Bodrozic-Wasser

Mit diesem Text habe ich mir schwer getan. Ein Mann liegt ein Jahr lang (die Kapitel sind beginnend mit Winter nach den vier Jahreszeiten benannt) im Wachkoma (?) und reflektiert in einem Monolog/Bewusstseinsstrom über sich und die Außenwelt, mit der er nur mit den Ohren verbunden ist. Er fantasiert sich zusammen, wie das Krankenzimmer, in dem er liegt,, wie die Pflegerinnen und Pfleger, zu denen er Kontakt sucht, jedoch nicht aufnehmen kann, aussehen können. Wirklichkeit und Fantasie vermischen sich und man weiß nie, ob das Wahrgenommene Fantasie oder Realität ist, ob seine Ex-Frau im Zimmer ist oder nicht, ob seine Ex-Geliebte im Zimmer ist oder nicht. Langsam setzt sich seine Lebensgeschichte zusammen. Er ist bei einem Autounfall in eine Schlucht gestürzt, am Gehirn operiert worden, lebt als Flüchtling vor dem Bosnienkrieg in den USA. In Europa ist er, da er seine Eltern hat besuchen wollen. Am Ende des Textes fährt er mit einem Wheeler (einem kalifornischen Bekannten) und einem von ihm geliebten Esel aus seinen Kindheitserinnerungen in einem Lift ohne Druckknöpfe vom 13. Stockwerk des Krankenhauses in die Freiheit. Das wird wohl der Tod sein, und dass zuvor seine Körperfunktionen zurückgekehrt sind, ist wohl ein Trugspiel seines Gehirns gewesen. So vermutlich auch das Aufstehen und Stehen am Fenster zuvor.

Das in diesem Roman vermittelte Menschenbild ist extrem pessimistisch. Mehrfach wird für das Menschendasein die Metapher "Insel" verwendet. Die Hauptfigur ist eine solche. Auch aus physischen Gründen komplett von der Außenwelt abgeschottet, aber auch in seiner Biographie von seinem Umfeld gewaltsam getrennt. Die so oft angesprochene Liebe als Daseinsziel oder Daseinszweck ist in Realität nie erfüllbar gewesen und schließlich als "Zustand" bezeichnet. Alle Beziehungen haben sich aufgelöst. Neue Beziehungen lassen sich nicht knüpfen, so mäandern Denken und Gefühle zwischen den verschiedenen Pflegerinnen, die er spürt und hört. Es bleibt die Fantasie, die zum höchsten Glück führt, wenn der Tod mit den Liebsten (einem Freund und einem Esel) in eine Kindheitstraumwelt führt.

Die sprachliche Umsetzung wird erst zugänglicher, wenn im letzten Drittel die erinnerungslose Fantasiewelt des Krankenzimmers mit Erinnerungsinseln aus der Lebensvergangenheit (Unfall, Gehirnoperation, Flucht, Kalifornien, Ehe, Geliebte) zusammengeführt wird. Zuvor ist es eine Mixtur aus Beschreibung, sachlichem Bericht (an Kanzleisprache erinnernd), hochvernünftiger Reflexion und Metaphernorgie. Wobei nicht nur eine Metapher etwas eigentümlich anmutet. So diese hier, als der Ich-Erzähler über Menschen in Städten fantasiert:
Sie fahren stundenlang Fahrrad, und die Städte verbeugen sich vor ihren gereinigten Nieren.
Eine Rezension, die mehr Zugang zu diesem Text findet, kann auf literaturkritik.de nachgelesen werden.