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Eines der eigentümlichsten Werke des Wiener "Kaffeehausliteraten" Peter Altenberg. 1896 wurden Mitglieder des westafrikanischen Stammes der Aschanti im damaligen privaten Wiener "Tiergarten am Schüttel" auf einer Art Europatournee ausgestellt (zuvor waren sie in Budapest), indem sie sich nackt dem Publikum zeigen und Gebräuche vorführen mussten. Außerhalb der Ausstellungszeiten gab es Kontakte zur Wiener Bevölkerung, so freundete sich auch Altenberg mit einigen von ihnen an, die er fast täglich besuchte. Auch begann er ihre Sprache in Grundzügen zu erlernen.

In diesem Text, der aus kurzen Prosaskizzen besteht, wird eine Welt geschildert, die einem heutzutage nicht nur fremd ist, sondern skurril. Einerseits kritisiert Altenberg das Wiener "Publikum" (vor allem die bürgerliche Welt), da sie diese Menschen wie Tiere begaffen, andererseits ist für ihn die Welt der Aschanti eine Art menschliches wie auch erotisches Paradies, das jedoch nicht frei von Makeln ist. So peitscht der Häuptling Frauen, die sich weigern sich dem Publikum zu zeigen, mit einem Ochsenziemer ("Wofür zahlen die weissen Menschen?! Es ist unsere Pflicht."), andererseits wird dem Tiergartendirektor am Ende der "Ausstellung" ein junges Mädchen angeboten, was dieser jedoch ausschlägt.

Nicht nur dass ich bis heute nichts von dieser "Ausstellung" wusste, dieser Text ist - wie soll ich sagen - verstörend.

Online als PDF zu lesen:
https://www.ngiyaw-ebooks.org/ngiyaw/altenberg/ashantee/ashantee.pdf

Ganz vergessen ist diese Ausstellung nicht, so sah zum Beispiel eine Postkarte dazu aus:

Aschanti-Ausstellung-PostkarteOriginal anzeigen (0,2 MB)

Der zugehörige Artikel in der Tageszeitung Die Presse aus 2016:
https://www.diepresse.com/5068546/der-menschenzoo-im-wiener-tiergarten

Hier eine zeitgenössische Darstellung der Aschantihütte im Wiener Prater:

altenberg-3-ashantiOriginal anzeigen (0,5 MB)

In Kleidung wurden sie so präsentiert:

46-72653956Original anzeigen (0,2 MB)

So sah eine Zeitungsannonce aus:

aschantiinderwz

Dass dies keine einmalige Veranstaltung war, sondern immer wieder "Exoten" im Schauangebot waren, zeigt dieser interessante Artikel in der Wiener Zeitung:
https://www.wienerzeitung.at/_wzo_daten/media/Storytelling/prater/menschenzoos.html

Über diese über Jahre hinweg veranstalteten Menschenschauen und die Ambivalenz Altenbergs wird in diesem Artikel geschrieben:
https://www.derstandard.at/story/2000112892336/vorgefuehrt-und-ausgestellt-im-menschenzoo

Aber auch das österreichische Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten erinnert an diese unsägliche rassistische Zurschaustellung:
https://www.bmeia.gv.at/oesterreich-bibliotheken/kaffeehaus-feuilleton/detail/article/der-koenig-von-aschanti-und-sein-dorf/

Dass es eine vierjährige "Aschanti-Tour" in Europa gab, zeigt diese Fotodokumentation:
https://humanzoos.net/?page_id=2969

Dass Altenbergs Buch 1897 vor der nächsten Aschanti-Schau mehr oder weniger als Werbung veröffentlicht wurde, wird in diesem Artikel erwähnt:
https://oe1.orf.at/artikel/653713/Der-Chronist-des-Aschanti-Fiebers

Weitere Bildquellen:
https://kurier.at/kultur/belvedere-suche-nach-klimts-haeuptling-der-aschanti/152.471.545
http://www.johannesgelich.com/wp/das-ashanti-fieber-peter-altenberg-und-die-wiener-voelkerschau-1896/