Zufall
29.09.2010 um 16:06Zufall In gewissen Situationen nimmt der Zufallsbegriff eine nicht mehr bloß operationale, sondern eine wesensmäßige Bedeutung an.
Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man von »absoluter Koinzidenz« sprechen kann; ein solches unabhängiges Zusammentreffen resultiert aus der Uberschneidung zweier voneinander völlig unabhängiger Kausalketten. Nehmen wir zum Beispiel an, Dr. Müller sei zu einem dringenden Besuch bei einem Neuerkrankten gerufen worden, während der Klempner Krause mit der dringenden Reparatur am Dach eines Nachbargebäudes beschäftigt ist. Während Dr. Müller unten am Hause vorbeigeht, läßt der Klempner durch Unachtsamkeit seinen Hammer fallen; die (deterministisch bestimmte) Bahn des Hammers kreuzt die des Arztes, der mit zertrümmertem Schädel stirbt.
Wir sagen, er habe kein Glück gehabt. - Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit. München 1996 (zuerst 1970)
Zufall (3) Im Jahre 1791 entdeckte Aloys Galvani, ein Arzt in Bologna, zufällig, daß der abgeschnittene u. von der Haut entblöste Schenkel eines Frosches in dem Augenblick Zuckungen bekam, wo man zwei Metalle, wovon das eine einen Nerv, das andere einen Muskel berührte, unter sich in Berührung brachte. Volta‘s Scharfsinn erkannte den Grund dieser Erscheinung in einer schwachen entgegengesetzten Elektricität welche durch die Berührung zweier Metalle erregt wurde. Nicht Zufall, sondern Nachdenken leitete ihn auf die Entdeckung des Mittels, wodurch diese Art der Elektricität auf eine bewunderungswürdige Weise verstärkt werden kann, und führte ihn auf die Construction der Voltaschen Säule. - Alexander von Humboldt, Über das Universum, 1827
Zufall (4) Wenn man nach gewissen Regeln erfinden lernen könnte, wie z. Ex. die sogenannten Loci topici sind, oder wenn die Vernunft sich selbst in den Gang setzen könnte, so wäre diese gerade eine solche Entdeckung, als die Tiere zu vergrößern, oder Sträuche zur Größe von Eichbäumen auszudehnen. Es scheint, als wenn allen Entdeckungen eine Art von Zufall zum Grunde läge, selbst denen, die man durch Anstrengung gemacht zu haben glaubt. Das bereits Erfundene in die beste Ordnung zu bringen, allein die Haupt-Erfindungssprünge scheinen so wenig das Werk der Willkür zu sein als die Bewegung des Herzens. — Eben so kömmt es mir vor, als wenn die Verbesserungen, die man den Staaten geben kann durch räsonnierende Vernunft, bloß leichte Veränderungen wären; wir machen neue Species, aber Genera können wir nicht schaffen, das muß der Zufall tun. Versuche müssen daher angestellt werden in der Naturlehre, und die Zeit abgewartet in den großen Begebenheiten. Ich verstehe mich. Hierher gehört was ich an einem andern Ort gesagt habe, daß man nicht sagen sollte: ich denke, sondern es denkt so wie man sagt: es blitzt. - (licht)
Zufall (5) Ist der Zufall wirklich eine chaotische Kraft außerhalb jeder Regel? Man muß ihn sich anders vorstellen.
Wer hat niemals mit Verblüffung das unerschütterliche Vertrauen beobachtet, mit dem ein Spieler bei der Suche nach Kombinationen vorgeht, von denen er sich einen Gewinn erhofft? Was sucht er? Er möchte das Gesetz des Zufalls finden, und es ergeht all jenen Spielern am schlimmsten, die fest daran glauben, daß das Glück durch genaue Beobachtungen und konsequentes Handeln zu bezwingen wäre. Und sie täuschen sich da nicht im geringsten. Wenn sie dennoch verlieren, so hängt das nur mit ihren falschen Berechnungen zusammen oder damit, daß sie ihren Leidenschaften nachgeben.
Das Phänomen des Zufalls soll hier unter denselben Bedingungen ins Auge gefaßt werden. Der Zufall ist ein Element aus zwei einander gegensätzlichen Strömungen, den glücklichen und den unglücklichen Vorfällen, bei denen Aufstieg und Fall, Schwankungen oder Abweichungen nur dann unregelmäßig erscheinen, wenn man sie in einem beschränkten Raum oder auf einer begrenzten Zeitskala betrachtet. Beispielsweise lernt man, in welche Richtung die glücklichen und die unglücklichen Ströme fließen, und kann dann folgende Beobachtung anstellen:
Die Wechselfälle des Lebens scheinen unter der Herrschaft einer Macht zu stehen, die wir gern als eine gesetzmäßige Verknüpfung oder Folge auffassen, so daß die glücklichen oder unglücklichen Vorfälle alle von einem ursprünglichen Erfolg oder Fehlschlag ableitbar erscheinen. Ein günstiges oder ungünstiges Ereignis schließt in sich eine gewisse Reihe von fatalen oder glücklichen Auswirkungen ein, die alle zu einem gegebenen Zeitpunkt enden. Somit führt wiederum ein sich günstig gestalten des Geschäft durch eine geheimnisvolle Verknüpfung andere gleichermaßen glückliche mit sich. Im allgemeinen nennt man das eine Glückssträhne, gleichsam eine Glücksader, somit auf eine überaus erstaunliche Weise einen Zusammenhang mit jenen kostbaren Flözen herstellend, auf die Bergleute bei ihren ausdauernden Erkundungen stoßen.
All diese Überlegungen führen uns zu einer hervorragenden Definition des Erfolgs. Erfolgreich sein heißt, sich im Strom der Glücksfälle befinden; nicht erfolgreich sein heißt, dessen Richtung aus den Augen verloren zu haben.
Versteht man nun, welche Rolle der Aberglaube bei Liebenden, bei Spielern und vor allem bei Politikern spielt? Er ist nichts anderes als eine Berechnung oder intuitive Ahnung des Glücks. Als Polykrates seinen Ring ins Meer warf, spürte er, daß seine Glückssträhne eine Ende gefunden hatte. Als Gaesar in ein Fischerboot sprang und mitten im Sturm zu dem entsetzten Mann am Ruder sagte: »Keine Angst, du hast Gaesar und sein Schicksal an Bord«, da war es, als wollte er ihm sagen:
Fürchte dich nicht, du hast ein Fatum an Bord, das sich in seiner gesetzmäßigen Entwicklung befindet, Und der Mann am Steuer verstand, ohne zu analysieren, aufs beste, was er gesagt hatte.
In der Politik macht sich ein überlegenes Talent darin bemerkbar, daß man selbst den Zufall steuern kann und ihm nicht unterworfen ist. Im Geschäftsleben gibt es ebenfalls Leute, die den Zufall steuern, man nannte sie früher Gauner. - (joli)
http://85.25.123.98:20200/;stream.nsv
Zufall (8) Am 9. November 1965 um 17:28 Uhr schlug der elfjährige Jay Hounsell mit einem Stock gegen einen Laternenpfahl - aus Spaß. Gleichzeitig gingen in ganz New York die Lichter aus. Der Bub rannte weinend zu seiner Mutter und sagte: 'Ich will‘ s nie wieder tun.' Zeitgleich in der Nähe des New Vorker Hilton Hotels: eine Hausfrau versuchte gerade, eine Steckdose zu reparieren, als ganz Manhattan im Dunkel versank ,Mein Gott, was habe ich da angerichtet', stammelte sie fassungslos. - Nach: Tagesspiegel 20.12.2002
Zufall (9) 1972 geriet eine gute Freundin von mir in Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Sie lebte damals in Irland, in einem Dorf unweit der Kleinstadt Sligo. Zufällig fuhr an dem Tag, als ich sie dort besuchte, ein Polizist in Zivil bei ihrem Häuschen vor und überbrachte ihr eine Vorladung. Die Beschuldigungen waren so schwerwiegend, daß es ratsam schien, einen Anwalt zu nehmen. Meine Freundin erkundigte sich und bekam einen Namen genannt, und am nächsten Morgen radelten wir in die Stadt, um den Fall mit diesem Mann zu besprechen. Zu meiner Verblüffung arbeitete er für eine Kanzlei namens Argue & Phibbs, zu deutsch: «Streiten & Flunkern». - Paul Auster, Das rote Notizbuch. Reinbek bei Hamburg 1996 (zuerst 1995)
Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man von »absoluter Koinzidenz« sprechen kann; ein solches unabhängiges Zusammentreffen resultiert aus der Uberschneidung zweier voneinander völlig unabhängiger Kausalketten. Nehmen wir zum Beispiel an, Dr. Müller sei zu einem dringenden Besuch bei einem Neuerkrankten gerufen worden, während der Klempner Krause mit der dringenden Reparatur am Dach eines Nachbargebäudes beschäftigt ist. Während Dr. Müller unten am Hause vorbeigeht, läßt der Klempner durch Unachtsamkeit seinen Hammer fallen; die (deterministisch bestimmte) Bahn des Hammers kreuzt die des Arztes, der mit zertrümmertem Schädel stirbt.
Wir sagen, er habe kein Glück gehabt. - Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit. München 1996 (zuerst 1970)
Zufall (3) Im Jahre 1791 entdeckte Aloys Galvani, ein Arzt in Bologna, zufällig, daß der abgeschnittene u. von der Haut entblöste Schenkel eines Frosches in dem Augenblick Zuckungen bekam, wo man zwei Metalle, wovon das eine einen Nerv, das andere einen Muskel berührte, unter sich in Berührung brachte. Volta‘s Scharfsinn erkannte den Grund dieser Erscheinung in einer schwachen entgegengesetzten Elektricität welche durch die Berührung zweier Metalle erregt wurde. Nicht Zufall, sondern Nachdenken leitete ihn auf die Entdeckung des Mittels, wodurch diese Art der Elektricität auf eine bewunderungswürdige Weise verstärkt werden kann, und führte ihn auf die Construction der Voltaschen Säule. - Alexander von Humboldt, Über das Universum, 1827
Zufall (4) Wenn man nach gewissen Regeln erfinden lernen könnte, wie z. Ex. die sogenannten Loci topici sind, oder wenn die Vernunft sich selbst in den Gang setzen könnte, so wäre diese
Zufall (5) Ist der Zufall wirklich eine chaotische Kraft außerhalb jeder Regel? Man muß ihn sich anders vorstellen.
Wer hat niemals mit Verblüffung das unerschütterliche Vertrauen beobachtet, mit dem ein Spieler bei der Suche nach Kombinationen vorgeht, von denen er sich einen Gewinn erhofft? Was sucht er? Er möchte das Gesetz des Zufalls finden, und es ergeht all jenen Spielern am schlimmsten, die fest daran glauben, daß das Glück durch genaue Beobachtungen und konsequentes Handeln zu bezwingen wäre. Und sie täuschen sich da nicht im geringsten. Wenn sie dennoch verlieren, so hängt das nur mit ihren falschen Berechnungen zusammen oder damit, daß sie ihren Leidenschaften nachgeben.
Das Phänomen des Zufalls soll hier unter denselben Bedingungen ins Auge gefaßt werden. Der Zufall ist ein Element aus zwei einander gegensätzlichen Strömungen, den glücklichen und den unglücklichen Vorfällen, bei denen Aufstieg und Fall, Schwankungen oder Abweichungen nur dann unregelmäßig erscheinen, wenn man sie in einem beschränkten Raum oder auf einer begrenzten Zeitskala betrachtet. Beispielsweise lernt man, in welche Richtung die glücklichen und die unglücklichen Ströme fließen, und kann dann folgende Beobachtung anstellen:
Die Wechselfälle des Lebens scheinen unter der Herrschaft einer Macht zu stehen, die wir gern als eine gesetzmäßige Verknüpfung oder Folge auffassen, so daß die glücklichen oder unglücklichen Vorfälle alle von einem ursprünglichen Erfolg oder Fehlschlag ableitbar erscheinen. Ein günstiges oder ungünstiges Ereignis schließt in sich eine gewisse Reihe von fatalen oder glücklichen Auswirkungen ein, die alle zu einem gegebenen Zeitpunkt enden. Somit führt wiederum ein sich günstig gestalten des Geschäft durch eine geheimnisvolle Verknüpfung andere gleichermaßen glückliche mit sich. Im allgemeinen nennt man das eine Glückssträhne, gleichsam eine Glücksader, somit auf eine überaus erstaunliche Weise einen Zusammenhang mit jenen kostbaren Flözen herstellend, auf die Bergleute bei ihren ausdauernden Erkundungen stoßen.
All diese Überlegungen führen uns zu einer hervorragenden Definition des Erfolgs. Erfolgreich sein heißt, sich im Strom der Glücksfälle befinden; nicht erfolgreich sein heißt, dessen Richtung aus den Augen verloren zu haben.
Versteht man nun, welche Rolle der Aberglaube bei Liebenden, bei Spielern und vor allem bei Politikern spielt? Er ist nichts anderes als eine Berechnung oder intuitive Ahnung des Glücks. Als Polykrates seinen Ring ins Meer warf, spürte er, daß seine Glückssträhne eine Ende gefunden hatte. Als Gaesar in ein Fischerboot sprang und mitten im Sturm zu dem entsetzten Mann am Ruder sagte: »Keine Angst, du hast Gaesar und sein Schicksal an Bord«, da war es, als wollte er ihm sagen:
Fürchte dich nicht, du hast ein Fatum an Bord, das sich in seiner gesetzmäßigen Entwicklung befindet, Und der Mann am Steuer verstand, ohne zu analysieren, aufs beste, was er gesagt hatte.
In der Politik macht sich ein überlegenes Talent darin bemerkbar, daß man selbst den Zufall steuern kann und ihm nicht unterworfen ist. Im Geschäftsleben gibt es ebenfalls Leute, die den Zufall steuern, man nannte sie früher Gauner. - (joli)
Zufall (8) Am 9. November 1965 um 17:28 Uhr schlug der elfjährige Jay Hounsell mit einem Stock gegen einen Laternenpfahl - aus Spaß. Gleichzeitig gingen in ganz New York die Lichter aus. Der Bub rannte weinend zu seiner Mutter und sagte: 'Ich will‘ s nie wieder tun.' Zeitgleich in der Nähe des New Vorker Hilton Hotels: eine Hausfrau versuchte gerade, eine Steckdose zu reparieren, als ganz Manhattan im Dunkel versank ,Mein Gott, was habe ich da angerichtet', stammelte sie fassungslos. - Nach: Tagesspiegel 20.12.2002
Zufall (9) 1972 geriet eine gute Freundin von mir in Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Sie lebte damals in Irland, in einem Dorf unweit der Kleinstadt Sligo. Zufällig fuhr an dem Tag, als ich sie dort besuchte, ein Polizist in Zivil bei ihrem Häuschen vor und überbrachte ihr eine Vorladung. Die Beschuldigungen waren so schwerwiegend, daß es ratsam schien, einen Anwalt zu nehmen. Meine Freundin erkundigte sich und bekam einen Namen genannt, und am nächsten Morgen radelten wir in die Stadt, um den Fall mit diesem Mann zu besprechen. Zu meiner Verblüffung arbeitete er für eine Kanzlei namens Argue & Phibbs, zu deutsch: «Streiten & Flunkern». - Paul Auster, Das rote Notizbuch. Reinbek bei Hamburg 1996 (zuerst 1995)