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Tanja Paar - Am Semmering
20.03.2026 um 17:14
2025 hat die österreichische Schriftstellerin Tanja Paar anhand der Lebensgeschichte ihrer Großeltern die Zeit der Wirtschaftskrise, des Austrofaschismus und der nationalsozialistischen Annexion aufleben lassen. Die Protagonist:innen sind:
- Klara - junge Frau, hadert mit Kinderlosigkeit, Frau von Bertl
- Bertl - Eisenbahner, Sozialist, Mann von Klara
- Anton Szabo - Pensionsdirektor, Offizierssohn aus Triest, rückschauender Erzähler
- Fritz - Spross einer ehemaligen Grafenfamiie, Sozialist
Die Erzählung umspannt chronologisch die Jahre von 1928 bis 1945, wobei Anton Szabo immer wieder Einsprengsel erhält, in denen er aus Nachkriegsperspektive den Häuserkampf am Semmering (April 1945) zwischen der Roten Armee und den bewaffneten Rest-Nazis schildert.
Klara ist tschechischer Abstammung und zieht 1928 mit ihrem Mann von Wien nach Semmering, da er dort eine Fahrdienstleiterstelle erhält. Sie wohnen im Bahnwärterhäuschen mit Garten und beginnen sich in dem sozial sehr durchwachsenen Sommerfrischeort einzuleben. Zu ihrem Glück fehlt eigentlich nur ein Kind, das nicht gelingen will, worunter sie leidet und auch dem Spott böswilliger Einwohner ausgesetzt ist. Beide sind kontaktfreudig und eine engere Beziehung bauen sie mit dem ehemaligen Adelsspross Fritz auf, der wie Bertl Sozialist ist und mit ihm eine Leidenschaft für Motorräder teilt (Unterschied: Fritz kann sich ein Motorrad und ein Auto leisten). Der Vierte im Bunde ist Anton Szabo, der Direktor einer Ferienpension, der aus einer Offiziersfamilie stammt und in Triest aufgewachsen ist. Klara baut weiters engere Beziehungen zu Rahel, einer Dienstbotin und Köchin aus jüdischer Familie, und der italienischstämmigen Postangestellten Negrelli auf.
Der erste Einbruch in die Idylle ist die beginnende Wirtschaftskrise mit steigender Arbeitslosigkeit und einer rasanten Geldentwertung. Bertl hat das Glück, dass er als Eisenbahner eine sichere Stelle hat, wodurch das wirtschaftliche Wohlergehen der beiden nicht in Gefahr gerät. Sie beobachten jedoch, dass die Heimwehrmitglieder (bewaffnete Faschistenverbände nach italienischem Vorbild) wie auch die österreichischen Nationalsozialisten immer aggressiver auftreten: Gegen die Reichen, die Hotels wie den Panhans besuchen, wie auch gegen jüdische Menschen.
Mit der Ausschaltung des Parlaments 1933 und nach dem Bürgerkrieg sowie der Ausrufung einer faschistischen Dikatur 1934 schraubt Bertl seine politische Aktivität zurück, die Sozialdemokraten wie die Nationalsozialisten sind verboten. Der Grund: Er möchte seine Arbeitssstelle erhalten und nicht arbeitslos oder gar ausgesteuert sein. Fritz wird in Wien - wie viele Sozialisten - ohne Anklage verhaftet und in das Anhaltelager Wöllersdorf gesteckt, wo er physisch wie psychisch gebrochen wird. Szabo:
So ein Anhaltelager war kein KZ, das haben sich erst die Nationalsozialisten einfallen lassen, als sie an der Macht waren. Aber ein Lager war es trotzdem. Willkür und Ungerechtigkeit. Weil es ging ja um die Internierung politisch Missliebiger unabhängig davon, ob sie sich eines Deliktes schuldig gemacht hatten oder nicht. Sie wurden im Sammellager angehalten ganz ohne Prozess oder Urteil. So einfach ging das im Austrofaschismus.Fritz' Spur verliert sich während der nationalsozialistischen Herrschaft, nachdem es ihm nicht gelungen ist, Ausreispapiere zu erhalten, um die er sich bemüht hat.
Eigentlich ein Wunder, dass unser Fritz das überlebt hat. Nach dem Juliputsch sind Tausende dort eingesessen, sicher mehr Nazis als Sozis und Kommunisten. Da hat er es nicht leicht gehabt, war ja ein recht verwöhntes Bürschchen, unser Herr Ex-Baron. Zum Glück gab es im Anhaltelager Wöllersdorf auch eine Marodenstation und da haben sie ihn wieder aufgepäppelt, als er zu schwach wurde. Hungern musste da ja keiner, aber hunderte Betten in einer Baracke, umgeben von Stacheldraht, das war er nicht gewohnt. Und nicht zu wissen, ob und wann er da wieder rauskommt, eine schreckliche Belastung. Also Depression. Und die, die nicht mittellos waren, mussten sogar für ihren Aufenthalt zahlen, also wahrscheinlich er auch. ...
Es war, als hätten sie ihm in Wöllersdorf den Lebensmut genommen. Nicht einmal an seiner Beiwagenmaschine herumschrauben wollte er mehr. Er hat sie dann dem Bertl geschenkt. Aber sie ist von den Faschisten konfisziert worden, direkt aus Fritzens Garage heraus, so schnell hat der Bertl gar nicht schauen können.
Der Fritz, der uns immer die lustigsten Geschichten von seinen Wiener Eroberungen erzählt hatte, verhielt sich, als hätten sie ihm die Luft ausgelassen. Obwohl er im Lager hatte rauchen dürfen, gewöhnte er sich die Zigarren danach ab. Zu groß war seine Angst vor einem möglichen Lager, in dem er nicht mehr hätte rauchen können. Dabei hatten sie sich tagsüber auf dem Gelände frei bewegen dürfen und keine Zwangsarbeit verrichten müssen: Die Ungewissheit und die Willkür hatten ihn gebrochen.
Schließlich wird Klara schwanger und eine Tochter kommt zur Welt. Bertl setzt alles dran, seine Arbeitsstelle als kriegswichtig nicht zu verlieren, denn als junger Familienvater (obwohl vermutlich Anton Szabo der leibliche Vater ist) hat er null Interesse, zum Fronteinsatz einberufen zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Sozialisten (schon während der Illegalität im Austrofaschismus) tritt er jedoch nicht der NSDAP bei. Dennoch wird er während des Kriegs nach Mürzzuschlag, einem Eisenbahnknotenpunkt in der industrialisierten Obersteiermark, befördert - vermutlich auch, da dieser Einsatzort mit höherer Wahrscheinlichkeit Ziel eines alliierten Bombenangriffs sein würde. Die letzte Stufe Bertls ist eine Degradierung zum Lokomotivendienst. Nun besteht auch die Gefahr, Ziel eines direkten Angriffs zu werden.
Klara geht währenddessen unwillig mit dem Kind zurück nach Semmering, da Bertl annimmt, sie seien dort sicherer, und so gerät sie zu Kriegsende zwischen die Fronten des Häuserkampfs, den sie jedoch mit ihrem Kind überleben kann. Damit endet diese Erzählung.
Neben dem verschollenen Fritz und einer Hoteliersfrau (im Häuserkampf von einem Querschläger getroffen) ist das unsichtbare Opfer Rahel, die nach Wien zurückgegangen und deportiert worden ist. Anton Szabo macht sich bittere Vorwürfe, dass er vor der absehbaren Machtübernahme der Nazis nicht stärker gedrängt hat, dass Rahel ihn heiratet. Einen Antrag hat sie abgelehnt. Mit einem nichtjüdischen Ehemann wären ihre Überlebenschancen größer gewesen.
Fazit: Vor allem wenn man die österreichischen Verhältnisse und den Semmering kennt, ist dieser Roman mit großem Gewinn zu lesen. Tanja Paar gelingt es, ihre Figuren, deren Denken und Gefühle, auf sympathische Weise nahezubringen. Paar kann widersprüchliche Charaktere überzeugend zeichnen.