu sein. Letztere hätten die größte Überlebens-Chance. Dennoch ist auch für sie, die sie dauernd auf diesem zehntägigen schweren Weg unterwegs sind, diese Tätigkeit kein Zuckerschlecken und sie sind in dieser Schlepperkette die am geringsten Bezahlten.
Von der Osttürkei geht es dann mit einer Schlepperkette in Bussen oder Lastkraftwagen nach Istanbul. Der Freund von Sorayas Vater befindet sich nicht mehr in Istanbul, er ist nach Deutschland gegangen, aber sie kommt bei einer Lehrerin unter, der sie in den Bergen das Leben gerettet hat und mit der sie sich angefreundet hat. Soraya arbeitet in einer Kellerfabrik, in der T-Shirts genäht werden. Und schließlich hat sie das Geld beisammen, um nach Deutschland geschleppt zu werden. Auf einer Passhöhe hat ihr Tarek noch die Adresse seines Onkels gegeben. Der erste Weg ist ein Schlauchboot nach Lesbos, das in einem Sturm fast gekentert wäre, von dem sie selbst gefallen ist und dabei beinahe ertrunken wäre.
Tarek geht gleich an die Westküste (Städte findet er bedrohlich) und arbeitet bei einer alten Schafzüchterfamilie als Hirte und Hausgehilfe. Sein Lohn: Essen, Unterkunft und eine Fahrt mit einem Fischer nach Lesbos. Dort stürmt er mit eine Gruppe anderer eine Fähre, versteckt sich in einem Reservereifen eines Lastwagens und gelangt so nach Italien, wo er etwas Arbeit findet und sich schließlich eine Zugfahrt über Tirol nach München leisten kann. Bis München gibt es keine Kontrolle, in München wird er in ein Erstaufnahmezentrum gesteckt, wo er Gewalt und Feindschaft (meist nach Herkunft) kennenlernt. Schließlich nimmt er Kontakt zum Bruder seines Vaters auf, kommt in ein (schwäbisches?) Dorf und arbeitet schwarz an einem Bauernhof.
Soraya gibt sich in Lesbos unter Mithilfe einer neuen Bekannten als syrischer Flüchtling aus und bekommt Papiere und etwas Reisegeld. Sie gelangt ganz offiziell auf einer Fähre nach Athen und von dort nimmt sie die Balkanroute über Nordmazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Schließlich gelangt sie in das Dorf, in dem Tarek lebt, nimmt Kontakt zu seinem Onkel und dessen deutschen Frau, bei denen er lebt, auf, und am Abend wartet sie auf einer unter Bäumen stehenden Bank auf der "Passhöhe" eines Hügels auf den von der anderen Seite kommenden Tarek. Er kommt natürlich (vom Bauernhof) und beide sitzen schließlich im Sonnenuntergang in einer deutschen Dorfidylle. Damit schließt der Roman.
Wie schon oben geschrieben, das Leben in Afghanistan und der Weg über die Grenzberge ist viel detaillierter geschrieben, als die letzten 2000 Kilometer in Europa, die beinahe eine angenehme Urlaubsfahrt waren. Beide fliehen nicht, sie migrieren. Tarek, der von den Taliban angeheuert worden ist, ihnen als Spurenleser zu dienen, hat eine Bestätigung mit, dass er von den Taliban mit dem Tod bedroht worden sei, und Soraya gibt sich als Syrerin aus, die vor einem Krieg flieht.
Unklar bleibt, wie die Geldkette funktioniert. Beide haben ja bei unerschiedlichen Organisatoren in Herat den Transit bezahlt. Gibt es Geldkuriere, nehmen sie die Dienste der Western Union in Anspruch? Dies bleibt im Dunkeln.
Streckenweise ist der Roman sehr packend geschrieben und warum die beiden weg wollen, ist schlüssig. Aber vor allem im zweiten Teil gibt es manche Längen und das Ende ist ... doch etwas eigenartig und kitschig. Im Vergleich zu Train Kids ist es kein bis ins letzte Detail durchkomponiertes Meisterwerk, aber lesenswert immer noch, da so Einiges auch kritisch hinterfragt ist.