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Immer wieder ist es interessant, ein wegen aktueller Ereignisse veröffentlichtes Buch nach langen Jahren zu lesen. So auch Peter Scholl-Latours Buch aus dem Jahr 2011 über den "Arabischen Frühling". Viel wagt er nicht an Vorhersagen. Die einzige Prognose, die er stellt, ist der Wahlsieg der Muslimbrüder in Ägypten nach dem Rücktritt Husni Mubaraks sowie der Widerstand des Militärs gegen eine solche Entwicklung (ist auch eingetroffen). Ansonsten ist es ein Mischmasch einer ziemlich aktuellen Reise durch den Sahel vom Sudan bis Ghana (als über 80-Jähriger!) und Berichten über Reisen als Journalist aus mehreren Jahrzehnten. Auch sind die nach Regionen und Staaten benannten Kapitel immer wieder mit Geschichten durchsetzt, die nicht direkt mit der jeweiligen Region in Zusammenhang sind. Das Buch hinterlässt den Eindruck, ziemlich schnell zusammengestellt zu sein.

Die Kapitel: Maghreb, Sudan, Sahel, Ägypten, Libyen, Bahrein, Irak und Syrien.

Die ersten drei Kapitel beschäftigen sich sehr stark mit den verschiedenen Volksgruppen (Scholl-Latour nennt sie sehr befremdend "Rassen", die er noch dazu charakterlich wertet) sowie den verschiedenen religiösen Gruppen, wobei auch auf die vorkoloniale Islamisierung der Region eingegangen wird. In Erinnerung gerufen wird, dass der deutsche SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski offen die gegen Frankreich kämpfende algerische Befreiungsbewegung FLN unterstützt hat und auch als Geldbote fungiert hat. Auch spricht er an, wie stark China in diesen Regionen engagiert ist, um an Rohstoffe zu kommen. Es sei ein Wettlauf zwischen den USA, China, Europa und Russland um Schürfrechte (Erdöl, Uran, Kupfer, Coltan) im Gange, bei dem China durch ihre Infrastrukturprojekte durchaus verlockende Angebote im Ärmel habe.

Das Kapitel über Ägypten präsentiert eine politische Geschichte von Nasser über Sadat bis zum Ende Mubaraks, auch wird die Bedeutung der Muslimbrüderschaft vor allem für die arme Bevölkerung dargestellt.

Der Abschnitt über Libyen ist ganz Gaddafi, seiner Isoliertheit im arabischen Raum und seiner Hinwendung nach Afrika, aber auch den Ethnien, welche sich durch den Aufstand größeren Einfluss erhoffen, gewidmet. Auch auf seine Betätigung als Förderer von Terror bzw. den libyschen Terrorismus durch den Geheimdienst wird eingegangen. Die Luftschläge durch Frankreich und Großbritannien befürwortet Scholl-Latour, da mit einer wie gewöhnlich brutalen Militäraktion Gaddafis zu rechnen war. Zum Zeitpunkt der Niederschrift war der Aufstand nicht entschieden, Gaddafi lebte noch, Scholl-Latour wagt keine Prognose.

Bei Bahrein interessiert ihn hauptsächlich, dass die mehrheitlich schiitische Bevölkerung durch eine sunnitische, von Saudi Arabien dominierte Herrscherschicht ausgebeutet und unterdrückt wird. Sein Bericht steht unter dem Einfluss gewaltsamer Aufstände wie brutaler Gegenschläge.

Auch im Irak-Kapitel wird auf die Zerrissenheit des Landes nach religiösen wie ethnischen Gesichtspunkten eingegangen. Scholl-Latour betont, dass nicht alle schiitischen Gruppierungen (die Schiiten bilden über 60 Prozent der Bevölkerung) als verlängerter Arm des Iran gesehen werden können. Der Abzug der USA werde das Land ins Chaos stürzen und Scholl-Latour spricht durchaus einem gemäßigten Diktator das Wort.

Im Syrien-Kapitel wird hauptsächlich auf den alewitischen Assad-Klan eingegangen, der mit beispielloser Brutalität die Herrschaft erhalten will. Andererseits warnt er vor einer Herrschaft der sunnitischen Mehrheit, da damit eine unter Assad gegebene religiöse Toleranz verloren gehen kann. So richtig Positives ist auch den Perspektiven nicht herauszulesen. Hier fließen auch Informationen über den zerrissenen Libanon ein, dem kein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Insgesamt entsteht aus allen Regionen ein Bild von religiösen und politischen Gruppierungen, die sich spinnefeind gegenüber stehen und nicht zu irgendwelchen Kompromisslösungen fähig sind. Jegliche Gruppierung scheint auch mit Gewalt ihre Maximalforderungen durchsetzen zu wollen. Dies sei auch bereits in weiter zurück liegenden Zeiten so gewesen, wie er an Ibn Ruschd (Averroes) zeigt, der von der islamischen Ulema als Ketzer verfolgt wurde, oder an der Ausschaltung der griechisch-islamischen Tradition in Persien durch die Mullahs während der Zeit des europäischen Mittelalters. Auch von einer Bündnistreue kann nicht die Rede sein. Indirekt lässt sich ableiten, dass eine ziemlich düstere Prognose abgegeben wird. Mit dem IS, den es als Organisation noch nicht gab, ist dies durchaus in den Zehnerjahren eingetroffen.

Wie oben schon erwähnt, sind manche Ansichten skurril oder gewöhnungsbedürftig. So sieht er einen Grund, dass Diktatoren mit brutaler Gewalt an der Macht bleiben wollen, dass Europa nun ihnen kein Exil mehr an der Cote d'Azur anbietet, sondern einen Prozess in Den Haag. Dies sei als Abdankungsszenario nicht sehr attraktiv. Die EU sei für ihn eine Organisation der "Tugendbolde" und in Menschen, die sich humanitär in der Sahelzone engagiereren, sieht er "göttlich berufene Rachegeister, die Verbrechen der Menschheit" sühnen wollen und vor denen man sich hüten solle (eine Erklärung wird nicht geliefert). In John F. Kennedy sieht er den Mörder von Ngo Dinh Diem und Roberto Lumumba, auch habe er Castro mit vergifteten Zigarren ermorden wollen.

Eine Bereicherung sind Auszüge aus vielen Interviews, die Scholl-Latour während seiner Jahrzehnte langen Tätigkeit als Journalist geführt hat.