Anton Schink-Wahrheit

Andreas Anton und Alan Schink sind Soziologen und haben 2021 dieses Sachbuch über Verschwörungstheorien veröffentlicht. In diesem geben sie einen Überblick über die Theorie der Verschwörungstheorien und einen Überblick über mehr oder weniger alle bekannten Verschwörungstheorien. Auch verfolgen sie eine Agenda, wie mit Verschwörungstheorien umgegangen werden soll, wobei sie ihren liberalen Ansatz nicht verstecken.

Historisch gesehen seien Verschwörungstheorien Mainstream in Diktaturen (jüdische Weltverschwörung, finanzkapitalistische Weltverschwörung) wie in Demokratien (kommunistische Weltverschwörung) gewesen. Wohl beeinflusst von den Verschwörungstheorien bezüglich des Kennedy-Mords hat der US-Historiker Richard Hofstadter 1964 Verschwörungstheorien mit Paranoia verknüpft und damit einen diskreditierenden Rahmen gesetzt, der seitdem die Bewertung von Verschwörungstheorien dominiere. Verschwörungstheoretische Spekulationen seien pathologisiert worden.

Als drei kennzeichnende Grundmerkmale für Verschwörungstheorien nennt der US-Politologe Michael Barkun:


  1. Nichts geschieht durch Zufall.
  2. Nichts ist, wie es scheint.
  3. Alles ist miteinander verbunden.


Barkun unterscheidet ferner zwischen ereignisbezogenen Verschwörungen (Ermordung Kennedys), systemischen Verschwörungen (Juden, Freimaurer, Finanzkapital, ...) und Superverschwörungen (David Ickes Reptiloiden). Die These der Autoren: Je größer die Verschwörungsannahme, desto schwieriger wird eine Widerlegung.

Der US-Philosoph Brian L. Keeley unterscheidet zwischen allgemeinen Verschwörungsannahmen (falsche Beweise als Anlass für den Irakkrieg 2003) und ungerechtfertigte Verschwörungstheorien.

Die Autoren fassen zusammen:
Verschwörungstheorien gehen davon aus, dass es eine geheime, verborgene Wirklichkeit gibt, dass die Dinge nicht so sind, wie sie dargestellt werden. Sie suchen nach Zusammenhängen, Mustern, Verbindungen, Codes oder geheimen Zeichen und vermuten oder behaupten konspiratives Handeln als Ursache für bestimmte historische oder aktuelle Ereignisse.
Auch trennen die Autoren zwischen wahren und falschen bzw. sozial anerkannten und nicht anerkannten Verschwörungstheorien.

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Soweit der theoretische Teil. Im Anschluss folgt eine Übersicht über viele VTs und hier sei nur eine bemerkenswerte Information bezüglich UFOs wiedergegeben (alles andere ist mehr oder weniger in einem Forum wie Allmy als bekannt vorauszusetzen - für mich war nichts Neues dabei).

Bezüglich UFOs. Der Physiker Paul Bennewitz stellte in New Mexico mit seiner Firma hochsensible Messgeräte für NASA und die Air Force her. Sein Haus lag in der Nähe des Kirtland-Luftwaffenstützpunktes, Bennewitz war an UFOs interessiert und hatte eine private "Abhörstation" eingerichtet. Von ihm nicht einordenbare Signale waren für ihn ein Indiz für außerirdische Aktivitäten und er meldete es am Stützpunkt. An diesem wurden Atomwaffen gelagert und geheime Militärprojekte getestet. Reaktion: Der Stützpunkt verbot ihm nicht das Abhören, sondern fütterte ihn mit total falschen Infos über angebliche UFOs, um Militärgeheimnisse zu schützen. Einer der Informanten hieß William Moore, der nicht nur ihn, sondern auch die UFO-Szene mit Falschinfos über Außerirdische versorgte. Moore veröffentlichte über Roswell und war derjenige, der gemeinsam mit Richard Doty die Majestic-12-Dokumente in Umlauf brachte.

Im Schlusssteil wird diskutiert, wie mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien in einer demokratischen Gesellschaft umgegangen werden soll. Als bedenklich wird gesehen, dass im Zuge der Covid-Pandemie Überwachungsbefugnisse ausgeweitet worden sind und datenschutzrechtlich nicht konforme Technologien zum Einsatz kommen. So werde nicht zwischen ernsthaften, strafbaren Handlungen und strafrechtlich irrelevanten Aussagen unterschieden.

Bezüglich dem Begriff Filterblase wird konstatiert, dass der Schöpfer dieser Theorie, der Journalist Eli Pariser, diese überstrapaziert sehe. Filterblasen und Echokammern habe es bereits vor dem Internet gegeben. Mit dem deutschen Medienwissenschafter Bernhard Pörksen gehen die Autoren eher davon aus, dass es in den Sozialen Medien einen zuvor kaum vorhandenen Filter Clash gebe. Die permanente Konfrontation mit gegensätzlichen Meinungen führe zur Verhärtung von eigenen Ideen.

Moniert wird auch, dass der klassische Journalismus in den 1990er Jahren begonnen habe, nicht mehr Berichterstatter, sondern Meinungsträger zu sein, eine Seite des Meinungsstreits zu vertreten. Vor allem der Abgrenzungsversuch zu zum Teil sehr erfolgreichen "alternativen Medien" habe dazu geführt.

Kritisiert wird auch die vom deutschen Verfassungsschutz 2021 eingeführte Kategorie "verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates", womit Kräfte gebündelt würden, die beim Einsatz gegen kriminelle Organisationen fehlen würden.

Insgesamt schaukle sich die Sitaution hoch. Die Verschwörungstheoretiker hätte Angst vor einer bösen Elite, die andere Seite habe Angst vor einer Unterwanderung der Gesellschaft durch Verschwörungstheoretiker. Je aggressiver der Staat reagiere, desto größer sei jedoch die Gefahr, dass Anhänger:innen von Verschwörungstheorien sich radikalisieren könnten.

Die beiden Autoren setzen auf Deeskalation. Grundsätzlich halten sie das Veröffentlichen von strafrechtlich nicht relevanten Verschwörungstheorien für weniger gefährlich als deren Unterbindung (durch Staat oder Medienbetreiber). Vielmehr setzen sie auf Diskurs und Medienkompetenz, wobei sie sieben Prinzipien einer "redaktionellen Gesellschaft" im Zeitalter der Sozialen Medien als Orientierung heranziehen:


  1. Wahrheitsorientierung
  2. Skepsis: Informations- und Quellenkritik
  3. Verständigungs- und Diskursorientierung
  4. Relevanz und Proportionalität: eigene Beiträge auf Relevantes beschränken
  5. Kritik und Kontrolle: Kritik annehmen und auf ihre Berechtigung prüfen
  6. Prinzip der ethisch-moralischen Abwägung: die Folgen eigener Beiträge abschätzen
  7. Prinzip der Transparenz: Offenlegung von Quellen bzw. Vorgehensweisen


Die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Kompetenzstärkung wird wie folgt formuliert:
Die gezielte Vermittlung und Stärkung der genannten Faktoren (historische und politische Bildung, Medien- und Kommunikationskompetenz im Sinne eines ›redaktionellen Ichs‹ sowie spezifisches Wissen über Verschwörungstheorien) stellt unseres Erachtens die wirksamste und gleichzeitig für freiheitliche Demokratien angemessenste Strategie zur Immunisierung der Bevölkerung gegen die negativen Aspekte von Verschwörungstheorien dar.
Zur Abgrenzung zu strafrechtlich relevanten Taten wird festgehalten:
Bewegungen wie der ›Weiße Marsch‹ in Belgien nach dem Dutroux-Skandal, die 9/11-Wahrheitsbewegung, ›Occupy Wallstreet, die Montagsmahnwachen für den Frieden oder auch die Corona-Maßnahmen-Proteste sind, solange sie sich im »Innovationskorridor« der rechtsstaatlichen Ordnung bewegen, Ausdruck von sowie Forderung nach einer lebendigen Demokratie. Auch provokative Protestformen und ziviler Ungehorsam gehören dazu. Extremismen jeder Art sind dagegen per Definition jenseits der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und müssen entschieden bekämpft werden.
Und abschließend:
Verschwörungstheorien sind eine Herausforderung für die offene Gesellschaft, wie sie Karl Popper vor über 75 Jahren konzipierte. Zum einen, weil sie zum Teil mit Haltungen verbunden sind, die die Prinzipien der offenen Gesellschaft explizit ablehnen. Zum anderen aber auch und insbesondere deshalb, weil der ›Kampf gegen Verschwörungstheorien‹ immer häufiger mit Mitteln geführt wird, die selbst eine Bedrohung für die offene Gesellschaft darstellen.
Auch wenn kaum Neues an VTs vorgestellt wird, sind einige Gedanken in diesem Buch durchaus eine Überlegung wert, auch im Hinblick darauf, wie festgefahrene Streitmuster aufgebrochen werden können. Die Kritik an überzogenen staatlichen Maßnahmen ist berechtigt.