Anne Frank - Tagebuch
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Dieses berühmte Tagebuch umfasst den Zeitraum von 12. Juni 1942 (13. Geburtstag) bis 1. August 1944 (am 4. August wurden die Untergetauchten von der Gestapo aufgegriffen). Der erzählerische Trick, den Anne anwendet, ist der Name Kitty für das Tagebuch, damit schreibt sie fiktive Briefe und keine an sich selbst gerichteten Reflexionen. Damit lässt sich der ausgereifte Stil erklären. Diese junge Frau war ein riesiges Schreibtalent, das Einblick nicht nur in die enge Welt von Versteckten, sondern auch in die Gefühlswelt eines pubertierenden Mädchens bietet.
Editorische Anmerkung: Es existieren drei Versionen des Tagebuchs: 1. die ursprüngliche Rohfassung, 2. eine von Anne Frank selbst überarbeitete Version, 3. eine von ihrem Vater nach dem Krieg redigierte Version. Über die beiden Versionen von Anne ist in der WELT nachzulesen.
Bis zum 6. Juli 1942, dem Tag der Übersiedlung ins Versteck, können wir noch über die letzten relativ freien Tage erfahren, und Anne reflektiert, wie eingeschränkt das Leben für jüdische Menschen wegen der deutschen Besatzer bereits war, worauf sie verzichten musste und dass sie in ein Lyzeum nur für jüdische Kinder und Jugendliche abgeschoben war, das sie als 13-Jährige nur mit Glück und wegen ihrer hohen Intelligenz hat besuchen dürfen. Noch im Versteck zieht Anne, deren Berufstraum Journalistin war, ihre Bildung durch und wird von außen mit Büchern versorgt. Noch am 27. April 1944 schreibt sie über ihr Lese- und Lernpensum:
Im Augenblick lese ich »Kaiser Karl V.«, von einem Göttinger Universitätsprofessor geschrieben. Er hat vierzig Jahre an diesem Buch gearbeitet. In fünf Tagen habe ich fünfzig Seiten gelesen, mehr ist nicht möglich. Das Buch hat 598 Seiten, da kannst du dir ausrechnen, wie lange ich dazu brauchen werde. Und dann noch der zweite Band! Aber sehr interessant!Am 11. Mai 1944:
Was ein Schulmädchen an einem Tag nicht alles macht! Nimm mich mal! Erst habe ich ein Stück von Nelsons letzter Schlacht aus dem Niederländischen ins Englische übersetzt. Dann nahm ich die Fortsetzung des nordischen Krieges (1700–1721) durch. Peter der Große, Karl XII., August der Starke, Stanislaus Leczinsky, Mazeppa, Brandenburg, Vorder-Pommern, Hinter-Pommern und Dänemark, samt den dazugehörigen Jahreszahlen. Anschließend landete ich in Brasilien, las vom Bahia-Tabak, dem Überfluss an Kaffee, den anderthalb Millionen Einwohnern von Rio de Janeiro, von Pernambuco und São Paulo, den Amazonasfluss nicht zu vergessen. Von Negern, Mulatten, Mestizen, Weißen, mehr als 50 % Analphabeten und der Malaria. Da mir noch etwas Zeit blieb, nahm ich noch schnell einen Stammbaum durch: Jan der Alte, Wilhelm Ludwig, Ernst Casimir I., Heinrich Casimir I. bis zu der kleinen Margriet Franciska (geboren 1944 in Ottawa).
Zwölf Uhr: Auf dem Dachboden setzte ich meine Lernzeit fort mit Dekanen, Pfarrern, Pastoren, Päpsten und … Puh, bis ein Uhr.
Nach zwei Uhr saß das arme Kind schon wieder an der Arbeit, Schmal- und Breitnasenaffen waren dran. Kitty, sag schnell, wie viel Zehen ein Nilpferd hat! Dann folgte die Bibel, die Arche Noah, Sem, Ham und Japhet, danach Karl V. Dann mit Peter Englisch, »Der Oberst« von Thackeray. Französische Vokabeln abhören und dann den Mississippi mit dem Missouri vergleichen!
Bis morgen muss ich den ersten Teil der Lebensgeschichte von Galileo Galilei auslesen, da das Buch zur Bibliothek zurück muss. Gestern habe ich damit angefangen, jetzt bin ich auf Seite 220. Es hat 320, also schaffe ich es. Nächste Woche muss ich »Palästina am Scheideweg« und den zweiten Teil von Galilei lesen. Außerdem habe ich den ersten Teil der Biographie von Kaiser Karl V. ausgelesen und muss dringend meine vielen Notizen und Hinweise auf die Stammbäume ausarbeiten. Und dann habe ich auch drei Seiten mit Fremdwörtern aus den verschiedenen Büchern herausgeholt, die alle eingeschrieben, aufgesagt und gelernt werden müssen. ... Dann warten Theseus, Ödipus, Peleus, Orpheus, Jason und Herkules auf ein gründliches Ordnen, da ihre verschiedenen Taten wie bunte Fäden in meinem Kopf durcheinander liegen. Auch Mykon und Phidias bedürfen dringend einer Behandlung, damit ihr Zusammenhang erhalten bleibt. Ebenso geht es z.B. mit dem Sieben- und dem Neunjährigen Krieg.Anne kommt aus einem gebildeten und wohlhabenden Elternhaus, das 1933 aus seiner Welt gerissen wurde, als die Familie vor der NS-Diktatur aus Deutschland in die Niederlande floh. Der Vater konnte auch dort geschäftlich erfolgreich tätig sein, doch die deutsche Kriegsmaschinerie machte sie zum zweiten Mal zu Verfolgten und als Gestapo wie SS begannen, in den Niederlanden Jüd:innen aufzugreifen, zu internieren, zu deportieren, zog die Familie in das Hinterhaus des Firmenkontors und -lagers, das für insgesamt acht Personen ein Versteck bildete. Einige Eingeweihte versorgten die Untergetauchten, doch waren untertags auch Angestellte und Arbeitende im Gebäude, die von den Menschen im Hinterhaus nichts wussten und auch nichts wissen durften.
Mehrfach schildert Anne in ihrem Tagebuch, dass ins Gebäude eingebrochen wurde, um Wertvolles zu stehlen. Je länger Besatzung und Krieg andauerte, desto schlimmer war grundsätzlich die Versorgung in Amsterdam und Eigentumsdelikte stiegen an. Jeder Einbruch war für die Menschen im Versteck hochriskant, da auch Polizei zum Gebäude gerufen werden konnte und auch wurde.
Wie prekär die Sicherheitslage in Amsterdam war, zeigt ein Eintrag vom 29. März 1944:
Man hört von Einbrüchen und Diebstählen in größter Menge, so daß ich mich immer wieder frage, wo die sprichwörtliche Ehrlichkeit der Holländer geblieben ist. Kleine Kinder von acht bis elf Jahren schlagen die Fensterscheiben fremder Wohnungen ein und nehmen, was nicht niet-und nagelfest ist. Niemand wagt es, sein Haus nur fünf Minuten allein zu lassen, denn wenn man eine Weile weg ist, ist nachher alles flöten. Täglich werden in den Zeitungen Belohnungen ausgesetzt für das Zurückbringen von gestohlenen Schreibmaschinen, Perserteppichen, elektrischen Uhren, Stoffen usw., usw. Die großen Uhren auf der Straße werden abmontiert, die Telefone aus den Zellen bis zum letzten Draht herausgeholt.Auch wenn der Hauptteil der Einträge altersgemäß das Frauwerden zum Thema hat, die oft harsche Ablehnung der Mutter aufgrund eines für Anne beleidigenden Verhaltens, die Gefühle zu dem drei Jahre älteren Peter, dem Sohn der zweiten mit ihnen untergetauchten Familie, findet aber auch Politisches Eingang in die Aufzeichnungen. So wird bereits am 9.Oktober 1942 nicht nur von der Massierung von Jüd:innen im Lager Westerbork berichtet, von Geiselnahmen, von Verschickungen in Arbeitslager (das dürften die berüchtigten Mauthausen-Transporte gewesen sein), sondern auch davon, dass das britische Radio von Gaskammern berichtete. Und am 12. Februar 1944 werden die Vergasungen nochmal angesprochen, als eine Kontaktperson das Ausmaß der Judenverfolgung nicht fassen kann: "Sie können doch nicht in Abrede stellen, daß in Polen und Rußland Millionen Unschuldiger vergast und ermordet werden!" Und am 31. März 1944 ist Anne von der Besetzung Ungarns informiert und zieht die traurigen, richtigen Schlussfolgerungen: "Ungarn ist von deutschen Truppen besetzt. Da sind noch eine Million Juden, die werden nun wohl auch dran glauben müssen." Letztendlich war es mehr als eine halbe Million, die ermordet wurde.
Durchgehend war die Familie über illegales Radiohören und durch die Außenkontakte über den Kriegsverlauf informiert. 1942 wird die Nordafrikafront reflektiert, Ende 1942 Stalingrad, danach die Landung in Italien und die Absetzung Mussolinis, über die Fortschritte der Roten Armee wurde gesprochen, aber die größte Hoffnung auch aus persönlichen Gründen ist eine Invasion der Westalliierten in Holland und/oder Frankreich, deren Hinauszögern mit Verzweiflung bedauert wird, da sich auch die Versorgungslage im Versteck zunehmend verschlechterte ("Mit dem Krieg geht es auch nicht recht vorwärts" - 24. Dezember 1943). Dennoch: An ein glückliches Ende zweifelte letztlich niemand von den Versteckten, auch Anne nicht, die mehrfach ihren Wunschtraum, Journalistin und Schriftstellerin zu werden formuliert, und deswegen ihr Lernpensum wie oben beschrieben aufrecht erhält. Verzweifelte Phasen ("Ich empfinde eine große Leere in mir") sind gegeben, aber diese werden immer wieder überwunden.
Gehört wurde aber auch deutsches Radio und am 19. März 1943 notiert Anne:
Der Führer aller Germanen hat vor verwundeten Soldaten gesprochen. Es war traurig anzuhören. Ein Beispiel:Am 27. März 1943 schreibt Anne über neue Verfolgungsaktionen in den Niederlanden, aber auch über Widerstandsaktionen. Sie ist am Laufenden und auch mit 13 Jahren sehr am politischen Geschehen interessiert.
»Heinrich Scheppel ist mein Name.«
»Wo verwundet?«
»Bei Stalingrad.«
»Welche Verwundungen?«
»Beide Füße abgefroren und das linke Handgelenk gebrochen!« Genauso gibt das Radio dieses widerliche Marionetten-Theater wieder. Es macht beinahe den Eindruck, als seien die Verwundeten noch stolz auf ihre Blessuren. Je mehr, desto besser!
Einer konnte vor Rührung, weil er seinem Führer die Hand geben durfte - vorausgesetzt, daß er noch eine hat - kein Wort herausbringen.
Rauter, irgendein hoher Deutscher, hat eine Rede gehalten. »Alle Juden müssen bis zum 1. Juli die germanischen Länder verlassen haben. Vom 1. April bis 1. Mai wird die Provinz Utrecht gesäubert (als wären es Kakerlaken!), vom 1. Mai bis 1. Juni die Provinzen Nord- und Südholland.« Wie eine Herde armes, krankes und verwahrlostes Vieh werden die armen Menschen zu ihren schmutzigen Schlachtplätzen geführt. Aber lass mich lieber schweigen, ich bekomme nur Albträume von meinen eigenen Gedanken.Und am 18. Mai 1943:
Etwas Feines ist auch passiert: Der Arbeitsnachweis ist durch Sabotage in Brand gesteckt worden und einige Tage später das Einwohnermeldeamt. Männer in deutschen Polizei-Uniformen haben die Wachtposten überwältigt und dann die wichtigen Kartotheken verschwinden lassen, so daß jetzt das Aufrufen und Auffinden der Menschen sehr erschwert ist.
Sämtliche Studenten sollen eine Loyalitätserklärung unterzeichnen und sich mit den Maßnahmen der besetzenden Macht einverstanden erklären. Dann dürfen sie weiter studieren. 80 Prozent jedoch haben es nicht fertigbekommen, gegen ihr Gewissen zu handeln und ihre Überzeugung zu verkaufen. Die Folgen sind nicht ausgeblieben. Alle Studenten, die nicht unterzeichnet haben, müssen nach Deutschland zur Zwangsarbeit. Was bleibt von der holländischen Jugend übrig, wenn das so weitergeht?Im Mai 1944 erfahren wir, dass alle Privattelefone abgeschaltet wurden, und am 21. Juli, nach dem Attentat auf Hitler, dass das Militär der Gestapo unterstellt worden sei. Sehr lakonisch schreibt Anne:
Hitler ist ferner so freundlich gewesen, seinem teuren und ergebenen Volk mitzuteilen, daß von heute an auch das Militär der Gestapo unterstellt ist und daß jeder Soldat, der weiß, daß sein Vorgesetzter beteiligt gewesen ist an dem eigen und niedrigen Anschlag, diesen ohne weiteren Prozeß niederknallen darf.Am selben Tag äußert Anne aber auch ihre Zweifel, was aus einem erfolgreichen Attentat hervorgehen hätte können:
Das wird eine schöne Geschichte werden. Hans Dampf tun die Füße weh vom vielen Laufen; sein Chef, der Offizier, schnauzt ihn an. Hans greift zum Gewehr, schreit: »Du wolltest den Führer ermorden, da hast du deinen Lohn!« Ein Knall und der hochmütige Chef, der es gewagt hat, den kleinen Soldaten zu rügen, ist ins ewige Leben eingegangen (oder ist es der ewige Tod?). Zuletzt wird es dann so sein, daß die Herren Offiziere die Hosen voll haben und vor Angst nicht mehr wagen, einem Soldaten etwas zu sagen.
Es wurde ein Attentat auf Hitler verübt, aber nicht einmal von jüdischen Kommunisten oder englischen Kapitalisten, sondern von einem edelgermanischen deutschen General, der Graf ist überdies noch jung! Die »göttliche Vorsehung« hat dem Führer das Leben gerettet, und er ist leider, leider mit einigen Schrammen und ein paar Brandwunden davongekommen. Ein paar Offiziere und Generäle aus seiner Umgebung sind tot oder verwundet. Der Haupttäter wurde erschossen. Es ist wohl der beste Beweis, daß viele Offiziere und Generäle den Krieg bis obenhin satt haben und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken möchten. Ihr Streben ist, nach Hitlers Tod eine Militär-Diktatur zu errichten, dann Frieden mit den Alliierten zu schließen, aufs neue zu rüsten, um nach 20 Jahren einen neuen Krieg zu beginnen.Der letzte Eintrag ist vom 1. August 1944. Am 4. August wird das Versteck von der Gestapo gestürmt.
