Hochgatterer-Suesse

2006 veröffentlichte der österreichische Schriftsteller Paulus Hochgatterer diesen Provinzkrimi, dessen Personal dermaßen überzeichnet ist und in dem so viele Personen in einem Verwirrspiel einfließen, dass einem einerseits der Zugang erschwert ist, andererseits man am Ende nochmal nachlesen muss, wer der Täter überhaupt ist. Hochgatterer war bis 2025 hauptberuflich Kinderpsychiater, zunächst in Krankenanstalten in Wien, schließlich im niederösterreichischen Tulln, und in die Figur des Leiters der Kinderpsychiatrie des örtlichen Krankenhauses Raffael Horn fließen wohl eigene Erfahrungen ein.

Der Roman spielt in Furth am See, einer fiktiven steiermärkischen Kleinstadt im oberen Ennstal. Die siebenjährige Katharina spielt mit ihrem Großvater Mensch ärgere dich nicht, dieser verlässt kurz das Haus, und als er nicht zurückkommt, entdeckt das Mädchen ihn mit aufgeschlitztem Hals und zertrümmertem Gesicht vor der Scheune. Seitdem redet sie nicht mehr.

Zur Verwirrung bevölkert Hochgatterer diese Kleinstadt mit einer Reihe von Psychopathen. Da ist ein Vater, der an einer Eisenstange die Unterschenkel seiner kleinen Tochter zertrümmert. Im Krankenhaus wird angegeben, sie sei von einem Wagen angefahren worden und der Fahrer habe Fahrerflucht begangen. Da sind zwei jugendliche Brüder, Söhne eines Händlers mit Luxusautos. Der eine kommt aus dem Gefängnis, da er einem türkischen Jungen brutalst den Arm gebrochen hat, der zweite tötet als Darth Vader im Auftrag seines Bruders, des Imperators, Tiere, indem er ihre Kehle durchschneidet und ihr Gesicht mit einem Vorschlaghammer zertrümmert. Ihr Vater selbst schlägt Frau und Kinder.

Hochgatterer lässt Kommissar Ludwig Kovacs denken:
Ein Mann, der seinem Kind die Knochen bricht, dachte er – jeder kennt ihn und keiner traut sich etwas zu unternehmen. Seit Jahren waren sie immer wieder mit ihm befasst und seit Jahren war niemand zu einer brauchbaren Aussage gegen ihn zu bewegen. Psychopathen machen Angst, dachte er, egal, ob sie Familienväter sind oder Lehrer oder Politiker. Psychopathen drohen, demütigen und schlagen zu. Vor diesen Dingen haben die Menschen Angst: vor Bedrohung, vor Demütigung und davor, geschlagen zu werden. Angst ist im Kern immer rational.
Zwar sind die beiden Hauptverdächtige, aber wie es in Krimis so zu sein hat, ist eine lange Zeit unverdächtige Person der Täter. Zwar nicht ein Gärtner, jedoch der ehemalige Briefträger und Imker ("Honigmann") Joachim Fux. Tatwerkzeug ist ein Amboss auf einem alten Abschleppwagen. Tatmotiv: Der Großvater (Sebastian Wilfert) hat den Fux-Brüdern im Zweiten Weltkrieg den Auftrag gegeben, einen 15-jährigen Behinderten zu ermorden. Auf einer Fotografie aus dem Weltkrieg sieht Fux immer wieder sich, seinen Bruder und Wilfert. Das Gesicht des Bruders, der sich später erschossen hat, ist abgegriffen, weiß, das von Wilfert erkennbar. Daraus ergeben sich Motiv und Methode. Fux:
Ich sehe das Gesicht vor mir. Ich weiß immer, wo es sich befindet. Schließlich folge ich ihm. Ich werde es auslöschen.
Womit wir bei einem Lieblingsthema der österreichischen Literatur sind: die Gräuel der nationalsozialistischen Herrschaft und das unbehelligte Leben von Tätern in der Nachkriegsrepublik.

Ob die vielen Kapitel, die Raffael Horn im Krankenhaus begleiten, kritisch, ironisch oder wirklich so gemeint sind, lässt sich nicht erschließen. Denn außer dass sich Horn mit dem Mädchen einfühlsam beschäftigt, werden eigentlich alle psychisch Kranken ausschließlich medikamentös behandelt (Horn hat eine Abneigung gegen Psychotherapie und Psychoanalyse) und, wenn es sein muss, "niedergespritzt". Und die Bemerkung über einen Patienten in der Notambulanz - "Reisberger, der Drogist, der seine Hand an die linke Brustseite krallte und ziemlich sicher wieder keinen Herzinfarkt erlitten hatte" - ist schon sehr zynisch. Ironie ist nicht erkennbar.

Fazit: Zu viel Klischees. Zu übertrieben. Zu aufgesetzt.