Kehlmann-Vermessung

2005 wurde diese fiktive Doppelbiographie über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß von Daniel Kehlmann zum sofortigen Bestseller. Flott und packend geschrieben, zeigt dieser Roman jedoch auch sein Manko: Er prägt die Vorstellung über zwei wirklich gelebt habende Menschen.

So wird Gauß nicht nur als brillanter Mathematiker, sondern auch als Eigenbrötler, Bordellgeher, Arroganzling, Kinderschläger präsentiert. Der weltgewandte Humboldt wird nicht nur dem Stubenhocker und Ungern-Reiser Gauß, sondern auch dem in der Society angesehenen Bruder Wilhelm (Kanzler will er werden, Minister und Universitätsgründer wird er) gegenübergestellt. Alexander Humboldt selbst wird an einer Stelle nur leicht verklausuliert unterstellt, dass er sich "Knaben" hingezogen fühle. Seine "vermutete Homosexualität" wird ja jetzt auch zum "interessanten" Forschungsgegenstand (so der Historiker Andreas W. Daum auf humboldt-foundation.de).

Vielleicht selbstironisch legt Kehlmann Gauß Bedenken zu so einem fiktionalisierenden Projekt in den Mund:
Künstler vergäßen zu leicht ihre Aufgabe: das Vorzeigen dessen, was sei. Künstler hielten Abweichungen für eine Stärke, aber Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt. Bühnenbilder etwa, die nicht verbergen wollten, daß sie aus Pappe seien, englische Gemälde, deren Hintergrund in Ölsauce verschwimme, Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde.
So werden einem die außerordentlichen Leistungen der beiden zwar unterhaltsam nähergebracht (Kehlmann kann ja schreiben), aber Vorsicht bleibt angebracht. Die beiden haben auch ganz anders denken, sprechen und handeln können.

Schublade? Postmoderne Dokufiktion.