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Assmann ist wirklich eine Spätentdeckung von mir. Jetzt schon das zweite Buch, das mich total fasziniert hat.

Unter "kulturellem Gedächtnis" versteht Assmann die Identität stiftenden Traditionen (Riten, Bauwerke, Denkmäler, Texte) einer Kultur, die über die Zeitspanne erlebter Erinnerung (80-100 Jahre) hinausgehen und zumeist institutionell vermittelt werden.

Kern dieser Arbeit ist im zweiten Teil die Analyse von drei Kulturen:

- Ägypten: Identitätsstiftung durch Rituale und Bauwerke (Tempel)
- Judentum: Identitätsstiftung durch den Kanon des Alten Testaments
- Griechenland: doppelte Identitätsstiftung

Die doppelte Identitätsstiftung Griechenlands bezieht sich einerseits auf Homer, dessen Epen eine über die Poleis hinausreichende griechische Identität begründen.

Andererseits wird durch griechische Philosophie und Literatur der Mechanismus der Ideengeschichte wie der Forschungsgeschichte begründet: es gibt keinen abgeschlossenen Kanon mehr wie in Ägypten oder im Judentum, sondern Texte wie Forschungsergebnisse sind Ausgangspunkt für weitere Überlegungen bzw. Forschungen. Es gibt keinen abgeschlossenen Kanon mehr. Assmann nennt dies "Hypolepse" (= Prinzip der Anknüpfung), die Grundlage der Wissenskultur bis zum heutigen Tag ist.

Der erste Teil des Buches ist ein theoretischer Teil, der mich einfach nur fasziniert hat: es werden die theoretischen Grundlagen extrapoliert, und zwar texttheoretisch, semiotisch, geschichts- und sozialphilosophisch.

Assmann ist Ägyptologe und gleichzeitig in Linguistik (Sprach- und Textwissenschaft) sowie Geschichte ein ausgewiesener Experte. Ein beeindruckendes Buch.

Das beinahe komplette Buch ist auf Google-Books, siehe Spoiler

https://books.google.at/books/about/Das_kulturelle_Ged%C3%A4chtnis.html?id=MpGEsLAQPWEC

Leseprobe:
http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/1895/1/Assmann_Kollektives_Gedaechtnis_1988.pdf

Wikipedia-Eintrag:
Wikipedia: Kulturelles Gedächtnis