Helfer-Vati

2021 erschien der nächste autofiktionale Roman Monika Helfers über ihre Familie, diesmal über ihren Vater. Wie in der Bagage hat auch dieser Text Probleme, den Fokus zu halten.

Der Vater, der immer wünscht, "Vati" genannt zu werden, wächst als unehelicher Sohn einer Magd im salzburgischen Lungau auf, ist hochbegabt und erhält ein Stipendium, an einem kirchlichen Gymnasium in der Stadt Salzburg zu lernen. In seinem letzten Schuljahr vor der Reifeprüfung wird er eingezogen und an die Ostfront geschickt, wo ihm ein Bein abfriert und der Unterschenkel amputiert werden muss. Er heiratet eine Vorarlberger Krankenschwester aus der Familie der "Bagage", die ihn im Lazarett betreut.

Nach dem Krieg übernimmt er in Vorarlberg die Leitung eines von einer Stuttgarter Stiftung betreuten Kriegsopfererholungsheims auf dem Hochplateau Tschengla bei Bludenz. Ein dankbarer Stuttgarter Universitätsprofessor, dessen Sohn ein Jahr statt des üblichen Monats bleiben kann, vermacht dem Heim seine Bibliothek. Josef (der Vater) ist als beinahe besessener Bibliophiler (eigentlich Bibliomane) überglücklich. Doch als das Heim zu einem Hotel umgestaltet werden soll, hat Josef Angst, dass die Bibliothek weggenommen wird, und er beginnt Bücher für sich wegzuschaffen und einen Teil der Bibliothek wasserdicht in einem Wald zu vergraben. Als Stuttgarter Rechnungsprüfer für eine Inventur eintreffen und Josef in einer Liste sieht, dass jedes einzelne Buch verzeichnet ist, hat er Angst, dass er wegen Diebstahls angeklagt werden könnte, geht in die Werkstatt und will sich vergiften. Josef überlebt, verbringt ein Jahr im Krankenhaus und zieht sich in ein Kloster zurück. Der Selbstmordversuch sei nicht nötig gewesen, die Rechnungsprüfer haben sich null für die Bücher interessiert. Die Mutter betreut einstweilen die Kinder, doch als sie an Krebs stirbt, werden sie bei Verwandten untergebracht. So auch Monika mit einer Schwester.

Im zweiten Teil geht es immer mehr um die Kinder bzw. die Verwandtschaft (zum Teil schon aus dem Roman Bagage bekannt). Der Vater heiratet schließlich zum zweiten Mal (eine Ottilie aus der weiten Verwandtschaft). Mit der steinalten Stiefmutter unterhält sich Monika Helfer über ihren Vater, doch es kommt nicht viel dabei raus für den Text, außer dass sie eine Karriere als Schneiderin in der Modebranche aufgegeben hat. Warum, bleibt außen vor. Josef erhält eine Stelle beim Finanzamt und arbeitet sich schnell zum Leiter der Personalabteilung hoch. Nach der Pensionierung kauft sich das Ehepaar ein kleines Haus und ein Raum wird zur Bibliothek mit 3000 Bänden. Nur Hardcover. Nach seinem Tod werden die Bücher unter den Kindern aufgeteilt, der Großteil wird der Leihbibliothek der Gemeinde geschenkt.

Vor seinem Tod übernimmt Josef noch die Leitung der genannten Leihbibliothek, die zweimal pro Woche geöffnet hat. Der Bürgermeister stattet ihn mit einem ordentlichen Budget aus, da die Gemeinde mit seiner Hilfe ein Quiz gewonnen hat, und er darf nach freiem Gutdünken Bücher erwerben. Als eine Lieferung ankommt, stürzt er, reißt einen Bücherstapel um und stirbt.

Aus der näheren Vergangenheit, als alle Kinder bereits erwachsen sind, wird noch eine Episode geschildert, dass der Vater in einem Berliner Schwulenlokal, das sie gemeinsam besucht haben, sich ausgelassen amüsiert hat, obwohl er eigentlich ein Stiller gewesen sei.

Helfer schreibt eigentlich sehr zugänglich, doch auch bei diesem Text zeigen sich die Grenzen autofiktionalen Schreibens: Die Figuren sind nicht erfunden, und aus diesem Grund ist ein radikales, an die Wurzel gehendes Schreiben nicht möglich. Es kann nichts unterstellt werden. Immer wieder wird in den Text die Vermutung eingeflochten. Hier ein Beispiel:
Ein halbes Jahr vor der Matura wurde er in den Krieg eingezogen. Soviel ich weiß, ging’s bald nach Russland, Genaues war nicht herauszukriegen aus ihm. In ein sehr kaltes Land ging es. Irgendwann sind die jungen Soldaten bei minus dreißig Grad über ein Feld gelaufen, und der Wind hat ihnen ins Gesicht geblasen, dass es sich angefühlt hat wie minus vierzig Grad oder noch kälter, und dann sind sie in einen Wald gekommen, da waren nur noch minus fünfzehn Grad, und Wind hat hier keiner geblasen, das hat sich angefühlt wie eine warme Stube, und die jungen Soldaten haben sich hingelegt, haben die Köpfe auf die Wurzeln der Bäume gebettet, die Hände unter der linken oder der rechten Wange gefaltet, weil sie so müde waren und so viel Sehnsucht nach ihrem Bett zu Hause hatten, und sie sind eingeschlafen, und viele von ihnen sind erfroren, manchen sind nur Hände und Arme abgefroren. Unserem Vater das rechte Bein. »Sie starben oder starben fast, als Helden oder Idioten« — das habe ich nicht nur einmal unseren Onkel Lorenz sagen hören.
Die vielleicht berührendste Episode ist, wie Josef - lange nach seiner geistig und seelisch verwirrten Zeit - die 16-jährige Tochter Renate aus Hamburg zurückholt, wohin sie abgehaut ist und wegen eines Ladendiebstahls der Interpol übergeben worden ist.
Hamburg war die Lieblingsstadt unseres Vaters. Einmal war er dort gewesen. Um Renate abzuholen. Sie war sechzehn und von zu Hause abgehauen. Weil sie in einen Hippie verknallt war. Dann hat sich Interpol bei uns gemeldet. Die Tochter sei bei einem Ladendiebstahl erwischt worden — einen Schlafsack habe sie geklaut. Man solle sie abholen. Da hat sich unser Vater vorgedrängt und ist mit dem Zug nach Hamburg gefahren und hat Renate ausgelöst. Und hat sie nicht geschimpft, im Gegenteil, er ist mit ihr vom Jugendgefängnis an den Dom spaziert, und sie haben alle Achterbahnen ausprobiert, er hat sich mit ihr in die Geisterbahn gesetzt, und sie hat sich einen Teddybären schießen dürfen. Und dann haben sie sich den Hafen angeschaut und sind durch St. Pauli geschlendert und haben Eis geschleckt. Kein Wort über den Ladendiebstahl, kein Wort darüber, dass sie abgehauen ist.
Dass Helfer auch immer über sich schreibt, ist nicht so verwunderlich. Immerhin ist ihre Kindheit zweigeteilt: Zunächst das großräumige Haus auf der Tschengla, dann die beengten Verhältnisse bei der Verwandtschaft, wobei die Geschwister auch noch auseinandergerissen werden.

Zum Kriegsopererholungsheim: Monika Helfer ist 1947 geboren. In Die Bagage schreibt sie, dass 1956 Ungarnflüchtlinge einquartiert worden seien, dies wird in diesem Roman nicht erwähnt. Auch dass das Heim einer Stuttgarter Stiftung gehört hat, lässt sich nicht verifizieren. Im ÖsterreichWiki steht, dass das Heim 1945 enteignet und 1946 dem Vorarlberger Landeskriegsopferfonds übergeben worden sei.