Bachmann-Malina

1971 erschien dieser einzig vollständig erhaltene Roman Ingeborg Bachmanns und oberflächlich könnte gesagt werden, dies sei die Mutter aller Nabelschauromane, aber nur oberflächlich. Die Ich-Erzählerin lebt in Wien, liebt ihren Freund Ivan abgöttisch, scheint jedoch mit einem gewissen Malina eine Wohnung zu teilen, der sich immer mehr in das Leben der Erzählerin einmischt, die schließlich in einem Mauerriss verschwindet. Der Roman endet mit dem Satz: "Es war Mord."

Im Laufe des Romans beginnt Malina immer mehr den Lebensraum der Erzählerin zu dominieren. Er arbeitet im Heeresgeschichtlichen Museum (das Kriegsprinzip - "Es gibt nicht Krieg und Frieden. Es gibt nur den Krieg.") und denkt rational (das männliche Prinzip?). Er scheint keine real existierende Person zu sein, sondern ein Alter Ego (das männliche) der Ich-Erzählerin. Als Beispiel die Erzählerin über ihr Helfersyndrom, sämtlichen karitativen Initiativen Unmengen von Geld zu spenden.
Ich soll den Wiederaufbau einer Mädchenschule in Jerusalem finanzieren, ich soll dreißigtausend Schilling für ein Flüchtlingskomitee zahlen, als kleinen Beitrag, ich soll für die Überschwemmungskatastrophe in Norddeutschland und in Rumänien aufkommen, mich beteiligen mit einer Unterstützung für die Erdbebenopfer, ich soll eine Revolution finanzieren in Mexiko, in Berlin und in La Paz, aber heute noch braucht Martin dringend tausend Schilling, nur bis zum nächsten Ersten geborgt, und er ist verläßlich, Christine Wantschura braucht dringend Geld für die Ausstellung ihres Mannes, aber er darf es nicht wissen, sie will es von ihrer Mutter wiederbekommen, aber sie hat einen alten Streit hervorgeholt mit ihrer Mutter, gerade jetzt. Drei Studenten aus Frankfurt können ihr Wiener Hotel nicht bezahlen, es ist dringend, noch dringender braucht Lina für den Fernsehapparat die nächste Rate, Malina rückt mit dem Geld heraus und sagt ja, aber bei den ganz großen Katastrophen und Unternehmen sagt Malina nein. Malina hat keine Theorie, für ihn richtet sich alles nach der Frage ›Haben oder Nichthaben‹. Wenn es nach ihm ginge, hätten wir unser Auskommen und nie Geldsorgen, die Geldsorgen bringe ich ins Haus, mit den Bulgaren, mit den Deutschen, mit den Südamerikanern, mit den Freundinnen, mit den Freunden, mit den Bekannten, all diesen Leuten, mit der Weltlage und mit der Wetterlage.
Je länger die Erzählerin reflektiert, desto größere Abgründe tun sich auf. Ein Reibebaum sind Vater/Stiefvater, der gewalttätig ist und das Kind vergewaltigt hat. Das zweite der drei Kapitel sind Traumprotokolle, in denen wildeste Gewaltfantasien eine Albtraumserie bilden.

In einem der Träume schließt der Vater sie in einen fensterlosen Raum mit Öffnungen, durch die Gas in den Raum geleitet werden.
mein Vater geht weiter, nimmt einen Schlauch nach dem anderen ab, und eh ich schreien kann, atme ich schon das Gas ein, immer mehr Gas. Ich bin in der Gaskammer, das ist sie, die größte Gaskammer der Welt, und ich bin allein darin. Man wehrt sich nicht im Gas.
In weiteren Träumen will der Vater sie ertränken, von Hochhäusern stürzen, vergiften, als Krokodil im Donaudelta auffressen. In einer Eishalle soll sie bei Minus 50 Grad nackt erfrieren.
Wir stehen bei 50 Grad Kälte, entkleidet, vor dem Palast, müssen die befohlenen Positionen einnehmen, im Publikum seufzen manche, doch jeder denkt, daß Bardos, der unschuldig ist, mitschuldig ist, weil man anfängt, die Ströme eisigen Wassers über uns zu gießen. Ich höre mich noch wimmern und eine Verwünschung ausstoßen, das letzte, was ich wahrnehme, ist das triumphierende Lächeln meines Vaters, und sein befriedigtes Seufzen ist das letzte, was ich höre. Ich kann nicht mehr um das Leben von Bardos bitten. Ich werde zu Eis.
Beruflich ist die Erzählerin Autorin, die aber an Schreibhemmung leidet und von Ivan kritisiert wird, dass sie ständig über den Tod schreibt. Krimiautorin? Reflexion von Bachmann, die an einem Todesartenprojekt schrieb, das nur in diesem Roman einen vollständigen Text ergab? Sie lebt zurückgezogen, gesellschaftliche Treffen oder Reisen sind ihr ein Greuel.
ich bin aber seit Jahren nicht mehr fähig, oft wochenlang, bis zu meiner Wohnungstür zu gehen oder das Telefon abzunehmen oder jemand anzurufen, es ist mir nicht möglich, und ich weiß nicht, wie mir zu helfen ist, wahrscheinlich ist mir nicht mehr zu helfen.
ich weiß, daß ich wahnsinnig bin. Die Elemente der Welt sind noch da, aber in einer so schaurigen Zusammensetzung, wie sie noch nie jemand gesehen hat. Autos rollen herum, von Farben triefend, Menschen tauchen auf, grinsende Larven, und wenn sie auf mich zukommen, fallen sie um, sind Strohpuppen, gebündelte Eisendrähte, Pappfiguren, und ich gehe weiter in dieser Welt, die nicht die Welt ist
Ventil sind Tausende von Briefen, die sie schreibt, jedoch nie abschickt. Ihr Viellesen reflektiert sie folgendermaßen:
ich lese viel, ich habe immer schon viel gelesen. Nein, ich weiß nicht, ob wir einander verstehen. Ich lese am liebsten auf dem Fußboden, auch auf dem Bett, fast alles liegend, nein, es geht dabei weniger um die Bücher, es hat vor allem mit dem Lesen zu tun, mit Schwarz auf Weiß, mit den Buchstaben, den Silben, den Zeilen, diesen unmenschlichen Fixierungen, den Zeichen, diesen Festlegungen, diesem zum Ausdruck erstarrten Wahn, der aus den Menschen kommt. ... Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir
Je weiter der Text fortschreitet, desto unklarer wird, ob die Erzählerin nicht über eine Schizophrenie reflektiert. Hier ein Dialog mit Malina.
Malina: Es war zum Ersticken bei dir. Geraucht hast du auch zuviel, ich habe dich zugedeckt, die Luft wird dir guttun. Wieviel hast du von allem verstanden?
Ich: Beinahe alles. Einmal glaubte ich nichts mehr zu verstehen, meine Mutter hat mich ganz verwirrt. Warum ist mein Vater auch meine Mutter?
Malina: Warum wohl? Wenn jemand alles ist für einen anderen, dann kann er viele Personen in einer Person sein.
Ich: Willst du damit sagen, jemand war einmal alles für mich? Was für ein Irrtum! Das ist ja das Bitterste.
Malina: Ja. Aber du wirst handeln, du wirst etwas tun müssen, du wirst alle Personen in einer Person vernichten müssen.
Ich: Ich bin doch vernichtet worden.
Malina: Ja. Auch das ist richtig.
Ich: Wie leicht wird es, darüber zu reden, es wird schon viel leichter. Aber wie schwer ist es, damit zu leben.
Malina: Darüber hat man nicht zu sprechen, man lebt eben damit.
Einige Seiten später wird die Vieldeutigkeit gesteigert.
Mein Vater legt zuerst die Kleider meiner Mutter ab, er steht so weit weg, daß ich nicht weiß, welches Kostüm er darunter anhat, er wechselt in einem fort die Kostüme, er trägt den blutbefleckten weißen Schlächterschurz, vor einem Schlachthaus im Morgengrauen, er trägt den roten Henkersmantel und steigt die Stufen hinauf, er trägt Silber und Schwarz mit schwarzen Stiefeln vor einem elektrisch geladenen Stacheldraht, vor einer Verladerampe, auf einem Wachtturm, er trägt seine Kostüme zu den Reitpeitschen, zu den Gewehren, zu den Genickschußpistolen, die Kostüme werden in der untersten Nacht getragen, blutbefleckt und zum Grauen!
Und?
Mein Vater, der nicht die Stimme meines Vaters hat, fragt von weit her:
Und?
Und ich sage weithin, weil wir immer weiter auseinanderkommen und weiter auseinander und weiter:
Ich weiß, wer du bist.
Ich habe alles verstanden.

Malina hält mich, er sitzt auf dem Bettrand, und wir sprechen beide eine Weile nicht. Mein Puls geht nicht schneller, nicht langsamer, der Paroxysmus tritt nicht ein, mir ist nicht kalt, es bricht mir kein Schweiß aus, Malina hält und hält mich, wir kommen nicht voneinander los, denn seine Ruhe ist auf mich übergegangen. Dann löse ich mich von ihm, ich rücke die Kopfpolster selber zurecht, ich lege meine Hände um Malinas Hände, nur ansehen kann ich ihn nicht, ich schaue auf unsere Hände nieder, die immer fester ineinandergreifen, ich kann ihn nicht ansehen.

Ich: Es ist nicht mein Vater. Es ist mein Mörder.
Malina antwortet nicht.
Ich: Es ist mein Mörder.
Malina: Ja, das weiß ich.
Ich antworte nicht.
Malina: Warum hast du immer gesagt: mein Vater?
Ich: Habe ich das wirklich gesagt? Wie konnte ich das nur sagen? Ich habe es doch nicht sagen wollen, aber man kann doch nur erzählen, was man sieht, und ich habe dir genau erzählt, wie es mir gezeigt worden ist. Ich habe ihm auch noch sagen wollen, was ich längst begriffen habe – daß man hier eben nicht stirbt, hier wird man ermordet. Darum verstehe ich auch, warum er in mein Leben hat treten können. Einer mußte es tun. Er war es.

Malina: Du wirst also nie mehr sagen: Krieg und Frieden.
Ich: Nie mehr.
Es ist immer Krieg.
Hier ist immer Gewalt.
Hier ist immer Kampf.
Es ist der ewige Krieg.
Dass die Erzählerin ein weibliches und männliches Prinzip in sich trägt, eine gespaltene Persönlichkeit ist, wird anhand einer Astrologin dargelegt.
Frau Senta Novak, die in Schauspielerkreisen sehr gefragt ist, aber auch von Industriellen und Politikern konsultiert wird, hat einmal in Kreise und Quadrate meine Aspekte und alle möglichen Tendenzen eingezeichnet, sie zeigte mir mein Horoskop, das ihr ungemein merkwürdig erschien, ich müsse es direkt selber sehen, wie scharf es gezeichnet sei, sie sagte, eine unheimliche Spannung sei schon auf den ersten Blick daraus zu lesen, es sei eigentlich nicht das Bild von einem Menschen, sondern von zweien, die in einem äußersten Gegensatz zueinander stünden, es müsse eine dauernde Zerreißprobe für mich sein, bei diesen Aspekten, falls ich die Daten genau angegeben hätte. Ich fragte höflich: Der Zerrissene, die Zerrissene, nicht wahr? Getrennt, meinte Frau Novak, wäre das lebbar, aber so, wie es sei, kaum, auch das Männliche und das Weibliche, der Verstand und das Gefühl, die Produktivität und die Selbstzerstörung träten auf eine merkwürdige Weise hervor.
Nachdem die Erzählerin (das weibliche Prinzip?) im Mauerriss verschwunden ist, antwortet Malina am Telefon Ivan:
Wie bitte?
Nein?
Dann habe ich mich nicht richtig ausgedrückt.
Es muß ein Irrtum sein.
Die Nummer ist 72 31 44.
Ja, Ungargasse 6.
Nein, gibt es nicht.
Hier ist keine Frau.
Ich sage doch, hier war nie jemand dieses Namens.
Eine hervorgehobene Stellung im Roman nimmt das Märchen Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran ein. Diese wird von Hunnen entführt, kann jedoch mit einem Pferd fliehen, trifft auf einen alten Mann, der sie jedoch auf ihrem Irrweg zurück in die noch stadtlose Region um Wien nicht begleiten kann, in der es nur Auen und Weiden gibt.

Das Nachwort in dieser Ausgabe schreibt Elfriede Jelinek mit einem für den SPIEGEL geschriebenen Text aus dem Jahr 1983, der jedoch nie angenommen worden ist. Sie interpretiert diesen Roman auf diese Weise:
Die Rolle der Frau als biologisch minderwertiges Sein (und nichts sonst), als »Paria« (Elisabeth Lenk), ist, in ihrer ewigen Unterwerfung, genau die richtige Mischung für die faschistische Ideologie. Die Frau ist reine Natur, dem Blut und dem Boden verwandt, Ruheort für den Mann, der zu den Haltegriffen seiner ewigen Waffen eilt. Die Frau ist der Humus für die Mythenbildung. Sie wird aus der Sphäre der gesellschaftlichen Produktion verdrängt und damit aus der Geschichte, auf »Zeitlosigkeit« (Gerburg Treusch-Dieter) festgelegt, der Welt von Tier und Pflanze zugesellt, verewigt, reines Bild. ... Malina besorgt die nahtlose Einpassung dieser Ich-Erzählerin in die männlich geprägte Ordnungswelt, indem er sie vollständig verdrängt und ihren Platz einnimmt.
Sie spricht auch die Kommunikationslosigkeit zwischen Liebenden an, in diesem Fall die Telefonate zwischen der Ich-Erzählerin und Ivan, deren Sätze zumeist unvollständig abbrechen. Hier ein Beispiel aus dem Roman:
Hallo. Hallo?
Ich, wer denn sonst
Ja, natürlich, verzeih
Wie es mir? Und dir?
Weiß ich nicht. Heute abend?
Ich verstehe dich so schlecht
Schlecht? Was? Du kannst also
Ich höre dich nicht gut, kannst du
Was? Ist etwas?
Nein, nichts, du kannst mich später noch
Natürlich, ich rufe dich besser später an
Ich, ich sollte zwar mit Freunden
Ja, wenn du nicht kannst, dann
Das habe ich nicht gesagt, nur wenn du nicht
Jedenfalls telefonieren wir später
Ja, aber gegen sechs Uhr, weil
Das ist aber schon zu spät für mich
Ja, für mich eigentlich auch, aber
Heute hat es vielleicht keinen Sinn
Ist jemand hereingekommen?
Nein, nur Fräulein Jellinek ist jetzt
Ach so, du bist nicht mehr allein
Aber später bitte, bitte bestimmt!
Eine schwierige, aber große Literatur.