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Jenny Erpenbeck - Aller Tage Abend
18.05.2026 um 22:16
2012 hat Jenny Erpenbeck diesen Roman veröffentlicht, in dem ein Leben fünfmal gelebt wird, indem der Todeszeitpunkt nach hinten verschoben wird und immer wieder die Zufälligkeit eines Lebensschicksals hervorgehoben wird. Ohne zu recherchieren, scheint Erpenbeck sehr vom österreichischen Schriftsteller Joseph Roth angetan zu sein.
Die fünf Leben einer 1902 in Brody geborenen Frau (Brody ist auch der Geburtsort Joseph Roths) spiegeln das 20. Jahrhundert in fünf etwa 50-seitigen Kapiteln, die "Buch" genannt werden. Zwischen den Büchern befinden sich Intermezzi, in welchen alternative Zufälligkeiten präsentiert werden, welche das Weiterleben garantieren.
Im ersten Buch erstickt das Mädchen bereits als Säugling. Wir lernen jedoch die Familie kennen. Die Mutter stammt aus einer jüdischen Familie und heiratet einen niedrigen christlichen Eisenbahnbeamten. Der Grund: Deren Mutter will nicht, dass der Mann ihrer Tochter bei einem Pogrom ermordet wird wie ihr eigener. Bei diesem Pogrom dringen ihr zum Teil bekannte polnische Männer in ihr Haus und ermorden ihren Mann auf bestialische Art und Weise.
Sie hat nicht die Kraft von Engeln, es gelingt ihr nicht, ihren Mann zu sich nach oben zu ziehen, ihren Mann am Arm festhaltend bittet sie Andrej, den sie von Kindesbeinen an kennt, um Erbarmen, auch die Männer, die sie nicht kennt, darunter den mit der Axt, um Erbarmen, aber während sie die Hand ihres Mannes noch festhält, wird ihr Mann unter ihr von den Männern, die sie nicht kennt, und von Andrej, den sie von Kindesbeinen an kennt, erst beschimpft, dann geschlagen, Erbarmen, und schließlich unter ihren Augen zerhackt.Der Vater des erstickten Mädchens kann den Tod seiner Tochter nicht ertragen, verlässt seine Frau und emigriert in die USA, wo er schließlich in Harlem in einer Fabrik arbeitet. Die Selektion der Gesunden nach Ankunft des Emigrantenschiffes stimmt ihn nachdenklich und er reflektiert über die Donaumonarchie, deren Beamter er ja war:
Die österreichisch-ungarische Monarchie versammelte doch beinahe ebensoviele Völkerschaften unter der Krone, wie er sie hier in der Halle sieht. Von Bosnien bis in die entlegenste polnischsprachige Provinz waren die Türen einer Trafik immer mit gelben und schwarzen Streifen versehen, hatte das Kaiserbild einen Ehrenplatz an der Wand, und blieb bei aller Vermischung der verschiedenen Sprachen und Dialekte das Deutsche die Sprache der Ämter. Aber ausgewählt hatte der Kaiser nicht, sondern hatte einfach die Völker im Ganzen dem Reich einverleibt: Melancholie, Wahnsinn und Widergesetzlichkeit waren daheim geblieben, wenn auch daheim plötzlich Österreich oder Ungarn hieß, und es hatte der Monarchie nicht geschadet. ... Hier schickte man die Leute, die man nicht wollte, einfach aufs Wasser zurück, mochten sie doch zu Hause zugrunde gehen, oder einfach draußen auf See, wie überzählige junge Katzen, ersaufen.Die Mutter verkauft ihr Haus im Ghetto von Brody, geht nach Lemberg und prostituiert sich, um zu überleben.
Im zweiten Buch überlebt das Mädchen, indem ihr Schnee auf die Brust gelegt wird. Die Familie zieht nach Wien, wo der Vater Technik studiert hat, und über Vermittlung eines Freundes erhält er eine Stelle in der Meteorologischen Zentralanstalt und arbeitet in der Abteilung für Erdbebendokumentation. Noch immer in der untersten Gehaltsstufe wie auch in Brody als Eisenbahner. Der Erste Weltkrieg wird zur Belastungsprobe. Der Gehalt reicht gerade mal für eine Woche, die Familie vegetiert am Rande des Verhungerns. Er nimmt alte Aufzeichnungen einer Erdbebenserie in der Steiermark mit nach Hause und exzerpiert sie. Er sinnt darüber, wie ein Ereignis unterschiedlichste Auswirkungen auf Menschen haben kann. Ein Schlüssel zum Roman vermutlich.
Seine Frau fragt nicht danach, warum er sich die »Aufzeichnungen über Erdbeben in der Steiermark« mit nach Hause gebracht hat, warum er Abend für Abend darin liest und sich die wichtigsten Stellen abschreibt, dabei sind dort minutiös eben solche Vorgänge notiert, wie er sie nun mit ganz andern Augen zu sehen vermag: Wie nämlich ein und dieselbe Ursache tausenderlei verschiedene Wirkungen haben kann auf verschiedene Landstriche und Orte. Es ist ihm, als würde von allem, was er sieht und was ihm begegnet, auf einmal die Schicht abbröckeln, die ihn bisher am Verstehen gehindert hat, und er vermöchte nun endlich das, was darunter liegt, zu erkennen. Gemüter hier Landschaft, notiert er zwischen dem einen Zitat und dem andern. Welch ein glücklicher Umstand, dass diese Beobachtungen gerade ihm in die Hände gefallen sind, ihm, der sich vorgenommen hat, so lange seine Kraft noch hinreichen mag, diese Ursprache, wie er sie nennt, zu erforschen. Menschen, die auf festem Boden standen, verspürten ein leichtes Vibrieren der Erde. Nichts anderes hält ihn an diesem elenden Leben, in dem ein Beamter der neunten Klasse zusehen muss, wie seine Familie verhungert.Angesprochen wird das Pogrom von Lemberg von 21. bis 23. November 1918.
In Lemberg haben erst kürzlich die Polen nach dem Sieg über die Ukrainer auf dem Hauptplatz gefeiert, während zwei Straßen weiter das jüdische Viertel in Brand gesteckt worden ist. Drei Nächte lang gefeiert. Jüdische Kinder, die weglaufen wollten, wurden von den Legionären in die brennenden Häuser hineingeworfen, hinter der Absperrung aber gab es Ziehharmonikamusik. Es vert mir finster in die oygen. In Wien hat sie zwar wenig Gesellschaft, aber sie ist am Leben. Ihre Tochter lebt, und es leben auch die beiden Mädchen.Die Tochter jedoch durchlebt die üblichen Pubertätswirren, und als sie der Freund ihrer soeben an Spanischer Grippe verstorbenen Freundin in sein Zimmer nimmt und nicht berührt - sie liebt ihn abgöttisch, wird sie schwermütig. Als sie ein ebenso schwermütiger junger Mann auf der Straße anspricht, da er denkt, sie sei eine Käufliche, sie das jedoch klarstellt, kommen sie sich näher und beschließen, gemeinsam in den Tod zu gehen. Er erschießt sie, 17-jährig, mit seiner Mauser und nimmt sich im Anschluss selbst das Leben.
Die Großmutter des Mädchens stürzt von der Treppe und stirbt, der Vater stirbt 1920.
Im dritten Buch nimmt sie einen anderen Weg, es könnte Wien nicht durch Glatteis ungangbar geworden sein, also überlebt sie. Sie will Schriftstellerin werden. 1920 schließt sie sich der kommunistischen Partei an. Und 1933 geht sie über Prag in die Sowjetunion, versucht immer wieder verzweifelt entweder Mitglied der KPdSU zu werden oder die sowjetische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Denn: Wessen Pass abläuft, der oder die wird knallhart an die Deutschen ausgeliefert oder abgeschoben.
Einem deutschen Freund von ihr hat man, als sein deutscher Pass ablief, die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert, ihm aber freigestellt, in die deutsche Botschaft zu gehen und dort seinen Pass erneuern zu lassen. Hat ihm freigestellt, bei den Faschisten vorstellig zu werden, auf deren Listen er stand, ihm freigestellt, sich zu stellen. Gestorben ist er nicht ganz zwei Monate später in einem KZ bei Weimar. Er hat die Prüfung bestanden. Ein anderer Genosse ist in die deutsche Botschaft gegangen und mit einem neuen Pass herausgekommen. Ihn hat der NKWD in Empfang genommen und als Spitzel der deutschen Seite erschossen. Er hat die Prüfung nicht bestanden. Tot sind beide.Grandios gelungen sind die Passagen, wie sich die Genossinnen und Genossen gegenseitig des Verrats bezichtigen, um der Gulag-Maschine zu entgehen. "Jeder Genosse hat Fehler, wenn jemand kommt und sagt, er habe keine Fehler, so hat er keine Selbstkritik gemacht." Doch wer ist Verräter? Vielleicht derjenige, der sich besonders wachsam gebiert? Vielleicht sind die Hitler-Schergen in obersten Staatsrängen? Diese Fragen werden gestellt.
Nach Radek, Sinowjew, Kamenew, allen diesen Revolutionären der ersten Stunde, bisher sogenannten erprobten Kampfgefährten Lenins, hatte sich nun auch Bucharin öffentlich zu seiner Schuld, zu Verschwörung und Verrat bekannt, war verurteilt und erschossen worden.Ihr Mann, ein österreichischer Genosse, wird im Oktober 1938 verhaftet und ist verschollen. Auch ihr Pass läuft ab, aber Österreich ist nun Teil des Deutschen Reichs. Auf Basis des NKWD-Befehl Nr. 00439 wird sie ins Bergbaugebiet in 45.61404 Grad nördlicher Breite, 70.75195 Grad östlicher Länge in eine Mine geschickt (das liegt in Kasachstan nahe der Hungersteppe). Dort stirbt sie. Ihr eigenes Grab hat sie noch selbst ausgeschaufelt.
Im vierten Buch wird sie nicht auf Basis des NKWD-Befehls in den Gulag geschickt, da einer der Beamten der Gulag-Maschinerie sich wegen ihrer roten Haare an sie erinnern kann und ihren Akt auf den Stapel legt, der bei Stalin zur Begnadigung eingereicht wird. Genossin H. (zum ersten Mal wird eine Initiale genannt) nimmt ihre schriftstellerische Tätigkeit auf und arbeitet beim sowjetischen Radio in der Abteilung, die nach Deutschland sendet. Eine Liebesnacht mit einem sowjetischen Dichter lässt sie schwanger werden, das Kind ist ein Bub, und sie erzählt ihm, dass sein Vater in Charkow während des Weltkriegs gestorben sei. Nach dem Krieg geht sie in die DDR und wird eine angesehene Schriftstellerin mit vielen Staatspreisen. Sie wird dick und 1960 fällt sie von einer Treppe und bricht sich das Genick. Der Bub bleibt alleine zurück und sein leiblicher Vater sucht ihn nach dem Begräbnis auf. Beide schauen sich wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich.
Im fünften Buch stirbt sie nicht an einem Treppensturz, doch Erpenbeck hinterlässt eine große Lücke. Wir sind im Jahr 1992, Frau Hoffmann (nun haben wir ihren Familiennamen) ist in einem Nachwende-Altersheim, feiert ihren 90. Geburtstag und ist geistig schon sehr verwirrt. Wir erfahren, dass sie einige Monate vor dem Zusammenbruch der DDR noch einen Nationalpreis für ihr Lebenswerk erhalten hat. Warum jedoch, erfahren wir nicht. Wohl für ihre Schriftstellerei. Ihr Sohn reist nach Wien, stößt auf Spuren der in den Tod deportierten jüdischen Menschen und auf eine Goethe-Gesamtausgabe in einem blauen Koffer, der seiner Urgroßmutter gehört hat. Er nimmt ihn nicht mit. Seiner Mutter nimmt er ein Bild mit den Kaisern Franz Joseph und Wilhelm II. mit. Sie habe ja auch noch die Uniformknöpfe ihres Vaters aufbewahrt. Kurz nach ihrem Geburtstag stirbt sie friedlich im Schlaf.
Sprachlich ist es ein Genuss, diesen Roman zu lesen. In jedem der fünf Bücher zieht Erpenbeck einen anderen, stimmigen sprachlichen Register. Inhaltlich hingegen flacht er ab. Die ersten drei Bücher sind grandios, mit sehr viel Hintergrund und Finessen im Detail. Die beiden letzten flachen ab. Die DDR lernt man nur aus Trauerreden im Jahr 1960 kennen, zwischen 1960 und 1992 ist eine große Lücke. Auch im Leben der Protagonistin. Wir erfahren nichts. Die Zeit wird übersprungen und man findet sich wieder bei Dementen in einem Altersheim. Und die Reise des Sohns nach Wien käut eigentlich nur Klischees wieder. In Wien verläuft die Zeit langsamer, Monarchie-Nostalgie. Somit hinterlässt der Roman ein zwiespältiges Gefühl, aber die ersten drei Bücher möchte ich nicht missen.