Mein Vater war Gott
um 16:59Mein Vater war Gott und wusste es nicht.
Er gab mir die Zehn Gebote
nicht im Donner und nicht im Zorn,
nicht im Feuer und nicht in der Wolke,
sondern in Sanftheit und in Liebe.
Und er fügte Streicheln hinzu
und fügte gute Worte hinzu,
und er fügte "bitte" hinzu
und fügte "ich flehe dich an" hinzu.
Und er sang gedenke (Sachor) und bewahre (Schamor)
in einer einzigen Melodie,
und er flehte
und weinte still
zwischen Wort und Wort:
Du sollst
den Namen deines Gottes nicht zum Nichts erheben,
du sollst ihn nicht erheben, nichts zum Nichts,
bitte,
lege kein falsches Zeugnis ab gegen deinen Nächsten.
Und er umarmte mich fest
und flüstert mir ins Ohr:
Du sollst nicht stehlen,
du sollst nicht ehebrechen,
du sollst nicht morden.
Und er legte die Handflächen seiner offenen Hände
auf meinen Kopf
mit dem Jom-Kippur-Segen:
Ehre, liebe,
damit deine Tage lang werden
auf der Erde.
Und die Stimme meines Vaters war weiss
wie das Haar seines Kopfes.
Danach wandte er mir sein Gesicht zu,
zum letzten Mal,
wie an dem Tag,
an dem er in meinen Armen starb,
und sagte:
Ich möchte
zwei zu den Zehn Gebote hinzufügen:
Das elfte Gebot:
"Du sollst dich nicht verändern."
Und das zwölfte Gebot:
"Verändere dich, du wirst dich verändern."
So sprach mein Vater,
und er wandte sich von mir ab und ging,
und verschwand
in seine fremden Fernen.
Yehuda Amichai
Er gab mir die Zehn Gebote
nicht im Donner und nicht im Zorn,
nicht im Feuer und nicht in der Wolke,
sondern in Sanftheit und in Liebe.
Und er fügte Streicheln hinzu
und fügte gute Worte hinzu,
und er fügte "bitte" hinzu
und fügte "ich flehe dich an" hinzu.
Und er sang gedenke (Sachor) und bewahre (Schamor)
in einer einzigen Melodie,
und er flehte
und weinte still
zwischen Wort und Wort:
Du sollst
den Namen deines Gottes nicht zum Nichts erheben,
du sollst ihn nicht erheben, nichts zum Nichts,
bitte,
lege kein falsches Zeugnis ab gegen deinen Nächsten.
Und er umarmte mich fest
und flüstert mir ins Ohr:
Du sollst nicht stehlen,
du sollst nicht ehebrechen,
du sollst nicht morden.
Und er legte die Handflächen seiner offenen Hände
auf meinen Kopf
mit dem Jom-Kippur-Segen:
Ehre, liebe,
damit deine Tage lang werden
auf der Erde.
Und die Stimme meines Vaters war weiss
wie das Haar seines Kopfes.
Danach wandte er mir sein Gesicht zu,
zum letzten Mal,
wie an dem Tag,
an dem er in meinen Armen starb,
und sagte:
Ich möchte
zwei zu den Zehn Gebote hinzufügen:
Das elfte Gebot:
"Du sollst dich nicht verändern."
Und das zwölfte Gebot:
"Verändere dich, du wirst dich verändern."
So sprach mein Vater,
und er wandte sich von mir ab und ging,
und verschwand
in seine fremden Fernen.
Yehuda Amichai
