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Joseph Roth - Hiob
10.05.2026 um 15:46
Dies ist ein märchenhafter Roman von Joseph Roth aus dem Jahr 1930, der noch von unbändigem Optimismus zeugt. Roth, der selbst aus einem ostgalizischen (heute westukrainischen) jüdischen Elternhaus stammt, beschreibt das Schicksal einer in einem russischen Schtetl lebenden armen Lehrerfamilie ab 1900 bis nach dem zweiten Weltkrieg. Mendel Singer ist Toralehrer für die Kinder des Ortes und erhält pro Kind pro Stunde 20 Kopeken (der Google-Umrechner meint, das wären heute umgerechnet etwa 4 Euro). Seine Frau kümmert sich um die Kinder, den Garten, den Haushalt und das bereits etwas schäbige Haus.
Das Ehepaar zieht vier Kinder groß:
Jonas - Er geht zur Armee und wird Kosake
Schemarjah - Er entzieht sich der Armee und exiliert nach New York, baut ein Geschäft auf und heiratet
Mirjam - Sie wird eine schwarzhaarige Schönheit und liebt Männer (vor allem Kosaken)
Menuchim - Nachzügler, verwachsen, kann nur "Mama" sagen
Schemarjah kann in New York mit seinem Partner und Freund Mac ein Geschäft aufbauen. Schließlich hat er ausreichend Geld, um seine Familie in die USA zu holen. Menuchim wird bei einer befreundeten Familie gelassen, welcher das Haus übergeben wird. Auch als Schemarjah, der sich nun Sam nennt, reich geworden ist, bleibt Mendel Singer zum Missfallen seiner Frau in der verkommenen, von Ungeziefern heimgesuchten billigen Wohnung im jüdischen Viertel, da er nicht vom Geld anderer Menschen abhängig sein will. Sein einziger Wunsch ist, so viel Geld zu sparen, um Menuchim in die USA holen zu können.
Während des Ersten Weltkriegs bricht das Unheil über der Familie ein:
- Sam schließt sich der US-Armee an und fällt in Europa.
- Jonas ist verschollen und wurde zuletzt bei den Weißen Garden gesichtet.
- Mirjam wird nach dem Tod Sams verrückt ("degenerative Psychose").
- Mendels Frau Deborah stirbt nach Erhalt der Todesnachricht von Sam.
Mendel Singer beginnt an Gott zu zweifeln, zieht sich zurück, ein befreundeter Grammophonplattenhändler gibt ihm ein fensterloses Zimmer, als Gegenleistung hilft er beim Geschäft und im Haushalt. Bis ihn eines Tages ein berühmter Konzertpianist aufsucht, der vorgibt, ein Verwandter seiner verstorbenen Frau zu sein. In Wirklichkeit ist es Menuhim.
Menuhim ist in einem Petersburger Sanatorium geheilt worden, seine besondere Begabung für Musik wurde erkannt und gefördert. Eine Londoner Konzertagentur nahm ihn unter Vertrag, seitdem ist er einer der gefragtesten Pianisten weltweit und er sei augenblicklich auf US-Tournee. Er holt seinen Vater zu sich ins Hotel, wo er sich badet und neue Kleidung erhält. Der Sohn werde ihn am Ende der Tournee abholen. Auch zeigt er ihm Fotos vom elterlichen Haus, das er nun gekauft habe, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Mit dieser märchenhaften Wendung endet der Roman.
Sehr gelungen sind die empathische Schreibweise Roths, die Vergleiche zwischen dem industrialisierten Moloch New York und der beinahe unberührten Natur in Westrussland, die Mendel Singer vermisst. Auch ist die Armut nicht idyllisiert, sondern in seiner Härte vorgestellt, sowohl die im korrupten Russland wie auch die im reichen New York. Wie sich Mendel und Deborah Singer sich im Alter entfremden, ist sehr eindringlich geschildert. Und dass Deborah insgeheim hofft, dass ihre Tochter einen Kosaken heiratet und keinen armen Lehrer, überzeugt.
Eigentümlich ist dennoch der Schluss. Dass es Roth um die Darstellung eines Heilungswunders gegangen ist, kann durchaus der Fall sein. Damit kommt das (perspektivische) Glück in Menuhim zu Mendel Singer zurück. Doch ist es fraglich, ob das Wunder des geheilten Menuhim die Opfer (die beiden anderen Söhne, die Tochter, die Frau) ausgleichen kann. Auch ob die Verschmelzung von Reichtum, Anerkennung und ländlicher Idylle im russischen Elternhaus so überhaupt möglich ist, kann aufgrund der Machtübernahme der Bolschewiki angezweifelt werden. Ein dauerhaftes Exil erscheint logischer, nur ist dies nicht angesprochen.
Und dass ein dauerhaftes Exil Menuhim, seine Frau und seine Kinder vor den deutschen Mörderbanden ab 1941 gerettet haben würde, davon jedoch konnte Roth 1930 nichts wissen. Roths Herzblut selbst hing an seinem Galizien, und das Häuschen im fiktiven russischen Dorf mit dem Starmusiker Menuhim Singer könnte durchaus einen Sehnsuchtsort Roths darstellen.