Marquis de Sades Kinderheim
16.09.2008 um 16:41
Die niederschmetterndste Nachricht freilich bewahrte sich Jerseys stellvertretender Polizeichef Lenny Harper bis zum Schluss auf. Denn die Morde werden seiner Meinung nach aller Voraussicht nach ungesühnt bleiben: "Letzten Endes könnte es aussehen, als ob wir nicht genügend Beweise haben werden, um Mordermittlungen mit dem Ziel aufzunehmen, jemanden für die Verbrechen, die hier verübt wurden, zur Rechenschaft zu ziehen", erklärte er in einem Interview mit der BBC. Die Beweise reichten jedoch aus, um die Berichte über Missbrauch "substantiell zu bekräftigen".
65 Milchzähne
Das Problem der Ermittler liegt nach den Worten Harpers darin, dass sich die gefundenen Überreste - Milchzähne und Knochenfragmente - nicht präzise genug datieren lassen, um auf dieser Basis tätig werden zu können. "So wie es aussieht, werden wir keinen exakten Todeszeitpunkt erfahren", erklärte Harper. Eine erste Radiokohlenstoffdatierung konnte nur einen ungefähren Zeitrahmen zwischen den späten sechziger und den frühen siebziger Jahren definieren. Da Knochen und Zähne Schnittmarkierungen aufwiesen und teilweise verkohlt waren, geht die Polizei von einer Gewalttat aus, die vertuscht werden sollte.
Insgesamt haben die Behörden 65 Milchzähne und mehr als 100 Knochenfragmente gefunden, seit sie im vergangenen Februar mit ihren Untersuchungen in Haut de la Garenne begannen. Im Zuge ihrer Ermittlungen hob die Polizei vier unterirdische Kellerverliese aus, die von früheren Insassen des Heimes als "Strafzellen" beschrieben worden waren. In diesem Räumen entdeckten die Ermittler Fußfesseln und eine mit Blut verkrustete Wanne. An einen Holzpfosten waren die ominösen Worte gekritzelt: "Ich war Jahre und Jahre lang ungezogen." Im Laufe der letzten Monate haben sich Dutzende von Männern und Frauen gemeldet, die als Kinder in Haut de la Garenne waren und von Misshandlungen berichteten.
Die Polizei geht 97 konkreten Vorwürfen nach, in denen von Schlägen, Vergewaltigungen und Folterungen die Rede ist. Mehr als 100 Verdächtige wurden registriert und teilweise verhört; gegen drei Männer wurde Anklage wegen sexuellen Missbrauches Minderjähriger erhoben.
Verschleierungsversuche
Harpers Erklärungen haben mittlerweile Vorwürfe wiederbelebt, dass die politische und wirtschaftliche Elite der Insel die Vorfälle in dem Kinderheim vertuschen wolle. Der liberaldemokratische Unterhausabgeordnete John Hemmings, der das Thema mit der britischen Regierung erörtern will, hat nach eigenen Worten "keinen Zweifel" an einem Verschleierungsversuch. "Es ist klar, dass es fünf Fälle gibt mit genügend Beweismaterial für eine Strafverfolgung, bei denen aber diese Verfolgung aus irgendwelchen Gründen gestoppt worden ist", erklärte Hemmings.
Ähnlich hatte sich schon zuvor der ehemalige Gesundheitsminister von Jersey, Stuart Syvret, geäußert. Er hatte die Insel einen "geheimniskrämerischen Ein-Parteien-Staat" genannt, in dem die Regierung nur unzureichend kontrolliert werde. Jersey ist weder Teil des Vereinigten Königreiches noch der Europäischen Union und verabschiedet in seinem eigenen Parlament seine eigenen Gesetze.
(SZ vom 01.08.2008/grc)
Das ehemalige Erziehungsheim Haute de la Garenne ist der Schauplatz einer der größten Fälle von Kindesmisshandlung auf den britischen Inseln. Die Polizei bearbeitet derzeit 97 Fälle, die bis in die frühen 1960er Jahre reichen. Es gibt mehr als 100 Tatverdächtige.
Im Kellergeschoss des Skandal-Heims hatten Beamte vier geheime Räume entdeckt in denen Handschellen, eine blutverschmierte Badewanne und Kinderzähne gefunden wurden. In einen Holzbalken hatte jemand die Botschaft „Ich bin seit vielen Jahren böse“ geritzt.
Die Ankündigung der Polizei von Jersey, dass es womöglich nicht zu einer Mordanklage kommen werde, löste Proteste von Kinderschützern aus. Jerseys ehemaliger Gesundheitsminister Stuart Syvret forderte, dass die britische Regierung in die Ermittlungen eingreifen solle.
Das Rechtssystem der Kanalinsel – Jersey gehört nicht zum Vereinigten Königreich, sondern ist im Besitz der britischen Krone und verfügt über ein eigenes Rechtssystem – dürfte es den Opfern schwer machen, für ihre Leiden angemessen entschädigt zu werden. Laut Jerseys Strafrecht können nur Verletzungen, die nach dem 1. Mai 1991 zugefügt wurden, geltend gemacht werden. Auch das Zivilrecht hilft nicht weiter, denn der Misshandelte muss innerhalb von drei Jahren nach seinem 18. Geburtstag Klage einreichen. Rechtsanwälte forderten deswegen, dass auf Jersey – ähnlich wie bereits in Irland 2002 und in Kanada in den 1990er Jahren geschehen – spezielle Kompensationsverfahren ins Leben gerufen werden.
Bislang wurden sechs Tatverdächtige verhaftet, drei davon wurden auf Kaution freigelassen, gegen die anderen wird Anklage wegen Kindesmisshandlung, Notzucht und Vergewaltigung erhoben. Unmittelbar vor den Festnahmen hatte Jerseys Vize-Polizeichef Harper der Presse mitgeteilt, dass er bei seinen Ermittlungen auf erhebliche Widerstände gestoßen war. Pensionierte Polizisten hätten versucht, ihm das Leben schwer zu machen.
Der Grund: Die örtliche Polizei hatte es seinerzeit versäumt, den Vorgängen in Haut de la Garenne nachzugehen. Harper: „Was diese Ermittlungen von anderen dieses Kalibers unterscheidet ist die Feindseligkeit der Politiker. Man sollte ja annehmen, dass sie sich darum reißen würden, die Ermittlungen und die Opfer zu unterstützen – ganz im Gegenteil. Die Meisten kritisierten die Untersuchung und behaupteten, wir seien außer Kontrolle, weil wir uns wie eine politisch unabhängige Organisation aufführten. Aber ist das nicht das Rückgrat sauberer Polizeiarbeit?“
Harper steht allerdings kurz vor der Pensionierung. „Wenn der geht, dann wird das alles unter den Teppich gekehrt“, sagte Danni Jarman, die als junges Mädchen in dem Kinderheim sexuell missbraucht worden war.
In Haft befinden sich derzeit Michael Aubin (45), Claude Donnelly (68) und Gordon Claude Wateridge (76). Aubin wird vorgeworfen, zwischen dem 1. Januar 1977 und dem 31. Dezember 1980 einen siebenjährigen und einen 13jährigen Jungen sexuell missbraucht und einen Achtjährigen vergewaltigt zu haben. Die Kinder waren alle Insassen von Haute da la Garenne.
Donelly, der aus St. Brelade auf Jersey stammt, wird vorgeworfen sich zwischen 1971 und 1974 an einem zwölfjährigen Mädchen vergangen zu haben. Der Brite Wateridge aus Süd-London soll in seiner Zeit als Wärter in dem Kinderheim von 1969 bis 1979 Notzucht mit drei Mädchen unter 16 Jahren begangen haben.
(Die Welt, 4.8.08)
Haut de la Garenne bringt es immerhin auf rd. 795.900 Google-Hits.
Scheint also nicht ganz so, als ob das keinen interessieren würde.