Politics-Work-Life-USSR

1987 erschien dieser Band bei der Cambridge University Press, in dem standardisierte Interviews, die mit etwas über 2000 Ende der 1970er, Anfang der 1980er aus der Sowjetunion in die USA exilierten Personen geführt wurden, analysiert wurden. Aufgrund der strikten Auswanderungspolitik der Sowjetunion stammte ein großer Teil der Interviewten aus jüdischen Familien. Nicht ganz 50 Prozent gaben religiöse Gründe als Motivation zur Auswanderung an.

Sehr ausführlich wird die Methodik dargelegt, anschließend sind die Einzelkapitel nach unterschiedlichsten Themen strukturiert. Zu diesem Soviet Interview Project (SIP) gibt es einen kurzen Eintrag in der englischsprachigen Wikipedia

Gleich zu Beginn wird die Frage nach Zufriedenheit mit der Lebensqualität in der Sowjetunion präsentiert, und an letzter Stelle rangiert die Versorgungslage mit Bedarfsgütern. Wobei angemerkt wird, dass Personen aus großen Städten unzufriedener waren als Personen, die in ländlichen Gebieten wohnten, obwohl objektiv die Versorgung in Städten besser und vielfältiger war.

Quality Life

Als Hauptprobleme werden Güterknappheit, sporadische Versorgung, Schlangestehen und schlechte Qualität genannt. Bezüglich Ausbildungsgrad wird festgestellt, dass Personen mit höherer formaler Bildung (Hochschule, Universität) unzufriedener waren als Personen mit niedrigerer formaler Bildung. These ist, dass Städter bzw. höher Gebildete eher noch Informationen hatten, wie die Versorgung von Menschen in Ländern außerhalb der Sowjetunion im Vergleich war.

Mit der Arbeitsplatzsituation, dem Wohnraum und der öffentlichen medizinischen Versorgung waren die Menschen noch eher zufrieden.

Festgestellt wird auch, dass politisches Interesse bzw. politische Aktivität (nicht unbedingt auf die Partei bezogen) in den jüngeren Generationen abgenommen haben.

Verglichen wird die Einkommensverteilung zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten. Öffentliche Zuwendungen bzw. freier Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung wirken zusätzlich egalitär, während Boni und Zugang zu restringierten Produkten für Partei-, Staats- und Wirtschaftseliten in die andere Richtung weisen. Insgesamt sei die Verteilung etwas egalitärer als in den USA, jedoch weniger egalitär als in Wohlfahrtsstaaten mit gemischter Wirtschaft wie zum Beispiel Schweden. Aufgrund des eklatant unterschiedlichen Niveaus des Lebensstandards wird die Frage gestellt, ob das sowjetische Experiment es überhaupt wert und ob der Preis (endemische Armut) nicht zu hoch war.

Bestätigt wird in den Interviews die nach Republiken und Autonomen Regionen strukturierte ethnische Politik und ein russischer Kolonialismus/Imperialismus gegenüber den 14 nicht-russischen Unionsrepubliken. Innerhalb einer Unionsrepublik würden ethnische Russen wie Mitglieder der Titularethnie (z. B. Usbek:innen in Usbekistan) gegenüber anderen Ethnien bevorzugt. Eine Gleichheit unabhängig der ethnischen Zugehörigkeit in der gesamten Sowjetunion wird von kaum einer interviewten Person angegeben. In Belarus und Lettland würden ethnische Russ:innen gegenüber Mitgliedern der Titularnation privilegiert sein (Jobzugang, Karriere, Staats- und Parteifunktionen). In der gesamten Sowjetunion würden Russ:innen bevorzugt in die KPdSU aufgenommen werden.

Party

In der Interpretation wird analysiert, dass die ethnischen Ungleichheiten eher von formal höher Gebildeten betont werden. Dies sei kein sowjetisches Phänomen, sondern zum Beispiel auch unter Französischsprachigen in Kanada ähnlich. Dass diese Daten Ausdruck einer potenziellen Sprengkraft sein könnten, ist in diesem Band nicht angesprochen.

Bezüglich Medienkonsums überrascht nicht, dass bei formal Gebildeten ein höherer Anteil Zeitungen liest und ein geringerer Teil fernsieht. Dass jedoch über 40 Prozent von politischen Führern die illegalen Privatveröffentlichungen (Samizdat) liest und kennt, überrascht dann doch. Ob der Anteil so hoch ist, da es sich bei den Interviewten um Personen handelt, die mit der Auswanderung bereits liebäugelten?

Samizdat

Auch der Anteil derjeniger, die ausländisches Radio hörten, ist sehr hoch.

Radio

Soweit ein kleiner Ausschnitt aus dem Fragen- und Antwortenpool des SIP. Das Typoscript ist als PDF auf einem Pentagon-Server (.mil) online