Keun-Mitternacht

Irmgard Keun hat diesen Roman nach ihrer Flucht aus Deutschland 1936 zu schreiben begonnen und 1937 in den Niederlanden veröffentlicht. In ihm setzt sie sich mit ihren Erfahrungen mit dem NS-Regime auseinandern, indem sie eine kleine Gruppe von Personen in Frankfurt zur Zeit von einer Hitlerrede am Frankfurter Opernplatz zur Wiedereinrichtung der Wehrmacht (real hielt Hitler am 16. März in der Frankfurter Festhalle eine Rede) in einer Art Kammerspiel zusammenkommen lässt.

Erzählerin ist Sanna (Sonja Moder), ein Mädchen zwischen 16 und 19 (das Alter bleibt unbestimmt), die von Lappersheim an der Mosel zunächst zu ihrer Tante nach Köln zieht, doch die ist hantig und eine NS-Fanatikerin, außerdem verärgert, dass sie aufgrund eines Erbes Sanna aushalten muss, und so übersiedelt sie zu ihrem Stiefbruder Algin und dessen Frau Liska nach Frankfurt am Main, in deren Wohnung sie den Haushalt besorgt. Algin ist erfolgreicher Schriftsteller und Journalist. Widerwillig passt er seine Themen an den Wunsch der NS-Kulturpolitik an (viel Natur), weigert sich aber Hohelieder auf die Partei oder Hitler zu verfassen.
Der Sinn der Erdschollen besteht darin, daß die Dichter sie besingen müssen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen und nachzudenken, was in den Städten los ist und mit den Menschen. ... Trotzdem er in seinen Geschichten jetzt tut, als müsse man jedes Häufchen Kuhmist an sein Herz drücken, um ein anständiger Mensch zu sein. ... Als der Algin berühmt wurde, wollte er sich was aufbauen. Jetzt leidet er unter seinem Aufbau, und er ist ihm eine Last, von der er nicht mehr loskommt. Weil die neue Regierung ein Buch vom Algin verboten hat, muß er sich eineinwandfrei benehmen beim Schreiben und verdient nicht mehr viel. ...

Algin ist gekommen. Blaß und dunkel sitzt er da, düstere Höhlen sind seine Augen, seine Hände liegen bleich auf dem Tisch. Wieder hat er einen Brief von der Reichsschrifttumskammer bekommen. Eine neue Säuberungsaktion unter den Schriftstellern soll stattfinden, bei der man Algin wahrscheinlich aussieben wird. Vielleicht würde es ihn retten, wenn er jetzt ein längeres Gedicht auf den Führer macht, was ihm bisher immer noch widerstrebte. Aber auch das kann ihm gefährlich werden. Denn vielleicht werden die nationalsozialistischen Schriftsteller böse, daß er wagt, den Führer anzudichten, ohne alter Kämpfer zu sein. Er darf auch nicht wagen, einen nationalsozialistischen Roman zu schreiben, weil ihm das nicht zukommt. Wenn er aber keinen nationalsozialistischen Roman schreibt, ist er unerwünscht. Er wird noch immer gern gelesen und gedruckt, das soll auch nicht sein.
Auch ihr Vater (Gastwirt) wird als einer beschrieben, der zwar nicht unbedingt Nationalsozialist ist, sich jedoch anpasst. Buch und Bild seines Sohns Algin entfernt er.
Das Buch vom Algin liegt nicht mehr auf dem Tisch neben der Theke, weil die Nationalsozialisten es auf eine schwarze Liste gesetzt haben. Es ist nämlich zersetzend und vergeht sich an dem elementaren Aufbauwillen des Dritten Reiches. Das hat die nationalsozialistische Zeitung in Koblenz geschrieben. Mein Vater war zuerst nicht Nationalsozialist, aber er war für einen elementaren Aufbauwillen.
Der Freundeskreis, zu dem Sanna stößt, ist bunt gemischt, darunter auch jüdische Menschen. Die Nürnberger Gesetze haben deren Lage verschärft und eigentlich ist es auch nicht mehr erwünscht, dass die gleichen Lokalitäten besucht werden.

Das Bedeutende an diesem authentischen Werk ist, dass die Schrecken (Krieg und Holocaust) noch nicht stattfinden, maximal erahnt werden können.
Der Führer riskiert alles. Durch ein Wort kann er Krieg machen morgen und uns alle tot. Wir alle ruhen in des Führers Hand.
Sannas Freundin Gerti liebt einen Jungen, der jetzt als "Halbjude" gilt, und will von ihm nicht ablassen.
Ich habe Gerti schon oft gesagt: »Mach dich nicht unglücklich, Gerti, und den Dieter dazu.« Der ist nämlich so etwas wie ein Mischling erster Klasse oder dritter Klasse – ich kann nicht klug aus diesen Benennungen werden. Jedenfalls darf die Gerti nichts mit ihm zu tun haben, weil doch Rassengesetze sind. Und wenn die Gerti auch nur einfach mit dem Dieter zusammensitzt in der Ecke von einem Café, und sie drücken sich mal die Hände, dann können sie gleich schwer bestraft werden wegen Erregung des Volksempfindens.
Und weiter über die Absurdität der Allmacht, welche die Nürnberger Gesetze zum Ausdruck bringen:
Es ist ja schon schwer, immer die Maßnahmen einer Behörde für das Geschäftsleben zu kennen – man weiß, daß ein Geschäftsleben sehr schwierig gestaltet ist –, und nun muß man auch noch alle Bestimmungen für die Liebe kennen, das ist bestimmt nicht leicht. Man kann entmannt werden oder ins Gefängnis kommen, ehe man sich’s versieht, das ist nicht angenehm. Es soll ja Liebe geben, und man soll als deutsche Frau auch Kinder kriegen, aber dazu ist doch immer ein Vorgang mit Gefühl nötig. Und bei diesem Vorgang dürfen gesetzlich keine Fehler gemacht werden. Das Sicherste ist vielleicht doch: man liebt überhaupt nicht. Solange das gestattet ist.
Gerti wird von einem SA-Mann gestalkt und ihre Familie würde eine Beziehung mit ihm für gut heißen, doch sie pfeift darauf und ärgert ihn, wo sie nur kann. So zum Beispiel in einer Bierkneipe, in der er sich an sie heranmacht.
Gern würde ich in Ruhe mein Glas Bier trinken, aber wenn ich das Wort Weltanschauung höre, weiß ich ja, daß Krach kommt. Die Gerti sollte es lassen, einen SA-Mann zu reizen, indem sie sagt: die Reichswehrleute haben schönere Uniformen und sehen auch sonst schöner aus – und wenn es schon einer von militärischer Rasse sein müsse, dann habe sie lieber einen von der Reichswehr. Natürlich flattern solche Worte wie rasende Hornissen um einen Kurt Pielmann und stechen ihn bis ins Innerste – und wenn er nicht sofort daran stirbt, wird er eben gemein. Man weiß doch Bescheid. ... Und Gerti sollte dem Pielmann nachher sagen, sie habe vollkommen kalt und mit Empörung die Einladung eines SS-Mannes zurückgewiesen – etwas Besseres gibt es gar nicht, um einen SA-Mann zu versöhnen, weil er unter der Überlegenheit der SS leidet, die für die Allgemeinheit als engste Garde des Führers für was Feineres gilt. Das Allerfeinste und Höchste ist jetzt die Reichswehr, so daß darunter auch wieder die SS leiden muß.
Aufgrund der Entstehungszeit ist es Keun auch noch möglich, aus der Sicht der scheinbar naiven Ich-Erzählerin Witze über Hitler zu reißen. So zum Beispiel über die Menschenmenge, die zu Hitlers Rede zusammenläuft.
Vielleicht hat der Führer später gedacht, das Volk sei zusammengeströmt aus Liebe zu ihm. Aber als Führer wird er zu klug sein, um das zu glauben. Zum Karnevalszug in Köln kommen noch tausendmal mehr Menschen und sitzen auf Laternen und höchsten Dächern und brechen Arme und Beine und alles – es ist ihnen egal. Weil es ihnen nämlich nur ein Sport ist und Stolz: einen Platz zu haben, von dem aus sie was sehen konnten, und um glauben und sagen zu können, sie seien dabeigewesen. Feine Leute wollen ja auch immer bei was Feinem dabeigewesen sein – so bei Pressebällen und neuen Theaterstücken. Aber weil sie dafür viel Geld zahlen müssen, ist das Gedränge da meistens nicht so gefährlich wie bei den furchtbar vielen Volksmassen, die ja kein Geld haben und immer nur hinkönnen, wo es nichts kostet. ... Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalszug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand. ... Andrerseits waren Damen in unserem Balkon, die freuten sich sehr, daß sie so einen General Blomberg erkennen konnten und Göring, weil der so was Rotes an seiner Jacke hatte – man weiß ja von Fotografien her, daß er immer gern aparte Kostüme trägt. Trotzdem er doch eigentlich jetzt schon so bekannt ist, daß er durch besondere Kleidung nicht mehr auffallen braucht.
Auch über die materielle Kluft zwischen NS-Bonzen und Bevölkerung schreibt Keun. Szene: Ankunft des Autokonvois mit Hitler. Franz ist Sannas Geliebter, der im Mosel-Ort geblieben ist.
Dann glitten auf einmal Autos über die Straße – so weich und eilig wie fliegende Daunenfedern. Und so schön! Nie in meinem Leben habe ich so wunderbare Autos gesehen. Und so viele Autos kamen, so viele! Alle Gauleiter und zugehörigen hohen Parteimänner fuhren in solchen Autos, es war herrlich. Die sind sicherlich alle furchtbar reich. Denn wenn ich an den Franz denke und mir ausmale, er würde noch hundert Jahre leben und von morgens bis abends arbeiten – wenn er immer Arbeit hätte – und würde hundert Jahre nichts trinken und kein bißchen rauchen und nichts tun als sparen, sparen, sparen – dann könnte er sich in hundert Jahren noch immer nicht so ein Auto kaufen. In tausend Jahren vielleicht. Aber welcher Mensch wird denn tausend Jahre alt.
Und über die "Leistungen", die Hitler und seine Komparsen erbringen, mit denen sie ihr Geld verdienen:
So ein Göring muß sicher dauernd nachdenken, um einem Volk immer Neuigkeiten vorführen zu können. Und dabei müssen diese Männer auch noch immer Zeit zum Regieren finden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sie das alles schaffen. Der Führer gibt doch schon allein fast sein ganzes Leben hin, für sein Volk fotografiert zu werden. Man stelle sich nur so eine ungeheure Leistung vor: ununterbrochen sich fotografieren zu lassen mit Kindern und Lieblingshunden, im Freien und in Zimmern – immerzu. Und außerdem ständig mit Flugzeugen zu fahren und in langen Wagneropern sitzen, weil das deutsche Kunst ist, für die er sich auch opfert.

Berühmtheit fordert immer Opfer, das habe ich mal in einem Artikel über Marlene Dietrich gelesen. Es heißt ja immer, der Führer würde nur Radieschen essen und Schwarzbrot mit Klatschkäse. Das ist auch ein Opfer für den Ruhm. ... Ich könnte mir denken, daß unserem Führer daran liegt, eine besonders schöne schlanke Figur zu haben, da er doch immerzu fotografiert und in Wochenschauen und Reichsparteitagfilmen vorgeführt wird. Er möchte vielleicht auch einen Gegensatz bilden zu Göring und dem Minister Ley und vielen Bürgermeistern und Ministern, die wirklich alle auffallend zugenommen haben. Das kann man ja täglich an ihren Bildern in den Illustrierten erkennen.
Selbst Verschwörungserzählungen finden Platz. So erzählt in einer Bierkneipe ein Stürmer-Kolporteur:
Der Stürmermann hat Neues über Juden und Freimaurer herausgefunden, und zwar daß die Fünf- und Zehnpfennigstücke in einem furchtbaren Zusammenhang mit dem Judentum stehen und dadurch mit den Freimaurern. Die Kornähren auf der Rückseite der Geldstücke bilden nämlich mit ihren Stengeln eine Art von Davidstern.
Und weiter:
Ich habe jetzt diese Rute herausgeforscht, um die Juden zu erkennen. Man erkennt nämlich die Juden nicht immer. Der Stürmer schreibt, daß sie die Kinder des Teufels wären. Der Teufel hat furchtbar viel Gestalten, die er annimmt. Aber ich entlarve ihn mit meiner Rute. Es gibt solche Juden, die nicht aussehen, als wären sie Juden – und es gibt Christen, die nicht aussehen, als wären sie Christen. Ich entlarve sie alle mit meiner Rute. Ich halte sie in der Hand und gehe mit ihr in Straßenbahnen und gehe mit ihr auf der Straße. Ich rühre mit der Rute an die Rücken der Menschen, und wenn meine Rute ausschlägt, ist es ein Jude.«
Das Fett weg bekommen auch englische Journalisten, die durch Deutschland touren und bei dem Wohnungsfest Liskas und Algins, welches den letzten Frankfurter Teil bildet, anwesend sind. Diese sind begeistert über die Entwicklung, die Deutschland genommen habe.
»Wie glücklich doch das deutsche Volk geworden ist«, sagt der alte, rosa gebadete Engländer und: »gleich fährt unser Zug, gleich müssen wir aufbrechen, leider«.
Beklemmend sind die Passagen, in denen die Denunziationsfreudigkeit großer Teile der Bevölkerung im Gestapo-Hauptquartier thematisiert wird.
Und immer mehr Menschen strömen herbei, das Gestapo-Zimmer scheint die reinste Wallfahrtstätte. Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn. Und die Schreibmaschinen klappern, klappern, klappern, alles wird zu Protokoll genommen, alle Anzeigenden werden gut und freundlich behandelt. Zwischendurch kommen Mütter, deren Söhne verschwunden sind, Frauen, deren Männer verschwunden sind, Schwestern, deren Brüder verschwunden sind, Kinder, deren Eltern verschwunden sind, Freunde, deren Freunde verschwunden sind. Diese Fragenden werden nicht so gut und freundlich behandelt wie die Anzeigenden. ...

Wir leben nun mal in der Zeit der großen deutschen Denunziantenbewegung. Jeder hat jeden zu bewachen, jeder hat Macht über jeden. Jeder kann jeden einsperren lassen. Der Versuchung, diese Macht auszuüben, können nur wenige widerstehen. Die edelsten Instinkte des deutschen Volkes sind geweckt und werden sorgsam gepflegt.
Die Wende bildet das bereits oben genannte Wohnungsfest. Der Journalist Heini (vermutlich Tucholsky nachgestaltet) sieht sein Lebenswerk für abgeschlossen, es gäbe nichts mehr zu schreiben, Emigration sei keine Alternative. Heini:
Man kann weder hier noch im Ausland ein geistreicher und witziger Journalist sein, wenn einem ewig die Schreie aus den deutschen Konzentrationslagern in den Ohren gellen. ... Ein bluttriefendes Riesenrad, dreht Deutschland sich um sich selbst, weiter, immer weiter durch die nächsten Jahrzehnte – beinahe gleichgültig, welche Stelle des Rades gerade oben, welche unten ist. ... Armer Emigrant. Glatt und hart umschalt wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst wirst du zur Qual werden und anderen Menschen zur Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.
Nach seinem Monolog nimmt er eine Pistole aus seiner Tasche und erschießt sich.

Auch kommt überraschenderweise Sannas Freund Franz zu diesem Fest und seine ersten Worte sind: "Ich habe ihn umgebracht." Franz hat all sein Geld gespart, um mit Sanna ein Tabakgeschäft zu eröffnen. Er hat ein Lokal gefunden und gekauft, doch ein Konkurrent ein paar Straßen weiter hat ihn als Kommunisten denunziert. Als er ohne Angaben von Gründen nach drei Monaten entlassen worden ist, waren das Geschäftslokal und deren ersten Waren zerstört. Franz erwürgt diesen Konkurrenten und ist auf der Flucht. Beide beschließen, noch in derselben Nacht mit dem Zug in die Niederlande zu fahren. Sanna packt, versteckt noch 100 Reichsmark in einer Zahnpastentube (10 RM soll die Obergrenze sein, die ausgeführt werden darf) und stiehlt Algins Pass für Franz.

Beide passieren die deutsch-niederländische Grenze ohne Komplikationen.
Der Zug fährt wieder, mein Hundertmarkschein fährt, Franz fährt, alles fährt mit, nur die Angst fährt nicht mehr mit. Das war die Grenze.
Definitive Leseempfehlung.