Walter Florath
Die Eiskalten und das Emilbäumchen


(Teil 1)
„Die Genossin Steiner weiß Bescheid. Du übernimmst ihre Funktion. In vier Wochen sind Parteiwahlen. Sieh zu, daß die Genossen Dich dann wählen!" Es war im April 1952. Die Berliner Landesleitung wollte, daß ich Parteisekretär im VEB Kühlautomat würde.
Bruno Baum, Sekretär für Wirtschaftspolitik, hatte mir die Lage erklärt: In der DDR gab es einen einzigen Betrieb, der Großkälteanlagen herstellte, Kälterichter am S-Bahnhof Warschauer Straße. Der Magistrat hatte Besitzanteile, Richter aber leitete seinen Betrieb selbst. Wir wußten, daß er einen neuen Betrieb in Westberlin aufbaute. Es war nur eine Frage der Zeit, daß er uns verlassen würde. Die sowjetischen Kunden, die Hauptabnehmer, trauten Richter nicht. Sie legten Wert darauf, mit einem volkseigenen Betrieb zusammenzuarbeiten.
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(Teil 2)
Genosse Wegener litt nicht an zu großem Durst, sondern an seinem weichen Gemüt. Ich hatte ihn der Kreisleitung zur Verfügung gestellt, für die Überprüfung von privaten Geschäftsleuten. Damals waren von 15.000 Industriebetrieben 13.000 in privatem Besitz, Privatleute überwogen im Einzelhandel, im Handwerk, im Bauwesen. Um angesichts der wachsenden Kriegsgefahr die nötigen Mittel zusammenzubekommen, zogen wir die Steuerschraube an, trieben rigoros Steuerrückstände ein.

„Ich kann das nicht mehr! Gib mir 'nen anderen Parteiauftrag." Genosse Wegener sah aus wie Hans Albers, war aber weich wie Butter.

„Was ist denn los?"

Er erzählte, daß seine Arbeitsgruppe vergangene Woche eine Kohlenhandlung überprüft hatte. Alles in Ordnung. Dann fanden sie doch noch eine nicht inventarisierte Schreibmaschine. Steuerhinterziehung! Enteignung!

„Die Olle hat jeweent. Ne olle Frau, Witwe, Mensch! Die beeden Kerle, ihre Kohlenträger, waren völlig geklatscht. Weene nich, Mutter Reschke, hat der eine jesacht. - Ich kann das nicht!"

„Aber daran erinnerst Du Dich doch wohl, wie die Händler uns behandelt haben, im Krieg und in den ersten Jahren danach, wenn wir was wollten? Zehn Kohlen wolln se haben? Ham se Zijaretten? Ich kann mich noch gut erinnern, wie mich der Kerl in dem Butterladen, dort, wo ich wohnte, angepfiffen hat, wenn ich in seinen Laden kam und 'Tag' sagte: 'Heil Hitler heißt dett!' wurde ich angeschnauzt!" , „Is ja alles richtig. Aber ich kann das nicht. Die Olle tut mir leid."

„So ist das immer. Wir sind für den Sozialismus und die Enteignung der Ausbeuter. Aber wenn der Ausbeuter ne olle Frau ist, werden wir weich. Wer wird denn mit uns Mitleid haben, wenns mal anders kommt, wie viele hoffen?"

„Is ja richtig, nee, ich weiß nich, ob's ganz richtig ist ... Die Olle und ihre beiden Kerle... Gib mir 'nen andern Parteiauftrag."

Ich hatte beobachtet, wie Genosse Wegener mit leuchtenden Augen den Motor eines Flugzeugmodells betrachtet hatte, das der eben gegründeten GST-Gruppe der Lehrwerkstatt übergeben worden war. „Guck mal, ein kleiner Diesel", hatte er sich gefreut.

„Kümmere Dich um die GST, um die Lehrlinge!"

Genosse Wegener war glücklich. Unsere GST wurde zu einer der besten im Kreis Treptow.
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Ausnahmsweise ein PK: Enteignung einer alten Frau wegen ihrer nicht inventarisierten Schreibmaschine! So was tut selbst mir noch nach 53 Jahren weh. Kein Wunder, dass die privaten Händler auf der Palme waren :(