Nove-EcoUSSR

Alec Nove emigrierte als Neunjähriger 1924 mit seinen Eltern aus Leningrad nach Großbritannien und wurde schließlich Professor für Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Sowjetunion an der Universität von Glasgow in Schottland. Die erste Auflage dieser Wirtschaftsgeschichte erschien 1969 und die dritte Auflage umspannt die Zeit bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991. Auf nicht ganz 500 Seiten sind die Kapitel in chronologische Großabschnitte geteilt, in denen innerhalb nach wirtschaftlichen Kriterien die Entwicklungen präsentiert sind. Nove stützt sich nicht nur auf vorhandene Quellen, sondern aufgrund seiner Sprachkenntnisse auch auf sowjetische Quellen, die zum Teil erst zur Zeit von Glasnost ab 1987 zugänglich wurden. In einem Anhangskapitel werden kurz die statistischen Grundlagen zur Ermittlung von wirtschaftlichen Kenndaten präsentiert.

Die ersten Kapitel präsentieren die Wirtschaftsentwicklung des zaristischen Russland bis zum bolschewistischen Putsch und Nove konstatiert, dass die industriellen Wachstumsraten die höchsten auf der Welt waren, jedoch von einem sehr niedrigen Niveau ausgehend, sodass die Kenndaten nie führende Industrieländer erreichten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Russland hauptsächlich ein Agrarland war und die Anbaumethoden mittelalterlich waren (Dreifelderwirtschaft statt Fruchtwechselwirtschaft, großteils hölzerne Pflüge, wenig Zugtiere, praktisch keine Technisierung bzw. kein Kunstdünger). Nach Rücktritt des Zaren hatte die Provisorische Regierung kaum Rückhalt und die Bolschewiken unter Lenin ergriffen die Macht in einem desintegrierenden Staat, in dem die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war.

Lenin wird als politischer Führer vorgestellt, dessen Hauptziel Machterlangung und Machterhaltung war. Diesem Ziel wurden die politischen Entscheidungen angepasst und in einen ideologischen Rahmen gesetzt, wobei ihm zugute kam, dass weder Marx noch Engels genauere Vorstellungen hatten, wie eine "Diktatur des Proletariats" organisiert sein kann. Da Russland ein "Bauernland" war, integrierte er den "Landhunger" der Bauernschaft in seine vorrevolutionäre Planung. Die Bauernschaft war bei der sogenannten Bauernbefreiung 1861, bei dem die Hälfte der Gutsbesitze an die Bauern verteilt wurde, insofern benachteiligt, dass sie dieses Land kaufen mussten, eine von den Bolschewiken versprochene Landverteilung wurde begrüßt. Damit wurde jedoch auch erreicht, dass es nach der Landverteilung hauptsächlich Kleinstbauern (Familienbetriebe) gab, ab zwei Kühen oder zwei Pferden und wenn man externe Hilfe anmieten konnte, galt man als Großbauer, als Kulak (im Vergleich mit Bauern in westlichen Staaten waren das immer noch arme Hungerleider). Auswirkung hatte dies insofern, dass die Landwirtschaft eine Subsistenzwirtschaft wurde, die Ernte reichte aus, um sich selbst zu versorgen, ein Überschuss zur Versorgung der nicht in der Landwirtschaft Tätigen (etwa 25 Prozent der Bevölkerung) wurde schwierig. Um dies gewährleisten zu können, griff Lenin zu unterschiedlichsten Methoden, die laut Nove notwendig waren, um die Herrschaft der Bolschewiken unter dem ideologischen Gerüst der Verstaatlichung der Kernbereiche der nichtagrarischen Wirtschaft erhalten zu können.

Organisatorisch waren nach der Machtergreifung Wirtschaftseinheiten mehr oder weniger selbstorganisiert, da den Bolschewiken jeglicher Staatsapparat für eine zentral geleitete Wirtschaft fehlte. Dies blieb jedoch nur Übergang, bereits Ende 1917 wurde der Oberste Volkswirtschaftsrat gebildet, im Juni 1918 war die gesamte Wirtschaft bis auf Kleinstgewerbebetriebe verstaatlicht. Auf dieser Basis wurde der Arbeiterselbstverwaltung der Betriebe ein Ende gesetzt und eine semi-militärische Kommandowirtschaft eingeführt, die bis zum Ende der Sowjetunion aufrecht blieb. Auch war Lenin strikt gegen eine Arbeiterdemokratie in den Betrieben, sondern setzte das sogenannte Ein-Mann-Management durch. Der Direktor hat Entscheidungsmacht. Damit war es strukturell auch einfacher, zentrale Anweisungen ohne Diskussion durchzusetzen, und zentrale Anweisungen waren von den Betrieben umzusetzen.

Während des bewaffneten Kampfes um die Macht sowie die Wiederherstellung eines binnenkoloniaistischen Reichs bis 1921 wurde auf gewaltsame Requirierung von Agrarprodukten zurückgegriffen (wie auch die Weißen Armeen). Die Folge war, dass massenhaft Bauern verhungerten, da ihnen nicht mehr das Notwendigste zum Überleben blieb. Marktbeziehungen waren ausgesetzt, Geld praktisch abgeschafft. Gebrauchsgüter wurden verteilt, Lebensmittel waren rationiert. Am wichtigsten war die Versorgung der Roten Armee.

Nach Niederringung jeglicher Opposition (auch von Bauernaufständen und dem Matrosenaufstand von Kronstadt) war Lenin klar, dass diese Form der wirtschaftlichen "Beziehungen" nicht aufrechterhalten werden kann, ohne in eine Katastrophe zu führen. Die Wirtschaftsdaten für 1921 sprechen für sich (Seite 62).

1921

Die innerhalb der Partei durchaus umstrittene Neue Ökonomische Politik (NÖP) setzte Marktmechanismen mit einem Geldkreislauf wieder in Kraft, privater Handel wurde erlaubt und war der wesentliche Grund dafür, dass landwirtschaftliche Güter wieder in ausreichendem Maß den Gesamtstaat versorgen konnten. Es wurde nicht mehr requiriert, Bauern wurden besteuert und den Überschuss durften sie verkaufen. Die antiquierten Produktionsmethoden blieben. Nicht geändert wurde, dass Grund und Boden verstaatlicht waren. Die Bauern waren nicht Eigentümer ihres bearbeiteten Landes, das daher auch nicht verkauft bzw. gekauft werden konnte. Begleitet war diese wirtschaftliche Liberalisierung von der absoluten Machtübernahme der Bolschewiken: Jegliche andere Parteien sowie Fraktionierung innerhalb der bolschewistischen Partei waren nun verboten.

Problematisch war die Preisschere. Industrieprodukte stiegen in ihrem Preis seit 1914 um das Dreifache wie Agrarprodukte. Industriell wurde viel auf Halde produziert, da es keine Abnehmer mit Geld gab, die Arbeitslosigkeit stieg. Um die Inflation zu bekämpfen und den Staatshaushalt zu sanieren, wurde der Chervonets (eine Goldmünze mit Wert von 10 Rubel) als Stabilisator ausgegeben. Industriepreise wurden gesenkt, Agrarpreise erhöht. Der Staatshaushalt konnte saniert werden.

Die Löhne im Industriebereich blieben immer noch unter dem Vorkriegsniveau, die Arbeiter mussten nun für ihr Lebensnotwendiges zahlen, es wurde nicht mehr zugeteilt. Fortschrittlich war die Entwicklung von Arbeitsschutzmaßnahmen: Achtstundentag, zwei Wochen Urlaub pro Jahr, Sozialversicherung mit Pensionen (wenn auch auf sehr niedrigem Niveau). Dennoch: Ziel der Bolschewiken war die Industrialisierung (auch aus ideologischen Gründen: wozu eine "Arbeitermacht", wenn es fast keine Arbeiter gibt?). Das Kapital für eine Industrialisierung konnte nur durch Export von Agrargütern ins kapitalistische Ausland erwirtschaftet werden, doch diese Güter standen nicht zur Verfügung. Bucharins Ansatz: Förderung von erfolgreichen Bauern ("Bereichert euch!"), damit deren Überschuss abgeschöpft werden kann. Gegenpol war der Wirtschaftstheoretiker Jewgeni Preobraschenski, der das Ausquetschen des privaten Sektors empfahl. Stalin war damals als Generalsekretär noch auf der Seite Bucharins und meinte, dass dies "nicht tolerierbare Opfer" fordern würde. Zukunftsweisend war die Ansicht der beiden, dass der Sozialismus in einem Land aufgebaut werden müsse. Es werde in absehbarer Zeit keine Revolutionen in führenden Industriestaaten geben.

Die Wende kam beim 15. Parteitag 1927. Es wurde beschlossen, die Industrialisierung voranzutreiben und die Landwirtschaft zu kollektivieren, wobei aber noch von einem langsamen, freiwilligen Prozess ausgegangen wurde. Bereits 1926 wurde ein Gesetz verabschiedet, das Preistreiberei, Hortung und Nichtplatzierung von Agrargütern am Markt unter Strafe stellte. Die spätere Grundlage von Stalins Terrorherrschaft gegenüber Bauern. Auch erhielten die Kolchosen (einige gab es schon) Industriegüter zum staatlich fixierten niedrigen Preis, freie Bauern mussten sie zum hohen Marktpreis kaufen. Die staatlichen Aufkaufpreise lagen weit unter dem der freien Händler, sodass die Bauern Getreide zurückhielten oder verfütterten. Auch wurde ein progressives Besteuerungssystem eingeführt, das erfolgreiche Bauern belastete. Das Problem dieser Maßnahmen: Es fehlte jeglicher Anreiz für Bauern, für höhere Erträge zu sorgen, selbst "erfolgreich" zu werden. In ein paar Jahren kam hinzu, dass kein Bauer erfolgreich sein wollte, um nicht als "Kulak" abgestempelt zu werden und von Inhaftierung, Enteignung oder Deportation bedroht zu sein. Folge: 1928 lag der Ernteertrag in der Sowjetunion ein Viertel unter dem von 1927. Die Reaktion Stalins: Statt Erhöhung der Aufkaufpreise zog er Methoden des Kriegskommunismus vor. Märkte wurden geschlossen, private Händler verdrängt, Verweigerung des Verkaufs an den Staat wurde unter Strafe gestellt. Requirierungs-Einheiten trieben Getreide mit Gewalt ein. Bucharin sprach von Stalin nun als "Dschings Khan" und von einer Rückkehr der "militär-feudalen Ausbeutung".

Am 7. November 1929 kündigte Stalin in einem Artikel in der Prawda öffentlich die Kollektivierung der Landwirtschaft an. Bauern hatten sämtlichen Tierbestand in die Genossenschaft einzubringen, Ausnahmen wurden von Stalin verweigert. Den Parteikomitees, die es nicht schafften, innerhalb von zwei Tagen alle Bauern eines Gebiets in die Genossenschaft zu bringen, wurde in manchen Regionen der Parteiausschluss angedroht. Nicht in die Genossenschaften durften "Kulaken" (also die mit zwei Kühen oder Pferden) eintreten. Entweder erhielten sie ein Stück schlechtes Land oder wurden gleich nach Asien deportiert (was viele nicht lange überlebten). Als binnen kurzer Zeit 50 Prozent der Bauern in Genossenschaften waren, machte Stalin am 2. März 1930 in dem Prawda-Artikel "Vor Erfolgen von Schwindel befallen" (Text auf 1000dokumente.de) einen Rückzieher. Bauern durften aus der Genossenschaft austreten, jedoch wurde gleichzeitig die alte Dorfkommune aufgelöst, die Genossenschaften und die Partei hatten das endgültige Sagen am Land. Die Kollektivierungsoffensive ging nun nicht ganz so militärisch weiter und 1937 gab es schließlich keine freien Bauern mehr.

Der Widerstand gegen die Kollektivierung war enorm. In Kasachstan wurde beinahe der ganze Schafbestand geschlachtet, in der Ukraine wurde so viel requiriert, sodass kaum Futter für die Tiere übrigblieb, sodass 1931 aufgrund fehlender oder nicht mehr einsatzfähiger Zugtiere viel zu wenig ausgesät wurde und im Herbst 13 Prozent der Ernte nicht eingebracht werden konnte. Traktoren fehlten oder waren nicht funktionsfähig. Stalin sah sich in einem Krieg, der gegen die Sowjetmacht geführt werde, wie er in einem Antwortbrief an den Schriftsteller Michail Scholochow (Der stille Don) am 6. Mai 1933 ausführte:
Und der andere Aspekt ist die Tatsache, daß die geschätzten Bauern Ihres Distrikts – und nicht nur diese – gestreikt und sabotiert haben und auch bereit waren, die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot zu lassen! Die Tatsache, daß es eine stillschweigende und offensichtlich friedliche Sabotage (ohne Blutvergießen) war – ändert nichts an der grundsätzlichen Angelegenheit, nämlich, daß Ihre geschätzten Bauern einen Zermürbungskrieg gegen die Sowjetmacht geführt haben. Einen Kampf auf Leben und Tod, lieber Genosse Scholochow!
Quelle: russlanddeutschegeschichte.de

Die Requirierungsquoten wurden trotz miserabler Lage in den Kolchosen massiv erhöht und lagen auch nach Anpassung nach unten durch Stalin selbst noch über den Werten, die einen Selbsterhalt ermöglicht hätten. Erschwerend kam hinzu, dass aus Übereifer manche Funktionäre falsche und überhöhte Erntezahlen an die Planungszentrale schickten. Als die Requirierungszahlen nicht eingehalten wurden, wurden im Wolgagebiet und in der Ukraine Tausende als "Saboteure" deportiert, die lokalen Parteigruppen wurden "gesäubert", die betroffenen Kolchosen wurden mit keinerlei Waren mehr beliefert. Die Maschinen-Traktoren-Stationen wurden zur Überwachung der Kolchosen mit Leuten von der OGPU besetzt. Nove schreibt von etwa sieben Millionen Hungerstoten zwischen 1931 und 1933 in der Sowjetunion. Als 1937 eine Volkszählung einen demographischen Rückgang bestätigte, wurden die Verantwortlichen erschossen und neue, gefälschte Daten veröffentlicht.

Dass die miserable Lage strukturell bedingt war, durfte den Verantwortlichen bewusst gewesen sein. Im Mai wurde Bauernfamilien erlaubt, ein kleines Stück selbst zu bebauen und eine kleine Anzahl von Nutzvieh zu halten, deren Produkte am Markt zu freien Preisen angeboten werden durften, nachdem die Kolchose ihre Abgabepflicht erfüllt hatte.

1927 wurde von der Partei auch die Industrialisierung beschlossen und der erste Fünfjahresplan (1929-1933) anvisiert. Dieser wurde mehrfach nach oben revidiert. Erreicht wurde auch die zweite Version nicht (Seite 190).

Plan1

Auch der Lebensstandard der Arbeitenden wurde nicht verbessert, was mit der Kollektivierung und der Zerschlagung des privaten Handels begründet wird, aber auch mit der Priorisierung der Schwerindustrie. Gebrauchsgüter gab es einfach nicht in ausreichendem Maße. Hinzu kamen beengte Wohnverhältnisse. Dass die Bevölkerung dermaßen unterversorgt war, dass - trotz florierendem Schwarzmarkt - nicht mal der mikrige Lohn ausgegeben werden konnte, beweise eine gesteigerte "Sparquote", auf welche der Staat 1932 nach Abschaffung der Rationierungen reagierte und ein nicht egalitäres Handelssystem einführte:


  1. Städtische Geschäfte mit Normpreisen: Waren zu stark subventionierten Preisen, aber mit begrenztem Angebot
  2. Staatliche kommerzielle Geschäfte: Waren wurden in staatlichen Geschäften zu höheren Preisen angeboten
  3. Geschäfte in Arbeitervierteln: Preise zwischen 1 und 2
  4. Dörfliche Geschäfte: Preise in etwa wie in 2
  5. Musterwarenhäuser: Preise über 2
  6. Devisengeschäfte: Zahlbar mit Devisen oder Gold. Für Sowjetbürger:innen nur mit Genehmigung zugänglich
  7. Legaler freier Markt


Hinzu kam ein illegaler Schwarzmarkt.

Die Einrichtung von 2+3 diente der Abschöpfung von Kaufkraft, die durch die Normpreisgeschäfte nicht erfolgen konnte. 4 war wohl Teil der erhöhten Abschöpfung der Landwirtschaft, was 1933 durch eine massive Erhöhung der dörflichen Preise für Gebrauchsgüter noch verschärft wurde. Industriekader, Manager und politische Funktionäre hatten ihre Privilegien in Sachleistungen: Zugang zu "geschlossenen" Geschäften, Zuweisung komfortablen Wohnraums, Kupons zum Erwerb von Qualitätsprodukten.

Die allgemeine Arbeiterschaft wurde in ihren Rechten hingegen beschnitten. Die Gewerkschaften werden zu Vollziehungsorganen von Weisungen, nicht gerechtfertigte Abwesenheit vom Arbeitsplatz wurde bei wiederholtem Vergehen streng bestraft: Verlust von Vergünstigungen, Kündigung, Verlust des Wohnraums. Ab 1940 war es ein strafrechtliches Vergehen, und das bereits bei 20 Minuten Verspätung.

Wie finanzierte der Staat seinen Haushalt bzw. die Industrialisierung?

  • Umsatzsteuer: Diese hat nichts mit dem zu tun, wie wir sie kennen, sondern es ist die Differenz zwischen staatlichen Aufkauf- und Distributionskosten für ein Produkt und dem Verkaufspreis. Auch waren die Aufschläge nach Produkten unterschiedlich. Seife zum Beispiel 70 Prozent, Glühbirnen 10 Prozent, Petroleum 90 Prozent
  • Verbrauchssteuer: Dies ist eine zusätzliche Steuer auf Güter wie Streichhölzer, Salz oder Alkohol (Gorbatschows Anti-Alkoholkampagne riss ein Loch in den Staatshaushalt!)
  • Staatsanleihen: Die Arbeiterschaft wurde zunächst angeregt und schließlich verpflichtet, jährlich Staatsanleihen in der Höhe etwa eines Monatsgehalts zu kaufen. Diese wurden 1947 bei der Währungsreform auf ein Drittel ihres Werts reduziert und nach einem Moratorium zwischen 1974 und 1990 mittels eines "Lotteriesystems" (die Zahlen wurden gezogen) im Nominalpreis zurückgezahlt. Ergo: mehr oder weniger eine Pflichtsteuer.
  • Deviseneinnahmen: Durch Export bzw. in den Devisenläden
  • Goldverkauf: Vor allem in Krisenzeiten
  • Geldpresse: Wenn alles das nicht reichte, wurde die Gelddruckmaschine angeworfen.


Direkte Steuern (Einkommenssteuern) waren irrelevant. Einkommen wurde mit maximal 4 Prozent besteuert, wenn überhaupt.

Auch die Planung wurde zentralisiert. Materialzuteilung und Produktverteilung wurde nun neben den Zielvorgaben zentral vorgegeben. Ein Handel zwischen Unternehmen war nicht mehr möglich. Investitionen wurden vom Staat nun "geschenkt" und waren keine rückzuzahlenden Kredite mehr. Das zentrale Planungssystem war abgeschlossen, bis zu Gorbatschow wurde nur mehr an den Organisationsstrukturen herumgedoktort.

Ab dem zweiten Fünf-Jahres-Plan (1933-1937) wurden die Rüstungsausgaben massiv erhöht. Aber auch für die Qualifizierung der Arbeitskräfte wurde durch Reformen im Bildungswesen gesorgt. Damit sollte die Produktivität gesteigert werden, was zusätzlich durch "Schockbrigaden" (berühmt ist Stachanow) erreicht werden sollte, also durch erhöhte Ausbeutung der Arbeiterschaft, was 1936 durch verbindliche Normenerhöhungen fixiert wurde. Sowohl Investitionen als auch das Nationalprodukt stiegen weiter, wenn auch in den Jahren 1937/38 ein wohl auf den massiven Säuberungen (Hinrichtungen) von "bürgerlichen" Spezialisten beruhender Einbruch zu erkennen ist. Die Reallöhne der Arbeiterschaft lagen selbst 1937 immer noch unter dem Wert von 1928, und das bei einer Lohnerhöhung von 35 Prozent gegenüber 1935.

Die Landwirtschaft erholte sich, etwa ein Drittel der Erträge verblieb bei den Kolchosen, das private Landstück erleichterte die Versorgung und wurde auch immer zentraler für die Lebensmittelversorgung der Sowjetunion. Das Geldeinkommen von Kolchosbauern, die nicht staatlich bezahlt wurden, blieb jedoch immer noch gering (das Jahreseinkommen entsprach ungefähr einem Paar Lederschuhe im staatlichen Laden). Bessere Aufkaufpreise erhielten Kolchosen mit Industriepflanzen wie Baumwolle. Die Infrastruktur der Kolchosen war weiterhin erbärmlich (nur vier Prozent waren an das Stromnetz angeschlossen, Kunstdünger erhielten hauptsächlich Kolchosen mit Industriepflanzen). Belastend war, dass ab 1935 Anschaffungen vom Traktor bis hin zu Nägeln Kolchosen nicht mehr zum Produktionspreis, sondern zum Einzelhandelspreis tätigen mussten, und dieser war - siehe oben - höher als der städtische Einzelhandelspreis.

Der dritte Fünf-Jahres-Plan wurde nur mehr bis 1941 umgesetzt (deutscher Überfall) und war schon ein militärisch geprägter, der nicht mehr alle Wirtschaftsbereiche öffentlich preisgab. Ab 1939 war die Sowjetunion ein Kriegsland (Überfall auf das geschwächte Polen, Finnlandkrieg) und erweiterte ihr Gebiet: Baltische Staaten, Ostpolen, Bessarabien. Den Kolchosbauern wurden 2,5 Mio Hektar (25.000 Quadratkilometer) selbst bebaubares Land entzogen, die Abgabenquoten wurden jedoch erhöht. Steigende Preise auf dem freien Markt weisen auf Versorgungsschwierigkeiten in staatlichen Geschäften hin. Die staatliche Überwachung wurde verschärft. Arbeitende mussten ein Arbeitsbuch führen, in dem festgehalten ist, wo sie arbeiten bzw. gearbeitet haben, und ein internes Pass-System beschränkte die interne Mobilität. Ein Arbeitsplatzwechsel ohne Genehmigung war nicht mehr möglich. Auch wurde die Arbeitszeit 1940 verlängert (6 Tage zu 8 Stunden). Ferner wurde die Mutterschaftskarenz verkürzt und es wurden Gebühren für Sekundar- und Hochschulen eingeführt.

Die Kriegsjahre ab dem Überfall Deutschlands war einerseits geprägt durch einen massiven Produktionsrückgang aufgrund der Gebietsverluste und Zerstörungen, andererseits wird die effektive Evakuierung von ganzen Fabriken in den Ural-Raum positiv als organisatorische Großleistung hervorgehoben. Bezüglich Rüstungsproduktion wird der Lend-Lease-Vertrag mit den USA als nicht kriegsentscheidend betont (das Verhältnis Sowjetunion:Lend-Lease war 480.000:9.800 Gewehre, 136.000:18.700 Flugzeuge, 102.500:10.800 Panzer). Wichtiger war der Import von Fahrzeugen, Lokomotiven, Werkzeugmaschinen, Nichteisenmetallen, Kabeln und Draht.

Die Aufkaufpreise für Agrarprodukte sanken, Lebensmittel waren rationiert, die Preise am freien Markt stiegen exorbitant, was für einige Bauern, die noch Überschüsse produzierten, die Möglichkeit gab, Vermögen anzusparen, das jedoch durch die Währungsreform von 1947 vernichtet wurde. Insgesamt waren die Lebensbedingungen kriegsbedingt extrem harsch.

Insgesamt fielen 27 Millionen Sowjetmenschen dem Krieg zum Opfer. Der materielle Schaden wird von Nove zusammengefasst (S. 292):
Of the 11.6 million horses in occupied territory, 7 million were killed or taken away, as were 20 out of 23 million pigs. 137,000 tractors, 49,000 grain combines and large numbers of cowsheds and other farm buildings were destroyed. Transport was hit by the destruction of 65,000 kilometres of railway track, loss of or damage to 15,800 locomotives, 428,000 goods wagons, 4,280 river boats, and half of all the railway bridges in occupied territory. Almost 50 per cent of all urban living space in this territory, 1.2 million houses, was destroyed, as well as 3.5 million houses in rural areas.

Many towns lay in ruins. Thousands of villages were smashed. People lived in holes in the ground. A great many factories, dams, bridges, which had been put up with so much sacrifice in the first five-year plan period, now had to be rebuilt.
Der Wiederaufbau nach dem Krieg bedingte, dass 88 Prozent der Investitionen in die Schwerindustrie und nur 12 Prozent in die Gebrauchsgüter- und Lebensmittelindustrie gingen. Aus den besetzten Ländern wurde so viel Industriematerial (zum Teil ganze Fabriken) abgezogen, wie nur möglich war. Politisch wurden Parteikontrolle und Zentralisierung verschärft. Den Fachministerien wurden Politbüromitglieder vorgesetzt, den Republiksministerium wurden Entscheidungsbefugnisse entzogen. 1946 war ein Dürrejahr, den Hungernden wurde wieder jegliche Hilfe verweigert, mehr als eine Million Menschen verhungerten, viele in der Ukraine. In Kolchosen wurde weiterhin kaum investiert (keine Elektrifizierung, kaum Baumaterial). Bis 1950 war die Umstrukturierung zur Kolchoswirtschaft in den baltischen Staaten abgeschlossen.

Die Aufkaufpreise für die Landwirtschaft lagen noch 1952 unter jenen von 1940, die Kolchosen hatten nun zusätzlich für den Transport der Güter zu den Großlagern zu bezahlen. Der Staat entzog der Landwirtschaft noch mehr Kapital als vor dem Krieg. Zahlen (in Rubel pro Zentner) gibt es für Staatshöfe (Sowchosen):

1940 - Aufkaufpreis 8,63; Produktionspreis 29,70
1952 - Aufkaufpreis 8,25; Produktionspreis 62,00

Die Steuer auf das privat genutzte Stück Land wurde erhöht, sodass der private Viehbestand zurückging. Der Staat reagierte mit einer absurden Entscheidung, dass auf das private Land eine Abgabesteuer unabhängig vom Besitz erhoben wurde. So musste jede Bauernfamilie Milch (ca. 250 Liter pro Jahr), Fleisch, Gemüse etc. abliefern, unabhängig davon, ob sie Kühe hatten oder nicht (nur 50 Prozent hatten welche). Wie sie das auftrieben, war dem Staat egal.

Die oben erwähnte Währungsreform von 1947 war keine nominale (100 Rubel blieben 100 Rubel), sondern zielte auf Vermögenswerte (in bar oder in Einlagen) ab. Bargeld wurde im Verhältnis 1:10 umgetauscht, nur Spareinlagen bis zu 3000 Rubel behielten ihren Wert. Die Pflichtanleihen wurden in einem Verhältnis von 1:3 umgetauscht. Sprich: Der Schuldenstand des Staats gegenüber seinen Bürgern war mit einem Schlag auf ein Drittel gesunken.

Der Lebensstandard wurde nach der Währungsreform leicht angehoben. Die Preise in den normalen Geschäften sanken, die freien Preise lagen zum Teil noch darunter, es kamen mehr Gebrauchsgüter auf den Markt als die Löhne stiegen, also sanken auch deren Preise.

Im Außenhandel spielte der mit den kommunistischen Satellitenstaaten RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) kaum eine Rolle. Bezüglich Wirtschaftsstruktur war die Konfrontation mit den USA relevant. Etwa ein Viertel der Staatsausgaben wurde 1952 in den militärischen Bereich gesteckt.

Nach Stalins Tod war zunächst die Macht bei dem Triumvirat Malenkow, Beria, Molotow. Krustschow lauerte in der zweiten Reihe. Die Entscheidung, die Verkaufspreise zu senken, führte wieder zu Versorgungsknappheit. Auch wurde der Kauf von Anleihen abgeschafft. Auch wurden die Aufkaufpreise bei den Kolchosen erhöht und die Abgabequoten gesenkt. Abgaben über der Quote wurden besser bezahlt (das Verhältnis für eine Tonne Getreide lag 1957 bei 25:80 Rubel). Auch war ein Wohnungsbauprogramm vorgesehen. Vernachlässigte Bereiche sollten auf einen Schlag verbessert werden, aber insgesamt war dies zum ersten Mal ein Konzept, welches die Staatseinnahmen senkte. Malenkow wollte eine Priorisierung der Gebrauchsgüterindustrie und ist wohl an dieser politischen Ausrichtung am Widerstand der eingesessenen Interessen der Schwerindustrie gescheitert.

Chrustschow konnte für sich die Macht nach Malenkow gewinnen (Beria war hingerichtet, Molotow hat sich mit Chrustschow verbündet und war Außenminister). Sein Stil ist erratisch und kampagnenorientiert. Für die Landwirtschaft (worin er Experte war) sah er die Umwandlung von Kolchosen in Staatsgüter (Sowchosen) vor, Kolchosen sollen zusammengelegt und Großbetriebe werden (es fehlte jedoch die Maschinisierung), in der sibirischen Steppe soll Neuland gewonnen werden (ging ein paar Jahre gut, dann waren die Böden ausgelaugt). Die privat erwirtschafteten Produkte wurden 1958 von jeglicher Abgabepflicht befreit.

Die Umstrukturierung der Planungs- und Weisungsketten (Regionalisierung) war ungeschickt und führte nicht zu Verbesserungen, da die Regionen natürlich Eigeninteresse versuchten umzusetzen. Auch die Trennung der Partei in industrielle und landwirtschaftliche Verantwortungsbereiche war nicht glücklich. Beides wurde nach Chrustschows Absetzung rückgängig gemacht.

Bezüglich Preisgestaltung war die Sowjetunion stabilisiert. Die Verbraucherpreise änderten sich bis 1980 kaum noch. Auch die Sozialgesetzgebung wurde wieder erweitert, und die Arbeitenden konnten wieder frei ihren Arbeitsplatz wechseln. Insgesamt resümiert Nove, dass die Reformen Chrustschows den Menschen mit den geringsten Einkommen zugute kamen. Nicht in den Griff bekam die Wirtschaft Malenkows Wunsch, qualitativ bessere Produkte herzustellen. Dazu hätten die Planvorgaben geändert werden müssen, die sich auf Tonnagen bezogen. Und wie Nove anekdotisch schreibt: Mit dickerem Blech wird der Plan eher erfüllt als mit dünnerem, und die Unernehmen waren nicht ihren Abnehmern verpflichtet, sondern dem Plan. Auch die Planvorgabe, so günstig wie möglich zu produzieren, stand einer Qualitätsverbesserung im Wege. Auch die Entwicklung neuer Produkte war stark gehemmt. Was nicht im Plan steht, wird nicht produziert. Dennoch waren mehr Konsumgüter erhältlich als je zuvor und es kam auch vor, dass Produkte wegen ihre schlechten Qualität von den Konsumierenden zurückgewiesen (nicht gekauft) wurden.

Außenpolitisch intensivierten sich die wirtschaftlichen Beziehungen zu den Satellitenstaaten, auch um Aufstände wie in der DDR, in Polen oder in Ungarn zu vermeiden. Die DDR musste ab 1954 keine Reparationen mehr zahlen, sowjetisch requiriertes Eigentum wurde in der DDR und in Rumänien wieder zurückgegeben, Polen wurde entschuldet, Kredite (auch für China und Nordkorea) waren günstig. Ungarn erhielt nach der Niederschlagung des Aufstands Nothilfe. Auch zahlte die Sowjetunion für importierte Produkte Weltmarktpreise. Mit Indien und Argentinien wurden Handelsbeziehungen aufgebaut. Das Außenhandelsvolumen 1958 verdreifachte sich beinahe seit 1950.

Der Sieben-Jahres-Plan bis 1965 sah eine verstärkte Investition in der chemischen Industrie und bei der Öl- und Gasförderung vor, was auch mehr oder weniger gelang (Seite 363). Bemerkenswert laut Nove sei, dass mit 40 Prozent der Investitionen der Osten der Sowjetunion (der asiatische Teil) einen größeren Anteil erhielt als in früheren Plänen.

Plan2

Die Landwirtschaft war eine Heiß-Kalt-Dusche. Nach Abschaffung der Maschinen-Traktor-Stationen mussten die Kolchosen nun technisches Gerät anmieten oder ankaufen, was ihre finanziellen Möglichkeiten oft überstieg bzw. auf Kosten der Investitionen und der Bezahlung der Arbeitenden ging. Auch die Kampagnen, die gefordert wurden, waren letztlich nicht erfolgreich. Die Monokulturen des Neulands waren nicht nachhaltig, die Maiskampagne in für Mais ungeeigneten Gebieten war ein Fehlschuss. Die Abgabequoten waren oft irreal hoch und die Aufkaufpreise weit unter den Produktionskosten. Die Folge: Die Kolchosen verarmten immer weiter. Eine witterungsbedingte schlechte Ernte war neben der Ummodelung der Parteistruktur sowie der Kuba-Geschichte wohl der Knackpunkt, dass Chrustschow abgesetzt wurde, auch wenn er viele Probleme nicht selbst verursacht, sondern geerbt hat.

Breschnew stellte die alte Parteistruktur wieder her, versprach das Ende der Kampagnen-Politik und versuchte Landwirtschaft und Urbanität zu versöhnen, indem die Aufkaufpreise erhöht wurden, ohne die Verkaufspreise mit zu erhöhen. Die Wirtschaft wuchs, wenn auch von einem sehr niedrigen Niveau ausgehend. Was nie erreicht wurde, war ein Warenangebot, das den erhöhten Löhnen entsprach, und die Sowjetunion wurde immer mehr von Importen aus kapitalistischen Ländern abhängig (zum Beispiel Futtergetreide, um den erhöhten Fleischkonsum zu ermöglichen). Um dies zu finanzieren, kam Breschnew die Ölkrise von 1973 mit ihren steigenden Ölpreisen zugute. Aber es wurden auch Goldvorräte verkauft. Eine erhellende Feststellung Noves ist, dass der zehnte Fünf-Jahres-Plan 1980 nur bei zwei Produktkategorien erfüllt war: bei der Ölförderung und der Fahrzeugproduktion. Die beginnende Abschwung der sowjetischen Wirtschaft zeigt sich 1985. Der elfte Fünf-Jahres-Plan war in keiner Kategorie mehr erfüllt (Seite 387):

Plan3

Die Unterversorgung mit Gütern bei steigenden Löhnen wurde nun die Basis für Korruption, Bestechung, Unter-dem-Ladentisch-Verkäufe, Hortung. Es war ein extremer Verkäufermarkt, und die Käufer wurden als Bittsteller angesehen und auch so behandelt. Die Militärausgaben waren nach wie vor hoch. Außerdem ist Produktion und Distribution durch Ineffizienz, Vergeudung, sehr langsamen technischen Fortschritt, Unausgewogenheiten sowie Flaschenhälsen gekennzeichnet.

Außenpolitisch sind die 1970er Jahre durch Entspannung zwischen den USA und der Sowjetunion gekennzeichnet. Das kam auch dem Export zugute, wobei nach Nove neben Öl der Waffenexport an Entwicklungsländer zu erwähnen sei. Der Ölexport in die RGW-Länder war so gestaltet, dass der durchschnittliche Weltmarktpreis der letzten fünf Jahre zu zahlen war. Ab 1973 war der Ölimport für diese Länder daher sehr günstig. Im Gegenzug wurde er ab 1986 bei fallenden Weltmarktpreisen sehr teuer. Diese Preisgestaltung hätte nichts mit politischen Absichten zu tun gehabt, so seien die Verträge gewesen.

Die Entwicklung der Außenhandelsbeziehungen von 1965 bis 1984 (Seite 393):

Aussenhandel

Die erste Wertung Noves bezüglich Gorbatschow ist, dass sich nichts geändert habe. Er sei auf verschiedenste Hindernisse gestoßen.


  1. Ideologie: Markt und Sozialismus war für viele Kommunisten unvereinbar.
  2. Eigeninteresse: Partei- und Staatsfunktionäre wollten ihren Aufgabenbereich oder ihre Stellung nicht verlieren.
  3. Gewohnheit: Der Antrieb, eingefahrene Strukturen zu ändern, war bei vielen gering.
  4. Unwissen: Es gab kaum ein Wissen darüber, wie eine Marktwirtschaft funktioniert.


Die Folgen waren katastrophal. Die beklagte Stagnation der Breschnewzeit entwickelte sich zu einem Wirtschaftsniedergang (Seite 399/400):

Wachstum1

Plan4

Das Gesetz über staatliche Unternehmen von 1987 sollte Entscheidungsgewalt den Republiken übergeben, aber es war nicht praktikabel. Wirkung zeigte es hindoch einige Jahre später, als einige Republiken reklamierten, dass die nationale Eigentümerin nicht die Sowjetunion, sondern die Republik sei.

Das Genossenschaftsgesetz von 1988 hatte zum Ziel, Kleinunternehmen zu gründen, was auch passierte. Es wurde jedoch auch dahingehend genutzt, dass innerhalb von Staatsunternehmen Kooperativen gegründet wurden, mit deren Hilfe sich vor allem die obere Managementebene schnell bereichern konnte. Gleiches passierte bei Bankengründungen.

Insgesamt ergibt ein Mix an Faktoren, dass die Staatsausgaben stiegen und die Einnahmen fielen:

  • Die Antialkohol-Kampagne senkte die Einnahmen der Alkoholsteuer
  • Rückgang der Exporteinnahmen wegen des fallenden Ölpreises
  • Eskalierende Kosten der Lebensmittelsubventionierung
  • Steigende Ausgaben für lange vernachlässigte Bereiche (Gesundheitswesen, Bildung, Pensionen, Wohnen)
  • Über 100.000 neue Investitionsprojekte (gegen die Vorgaben)
  • Exorbitante Rüstungs- und Militärausgaben - zwei Drittel der Beschäftigten im Maschinenbau waren im Rüstungssektor beschäftigt


Nicht in Angriff genommen wurde die Preisschere. Die Preise der Lebensmittel in den Städten entsprachen nicht den Produktionskosten. Profitiert hätten davon laut Nove aber nicht diejenigen, die eine Unterstützung benötigt hätten, sondern die Moskauer Bevölkerung und diejenigen, die sowieso Zugang zu den Spezialgeschäften gehabt hätten. Die Ärmsten in der Sowjetunion wären auf den sehr teuren freien Markt angewiesen gewesen. Auch an den stark subventionierten Preisen für Energie und Holz sei nicht gerüttelt worden. Es habe einfach Angst vor Widerstand gegeben. Dieses Zögern jedoch hätte dazu geführt, dass 1991 die unausgewogenen Preisrelationen in Bezug auf hohe Geldmenge und knappe Güter zu einer nicht steuerbaren Hyperinflation geführt hätten. Verschärft wurde die Krise durch den Zerfall des RGW, wodurch es zu Knappheiten bei benötigten Ausrüstungen gab. Frühere Preisinterventionen hätten laut Nove dies möglicherweise verhindern können. Die Erhöhung der Großhandelspreise im Januar 1991 und der Verbraucherpreise im April 1991 sei zu spät gewesen, vor allem habe es wegen des Zusammenbruchs der Produktion kaum noch Produkte zu erwerben gegeben. Am 2. April 1991 wurde schließlich der private Handel unter Einschluss der Möglichkeit, Angestellte einzustellen, ermöglicht.

Der Abfall der Republiken (Russland erklärte sich 1990 selbständig) hatte nicht nur rechtliche Auswirkungen bezüglich des Zuständigkeitsbereichs von Gesetzen und soziale aufgrund der Durchmischung der Bevölkerung (Mischehen sowie Menschen, die nicht in der Heimatrepublik lebten), sondern auch wirtschaftliche. Die Produktionsketten waren über Republiken verteilt, die nun zerrissen waren. Kollaps und Konflikte drohten. Im Herbst 1990 machte Gorbatschow nochmal eine Kehrtwendung und scharte Konservative um sich (die zum Teil 1991 einen Putschversuch starteten), im Januar 1991 versuchte er vergeblich eine Abspaltung der baltischen Republiken militärisch zu verhindern. Nach dem gescheiterten Putschversuch im August 1991 war Gorbatschow Präsident eines Staates, den es de facto nicht mehr gab.