Meyerhoff-Amerika

Der deutsche Schauspieler und Theaterregisseur Joachim Meyerhoff veröffentlichte 2011 den ersten Teil einer fiktionalisierten Autobiographie, mit der er zuvor bei Bühnenveranstaltungen am Wiener Burgtheater große Erfolge gefeiert hat. Das Buch umspannt die Zeit, in der er als 17-Jähriger ein Jahr als "Austauschschüler" in der US-Kleinstadt Laramie in Wyoming verbracht hat. In diese kommt er, weil er beim Bewerbungsverfahren in Hamburg als in Schleswig Lebender Naturverbundenheit und Tiefgläubigkeit angegeben hat, da er gegen die schnöselhafte Hamburger Stadtjugend für einen Platz in einer Großstadt keine Chance gesehen hat.

Der Erzählfluss ist chronologisch mit Erinnerungseinsprengsel aus der Kindheit, wobei hauptsächlich eine Anekdote nach der anderen gereiht wird. Auch wenn rückblickend geschrieben wird, gibt es kaum Reflexionen, es wird aus der Denksicht des 17-Jährigen geschrieben, der Sprachstil ist lakonisch, distanziert, (versucht) witzig. Fiktionalisiert bedeutet aber auch, dass man nicht weiß, was echt Erlebtes und was Erfundenes ist.

Die Kernthemen sind typisch für einen Coming of Age-Roman: Liebe, Sex, Freundschaft, Loslösung von der Familie, Selbstfindung.

Das Ich (Joachim) gewöhnt sich schnell bei seiner neuen Gastfamilie ein, geht mit ihr regelmäßig in die Kirche, hilft beim Schneeschaufeln, unternimmt Ausflüge mit ihr. Auch die US-Lebensweise, die zum Teil sehr klischeehaft dargestellt wird, fasziniert ihn. An der Schule nimmt er Fächer, die ihn interessieren (zum Beispiel Klettern oder Tauchen), da er in Deutschland das Schuljahr sowieso wiederholen wird. Sein großes Ziel ist, in die Basketballmannschaft der Schule aufgenommen zu werden, was ihm - obwohl er im Vergleich zu den anderen praktisch nichts kann - gelingt, wohl auch weil der Trainer ein Deutschlandfan ist. Durch das knallharte regelmäßige Training ist er am Ende des Aufenthalts ein durchtrainierter, konditionsstarker junger Mann.

In Schleswig hat er eine Freundin, und er beklagt, dass er noch nie mit ihr hat schlafen dürfen. Beim Bewerbungsgespräch in Hamburg bucht er eine Schwarze Sexarbeiterin für einen "Tittenfick", in den USA hat er mit einer Mitschülerin bei einer winterlichen Whirlpool-Party Sex. Mit ihr bleibt eine lockere Verbindung und bei einer Houseparty wiederholen sie diesen Akt in einer Badewanne. Das Wasserbett bei seiner Gastfamilie nutzt er für Masturbationstechniken. Nach Rückkehr ist Joachim wieder mit seiner Freundin beisammen und nun ist auch Sex Teil ihrer Beziehung.

Brüder spielen eine zentrale Rolle im Werk. Joachim ist der Jüngste und der Mittlere kommt während seines Amerika-Aufenthalts bei einem Autounfall ums Leben. Zwar nimmt Joachim am Begräbnis teil, fliegt aber bald wieder zurück nach Laramie. Nach Rückkehr braucht es lange, bis er wieder das Grab besuchen kann.

Skurril ist die Geschichte um Randy Hart. Mit einem Ex-Lehrer (Mental-Coach und Bodybuilder - rausgeschmissen nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit einem mexikanischen Schüler während eines Provokationstrainings) besucht er das Landesgefängnis und im Todestrakt ruft ihm ein Randy Hart nach, er solle ihm auf Deutsch schreiben. Hart ist der Sohn eines in Deutschland stationiert gewesenen US-Soldaten und hat auf einer Provinztankstelle in Deutschland bei einem Überfall zwei Menschen getötet. In den USA ist er dafür zum Tode verurteilt worden und sitzt seit 16 Jahren im Todestrakt. Joachim schreibt ihm regelmäßig, auch nach Rückkehr nach Deutschland. Eines Tages taucht Hart auf. Knapp vor der Hinrichtung ist er durch deutsche Intervention begnadigt worden und nach Deutschland geflogen. Joachims Eltern nehmen ihn zunächst im Haus auf und der Vater verschafft ihm einen Gärtnerjob an der psychiatrischen Anstalt, in der er Arzt ist. Zwischen Joachim und Hart entsteht eine gewisse Freundschaft, und mit ihm besucht Joachim zum ersten Mal nach Rückkehr das Grab seines Bruders.

Wie wenig reflektiert der Text ist, zeigt die Episode bei der oben erwähnten Hausparty. Ein Schüler hat sturmfreie Bude und praktisch die komplette Stadtjugend stürmt die Party, säuft und kifft und verwüstet das Haus. Für Joachim ist nur wichtig, dass er bei dieser Gelegenheit mit Maureen in der Badwanne Sex hatte. Empathie mit dem "Gastgeber"? Eher nicht.

Meyerhoff war wirklich als Schüler ein Jahr in Laramie, trotzdem lässt sich kaum erschließen, wie weit die zum Teil schreienden Klischees erfunden, übertrieben oder real sind. Frauen mit "Betonfrisuren" und übertriebener Schminke, Provinzstadtjugend mit hüpfenden Autos, Partys mit Komasaufen, Macho-Lehrer. Alles detailliert in einer Anekdote nach der anderen. Im Gegensatz dazu kommt die Natur, die ihn beeindruckt, sehr kurz. Als ob Meyerhoff Ausflüge in den Grand Canyon oder in die China Town von Chicago nicht selbst erlebt hätte.

Die Prüfung im Tauchkurs ist auch sehr eigentümlich. Sie müssen paarweise etwa 30 Meter in ein Projektilbecken der Navy eintauchen, um die zweite Hälfte der Ausrüstung (darunter eine Sauerstoffflasche) hochzuholen. Eine lebensgefährliche Prüfung. Eine erfundene Metapher für einen Initiationsritus ins Erwachsenenleben?

Und genau dies ist das Problem des Romans. Er gibt vor, eine Autobiographie zu sein, ist aber eine Autofiktion. Der reale Aufenthalt von Meyerhoff könnte auch stinklangweilig gewesen sein. Nur: Für eine Fiktion, also einen Coming of Age-Roman mit erfundenen Charakteren, wäre dieser Text viel zu übertrieben und abgesehen vom oft gelungenen Schreibstil wegen seiner Klischees zu simpel. Spannung erhält er eigentlich erst dadurch, dass man sich die Frage stellt: "Hat Meyerhoff das wirklich erlebt?" Konzeptionell ist das ein von Whitley Strieber in seinem Roman Communion (Die Besucher) angewendetes Verfahren. Eine Alien-Entführungsgeschichte wird deswegen spannend, weil Strieber vorgibt, die Alien-Besuche hätte er selbst erlebt.

Ein Klischee ist im Roman, das ich nie habe nachvollziehen können. Nach einem Jahr USA spricht Joachim gebrochen Deutsch. Beispiel:
In der Highschool, da hab ich Sachen erlebt. Incredible! Da laufen lauter schwangere Mädchen rum. Here I never … hab ich noch nie ein schwangeres Mädchen in school gesehen.
Sorry. Nein. So spricht niemand.

  • Positive Seite: Flotter, witziger Stil.
  • Negative Seite: Maßlose Übertreibungen, Fiktives und Reales vermischt (das Problem von Autofiktionen)