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Romy Jaster & David Lanius - Die Wahrheit schafft sich ab
20.07.2026 um 17:52
Dieser Band erschien 2019. Romy Jaster (Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität Berlin) und David Lanius (damals wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie, heute Assistenzprofessor für Praktische Philosophie und Philosophiedidaktik an der Universität Salzburg) sind Gründer des Forums für Streitkultur (Internetpräsenz). Ziel dieses Buchs ist, grundlegende Informationen über Fake News zu bieten, die auch didaktisch verwertet werden können, da für die beiden Autor:innen die Kompetenz des kritischen Denkens grundlegend dafür ist, dass Menschen nicht auf Fake News reinfallen.
Sie beginnen mit damals aktuellen Beispielen von Fake News, wobei ich jedoch nicht wusste, dass Pakistan Israel mit einem Atomschlag drohte, weil die Regierung die Fake News, dass Israel Pakistan mit einem nuklearen Angriff gedroht habe, für wahr gehalten hat.
Fake News kämen aber nicht immer von Randgruppen, so waren die Angriffslüge auf den Sender Gleiwitz (1939) und die Lüge über irakische Massenvernichtungswaffen (2003) klassische von Regierungen ausgehende Fake News, die jeweils einem Angriffskrieg vorausgingen.
Um Fake News von Falschmeldungen (zum Beispiel Chrustschows Tod 1963) abgrenzen zu können, würden sie zwei Merkmale benötigen:
- einen Mangel an Wahrheit (entweder faktisch falsch oder irrefühend)
- einen Mangel an Wahrhaftigkeit (der Produzent will entweder absichtlich täuschen oder ihm ist die Wahrheit egal wie im Fall der Jugendlichen aus Veles in Nordmazedonien)
Fake News seien aus psychologischen Gründen besonders erfolgreich:
- Aufmerksamkeitsökonomie: negative Nachrichten erhalten eine größere Aufmerksamkeit (auch eine Grundregel des Boulevards)
- Bestätigungsfehler: Man glaubt eher, was der eigenen Überzeugung entspricht, und es werden Informationen vermieden, die eine kognitive Dissonanz hervorrufen können
- Informationskaskaden: Je mehr Menschen eine Nachricht für glaubwürdig halten, desto eher wird sie als wahr akzeptiert (experimentell belegt)
- Konformitätskaskaden: Man schließt sich Mehrheitsmeinungen innerhalb einer Gruppe an, auch wenn man selbst nicht unbedingt überzeugt ist (experimentell belegt)
- Echokammern: Man kommuniziert hauptsächlich mit Menschen, welche das eigene Weltbild teilen
- Tribalistische Biotope: Gruppen radikalisieren sich in ihren Meinungen und Entscheidungen, wenn sie ausschließlich mit sich selbst kommunizieren (experimentell belegt)
In Zweifel gezogen wird, ob Algorithmen alleine eine sogenannte Filterblase erzeugen. Dies ist bis dato nicht belegt gewesen. Daher wird der These gefolgt, dass Beitragsvorschläge, die nicht der eigenen Meinung entsprechen oder von abgelehnten Medienproduzent:innen stammen, aus den oben genannten Gründen einfach nicht angeklickt werden.
Zwiespältig werden auch Faktenchecks gesehen. Nicht weil sie falsche Informationen aufdecken, sondern weil sie die dahinterliegenden Fake News, Verschwörungstheorien u. a. wiederholen und somit auch verbreiten würden. Darauf sollte geachtet werden. Denn Fake News sind immer auch Machtspiele. Die Tabakindustrie diskreditierte die Krebsforschung, die Lobbys fossiler Energieträger diskreditieren die Klimaforschung, Populisten diskreditieren kodexgebundenen Journalismus, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Die Diskreditierung soll Verunsicherung hervorrufen und ein wirtschaftliches oder ein politisches System destabilisieren.
Auch sei es demokratiepolitisch kaum wünschenswert, dass Fake News gelöscht würden, die keinen strafrechtlich relevanten Inhalt hätten, da dies dem Meinungsfreiheitsgrundsatz widersprechen würde.
Der Ansatz von Jaster und Lanius sei deshalb, in Dialog zu treten, eine Streitkultur zwischen Menschen unterschiedlicher Ansichten zu entwickeln, sodass aus dem Dialog gelernt werden könnte.
Am Ende gibt es noch zwei Checklisten, mit denen Informationen abgefragt werden sollen: Wie plausibel ist die Nachricht? Werden Quellen angegeben? Wer sind die Verfasser der News? In welchem Medium werden die News verbreitet? Gibt es weitere unabhängige Quellen für diese Nachricht? Also eh der Standard eines Faktenchecks.
Das Buch ist flott zu lesen und ist noch nicht ganz veraltet, wenn auch die Beispiele Jüngeren vielleicht nicht mehr ganz so geläufig sind.