Narrenschiffer
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Arno Geiger - Es geht uns gut
16.01.2026 um 17:51
So richtig warm werde ich mit dem Roman des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger, mit dem er 2006 den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, nicht. Dazu sind mir alle Protagonist:innen viel zu egal.
Es ist ein Roman der Erbengeneration, ein Roman des Abstiegs in die Dekadenz und die Unproduktivität. Strukturell präsentieren die Kapitel Einzeltage dreier Generationen, wobei zeitlich erratisch herumgehüpft wird.
Der Roman beginnt im Jahr 2001, als Enkel Philipp (Mitte 30) die heruntergekommene Villa seiner Großeltern im noblen Wiener Bezirk Hietzing erbt. Wovon er lebt, erschließt sich nicht. Er versucht sich als Schriftsteller, gibt sich jedoch zumeist dem Müßiggang hin, hat ein Verhältnis zu einer verheirateten Meteorologin und vögelt die Briefträgerin. Die Villa lässt er von zwei Schwarzarbeitern entrümpeln (die Szenen über den von Tauben vollgeschissenen Dachboden sind heftig) und am Ende lässt er sich zur Hochzeit des ukrainischen Handlangers einladen.
Woher stammen Villa und womöglich auch Vermögenswerte? Großvater Richard war Vizedirektor der Wiener Elektrizitätsversorgung, unterschrieb als Christlich-Sozialer nach der deutschen Annexion, dass er sich nicht mehr politisch betätigen werde (die Nazis brauchten wohl auch Strom und komplett ausgespart wird, dass die Herrschaft der Christlich-Sozialen 1938 eine faschistische Diktatur war). Nach dem Krieg war Richard in der Nachfolgepartei ÖVP aktiv und schaffte es zum Minister (eigentlich kann es nur das Ministerium für Verkehr und Elektrizitätswirtschaft gewesen sein, aber das hatte in Wirklichkeit ein Sozialdemokrat inne). Gewurmt hat Richard immer, dass er zwar den Staatsvertrag mitverhandelt hat, jedoch auf keinem Foto aufscheint, da er zum Abschluss des Vertrags einen eitrigen Zahn hatte. Danach lässt er sich alle Zähne reißen. Ab 1982 wird er schließlich dement und stirbt in Umnachtung. Seine Frau Alma züchtet ihr Leben lang Bienen.
Almas und Richards Sohn Otto stirbt im Volkssturm, als er mit seinem Freund Peter einen sowjetischen Panzer aufhalten will. Ihre Tochter Ingrid heiratet gegen den Willen ihrer Eltern diesen Freund, der ein Österreich-Quiz als Brettspiel vermarkten will, doch die PR-Ausgaben sind höher als die Einnahmen. Die Schulden zahlt ihr Vater, genauso das Haus im ebenfalls noblen Pötzleinsdorf im Wiener Bezirk Währing. Auch zahlt er ihr Medizinstudium. Schließlich arbeitet Ingrid als Ärztin und ihr Mann im Kuratorium für Verkehrssicherheit als Experte für Kreuzungssicherheit (vermittelt von Richard). Zusätzliche Einnahmen hat Peter von seinem Brettspiel, das er Anfang der 1960er Jahre lizenzieren hat können. Ingrid stirbt 1974 bei einem Schwimmunfall in der Donau (ihr Armband verhakt sich in einem versenkten Fahrrad). Tochter Sissi lebt nun verheiratet als Journalistin in New York (mehr erfahren wir von ihr nicht) und Philipp tut nichts, außer das Haus der Großeltern erben.
Die Frage bleibt offen, ob die Einkünfte Richard Sterks ausreichten, um mehr oder weniger drei Generationen durchzufüttern. Immerhin ist er nach Ausscheiden aus dem Ministeramt aus Altersgründen nicht mehr ins Direktorium der Elektrizitätswerke zurück. Und ein Ministerposten ist zwar gut bezahlt, aber keine Goldgrube für Generationen. Ingrid und ihr Mann Peter haben zwar Jobs, benötigen jedoch Unterstützung. Diese bekommen sie.
Ingrid erinnert sich gerade noch rechtzeitig, daß sie vor allem erst einmal die Prüfung ablegen muß, wie sich’s auf eigenen Beinen steht – weil (wenigstens) die väterliche Hand mit dem darin befindlichen Geld sich nie von ihr zurückgezogen hat. ... Bei dem wenigen, das Peter beim Kuratorium für Verkehrssicherheit verdient, wäre weder das Nest, das Ingrid sich gerade polstert noch die Fortsetzung des Studiums denkbar. Richard zieht die ganze Familie mit durch. ... Richard denkt, das beste wäre gewesen, Peter vor fünf Jahren ein dickes Kuvert zuzustecken mit der Aufforderung, sich nicht mehr blicken zu lassen und woanders sein Glück zu versuchen. Das wäre billiger gekommen als der Hauskauf.Sissi erbt zwei Lebensversicherungen und einen Anteil an einer Zuckerfabrik, kann sich jedoch selbst erhalten. Philipp muss von irgendeinem Vermögen leben, da er selbst keine Einkünfte hat.
Neben der erratischen Durchmischung der Chronologie erscheinen die Tage, welche für die Kapitel gewählt sind, willkürlich. In ihnen wird dann nicht nur die Familienagenda bis hin zu Affären mit Haushälterinnen oder Briefträgerinnen akribisch geschildert (meist aus personaler Sicht, viel erlebte Rede, viel innerer Monolog), sondern auch die politische Entwicklung abrissartig und durchaus lückenhaft, wie oben erwähnt, präsentiert. Eingebaut sind einige Montagen von Nachrichten-Headlines des Tages. Eine funktionale Verbindung dieser Montagen erkenne ich nicht.
Insgesamt ein bemühter Roman, aber da frage ich mich schon, ob der 2005er Literatur-Jahrgang eher unbemüht war, sodass dieser Roman 2006 den Deutschen Buchpreis gewinnen konnte. Denn er hat seine Schwächen, sein langweiliges Oberschichtspersonal und vor allem Längen. Das Ding umfasst gedruckt fast 400 Seiten.