Narrenschiffer
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Network Propaganda
gestern um 19:23
Ein Jurist und zwei Soziologen vom Berkman Klein Center for Internet & Society an der Harvard University analysierten in einem Zeitraum von drei Jahren vor und nach Trumps erstem Wahlsieg Millonen von Tweets und hunderte Millionen von Facebook-Shares, um der Frage nachzugehen, welchen Einfluss Internetpropaganda auf den Wahlausgang hatte. Die Schlussfolgerung ist ernüchternd: keinen.
Die Rechtsaußenplattformen Breitbart, Infowars, Truthfeed, Zero Hedge und Gateway Pundit hätten zwar Themen gestreut, doch der wahre Multiplikator war FOX News. Etwa 40 Prozent der Trump-Wähler:innen konsumierten fast ausschließlich diesen TV-Sender, um sich über Politik zu informieren. Hinzu kommt eine Feedbackschleife mit den traditionellen qualitätsorientierten Medien. Sobald Trump irgendeinen Schwachsinn tweetete, war dieser von den Qualitätsmedien übernommen und damit thematisiert. Dies war der Weg, eine extrem hohe Anzahl von Menschen zu erreichen. Ein paar hunderttausend oder auch Millionen Follower wären propagandistisch irrelevant gewesen. Und diese Feedback-Schleifen wurden gesucht und gefunden. Sobald die Story in den großen Medien war, wurde sie von den Verbreitern als Quelle zitiert (CNN und New York Times waren auf Twitter und Facebook die meist verlinkten Medien). Die Autoren nennen dies "Netzwerk-Propaganda". Die Fake-News-Seiten der alt.right hätten nur etwa 2,6 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung erreicht. Von den 18-29-Jährigen nutzen 53 Prozent ausschließlich das Internet bzw. soziale Medien, um sich zu informieren, unter 40 Prozent von ihnen haben Trump gewählt.
Auch die Frage, ob sich das Internet destabilisierend auf eine Gesellschaft auswirkt, kann nicht positiv beantwortet werden. Im Gegenteil. Das Internet transportiert destabilisierende, polarisierende Botschaften, da die Gesellschaft bereits zerrüttet ist. Die Entwicklung der Polarisierung in den USA wird anhand des Stimmverhaltens der Kongressabgeordneten seit 1945 analysiert und es wird festgestellt, dass beginnend mit Mitte der 1970er Jahre es immer weniger gemeinsame Abstimmungen für ein Gesetz gibt, bis sich schließlich zwei konträre Lager ausbildeten. Diese Polarisierung geht nach unten zu den Aktivist:innen und für die Wahlen 2016 lässt sich nicht mehr feststellen, ob und wie stark die Wähler:innen polarisiert waren. Eine große Mehrzahl der Wähler:innen beider Lager interessierte sich kaum für Politik, wie Umfragen ergaben.
Auch die russischen Propaganda-Anstrengungen (es wird davon ausgegangen, dass der Clinton-Mail-Hack eine russische Tat war) hätten alleine keinen Erfolg gezeigt. Dies zeige sich an Themen, welche russische Sockenpuppen in Umlauf brachten und gleich wieder abstarben. Erfolgreich waren die Themen, die FOX News aufgriff. Auch war die Propaganda, die gegen Clinton gerichtet war, nicht für das Trump-Publikum veröffentlicht, sondern für Bernie-Sanders-Anhänger, um diese von einer Wahl für Clinton abzuhalten.
Mit demselben Ziel, nämlich Wähler von der Wahl fernzuhalten, wurde das Microtargeting von Cambridge Analytica eingesetzt. Cambridge Analytica kaufte Millionen von Facebook-Profildaten, um gezielt Werbung nur einem klar umrissenen Zielpublikum zuzuspielen. Wie groß der Nutzen ist, wurde an der Universität Cambridge mit einem neutralen Inhalt durchgespielt und man kommt zum Schluss, dass in einem Staat wie Pennsylvania etwa 3000 Wähler:innen damit beeinflusst werden können. Trump gewann mit 44.000 Stimmen Vorsprung. Cambridge Analytica war also kaum für den Wahlsieg von Trump verantwortlich.
Erschreckend ist eine Analyse der Faktencheck-Plattform PolitiFact bezüglich des Anteils an Falschinformationen (bewusst oder unbewusst) bei den vier größten Fernsehnachrichtenkanälen (gerundet):
FOX-News: 60 %
MSNBC: 40 %
ABC: 35 %
CNN: 28 %
Das auf den Punkt gebrachte Fazit lautet:
There is no echo chamber or filter-bubble effect that will inexorably take a society with a well-functioning public sphere and turn it into a shambles simply because the internet comes to town. The American online public sphere is a shambles because it was grafted onto a television and radio public sphere that was already deeply broken.Wer sich für diese Thematik interessiert und Unmengen an tabellarischen und graphisch aufbereiteten Daten studieren möchte: Dies ist das Buch. Und ich denke, es ist auch acht Jahre nach Erscheinen noch nicht gänzlich veraltet, sondern regt an, über die Rolle des direkten Zugriffs auf Medien, wie ihn das Internet bietet, nachzudenken.