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Grundkurs des wissenschaftlichen Kommunismus
gestern um 17:44
Die mir vorliegende Ausgabe ist aus 1973 und interessanterweise ist keinerlei Digitalisierung auffindbar, nur das Inhaltsverzeichnis ist bei der Deutschen Nationalbibliothek gescannt. Herausgeber ist der Progreß-Verlag Moskau, weder Autoren noch Übersetzer sind genannt. Bei der Deutschen Digitalen Bibliothek ist als Leiter eines Autorenkollektivs ein W. G. Afanasjew angegeben.
Das Zielpublikum lässt sich schwer erschließen, da das Buch beinahe mit Holzhammer-Propaganda ein chiliastisch-manichäisches Weltbild verbreitet, in dem die Guten (das Proletariat unter Anführung der Kommunistischen Partei) gesetzmäßig eine kommunistische Gesellschaft herbeiführten. Eine andere Entwicklungsrichtung der Gesellschaft gebe es aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse von Marx und Engels nicht. Und Lenin sei derjenige, der die alternativlose Taktik zum Weg dorthin entwickelt habe, die nun in der Sowjetunion umgesetzt werde.
Kernbegriffe sind immer wiederkehrend: Demokratie (die wahre sozialistische Demokratie unter Führung der Arbeiterklasse mit der Partei der Werktätigen an der Spitze), Machtmonopol der Kommunistischen Partei als Avantgarde der Arbeiterklasse zur Brechung des Widerstands der konterrevolutionären Bourgeoisie, aber auch der Rechts- und Linksopportunisten innerhalb der Reihen.
- Rechtsopportunismus lehne die führende Rolle der KP ab.
- Linksopportunismus lehne ein Bündnis mit anderen Werktätigen (Bauern, Intellektuellen) ab.
Gewalt sei beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ein angebrachtes Mittel der Wahl, auch wenn es wegen des Personenkults zur Zeit Stalins zu Verfehlungen und Übertreibungen gekommen sei.
Zu Beginn des Buchs wird kein Zweifel gehegt: Faschismus, Nationalsozialismus und Imperialismus ist dasselbe. Es wird von 110 Mio Toten seit 1914 geschrieben. Zwei Weltkriege, Kriege in Afrika, Vietnam. Erst dann geht es los mit der Theorie: Der Kommunismus ist historische Notwendigkeit, Marx und Engels haben erkannt, dass dem Proletariat die Rolle zufällt, den Kapitalismus zu stürzen und eine Diktatur zu errichten. Aufgabe der revolutionären, marxistischen Partei sei es, Ideologie und Kampf in die Arbeiterklasse hineinzutragen und die Revolution durchzuführen. Daher falle ihr die führende Rolle zu. Auch andere Werktätige wie Bauern haben ein Interesse daran, da durch die proletarische Revolution auch sie vom Joch des Kapitalismus befreit werden. Durch den Boom in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hätten sich Opportunisten in die Arbeiterbewegung eingeschlichen, von denen diese gesäubert gehörte.
Lenin habe das Konzept für das 20. Jahrhundert entwickelt. Lenin schuf die Partei neuen Typs. Sie sei die Avantgarde, die auch in nicht höchstentwickelten kapitalistischen Ländern das Joch des Imperialismus und Kapitalismus abschütteln kann, auch in einem Land den Sozialismus aufbauen kann. Das ist die nationale Seite der Leninschen Revolution. Die internationale Seite bestehe im Wirken auf die Arbeiterklasse in imperialistischen bzw. kapitalistischen Staaten bzw. in der Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen gegen imperialistische Mächte, womit auch die Stoßrichtung der internationalen Politik der Sowjetunion benannt ist.
Ganz unverblümt wird über die Rolle des Staats geschrieben. Dieser habe als Souverän die nötigen Machtmittel, um die „Direktiven der Partei“ umzusetzen. Auch wenn nur etwa 10 Prozent der sowjetischen Bevölkerung Mitglied der KPdSU sind, so vertrete der Staat den Gesamtwillen des sowjetischen Volks, der von der kommunistischen Partei als Avantgarde der Werktätigen formuliert werde.
Nach dieser etwas 150-seitigen Einleitung wird die restlichen 300 Seiten über die Aufgabe des sowjetischen Staates geschrieben, die Grundlagen für einen Überfluss an Gebrauchsgütern zu sorgen, auf dessen Basis die kommunistische Gesellschaft gründen werde, in der alle nach ihren Bedürfnissen versorgt werden können. Basis dafür ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt, der zur Automatisierung der Produktion führen solle. Das Buch verlässt damit den Bereich des Politischen in Richtung Fantastereien, die sich in den nächsten 20 Jahren als Trugbild erwiesen haben.
Interessant ist zu lesen, dass es im Kapitalismus das Profitsystem ist, das den wissenschaftlich-technischen Fortschritt vorantreibt.
... die ständige Profitjagd, das verzweifelte Bestreben, sich im erbitterten Konkurrenzkampf zu behaupten und seine Gegner auf dem Markt niederzuwalzen, zwingt das Kapital ständig, immer mehr die Macht des wissenschaftlich-technischen Denkens für sich aufzubieten, Technik und Technologie immer mehr zu vervollkommnen.Bemerkenswert ist, dass das Verhältnis Mensch-Natur angesprochen und betont wird, dass eine Vernichtung der Natur (Rodung von Wäldern, CO2-Problematik) angesprochen wird. Umgesetzt wurde es jedoch nicht, die Fabriken blieben bis zum Ende der Sowjetunion Dreckschleudern.
Auch der soziale Wandel findet mit genauen Zahlen Eingang. Ins Auge sticht, dass bis Ende der 1960er Jahre es beinahe keine freien Handwerker mehr gegeben hat und dies auch noch positiv bewertet wird (Handwerker wurden Teil der Arbeiterklasse). Dass dies eine der Ursachen der Dienstleistungswüste war, wird nicht gesehen.
Dass Erziehung zu einem „sowjetischen Menschen“ wichtig ist und Schulen ein zentraler Platz zugeschrieben wird, liegt auf der Hand. Dass jedoch „Zöglinge“ herangebildet werden sollen, die „unter Einsatz des eigenen Lebens“ die sozialistische Gesellschaft bereit sind zu verteidigen, überrascht in dieser Offenheit dann doch. Wer sich jedoch nicht erziehen lässt, dem wird gedroht:
Selbstverständlich haben auch Zwangsmaßnahmen, besonders gegenüber böswilligen Verletzern der öffentlichen Ordnung, eine beträchtliche Bedeutung.Das Manichäische prägt die Gesellschaftsvorstellung, die präsentiert wird. Wer gegen die sowjetische Gesellschaft sich wendet, sei ein Überrest kapitalistischen Denkens und mehr oder weniger auszumerzen. Der Bevölkerung wird die Pflicht zur Denunziation auferlegt:
Zweifellos gibt es neben den Überresten des Kapitalismus im Bereich der Moral auch solche Ursachen gesellschaftsfeindlicher Erscheinungen, die in einer Entstellung und Verletzung der Gesetze und Prinzipien des Sozialismus, in Mängeln bei der Gestaltung der Arbeit, der Erholung, des häuslichen Lebens der Menschen usw. wurzeln. Wird etwa Vergehen oder Verbrechen nicht auch dadurch Vorschub geleistet, daß stellenweise die Kontrolle über das Maß der Arbeit und das Maß des Verbrauchs gelockert ist? Eine beträchtliche Rolle spielen hier auch Mängel bei der Erziehung der neuen Generation, namentlich in der Familie und der Schule. Nicht immer werden Verstöße gegen die sowjetischen Gesetze und Moralnormen durch die Offentlichkeit verurteilt. Ohne eine solche Verurteilung aber ist es unmöglich, rückständige Ansichten und Verhaltensweisen zu bekämpfen.Bezüglich Propaganda muss die Information „beharrlich, geduldig und wirksam die Prinzipien unserer sozialistischen Ideologie, die Prinzipien des Marxismus-Leninismus verfechten“. Eine besondere Rolle wird dabei den Massenmedien zugeschrieben. Ziel der Propaganda sei, die Menschen „zu guten Taten für die Partei und das Volk“ anzuregen. Die Tat scheint wichtiger als das Bewusstsein zu sein.
Die Überreste des Kapitalismus sind ein bedeutendes Hindernis für den Aufbau des Kommunismus. Mit solchen Überresten behaftete Menschen wirken störend bei der normalen Arbeit und Erholung der sowjetischen Menschen, verüben Anschläge auf das Eigentum des Volkes und der einzelnen Bürger, verursachen Zwist im Familienleben usw.
Deshalb betrachtet die Kommunistische Partei den Kampf gegen die Überreste der Vergangenheit, gegen Erscheinungsformen der bürgerlichen Moral, gegen Nachwirkungen der privateigentümlerischen Mentalität als einen Bestandteil der kommunistischen Erziehungsarbeit.
Auch wenn international permanent von Völkerfreundschaft und dem Recht auf eigenständige Entwicklung geschrieben wird, gibt es Passagen, in denen deutlich wird, dass innerhalb des sowjetischen Satellitenstaatensystems einzig und allein die Sowjetunion entscheidet, wie eine solche eigenständige Entwicklung auszusehen hat, und sie sich das Recht herausnimmt, korrigierend einzugreifen, wenn das Ziel gefährdet ist, das der KPdSU vorschwebt. Der Absatz über den Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968 ist entlarvend:
Eine vernichtende Niederlage erlitten die vom Weltimperialismus unterstützten antisozialistischen Kräfte in der Tschechoslowakei, die diese von der sozialistischen Gemeinschaft hatten losreißen wollen. Die rechtzeitige und entschlossene Hilfe einer Reihe sozialistischer Länder ermöglichte es der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, die perfiden Absichten der Feinde des Sozialismus zu vereiteln.Eine Putschregierung hilft beim zweiten bolschewistischen Putsch in der Tschechoslowakei (der erste war 1948). Demokratisch war die Herrschaft keiner dieser Parteien legitimiert.
Fazit: Die KPdSU war keine Partei, das war eine Sekte.