Fischer-WG-5

Wieder mal eine doppelte Zeitreise, der von Hermann Bengtson herausgegebene fünfte Band der Fischer Weltgeschichte (1965). Den Hauptteil bildet die griechische Geschichte von 520 v. Chr. bis zum Tod Alexander des Großen.

Neben dem Bekannten (Poleis, Demokratie in Athen, Perserkriege, Peloponnesischer Krieg, Eroberungen Alexanders) ist bemerkenswert, dass sich die griechischen Staaten in ständigem Kriegszustand befanden. Auch die soziale Gliederung wird nicht ausgeklammert, dass der Reichtum der (männlichen) Vollbürger auf der Wirtschaftskraft und auch Ausbeutung von Nicht-Bürgern beruht (egal, in welcher Polis).

Im Athen des Perikles lebten geschätzt 110.000 Menschen, davon waren etwa 35.000 Bürger. Abzüglich der Frauen und Kinder aus Bürgerfamilien, blieben etwa 30.000 Nicht-Bürger. In Sparta waren von 200.000 Einwohnern nur etwa 5.000 Vollbürger, der Rest Periöken (40.000) und Heloten (150.000).

Die gesellschaftliche Stellung der Frau ist nicht anders als im "Orient", sie ist eingesperrt im Haus. Und die wirtschaftliche Lage der Mehrheit ist prekär, wie auch die Lebensmittelversorgung, die von Importen abhängig ist.

An all dem haben Reformen und Herrschaftswechsel (Monarchie, Oligarchie, Demokratie, Tyrannis) nur wenig geändert. Wie in Persien ist Vieles an Reichtum gehortet worden und stand somit nicht dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung (auch wenn die Münzung von Metall weiter entwickelt war). Staatshaushalte wurden nicht verwaltet, geschweige denn budgetiert. Athen ließ im Laureion-Gebirge und den Bergwerken von Pangeion durch Sklaven Silber und Gold abbauen.

Nicht angesehen und völlig unterbezahlt war Arbeit (körperliche wie geistige). Der Tageslohn betrug etwa drei Obolen, den Gegenwert von etwa zehn Kilo Gerstenmehl. Besser bezahlt wurden nur Ärzte und Philosophen (Sophisten).

Vollbürger zahlten keine Steuern, Staatseinnahmen hatte Athen bzw. der Seebund jedoch durch Durchgangszölle (am Bosporus zum Beispiel) und vor allem durch die Metökensteuer (fremde, in Athen Ansäßige waren steuerpflichtig) wie duch Marktgebühren. Das Vermögen von gerichtlich Verurteilten wurde vom Staat eingezogen. Darüber hinaus gab es noch Tribute von Mitgliedern des attischen Seebundes, die keine Armee stellen konnten, in die gemeinsame Kasse, die Athen verwaltete.

Insgesamt ist im Griechenland des 4. Jahrhunderts ein Anwachsen der Kluft zwischen einer (sehr) armen Mehrheit und einer (sehr) reichen Minderheit zu beobachten.

In Persien, wo Unmengen an Metallschätzen gehortet wurden, fiel die Übernahme von Finanzierungs- und Infrastrukturleistungen in die Hände von Investitionsunternehmen. Berühmt ist das "Bankhaus" Muraschu in Babylon, ein Familienbetrieb, der es zu hohem Reichtum brachte und den Tempeln, die früher diese wirtschaftliche Aufgabe als Monopol erfüllten, durchaus Konkurrenz darstellen konnte, da eben eine Wirtschaftslücke vorhanden war.

Vor allem Mesopotamien erfuhr im 5. und 4. Jahrhundert einen Niedergang. Zur Machterhaltung presste der Fiskus (und die Tempel) immer mehr Geld aus den ohnehin sehr armen Menschen, der Nordwesten (Assyrien) vertrocknet zunehmend, Städte werden verlassen, selbst in Babylon wird es durch Änderungen des Laufs des Euphrat immer schwieriger. Investitionsunternehmen wie Muraschu gingen in Konkurs. Der Monatslohn von einem Arbeiter entsprach Anfang des 5. Jahrhunderts einem Wert von 60 kg Gerste und 60 kg Datteln. Abfedern konnte den Niedergang etwas, dass es einem ardu (Diener, Untergebner, Sklave) erlaubt war, Eigentum zu erwerben.

Trotz des Niedergangs blühte die Wissenschaft vor allem in Astronomie und Mathematik, welche das Wissen der Welt über das persische Reich hinaus bereichern konnte. Um 500 war das Sonnenjahr berechnet, gut 100 Jahre später Schaltjahre eingerechnet. Interessant auch, dass die Astrologie ein Spin-Off der Astronomie war. Das erste Horoskop ist aus dem Jahr 410 bekannt.

Im wirtschaftlichen und politischen Niedergang Persiens liegt es wohl begründet, dass Alexander mit wenigen Schlachten einen Eroberungsmarsch durchziehen konnte. Eliten wie Bevölkerung lagen ihm mehr oder weniger zu Füßen, da der Druck der Achämeniden von ihnen genommen wurde. Hohe Autonomie einerseits, aber auch das Wiederaufleben des lokalen wie "globalen" Wirtschaftssystems spielten in seine Hände, da Kräfte wieder freigesetzt werden konnten.

Neben Griechenland und Persien sind noch Kapitel zu Syrien, Ägypten, Arabien und Palästina angefügt. Interessant der Streit in Palästina zwischen monolatrischen (andere Götter nicht akzepierenden) und synkretistischen (andere Götter akzeptierenden) Richtungen im Judentum, der sich auch in der Bibel widerspiegelt. Siegreich war die monolatrische Richtung unter Nehima und den Leviten, welche auch Hochzeiten zwischen Juden und Nichtjuden verbot. Dennoch lebte der Synkretismus in privatem Rahmen weiter und wurde praktisch nicht verfolgt. Sogar synkretistische Riten wie der mit den Sünden beladene Ziegenbock fand Eingang in die offiziellen. Auch schaffte es die alten Priesterschaft die Konkurrenz der Leviten dadurch auszuschalten, indem Letztere immer mehr Sicherheits- und Kulturaufgaben erhielten. Sie wurden Torhüter und Sänger. Mit dem Pentateuch ist schließlich priesterliches Schrifttum in der Bibel verewigt, welches an der Seite der levitischen Chroniken und des Psalter steht.

Religionsgeschichtlich bedeutsam sind Nehima und die Leviten, dass sie den Priestern widersprechen konnten und Laienexegese eine legitime Praxis wurde. Dies öffnete die Tür in künftige Zeiten, den Essenern, Pharisäern und Christen.

Der zweite wichtige Schritt war, dass dem Verbot von religiösen Mischehen die Öffnung der Religionsgemeinschaft gegenübergestellt wurde. Der Judaismus wurde eine "proselytenmachende Religion". Israel, Samaria und Judäa konnte im Jahweopferkult vereint werden.