Nestroy-Kraehwinkel

Geschrieben im Frühjahr 1848, uraufgeführt am 1. Juli 1848 in Wien, danach Tournee (Graz, Budapest, Brünn, Prag, Leipzig, Hamburg, Linz), abgesetzt in Wien am 6. Oktober 1848.

Dies ist Nestroys Revolutionsstück, mit dem er seine Ansichten zum Deutschen Bund, zum Metternich-System, zur Revolution zum Ausdruck bringt. Er verlegt die Revolution in die fiktive Kleinstadt Krähwinkel. Obrigkeit und Bürger kennen sich alle, sie gehen gemeinsam ins Gasthaus, es gibt Liebschaften. Das Persönliche wird mit dem Politischen vermengt. Wie im wirklichen Leben. Sprachrohr ist der liberale Journalist Eberhard Ultra, der bei den Aufführungen von Nestroy selbst gespielt wurde.

Die politischen Ziele werden unmissverständlich auf die Bühne gebracht:

- Abschaffung der Adelspriviliegien, Gleichheit aller Menschen
- Gleiche, allgemeine Wahlen
- Alle politischen Rechte auch den Frauen
- Freiheit der Meinungsäußerung
- Pressefreiheit
- Abschaffung der Zensur
Ein Zensor ist ein Mensch gewordener Bleistift oder ein Bleistift gewordener Mensch; ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes, ein Krokodil, was an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin schwimmenden Dichtern die Köpf' abbeißt.
Die Bürger rebellieren gegen die Vertreter der absolutistische Obrigkeit. Gegen den fetten Bürgermeister, gegen den geheimen Stadtsekretär Reakzerl Edler von Zopfen (Nestroy liebte sprechende Namen) und den schwankenden Ratsdiener Klaus, der die Bürger im Gasthaus bespitzeln soll. Die Front der Revolutionäre ist geschlossen. Von der reichen Bürgerswitwe bis zum kleinen Nachtwächter. Demonstrationen werden von den Stadtsoldaten unter dem Kommandanten Rummelpuff blutig niedergeschlagen.

Die große Welt holt Nestroy in Verkleidungspossen nach Krähwinkel. Ultra tritt dreimal als verkleideter Gesandter vor den Bürgermeister: einmal als russischer Fürst Knutikof Sibiritschevski, Tyrannski Absolutski (dass Russland auf Seite des österreichischen Absolutismus ist und sein wird, bringt Nestroy sehr früh auf die Bühne), einmal als "geflohene Exzellenz" aus Wien (Anspielung auf die Flucht Metternichs im März) und einmal als Europäischer Freiheits- und Gleichheitscommissär, der Verfassung und Freiheit bringt und dem Bürgermeister das Fürchten lehrt.

Bei Nestroy siegt schließlich die Revolution, als die Frauen Krähwinkels sich als Studenten (Träger der Revolution) verkleiden und auf die Barrikaden steigen. Der Bürgermeister und seine Bürokraten des Absolutismus fliehen. Schlussfazit von Ultra:
Als wie's im Großen war, so haben wir's hier im Kleinen geseh'n, die Reaktion ist ein Gespenst, aber Gespenster gibt es bekanntlich nur für den Furchtsamen, drum, sich nicht fürchten davor, dann gibt's gar keine Reaktion.
Ein Aufruf zum revolutionären Mut.

Abgesetzt wurde das Stück in Wien übrigens nicht von absolutistischen Herrschern, sondern von den Revolutionären. Am 6. Oktober 1848 verweigerten die kaiserlichen Soldaten in Wien einen Marschbefehl gegen aufständische ungarische Truppen. Kriegsminister Latour wurde gelyncht, Kaiser Ferdinand floh mit seinem Hof nach Olmütz in Tschechien. Die Truppen verbündeten sich mit revolutionären Studenten, Arbeitern und ungarischen Revolutionstruppen und übernahmen die Herrschaft in Wien. Für sie war die Art, wie Nestroy die Revolutionäre im Stück dargestellt werden, eine Verhöhnung und es wurde verboten. Wir begegnen einer revolutionären Humorlosigkeit, wie sie so oft in der Geschichte zu finden ist. Nestroy selbst blieb unangetastet. Dazu war er zu berühmt und beliebt.