Beyond

Ein internationales Projekt von renommierten Historiker:innen zu den Themen Nationalsozialismus und Stalinismus wurde in den Nullerjahren an der Universität Chicago durchgeführt, welches zum Ziel hatte, diese beiden totalitären Regime über die Gemeinsamkeiten hinaus in ihren Unterschieden zu präsentieren. Die Methode war, dass zu jedem Thema zwei Expert:innen zu dem jeweiligen Fachbereich einen gemeinsamen Beitrag schreiben.

Alle Beiträge sind auf einem sehr hohen Niveau verfasst, enthalten viele faktische Details und präsentieren auch einen Überblick über den damals aktuellen Forschungsstand. Die Kernerkenntnisse sind diese:

  • Stalins Macht gründete auf eine gut ausgebaute, institutionalisierte und den Staat dominierende Parteiorganisation, welche die Basis für die Umsetzung seiner Herrschaft bildete.
  • Hitlers Macht gründete auf vertikalen personellen Beziehungen, vor allem zu Sicherheitsapparat und SS sowie zu den Gauleitern. Die Macht der Partei war viel stärker dezentralisiert. Es gab nur allgemeine Richtlinien und sehr viel Spielraum für individuelle Tyrannei.
  • Die Verfolgung von Minderheiten war in der Sowjetunion nicht in einem Rassismus gegründet, sondern in einer Sicherheitsparanoia. In den abgeschlossenen Räumen der Republiken genossen Ethnien Privilegien.
  • Gemeinsamkeiten gab es bei der Verfolgung von nicht erwünschten sozialen Elementen (Arbeitsscheue) und politischen Abweichler:innen. Während die Sowjetunion den Klassenstandpunkt als Angelpunkt nahm, war es im Nationalsozialismus die sogenannte "Rassenhygiene".
  • Beide Systeme strebten die Erhöhung der Geburtenrate an, was letztlich nicht gelang. Das Ziel im Nationalsozialismus war eine rassische "Veredelung" (mit Fortpflanzungsverboten) und die Geburt künftiger Soldaten, in der Sowjetunion gab es keine Fortpflanzungsverbote für Ethnien, Ziel war die Schaffung einer zukünftigen sozialistischen Generation zum Aufbau des Sozialismus. Abtreibung wurde in beiden Systemen verboten.
  • Beide Systeme entwickelten eine Eskalation der Gewalt, die auf ideologischen Grundlagen beruhte: Im Nationalsozialismus war die Vernichtung "unwerten Lebens" bzw. "minderwertiger Rassen" das Ziel, im Stalinismus die Vernichtung von Ausbeuterklassen und Klassenfeinden.
  • Die Zahl der Opfer im eigenen Staat ist in beiden Systemen unfassbar hoch. Hingerichtet und ermordet wurden im NS-Regime etwa 800.000 Deutsche, in der Sowjetunion wurden etwa 1,2 Millionen Sowjetbürger erschossen. Die Opferzahlen sind jedoch weit höher anzusetzen, da nicht alle erschossen wurden, sondern an anderen Maßnahmen starben. Der Beitrag von Jörg Baberowski and Anselm Doering-Manteuffel bringt detaillierte, quellenunterstützte Opferzahlschätzungen.
  • Die Kriegsführung der Nationalsozialisten war auf Unterwerfung und Vernichtung der in der Sowjetunion lebenden Slawen und Juden ausgerichtet, die sowjetische nicht auf die Vernichtung des deutschen Volks, auch wenn beide Seiten einen extrem brutalen Krieg führten (die Sowjetunion auch gegenüber den eigenen Leuten).
  • Beide Systeme wollten einen Neuen Menschen kreieren. Die Nationalsozialisten einen rassereinen Arier, die Sowjetunion ein klassenbewusstes Proletariat. Liberalismus und Individualismus wurde von beiden Systemen abgelehnt und bekämpft.
  • Beide Systeme zensierten und verbaten Schriften und Literatur. Während jedoch im Nationalsozialismus der Literatur keine große Rolle beigemessen wurde, ist Schriftlichkeit und Literatur auch im Stalinismus zentrales Mittel der Menschenbildung und Propaganda, jedoch haben sie den Direktiven der Partei zu folgen.

Durchaus eine lohnende Lektüre.