Mensch
02.10.2010 um 12:05Mensch (19) Mein ganzes Leben lang sah ich die Menschen mit engen Schultern, ohne eine einzige Ausnahme, stupide und zahlreiche Taten vollbringen, sah sie ihresgleichen verdummen und die Seelen mit allen Mitteln verderben. Das Motiv ihrer Handlungen nennen sie: Ruhm. Bei solchem Anblick wollte ich lachen wie die anderen; aber das, seltsame Nachahmung, war unmöglich. Ich nahm ein Federmesser mit scharf geschliffener Klinge, und dort, wo die Lippen sich vereinigen, durchschnitt ich das Fleisch. Einen Augenblick lang glaubte ich mein Ziel erreicht. In einem Spiegel betrachtete ich diesen durch eigenen Willen verletzten Mund! Es war ein Irrtum! Das Blut, das reichlich aus beiden Wunden floß, hinderte mich übrigens zu erkennen, ob dies wirklich das Lachen der anderen sei. Aber nach kurzen Vergleichen sah ich genau, daß mein Lachen dem der Menschen nicht glich, das heißt, ich lachte nicht. Ich sah die Menschen mit häßlichem Haupt und mit schrecklichen, tief in finsterer Höhle liegenden Augen, die Härte des Felsens, die Starre gegossenen Stahls, die Grausamkeit des Haifisches, die Arroganz der Jugend, die Raserei der Verbrecher, den Verrat der Heuchler, die ungewöhnlichsten Komödianten, die Charakterstärke der Priester und die höchste Verstellungskunst, die kältesten Wesen der Welten und des Himmels übertreffen; sah die Moralisten erlahmen, ihr Herz zu entdecken und unversöhnlichen Zorn von oben herabbeschwören. Ich habe sie alle auf einmal gesehen, bald die derbe Faust wider den Himmel erhoben wie die eines schon perversen Kindes wider die Mutter, wahrscheinlich von einem Dämon der Hölle getrieben, die Augen schwer von nagender Reue und Haß zugleich, in eisigem Schweigen verharren, nicht wagend, die ungeheuerlichen und undankbaren Gedanken, voller Ungerechtigkeit und Grauen, die ihr Herz verbarg, zu äußern, um bei dem Gott der Barmherzigkeit trauerndes Mitleid zu wecken; bald, zu jeder Stunde des Tages, von Kindheit auf bis zum höchsten Greisenalter, unglaubliche Flüche verbreitend, ohne Sinn für Gemeinschaft, wider alles, was atmet, wider sich selbst und die Vorsehung, Frauen und Kinder prostituieren und so die Leibesteile entehren, die der Scham geweiht sind. Da erheben die Meere ihre Fluten, reißen die Planken in ihre Schlünde hinab: Orkane und Erdbeben zerschmettern die Häuser; die Pest und vielerlei Krankheit lichten die betenden Familien. Aber die Menschen achten dessen nicht. Ich sah sie auch vor Scham erröten und erbleichen wegen ihres Wandels auf dieser Erde; selten jedoch. Stürme, Brüder der Orkane, bläuliches Firmament, dessen Schönheit ich nicht anerkenne, heuchlerisches Meer, Ebenbild meines Herzens, Erde, geheimnisvoller Schoß, Bewohner der Sphären, gesamtes Universum, Gott, der du es so herrlich geschaffen hast, dich rufe ich an: zeige mir einen Menschen, der gut ist!... Aber möge deine Gnade meine natürlichen Kräfte verzehnfachen; denn beim Anblick dieses Scheusals könnte ich vor Staunen sterben: man stirbt an weniger. - (mal)
Mensch (20) Die folgenden Worte stammen weder von mir selbst, noch von irgendeinem Menschen; ich bringe sie vor, wie ich sie in einem Gesichte von oben empfangen habe. Knecht Gottes, ... und Kind Gottes, ... vernimm, was das makellose Licht spricht:
Der Mensch ist irdisch und himmlisch zugleich; durch die gute Wissenschaft der vernünftigen Seele ist er himmlisch, durch die böse Wissenschaft aber ist er gebrechlich und finster; je mehr er sich im Guten erkennt, desto mehr liebt er Gott. Besieht nämlich ein Mensch sein Antlitz in einem Spiegel und findet, daß es beschmutzt und von Staub bedeckt ist, dann trachtet er, es zu reinigen und abzuwaschen; in gleicher Weise seufzt er auch, wenn er merkt, daß er gesündigt und sich in mannigfaltige Eitelkeit verstrickt hat. Er weiß dann, daß er in seinem guten Wissen beschmutzt wurde, und klagt mit dem Psalmisten: »Tochter Babylons! Elend bist du, und glückselig ist der Mann, der dir wieder vergilt, was du uns angetan! Glückselig der Mann, der deine Kinder erfaßt und an einem Felsen zerschmettert!« - (bin)
Mensch (21) Es ist nämlich unsinnig, wenn einer meint, die politische Wissenschaft oder die Klugheit sei die beste Wissenschaft. Denn der Mensch ist nicht das Beste, was es im Kosmos gibt. - (eth)
Mensch (22) Mich hungerte jetzt; ich zog mein Reisemesser aus der Tasche und schnitt mir ein Stück von dem Felsen ab, aber ich fand es geschmacklos, wie auch bei uns der Stein zu sein pflegt. Ich warf den Trugbissen gerade ärgerlich beiseite, als ich plötzlich um die Ecke des Felsens her ein Geräusch vernahm, das offenbar nur von Menschenstimmen herrühren konnte; denn obgleich die Töne nicht sonderlich viel Menschliches hatten, vernahm ich doch bestimmte artikulierte und modulierte Klänge, welche irgendeiner Sprache angehören mußten, und ich verstand sogar mehrere einzelne Worte.
Rasch entschlossen und mutig trat ich um die Ecke - und richtig, Menschen sah ich vor mir, wenn man solche Gestalten auch Menschen nennen darf. Sie waren von riesiger Größe, dunkelbraun und völlig unbekleidet.
Im Ganzen hatten sie zwar menschliche Formen, allein auf dem Rumpfe saß kein Kopf, sondern nur ein unförmiger Halsstumpf, eine Röhre, aus der helle Flammen emporschlugen. Dabei gehörten diese Geschöpfe nach unseren irdischen Begriffen in das Geschlecht der Insekten; denn obgleich sie nur zwei Beine hatten, hatten sie doch an jeder ihrer Schultern zwei Arme, mit denen sie Fackeln, Beile, Hämmer unter wildem Geheul gegen mich schwangen.
Jetzt wird man nach dem Sitz des Verstandes fragen; hatten sie denn einen solchen gar nicht? - O ja, dem Anschein nach wenigstens, mindestens grinsten mich häßliche Menschengesichter von einem Orte an, wo bei uns oberirdischen Menschen der Verstand wahrlich nicht zu suchen ist, nämlich vom Bauch.
Ich will nicht verhehlen, daß ich bei dem Anblick dieser gräßlichen Gestalten erschrak; ich taumelte einige Schritte zurück und vergaß sogar in der ersten Überraschung, nach meinern Säbel zu greifen, der mir übrigens gegen alle diese Beile und Hämmer kaum von großem Nutzen gewesen wäre.
Dabei entfuhr mir ganz unwillkürlich ein Ausruf des Schreckens: »Alle guten Geister! - das sind leibhaftige Teufel!« oder so etwas Ähnliches. Genug, dieser Ausruf war mein Heil, meine Rettung, denn ein glücklicher Zufall wollte, daß ich dabei das hier geltende Friedensbannwort mit ausrief, und sogleich warfen die Ungetüme ihre Waffen fort und reichten mir die Hände, die meinigen drückend, daß ich Ach und Weh hätte schreien mögen. - Ludwig von Alvensleben, Der Lügenkaiser. In: Erwin Wackermann (Hg.), Münchhausens wunderbare Reisen. Die phantastischen Geschichten des Lügenbarons und seiner Nachfolger. München 1968 (dtv 527, zuerst 1833)