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37 Jahre war H. C. Artmann alt, als er mit diesem Gedichtband 1958 auf einen Schlag eine österreichische Berühmtheit wurde. In eigens entwickelter Lautschrift verfasste er Gedichte im Lokaldialekt des Stadtteils Breitensee im Westen von Wien, die alles andere als kitschig sind. In Erinnerung gehalten werden zum Beispiel der Wiener Vorstadtprater. Von einem Schrottplatz hat Artmann in den 1950er Jahren die Malereien, die ein Karussell (Ringelspiel) zierten, gerettet. Sie bilden die Vorder- und Rückseite des Umschlags. Nur blicken die beiden Gedichte über den Ringelspielbesitzer nicht nostalgisch zurück, sondern er ist ein psychopathischer Frauenmörder.
i bin a ringigschbüübsizza
und hob scho sim weiwa daschlong
und eanare gebeina
untan schlofzimabon fagrom ..

Ich bin ein Ringelspielbesitzer
und habe schon sieben Weiber erschlagen
und ihre Gebeine
unter dem Schlafzimmerboden vergraben ..
In mehreren Gedichten wird über eine einseitige Liebe geschrieben. Die Frau habe dem lyrischen Ich eine falsche Adresse gegeben, alle seine Briefe sind retour gekommen. Im Gedicht sind Vögel die Briefboten. Am Ende wünscht er ihr den Tod:
a schwoazze lufft fola fegl
wiad med mein lezztn briaf augflong kuma
und auf d nocht duach s fenzta
fua dei bet zuwe fliang!

Eine schwarze Luft voller Vögel
wird mit meinem letzten Brief angeflogen kommen
und am Abend durchs Fenster
vor dein Bett fliegen!
Das Thema Tod ist ein Wiener Klassiker, doch ein Sonntag in Breitensee wird zu einem apokalyptischen Bild, in dem bis auf tönende Radios jegliches Leben ausgelöscht ist.
wo is den da greissla –
wo san den de magewiaffön de soezguakaln
de salame da qaglschduazz da gristoezuka ..?
wo is den de greisslarin?

wo ist denn der Greißler -
wo sind denn die Maggiewürfel die Salzgurken
die Salami der Quargelsturz der Kristallzucker ..?
wo ist denn die Greißlerin?
In parallel gestalteten Strophen verschwinden der Greißler (Inhaber eines kleinen Lebensmittelgeschäfts), der Kohlenhändler, der Drogist, der Geschirrhändler (gschiadandla), der Bäcker. Die Grundversorgung ist zusammengebrochen.
ka mendsch
ka gschia
ka saff
ka koin
ka soez
ka bacht. .!

kein Mensch
kein Geschirr
keine Seife
keine Kohle
kein Salz
kein Gebäck. .!
Die Sintflut wird zum apokalyptischen Bild, das sowohl die menschliche Zivilisation als auch das tierische Leben auslöscht. Eine rettende Arche gibt es nicht.
noch ana sindflud
san olawäu
de fenzfabreln fafäud –
ka fogl singd mea en de bam
und de kefa schwiman en d lokn
med n bauch in da hee ..

noch ana sindflud
san olawäu
de fenztabreln fafäud –
owa mia san ole dasoffm
und kenan s goa nima seng
wia de gaunzn kefa so fakead daheaschwiman

nach einer Sintflut
sind immer
die Fensterbretter verfault -
kein Vogel singt mehr in den Bäumen
und die Käfer schwimmen in der Pfütze
mit dem Bauch nach oben ..

nach einer Sintflut
sind immer
die Fensterbretter verfault -
aber wir sind alle ertrunken
und können überhaupt nicht mehr sehen
wie alle Käfer so verkehrt daherschwimmen
Artmann hat mit diesem Band ein zeitloses lyrisches Dokument erschaffen, das einen Regionaldialekt zu Literatursprache erhoben hat. Diese Gedichte sind nicht Provinzliteratur, sie sind Weltliteratur in einem eigenen Duktus, in einer eigenen Schreibweise, die erschlossen werden muss - auch für Dialektkundige - und deren Wirkung in Übertragungen verblasst. Es ist ein Dokument einer in den 1950er Jahren untergehenden Welt, die auch anhand der architektonischen Umbauten in Breitensee beklagt wird.
häulecha loarenz
...
schdeig owa
auf unsa bradnsee
und fajauk des xindl
des wos jezt de leztn
eemeatechn heisaln
...
ooreissn lossn wüü ..
farjauk s mezzaumt
eanare graumpna r und schaufön
mezzaumt eanare brechschdaungan und baggamaschinan!

heiliger lorenz
...
steig herab
in unser Breitensee
und verjag das Gesindel
das jetzt die letzten
ebenerdigen Häuser
...
abreißen will ...
verjag es mitsamt
ihren Krampen und Schaufeln
mitsamt ihren Brechstangen und Baggermaschinen!
Übertragungen ins Hochdeutsche von mir.

Hier nun die Ringelspielmalereien der Vorder- und Rückseite des Einbands.

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