Stanley-Propaganda

Jason Stanley ist Philosoph und arbeitet derzeit an der Universität von Toronto, zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buchs 2015 war er an der Yale-Universität tätig. Der Titel klingt nach einem Beratungsbuch, in Wirklichkeit mäandert er mit vielen Beispielen durch die Philosophiegeschichte und die aktuelle Politik. Zum Teil hinterlässt die Lektüre den Eindruck, als ob Stanley nur zeigen will, wie gut er sich in Philosophiegeschichte auskennt. Der rote Faden geht nicht nur einmal etwas verloren.

Die Grundthese erinnert an Marx: Propaganda basiere auf einer flawed ideology, also auf so etwas wie falschem Bewusstsein, das nicht nur in autoritären Staaten, die ihre Struktur mit einer übermäßigen Verwendung des Begriffs "Demokratie" maskierten, sondern auch in demokratischen Gesellschaften vorhanden sei. Beispiele für falsches Bewusstsein und die darauf bauende Propaganda in demokratischen Staaten nimmt er hauptsächlich aus den USA und den Begrifflichkeiten von Weißen, welche Afroamerikaner und andere nicht-weiße Minderheiten sowie Frauen aller Coleur marginalisieren. Mehrfach wird das Beispiel herangezogen, dass Aussagen wie, Schwarze würden den Wohlfahrtsstaat benötigen, impliziere, dass sie faul seien. Auch Werbung arbeite mit Propagandamethoden, indem assoziative Produktversprechungen nichts mit dem Produkt selbst zu tun haben (Biertrinken mache nicht athletisch und sportlich).

Es existiere nicht nur unterminierende Propaganda, die er so definiert, dass sie die Werte liberaldemokratischer Staaten (Freiheit, Autonomie des Individuums, Menschlichkeit, Empathie und vernünftige Entscheidungsfindung) untergraben. Vor allem die letzten beiden Kennzeichen würden durch unterminierende Propaganda angegriffen (Ausgrenzung von Minderheiten, Emotionalisierung). Wobei auch maskiert vorgegangen würde: Die propagierende Gruppe stellt sich so dar, als ob sie genau diese Werte, die sie unterminieren will, verteidige, wobei der Angriff besonders gegen Empathie gerichtet sei, Außengruppen dehumanisiert, also entmenschlicht würden. Auch liberale Systeme nützten Propaganda, und das nicht nur zur Verstärkung liberaler Werte, sondern auch zur Durchsetzung diesen widerstrebender Partialinteressen (Beispiele: die Lügen bezüglich des Irak vor dem Angriff der USA 2003 oder die Verstärkung eines Generalverdachts gegen Muslime nach den Anschlägen von 2001).

Zentral von Bedeutung für die propagandistische Verbreitung von Werten seien Schulen und Medien. Aus diesem Grund sei der Kampf um die Dominanz im Bildungswesen sowie um Medienhoheit besonders ausgeprägt. Als Beispiel für den Einfluss auf das Bildungswesen zitiert Stanley eine interne Anweisung der chinesischen Regierung an die Hochschulen vom 13. Mai 2013, in der diese angewiesen wurden, die Themen universelle Rechte, freie Presse, Zivilgesellschaft, unabhängige Gerichtsbarkeit, menschenfreundlicher Kapitalismus sowie Fehler der KPCh nicht anzusprechen.

Zur Fragestellung, warum Propaganda bei Propagierten wirkt, zieht Stanley hauptsächlich psychologische Studien heran. Dazu zählen:

  • Gruppenloyalität, auch wenn die propagierten Werte eigenen widersprechen
  • Autoritätsglaube, besonders wenn Autoritäten als Expert:innen ausgewiesen sind (Milgram-Experiment)
  • Bestätigungsfehler (confirmation bias): Propagandaargumente, die den eigenen Werten entsprechen, werden eher angenommen, auch wenn sie rational nicht begründbar sind


Das Buch ist schon ok, aber es hätte konziser (knackiger) ausfallen können.