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Philip Hanson - The Rise and Fall of the Soviet Economy
16.05.2026 um 16:22
Philip Hanson lehrte Ökonomie an der Universität Birmingham und war auf die sowjetische Wirtschaft spezialisiert. Dieser Band aus 2003 (neu aufgelegt 2014) umspannt die Zeit von 1945 bis zum Ende der Sowjetunion im Dezember 1991.
Um mit dem Ende zu beginnen, eine Grafik der Entwicklung des Bruttonationalprodukts der Sowjetunion ab 1940:

Hanson präsentiert viele Thesen, warum es mit 1989 zum Einbruch kam, aber für ihn ist im Kontext des sowjetischen Wirtschaftssystems nur eine Erklärung plausibel: Die Partei und letztlich Gorbatschow waren nicht mehr in der Lage, die Ziele der zentralen Wirtschaftsplanung umzusetzen. Die Planwirtschaft ist zusammengebrochen, ein alternatives System war nicht vorhanden.
Um dies verstehen zu können, streicht Hanson mehrfach das seit dem ersten Fünfjahresplan 1928 implementierte System hervor. Die zentrale Wirtschaftsplanung (Gosplan) gibt sämtliche Ziele für die Betriebe aller Wirtschaftssektoren vor: Outputmengen, Inputmengen, Lieferketten, Preise, Investitionen. Die Manager haben dies umzusetzen und keinerlei Spielraum wie zum Beispiel in Ungarn ab 1968. Produziert wurde, um den Plan leicht überzuerfüllen (das gab Boni, aber keine Plansteigerungen für das nächste Jahr), nicht um Bedürfnisse der Abnehmer (B2B oder Konsumenten) zu erfüllen. Die Rüstungsindustrie war ein eigener Wirtschaftsbereich, der kaum öffentlich dokumentiert wurde.
Aufgrund der Top-Down-Befehlskette lassen sich Schwerpunktsetzungen bei der Planung nach den jeweiligen Generalsekretären der Partei erkennen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde von Stalin der Schwerpunkt auf den raschen Wiederaufbau der Schwerindustrie gelegt. Und wie in den 1930er Jahren ging dies auf Kosten des Konsums und vor allem auf Kosten der Landwirtschaft, die ausgebeutet wurde. Kolchosbauern, die nicht vom Staat bezahlt wurden und erst ab 1975 einen internen Pass erhielten (sie waren bis dahin praktisch Leibeigene der Kolchose), erhielten oft Monate lang keinerlei Gehalt und es gibt Berichte, dass für 500 Arbeitstage der Lohn drei Sack Kartoffeln war.
1946/47 waren wieder Katastrophenjahre. Schlimm traf es wieder die Ukraine. Dürre und extrem hohe Requirierungsforderungen führten wie 1932 zu einer Hungerkatastrophe mit einer Übersterblichkeit von einer bis eineinhalb Millionen Menschen. Sie verhungerten. Hilfslieferungen wurden von Stalin wie 1932 abgelehnt, der Republiks- und Parteichef der Ukraine, Nikita Chrustschow, bekam einen Rüffel, weil er an Stalin vorbei Lieferungen zu lukrieren versuchte, dieser jedoch davon Wind bekam. In seinen Memoiren schrieb Chrustschow, wie verzweifelt die Lage in der Ukraine war:
By now [summer 1946], as I had predicted, famine was on the way. Soon I was receiving letters and official reports about deaths from starvation. Then cannibalism started. I received a report that a human head and the soles of feet had been found under a little bridge near Vasilkovo....Diese Erfahrung war wohl einer der Beweggründe, warum Chrustschow die Schwerpunkte der Planung anders gewichtete und der Landwirtschaft Priorität zumaß, woran auch Breschnew ab 1964 nichts änderte.
1947 wurde der Kaufkraftüberhang der Bevölkerung abgeschöpft. Sämtliche Bankeinlagen, die 6000 Rubel überstiegen (ca. ein halbes Jahresgehalt), wurden vom Staat konfisziert, sprich: geraubt. Ziel: Einerseits der Abbau einer versteckten Inflation (mehr Geld als Güter im Umflauf), andererseits Liquiditätsreduktion zur Eindämmung des Schwarzmarkts. Schwarzmarkt bedeutete jedoch auch Versorgung mit Medikamenten wie Antibiotika, die im staatlichen Gesundheitswesen nicht erhältlich waren.
Chrustschow änderte nach dem Tod Stalins die Prioritäten. Landwirtschaft, Konsumgüterproduktion und Wohnungsbau waren nun vor der Schwerindustrie gereiht. Sehr zum Unwillen der alten Wirtschaftselite. Die große Wirtschaftskraftsteigerung war aber - wie eigentlich immer in der Sowjetunion - einem extensiven Wachstum und nicht einem intensiven (einer Produktivitätssteigerung) geschuldet. Ausnahmen waren vermutlich schlüsselfertige Industriebetriebe im Bereich der Chemie wie der Automobilproduktion (FIAT). Kooperationen mit Westfirmen brachten neue Technologien ins Land. Ein Erbe, von dem vor allem Breschnew profitieren konnte.
Um die Kaufkraft zu konsolidieren, wurden die Reallöhne angehoben, von 1953 bis 1964 um 44 Prozent. Auch wurde ein Mindestlohn eingeführt, mit 30 Rubeln pro Monat lag dieser jedoch weit unterhalb der Armutsschwelle. Auch wurden die Aufkaufpreise für Produkte bei Kolchosen angehoben, um diesen eine Möglichkeit zu bieten, ihre Arbeiter irgendwie zu bezahlen (Kolchosbauern waren nicht vom Staat bezahlt).
Ab 1960 knickte das Wachstum ein wie auch die Böden der Neulandgewinnung in Asien ausgelaugt waren. Wachstumssenkung, außenpolitische Abenteuer, eine Missernte 1963 und Herumdoktorei in der Partei- und Planungsstruktur kosteten schließlich Chrustschow sein Amt. Nachfolger wurde Leonid Breschnew.
Breschnew bereitete den Partei- und Staatsstrukturänderungen von Chrustschow ein Ende, sicherte den Eliten in Partei, Staat und Wirtschaft Stabilität zu, änderte jedoch an den Prioritäten Landwirtschaft und Konsum nichts. Die Schießereien bei einem Preisprotest in Novocherkassk 1962 waren wohl immer noch zu präsent. 40 Prozent des Staatshaushalts wurden für die Landwirtschaft bzw. für Preissubventionen aufgewendet.
Erdöl- und Gasfunde sowie die Preissteigerungen bei Hydrokarbonaten 1973 waren mehr oder weniger ein Geschenk an die Sowjetunion. Hanson beklagt jedoch, dass die dadurch (und durch Goldverkäufe in die Schweiz) eingenommen Devisen hauptsächlich für Weizenzukauf aus dem Ausland verwendet worden ist und weniger für Technologieimport im Bereich der Produktion. Letzteren Weg sei zum Beispiel Japan gegangen und habe damit eine Grundlage geschaffen, selbst zu einer Technologie entwickelnden Wirtschaftskraft zu werden. Doch sei bei Breschnew die Angst vor Hungerkatastrophen aber auch Hungeraufständen dominant gewesen. Diese konservative und ängstliche Wirtschaftsführung habe die Grundlage dafür gelegt, dass das Wachstum immer flacher geworden sei und der Abstand zu entwickelten Industrienationen sich erhöht habe.
Aber nicht nur bei der Außenwirtschaft, auch bei der inneren Planung sei Breschnew sehr vorsichtig vorgegangen. So habe der Zehnte Fünfjahresplan (1976-1980) die geringsten Wachstumsparameter für Investitionen aller bisherigen Pläne aufgewiesen, wobei das Wachstum in der Landwirtschaft noch am höchsten gewesen sei. An dieser Strategie wurde im Elften Fünfjahresplan (1981-1985) nichts geändert. Die Folge: Massive Investitionsverschleppung, veraltete Anlagen. Dies führte zu Ideen eines "Gegenplan", sprich: Betriebe konnten sich selbst höhere Jahresziele stecken, wurden bei Erreichen belohnt, aber nicht im nächsten Jahr mit höheren staatlichen Planzielen "bestraft". Funktioniert hat das nicht so richtig, da es ja keinen freien Liefermarkt gab.
Breschnews Nachfolger und Ex-KGB-Chef Juri Andropow versuchte diesem Dilemma des sinkenden Wirtschaftswachstums zunächst mit einer Disziplin-Kampagne zu entkommen. Doch letztlich war diese zum Scheitern verurteilt, da er nicht bereit war, zu stalinistischen Hardcore-Zwangsmaßnahmen zurückzukehren.
1986 knickte die erste Säule der Wirtschaftskraft ein: Der Ölpreis am Weltmarkt sank. Die Abhängigkeit der sowjetischen Wirtschaft von Faktoren, die selbst nicht beeinflusst werden konnten, wurde offenbar. Mikhail Gorbatschow sollte diese Suppe auslöffeln, doch Hanson gibt ihm in Wirtschaftsbelangen ein vernichtendes Zeugnis. Gorbatschow habe nicht verstanden, wie die sowjetische Wirtschaft funktioniere und Methoden versucht anzuwenden, die im Rahmen einer zentral durchgeplanten Wirtschaft nicht möglich waren.
Gorbatschow knickte selbst die zweite Säule der Wirtschaftskraft: das Saufen. Mit seiner Anti-Wodka-Kampagne entzog er dem Staat eine wichtige Steuereinnahme. Man möge sich vorstellen: Die Stabilität des Staatshaushalts ist davon abhängig, wie viel Alkohol die Bewohner trinken! Denn eigentlich hatte die Sowjetunion ja kaum Steuern (vielleicht so bis zu 10 Prozent auf Einkommen und dann noch die über den Produktions- und Vertriebskosten liegenden Preise bei "Luxus"gütern, Alltagsprodukte waren ja subventioniert). Es blieb also Alkohol als "teure" Massenware zur Mitfinanzierung des Rubelhaushalts und Erdöl für die Devisenbeschaffung. Beides brach weg.
Drittes Problem: Das Verschwinden von Investitionsgütern. Der enge Mitarbeiter von Gorbatschow, Alexander Yakowlew, wird zitiert:
We allocated 12 billion roubles for new technology, which in those days was serious money, and it just disappeared. The system spat it out.Das wird wohl von entstehenden/entstandenen mafiösen Strukturen gestohlen worden sein.
Also was haben wir zu Beginn von Gorbatschows Herrschaft: sinkende Deviseneinnahmen, einen instabilen Haushalt, verschwundene Investitionsmilliarden. Dass der Zwölfte Fünfjahresplan (1986-1990) erfüllt werden kann, diese Chancen standen schlecht. Hinzu kam, dass Gorbatschow zum ersten Mal seit Chrustschow wieder massive Personalrouchaden durchführte. Aus der "Stabilität der Kader" (Breschnew) wurde wieder eine "Instabilität der Kader". Innerer Widerstand war vorgezeichnet. Und Hanson:
It was Gorbachevian policies, for the most part, that created the problem.Von einem Marktliberalen wie Hanson ein vernichtendes Urteil.
Was also waren die Maßnahmen?
- Per Dekret wurden 1987 Joint Ventures mit bis zu 49 Prozent ausländischem Anteil erlaubt. Es frage sich nur, welche ausländische Unternehmen in ein Land investieren würden, in dem nicht die Unternehmen selbst, sondern der Staat über den kompletten Wirtschaftsfluss entscheidet.
- Das Law on State Enterprise (Gesetz über Staatsunternehmen, 1988) erlaubte Wirtschaftsmanagern von Staatsunternehmen, Produktionsziele, Preise und Löhne selbst festzulegen. Problem: Die zentrale Wirtschaftsplanung blieb weiterhin in Kraft, und die zentrale Planung hatte kaum ein Interesse daran, den Unternehmen freie Kapazitäten zu lassen. So war es auch, das Gesetz zeitigte kaum reformerische Ergebnisse.
- Das Law on Cooperatives (Gesetz über Kooperative, 1988) erlaubte die Gründung von Kooperativen, sprich: von Privatunternehmen. Auflage: Die Besitzer von Kooperativen müssen selbst in ihnen arbeiten. Doch welche Arbeit dies sein zu habe, ist nirgendwo festgelegt und somit Ermessenssache. Auf Basis dieses Gesetzes wurden die ersten Privatbanken gegründet, und einige deren Gründer zählten in den 1990er Jahren zu den reichsten Russen. 1991 gab es ca. eine Viertel Million Kooperativen mit ca. sechs Millionen Angestellten. Problem: Kooperativen waren sehr oft Ziel einer neu entstandenen Schutzgeldmafia. Auch konnten Kooperativen an Staatsunternehmen angegliedert werden. Diese verkauften Produkte billig mit Staatspreisen an die eigene Kooperative, die das Recht hatte, die Produkte teuer weiterzuverkaufen. Die Profite wurden geteilt.
- Branchenministerien und Großunternehmen erhielten das Recht, eigenständig Außenhandel zu treiben
Das Ergebnis dieser Reformen: Das Wirtschaftskommandosystem wurde zwar aufgeweicht, jedoch nicht zerschlagen, und das Tabu privaten Eigentums an Produktionsmitteln wurde gebrochen. Doch dieser Mix hatte keinerlei wirtschaftliche Verbesserungen zur Folge. Der Haushalt verschlechterte sich weiterhin, die Gelddruckmaschine wurde angeworfen. 1989 und 1990 wurden die staatlichen Investitionsgelder weiter gekürzt.
Die Versorgungslage wurde kritisch, immer mehr Produkte wurden in immer mehr Regionen rationiert. Der dadurch entstehende, nicht für Konsum verwendbare Geldüberhang mehrte sich und damit die verschleierte Inflation. Es gab zwei Szenarien: Entweder werden Sparguthaben aus dem Verkehr gezogen wie 1947 (da getraute sich niemand darüber) oder man riskiert bei Preisfreigabe eine massive Inflation (so geschah es nach 1991).
1990 und 1991 überschlugen sich die politischen Entwicklungen, indem zwei Machtzentren entstanden: die alte Sowjetunion unter Gorbatschow und das neue Russland unter Jelzin. Gorbatschow ernannte sich selbst im März 1990 zum Präsidenten der Sowjetunion und stellte sich nie einer Wahl. Boris Jelzin wurde im Mai 1990 gegen den Willen von Gorbatschow Vorsitzender des Obersten Sowjet, im Juni 1990 erklärte das russische Parlament die RFSR (Russland) für unabhängig und im Juni 1991 wurde Boris Jelzin bei einer Volkswahl zum Präsidenten Russlands gewählt.
Der Fünfjahresplan ab 1990 sah ein Ende der Preiskontrolle und die Gründung von Privatunternehmen vor. Gorbatschow war diesen Plänen im Gegensatz zu Russland nicht sonderlich zugeneigt. Im Oktober 1990 erkärte das russische Parlament sowjetisches Eigentum auf russischem Boden zu russischem Eigentum (Ausnahme: Besitz des Militärs, des KGB und des Innenministeriums).
Als Moskau 1990 aufgrund der prekären Versorgungslage jeglichen Verkauf von Gütern an Einkaufstouristen von außerhalb untersagte, reagierten die Regionen, aus denen die Versorgungswaren für Moskau extrahiert wurden (es wurde ja weiterhin zwangsverkauft), mit einem Lieferboykott an Moskau, was die Lage nochmal verschärfte. Ähnlich erging es Leningrad und Tscheljabinsk.
Eine Studie des Internationalen Währungsfonds schrieb 1990 darüber, dass das Wirtschaftssystem in der Sowjetunion zusammengebrochen sei:
The old planning system has broken down but has not been dismantled; meanwhile the structures vital to the functioning of a market have yet to be put in place'Für Januar 1991 ordnete der Vorsitzende des Staatlichen Preiskomitees, Valentin Pawlow, an, dass 40 Prozent der Großhandelspreise (die auf "Luxuswaren") frei seien, die staatlich geregelten Preise angehoben würden und auf jeden Verkauf eine fünfprozentige Mehrwertssteuer zu entrichten sei. Ab April 1991 beträfe dies die Einzelhandelspreise, sozial Bedürftige erhielten Kompensationszahlungen. Dies bedeutete, dass von Januar bis April die Einzelhandelspreise staatlich noch stärker gestützt werden mussten als vorher. Für das Budget suboptimal.
Ab 1991 war der Auslandshandel in Devisen für Unternehmen und Privatpersonen frei.
Im März 1991 wünschte die Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung bei einem Referendum die Beibehaltung einer einstaatlichen Sowjetunion, im April 1991 erklärte sich Georgien für unabhängig. Die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrags scheiterte durch einen Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991. Im Anschluss daran erklärten sich die baltischen Staaten für unabhängig (ein Militäreingreifen in Litauen noch im Januar war erfolglos), Boris Jelzin verbot die KPdSU in Russland (eine russische KP gab es nie). Gorbatschow war ein Unionspräsident ohne Union. Am 8. Dezember 1991 unterzeichneten Russland, Belorus und die Ukraine einen neuen Unionsvertrag unabhängiger Staaten. Am 21. Dezember 1991 lösten alle 15 Unionsrepubliken im Vertrag von Alma Ata die Sowjetunion auf.