Wahl-Assistentin

Letztes Jahr hat dieses Buch einen Aufruhr unter den Kritikern hervorgerufen, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Es handelt von einer Berufseinsteigerin, die ohne Qualifikation gleich hoch hinaus will, jedoch von einem wirren Chef ausgenutzt wird.

Charlotte Scharf (Geburtsjahr 1996) hat einen Masterabschluss (worin, bleibt offen) und bewirbt sich bei einem Münchner Verlagshaus als erste Assistentin (Chefsekretärin). Etwas enttäuscht ist sie, dass sie nur zweite Assistentin wird, aber die ihr Vorgezogene rafft den Job - wie viele vor ihr - eh nicht und Charlotte steigt auf, zerbricht aber an den wirren Arbeitsaufträgen (Vermischung von Geschäftlichem und Privatem) wie auch an den erratischen Belobigungs- und Tadelrückmeldungen. Privat läuft es auch nicht so gut, eine Beziehung zu dem Nordfriesen Bo zerbricht zunächst mal und schließlich kapituliert sie nach einer herzinfarktähnlichen Panikattacke. Die Stresssymptome davor hat sie ignoriert (Haarausfall, Ohrensurren, Schwindel, Augenzucken, Stressfraktur am Schienbein).

Der Tagesablauf: Charlotte steht um 5:30 auf, geht laufen, frühstückt und fährt in den Verlag, den sie nie vor 19 Uhr verlässt, und auch danach kontaktiert der Chef sie sehr oft, um für ihn etwas zu erledigen. Auch das Wochenende ist nicht tabu.
Charlotte hat mal gehört, dass Tod durch Überarbeitung auf Japanisch «Karōshi» heißt, und irgendwie fand sie das spannend. Meist sterben die Opfer infolge chronischer Erschöpfung an Hirn- oder Herzschlag. In den Jahren von 2010 bis 2014 wurden durchschnittlich offiziell rund 300 Karōshi-Fälle anerkannt. Heutzutage gehen Experten von einem Vielfachen aus. Laut einer Studie lassen 23 % der befragten japanischen Unternehmen 80 Überstunden im Monat zu. Charlotte sammelte im November 69 Überstunden, sie kann sich schon vorstellen, dass das Herz bei noch einmal elf Stunden mehr zu schlagen aufgehört hätte.
Nach Anraten ihrer Ärztin ("Sie gehen da nie wieder hin.") kündigt Charlotte.

Dennoch ein Happy-End: In ihrer Freizeit schreibt sie Songs und teilt sie auf Instagram. Einer geht viral und sie erhält einen gutdotierten Plattenvertrag. Sie zieht in den Norden, lebt endlich an ihrem geliebten Meer und mit Bo passt es auch wieder.

Interessant ist der distanzierte Erzählstil einer auktorialen Erzählfigur, der mit Reflexionen, Vorausblenden und Wiederholungen etwas an den Brecht'sche Verfremdungseffekt erinnert: Es soll nachgedacht und nicht identifiziert werden. Charlotte bietet mit ihrem unterwürfigen Ehrgeiz auch mehr Nachdenk- als Identifikationspunkte.

Neben diesem Ehrgeiz wird auch die Frage aufgeworfen, ob man sich Berufsempfehlungen der Eltern unterwerfen soll. Nach dem Master wollen die Eltern kein zweites Studium (Wunsch: Popakademie) mehr bezahlen und sie drängen stark darauf, dass sie in dem Verlag groß einsteigen soll. Schon zu Beginn des Romans fällt mehrfach der auktoriale Kommentar "Fehlentscheidung".

Das Verlagswesen wird am Rande gestreift. Der Verleger (ausgezahlter Erbe aus einer Süßwarendynastie) scheint den Verlag an die Wand zu fahren, die Fluktuation im Betrieb ist hoch, er scheint gestresst zu sein. Die Organisationsaufträge an Charlotte sind offenbar eher privater Natur (Reisen, Geburtstagsgrüße, Servieren von Mittagessen). Hinzu kommt eine fast krankhafte Pedanterie. Mit Charlottes Ausstieg ist auch der Verlag aus dem Roman verschwunden.