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Juli Zeh - Spieltrieb
01.02.2026 um 18:12
2004 hat die 30-jährige Juli Zeh dieses Romanmonster veröffentlicht, das etwas zu viel will und nicht einhalten kann, auch wenn Zeh enorm sprachmächtig schreiben kann. Grundthese ist, dass die Generation der um 1990 Geborenen eine Zwischengeneration ohne Fundamente ist, ihre Mitglieder sind "fliegende Bauten". Das liberaldemokratische Zeitalter gehe zu Ende, das neue Kommende ist noch nicht abzusehen. Um diese These auch in den Figuren zu spiegeln, sind die Hauptcharaktere entweder Jugendliche zwischen 14 und 18 oder Erwachsene Mitte/Ende 30. Die einen in der Spätpubertät bzw. frühen Adoleszenz, die anderen in ihrer Midlife-Krise. Ort der Handlung ist ein Privatgymnasium in Bonn, in dem schwierige Jugendliche aus der finanzkräftigen Mittel- und Oberschicht durch das Abitur gebracht werden sollen.
Zentrale Figur ist Aba (der Name ist von Nabokov "entlehnt"), ein zu Beginn 15-jähriges Wundermädchen: Sie ist plump gebaut, eine schnelle Dauerläuferin, hochintelligent mit Bestnoten, belesen in Weltliteratur und Philosophie, Raucherin von perfekt selbstgedrehten Zigaretten, begnadete Sängerin, eiskalt vernunftgesteuert, frei von Moral, gewalttätig (von der alten Schule ist sie geflogen, da sie einen Schulkollegen mit einem Schlagring zusammengeschlagen hat). Sie scheint nur ein Problem zu haben. Sobald sie sich einem Jungen hingezogen fühlt, wird sie ihm hörig. So bläst sie einem guten Freund aus einer Metal-Band zum sechzehnten Geburtstag einen, weil der charismatische Bandleader ihr diesen Vorschlag macht. Schräg wird es, als ein "Halbägypter" namens Alev an die Schule kommt, der spieltheoretische Thesen umsetzen will. Er bringt sie dazu, den Deutsch- und Sportlehrer und ihren Lauftrainer Smutek (ein Pole) durch freitaglichen Sex in der Turnhalle, den Alev fotografiert, zu erpressen. Die Fotos werden in einem verschlüsselten Word-Dokument am Server der Schulhomepage abgelegt. Kennwort: "Spieltrieb". Vor Gericht, als Alev und Smutek angeklagt sind, hält sie ein flammendes Plädoyer darüber, dass dieser Fall nur sie drei und nicht den Staat etwas angehe.
Dass dies nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand, und in einem Wutanfall zerschlägt Smutek Alevs Gesicht, dem wohl bleibende Schäden beigefügt werden. Vor Gericht sehen sich beide wieder. Alev wegen Erpressung, Smutek wegen eines Verhältnisses zu einer abhängigen Minderjährigen und wegen schwerer Körperverletzung. Alev erhält sechs Monate Sozialdienst, Smuteks Strafe wegen Sex mit einer Minderjährigen wird ausgesetzt, da Ada in einem flammenden Plädoyer als Zeugin aussagt, dass sie sich lieben würden, und von Körperverletzung wird er wegen Notwehr gegen systematische Terrorisierung und Erpressung freigesprochen (Bratpfannen-Notwehr in der TAZ).
Adas Mutter sieht dies nüchterner: "Kriminell, ihr seid alle kriminell."
Der Schluss ist stimmig. Smutek trennt sich von seiner Frau, kündigt und beginnt mit Ada ein neues Leben ohne gesellschafliche Bindungen. Nur: Die Umsetzung ist schwer kitschig. Die beiden fahren an die kroatische Küste mit malerischen Sonnenuntergängen und einem blauen Meer.
Was passiert sonst noch? Bei einer Klassenfahrt bricht die Frau Smuteks bei einem Nachtspaziergang in einen gefrorenen Teich ein, Ada rettet sie, als sie bei ihrem Nachtlauf auf sie stößt. Der Geschichtelehrer stürzt sich vom Schuldach, nachdem seine an MS erkrankte Frau gestorben ist. Smutek ist aus Polen deportiert worden, da er mit einem Solidarnosc-Gewerkschafter verwechselt worden ist. Sein Ferienhaus in den Masuren wird von polnischen Neofaschisten niedergebrannt.
Durchzogen ist der Text von postnihilistischen Gedanken Adas, Alevs und Smuteks (auswechselbar). Hier eine kleine Auswahl.
»Feigheit, Dummheit, Eigennutz«, sagte Alev. »Die Achsen des dreidimensionalen Koordinatensystems allen Verhaltens.«
Man wollte den Selbstzweck, den Willen zur Macht. Spieltrieb.
Die Menschheit hatte sich als ein Rudel gefährlicher, aus den selbstreinigenden Gehegen von Mutter Natur entkommener Mutanten bewiesen, die sich virengleich vermehrten und im Begriff standen, noch die letzten verbliebenen Ordnungssysteme auf dem Planeten zu zerstören.
Der Sinn des Lebens ist, was übrig bleibt, wenn man alles Sinnlose weglässt.
Politisch-Sein bedeutete, dass es nichts gab, wofür das System nicht verantwortlich war.
Es gibt keinen Gott, sondern ein Bedürfnis nach Gott, was dasselbe ist. ... Die Sehnsucht nach Gott war bloß der Wunsch nach einem netten Chef. ... Das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz sei eine feststehende Größe, ähnlich dem Hunger, der täglich nach einer bestimmten Kalorienmenge verlange. Wenn dieses Bedürfnis nicht befriedigt werde, laufe die menschliche Seele bettelnd durchs Land - leichte Beute für jeden Rattenfänger.
Die Beziehung von Hunden zu Menschen spiegelt exakt das Verhältnis der Menschen zu Gott. Für einen Hund ist der Mensch die Instanz, die über Leben und Tod, Futter und Verhungern, Freude und Leid gebietet. Der Mensch straft und belohnt, er spricht eine Sprache, die außerhalb des intellektuellen Radius seiner Jünger liegt, und verständigt sich deshalb in Zeichen und Wundern. Seine Beweggründe sind dem Hund nicht einsichtig.
wenn ich groß bin, werde ich Völkermörder. Dann bin ich Naturwissenschaftler und habe trotzdem eine moralische Berufung. Ich werde mich auf ethische Säuberungen spezialisieren
Wenn man dem demokratischen Zeitalter Namen geben wolle, dann doch bitte nur einen: Epoche der Heuchelei. Vor nicht allzu langer Zeit habe das Oberhaupt eines Landes, das Rohstoffe brauchte, das Notwendige ohne viel Federlesen durchgeführt, während heutzutage eine pervertierte Moral jedem Machthaber das Aufstellen von fünfundneunzig Thesen auferlege, bevor dann doch getan werde, was man seit jeher tat. In diesem Zusammenhang erscheine Terrorismus als ein rhetorisches Problem. Jeder, der solche Legitimationsbestrebungen einen ethischen Fortschritt nenne, bereite ihm nichts als Brechreiz, und das umso mehr, seitdem der verlogenste Begriff aller Zeiten die postmoderne Realpolitik zu entschuldigen habe: Sicherheit. Denn auf einem so engen Planeten könne es Sicherheit ebenso wenig geben wie ewiges Leben, und wenn die Politik etwas anderes behaupte, lüge sie.
Wir haben das Ende der Religion überlebt, wir werden auch das Ende der Philosophie überleben. Vielleicht könnt ihr auf diese Weise verkraften, was auch immer geschieht. Merkt euch zwei Dinge. Wenn das Fernsehen euch sagt, etwas sei wichtig, will irgendjemand gerade ein Produkt verkaufen. Euch bleibt nur eins: Amor fati, die Liebe zu allem, was ist.
Aufgrund perspektivischer Verzerrung schienen das wuchtige Unglück im entfernten Madrid und die kleine, aus unmittelbarer Nähe betrachtete Katastrophe eines Lehrerselbstmords von gleicher Größe zu sein. Ihr Aufeinanderfolgen erzeugte eine Bedrohung. Sobald die Menschen etwas nicht begreifen konnten, fielen sie dem Aberglauben zum Opfer, als wären Aufklärung, Forschung und Fortschritt oberflächliches Geklimper gewesen, das nur in guten Zeiten vom tragischen Geworfensein des Menschen ablenken konnte. ... Während Madrid längst am Stammtisch prominenter medialer Ereignisse saß, hinterließ Höfis Tod eine große Abwesenheit.
Diese jungen Menschen hatten keine Wünsche, keine Überzeugungen, geschweige denn Ideale, sie strebten keinen bestimmten Beruf an, wollten weder politischen Einfluss noch eine glückliche Familie, keine Kinder, keine Haustiere und keine Heimat, und sehnten sich ebenso wenig nach Abenteuern und Revolten wie nach der Ruhe und dem Frieden des Althergebrachten. Überdies hatten sie aufgehört, Spaß als einen Wert zu betrachten. Freizeit und Nichtfreizeit waren gleichermaßen anstrengend und unterschieden sich in erster Linie durch die Frage, ob man Geld verdiente oder ausgab. Hobbys zum Totschlagen der Zeit waren überflüssig, da die Zeit auch von selbst verging. Fernsehen war langweilig, die Literaturszene tot, und im Kino liefen seit Jahren nur Varianten auf drei oder vier verschiedene Filme. Diskotheken waren etwas für Liebhaber von Dummheit und schlechter Musik, und auf Schostakowitsch konnte man nicht tanzen. Diese Jugend hatte aufgehört, sich für industriell geschneiderte Moden, Identitäten, Heldenfiguren und Feindbilder zu interessieren. Weniger als jede Generation vor ihrer bildete sie eine Generation. Sie war einfach da, die Sippschaft eines interimistischen Zeitalters.
Alle Wege führen zur Erkenntnis der Nichtigkeit aller Dinge, aber keiner führt zurück.
Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen gern grausame Dinge tun, sondern darin, dass Grausamkeit so einfach ist. Und was gut funktioniert, gilt heutzutage als gut.
Der Pragmatismus, hatte Ada einmal gesagt, ersetzt uns alles, was früher die großen Ideen, die Ideologien und Religionen, der Glaube an Friede, Menschenrechte und Demokratie zu bieten hatten. Der Pragmatismus hält uns davon ab, zu Verbrechern zu werden, oder macht uns zu solchen, wenn es nötig ist. Er legitimiert das Bestehen von Rechtssystem, Familie und Arbeit, er lässt uns nett sein und empfiehlt, sich ein angenehmes Äußeres zu erwerben.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was Herr El Qamar mit seinem Verhalten bezweckte: Er wollte beweisen, dass das Spiel die letztmögliche und deshalb letztglückliche Seinsform für unsere Gattung bereithält. Wissen Sie, was übrig bleibt, wenn man dem Menschen alle Wertvorstellungen nimmt?
Aus Adas Plädoyer vor Gericht als Zeugin an die Richterin ("kalte Sophie"):
Sie dienen der Demokratie, diesem ephebischen Wesen, das sich weigert, den frei gewordenen Thron des Höchsten einzunehmen und stattdessen wie ein Bürschchen auf den Stufen sitzt und dem Volk zulächelt: Seht her, ich bin einer von euch, seht her, ich bin ihr. L'état c'est moi. Der Demokratie dienen Sie, und damit der ideologiefreiesten Ideologie der Welt. Alt ist sie geworden, trägt Runzeln im Gesicht, hat sich längst zum Sterben hingelegt und hält das Zepter nur noch schwach in der Hand, an dessen anderem Ende die virile Wirtschaft mit aller Kraft zieht. Die Kinder der Demokratie sind groß geworden, haben selbst längst Kinder und Enkelkinder, und diese betrachten das Bild der Urmutter mit Gleichgültigkeit. Auch insoweit dienen Sie einer halb toten Göttin.
Der ideale Mensch unserer demokratischen Grundordnung ist ein geistig-sittliches Wesen und gestaltet seine Freiheiten nicht als diejenige eines isolierten und selbstherrlichen, sondern als die eines gemeinschaftsbezogenen und gemeinschaftsgebundenen Individuums
Erlauben Sie mir für einen Moment, als ein >Wir< zu sprechen, vielleicht als literarisches >Wir<, als das >Wir< eines überindividuellen Zusammenhangs, als >Wir< in der Rolle eines Prototyps. Wir schütteln wie ein Mann die Köpfe angesichts des erwähnten höchstrichterlichen Zitats, und unser massenhaftes Kopfschütteln wird eines Tages einen Sturm ergeben, der die Dächer der Häuser davonträgt. Der ideale Mensch ein geistig-sittliches Wesen? Nicht isoliert und selbstherrlich? Gebunden an und bezogen auf die Gemeinschaft? Welche Gemeinschaft, werden wir fragen, und unser Gelächter wird zum donnergrollenden Soundtrack unserer Verständnislosigkeit.
Wir sind der banalen und kleinkrämerischen Reglementierungen müde, die uns bei Strafe zwingen, ein Licht an unser Fahrrad zu schrauben, mit dem Rauchen bis zum sechzehnten Lebensjahr zu warten und unsere Autos für zwei Euro pro Stunde in ein Kästchen zu stellen, das irgendjemand fein säuberlich auf den Boden gemalt hat, während wenige Flugstunden entfernt ganze Welten verbrennen, vertrocknen, ersaufen, explodieren, verbluten. Wir passen nicht mehr zu diesem Staat, wir sind dem System vorausgeeilt, von den Gedanken und Wünschen vergangener Generationen über die Linie hinausgedrängt worden und stehen außerhalb, kopfschüttelnd, wie es alle paar Jahrzehnte einer Generation passiert. ... Was nützt es uns, dass wir in zwei oder drei Jahrzehnten Recht gehabt haben werden ... Wir müssen uns anhören, dass es böse sei, wenn eine Schülerin ihren Lehrer verführt, sittenwidrig, wenn der Lehrer mit dieser Schülerin schläft, anormal, wenn ein dritter Beteiligter das Geschehen protokolliert, entartet, wenn der Lehrer durch seine Angst vor Entdeckung zum Weitermachen angehalten wird.
Warum behandeln Sie einen Täter mit Milde, der, Ihnen zur Freude, sein Unrechtsbewusstsein beweist und behauptet, sich zu schämen und seine Tat zu bereuen? Wir alle wissen, dass allein die Angst vor Strafe dem geständigen Täter das Wasser aus den Augenwinkeln treibt. Warum belohnen Sie nicht jenen, der sich aufrichtet und sagt: Ich weiß, was ich getan habe, und ich weiß, warum!?
wie seltsam es ist, nach allen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts die Entscheidung über Recht und Unrecht ausgerechnet in die Hände von Staaten zu legen.