Bachmann-Gott

Dieses 1958 ausgestrahlte Hörspiel von Ingeborg Bachmann thematisiert auf absurde Weise die gesellschaftssprengende Kraft von Liebe, die aus diesem Grund in einer auf Masse orientierten Gesellschaft wegen ihres zerstörerischen Individualismus bekämpft wird und auch scheitern muss. Das Stück spielt auf zwei Ebenen: Eine Gerichtsverhandlung gegen einen Mann, der Liebespaare in die Luft sprengt und sich den Guten Gott nennt, und die Liebesgeschichte von Jan und Jennifer. Die Verhandlung läuft bereits nach der Tat, bei der Jennifer bei dem Attentat stirbt und Jan überlebt, da er ein Schiffsticket nach Europa zurückgeben will, um bei Jennifer zu bleiben.

Der Plot: Die New Yorkerin Jennifer hilft dem etwas hilflosen Jan, der auf die Schiffspassage nach Europa wartet, da sie Europäer mag. Sie kommen sich näher, gehen in ein heruntergekommenes Stundenhotel, beginnen sich zu mögen, wechseln in ein vornehmes Hotel, in dem sie immer wieder in höher gelegene Zimmer wechseln, bis sie eine Suite im 57. Stockwerk bekommen. Die Liebe wächst metaphorisch in den Himmel und gleichzeitig entfernen sich die beiden immer mehr von dem hektischen Treiben Manhattans, das durchgehend durch Stimmen interpoliert wird. Ein Beispiel:
STIMMEN
ohne Timbre, ohne Betonung, klar und gleichmäßig

GEHEN BEI GRÜNEM LICHT WEITERGEHEN
DENK DARAN SOLANGE ES ZEIT IST
DU KANNST ES NICHT MIT DIR NEHMEN
WEITERGEHEN SCHNELLER SCHLAFEN
SCHNELLER TRÄUMEN MIT UNS
WOLKENBRÜCHE NIEDERSCHLÄGE SCHNELLER
ERDBEBEN LEICHTER SICHERER
BEI GRÜNEM LICHT DENK DARAN
VORSICHT VOR DER ROTEN UND BRAUNEN
DER SCHWARZEN UND GELBEN GEFAHR
WAS SOLLEN SICH UNSRE MÖRDER DENKEN
DU KANNST ES NICHT HALT!
BEI ROTEM LICHT STEHENBLEIBEN!
Der Gute Gott beschreibt die Stadt gegenüber dem Richter:
Der Tag war da. In allen Senkrechten und Geraden der Stadt war Leben, und der wütende Hymnus begann wieder, auf die Arbeit, den Lohn und größren Gewinn. Die Schornsteine röhrten und standen da wie Kolonnen eines wiedererstandenen Ninive und Babylon, und die stumpfen und spitzen Schädel der Gigantenhäuser rührten an den grauen Tropenhimmel, der von Feuchtigkeit troff und wie ein unförmiger ekliger Schwamm die Dächer näßte. Die Rhapsoden in den großen Druckereien griffen in die Setzmaschinen, kündeten die Geschehnisse und annoncierten Künftiges. Tonnen von Kohlköpfen rollten auf die Märkte, und Hunderte von Leichen wurden in den Trauerhäusern manikürt, geschminkt und zur Schau gestellt.
Unter dem Druck hoher Atmosphären wurden die Abfälle vom vergangenen Tag vernichtet, und in den Warenhäusern wühlten die Käufer nach neuer Nahrung und den Fetzen von morgen. Über die Fließbänder zogen die Pakete, und die Rolltreppen brachten Menschentrauben hinauf und hinunter durch Schwaden von Ruß, Giftluft und Abgasen.
Die Bedrohlichkeit der Liebe, wie der Gute Gott sie sieht, zeigt sich in dieser Aussage:
Sie umarmten einander und dachten schon an die nächste Umarmung. Sie gaben einem Verlangen, das von der Schöpfung nicht so gedacht sein kann, mit einer Laune nach, die ernsthafter war als jeder Ernst, und schwuren sich Gegenwart und sonst nichts, mit jedem Blick, jedem heftigen Atemzug und jedem Griff in das hinfälligste Material der Welt, dieses Fleisch, das vor Traurigkeit bitter schmeckte und in dem sie gefangen lagen, verurteilt zu lebenslänglich.
Auch Jan bringt Ähnliches gegenüber Jennifer zum Ausdruck, als sie darüber sprechen, wie es sein wird, wenn die brennende Liebe abklingt:
... werden wir Galerien besuchen und mit angestrengten Augen einen Farbwert erfassen. Und wenn es auch so nicht geht, wirst du kochen lernen und mich mit Frittaten, Saucen und Desserts unterhalten. Abends bleibt der Ausweg ins Kino. Man starrt miteinander auf die Leinwand und entspannt sich. Irgend etwas, verlaß dich drauf, wird sich schon finden.
Was der Gute Gott von Liebe hält und warum Liebende zurecht sterben müssen, äußert er so:
ch glaube an eine große Konvention und an ihre große Macht, in der alle Gefühle und Gedanken Platz haben, und ich glaube an den Tod ihrer Widersacher. Ich glaube, daß die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien. Ich glaube, daß, wo sie aufkommt, ein Wirbel entsteht wie vor dem ersten Schöpfungstag. Ich glaube, daß die Liebe unschuldig ist und zum Untergang führt; daß es nur weitergeht mit Schuld und mit dem Kommen vor alle Instanzen. Ich glaube, daß die Liebenden gerechterweise in die Luft fliegen und immer geflogen sind.
Die "große Konvention" ist für ihn dies von Jan Angesprochene. Wenn Paare sich an diese halten, würde sich niemand für sie interessieren, sie würden nicht in die Luft gesprengt.
Aber wer wird sich mit Menschen beschäftigen, die nach einem anfänglichen Seitensprung in die Freiheit ohnehin Instinkt bewiesen haben. Die das bißchen anfängliche Glut zähmten, in die Hand nahmen und ein Heilmittelunternehmen gegen die Einsamkeit draus machten, eine Kameradschaft und wirtschaftliche Interessengemeinschaft. Ein annehmbarer Status innerhalb der Gesellschaft ist geschaffen. Alles im Gleichgewicht und in der Ordnung.
An anderer Stelle gibt er seinen Opfern die Schuld:
Sagt man nicht, es seien nicht immer die Mörder, sondern manchmal die Ermordeten schuldig?
Auch rechtfertigt er sich sogar damit, den Liebenden durch seine Morde ihre Liebe zu ermöglichen, ihr Ewigkeit zuzuschreiben (Vergleiche mit Tristan und Isolde oder Romeo und Julia werden im Stück gezogen):
Denn die hier lieben, müssen umkommen, weil sie sonst nie gewesen sind. Sie müssen zu Tode gehetzt werden – oder sie leben nicht.
Mit dem Richter klagt der Gute Gott die Moral der Gesellschaft an, stellt sie an Mordlust über sie. Dabei wird ein klassischer Strohmann benutzt:
Ich nehme an, Sie sind, wie die meisten heutzutage, für Massenvernichtung und nicht für Einzelvernichtung.
Der Gute Gott wird für seinen Mord nicht verurteilt.

Zur Sprache. Die Dialoge von Jan und Jennifer sind durchgehend spröde. Beispiel:
JAN
Ich sollte dich schlagen vor allen Leuten, schlagen werde ich dich …

JENNIFER
Ja, ja.

JAN
Wirst du noch einmal fortgehen, wenn ich dich fortschicke!?

JENNIFER
Nein.

JAN
Weißt du wieder, wo du hingehörst, obwohl du den Verstand verloren hast?

JENNIFER
Ich weiß nur keinen Platz mehr für uns. Aber wenn du ihn wüßtest, wüßte ich ihn auch.

JAN
Ich weiß ihn. Sag, ob es nicht ein Wink war.

JENNIFER
Ja. Ja.

JAN
Als ich die Rechnung verlangte, hörte ich, daß ein Zimmer oben frei geworden ist, auf der Straßenseite, im dreißigsten Stock. Da mußte ich doch innehalten. Und ich meinte, dir nachgehen und es dir sagen zu müssen. Sag!

JENNIFER
Oh ja. Ja.

JAN
Weil du es dir doch gewünscht hast und weil ich dir noch keinen Wunsch erfüllt habe und nichts geschenkt.
Oder:
JENNIFER (langsam)
Küß mich. Auch auf der Straße. Auch vor dem Fenster mit den Orangen und brauner Ananas. Auch vor dem Kreuz des Rettungswagens und dem Dromedar, das der Zirkusmann hier vorüberführt. Auch vor den Kernen, die geflogen kommen von Pfirsich und grüner Dattel, und die die Mulatten wegwerfen.

JAN
Und du fürchtest nicht, dein Gesicht zu verlieren auf der Straße?

JENNIFER
Nein. Und ich weiß schon, warum.

JAN
Sag!

JENNIFER
Weil jeder sehen kann, daß ich bald ganz verloren sein werde, und fühlen kann, daß ich ohne Stolz bin und vergehe nach Erniedrigung; daß ich mich jetzt hinrichten ließe von dir oder wegwerfen wie ein Zeug nach jedem Spiel, das du ersinnst.
Das sprachliche Konzept legt Bachmann Jan in den Mund, das Konzept einer neuen Sprache, die nötig ist, wenn ein Leben abgeschieden von der Gesellschaft geführt wird:
Ich weiß nichts weiter, nur daß ich hier leben und sterben will mit dir und zu dir reden in einer neuen Sprache; daß ich keinen Beruf mehr haben und keinem Geschäft nachgehen kann, nie mehr nützlich sein und brechen werde mit allem, und daß ich geschieden sein will von allen andern.
Absurd und schwer zu entschlüsseln sind die sprechenden Eichhörnchen Frankie und Billy. Sie leiten in einem Park ein Theater, in dem die Geschichten legendärer Liebespaare, die den Tod finden, aufgeführt werden. Gleichzeitig sind sie die Handlanger des Guten Gottes, übermitteln Briefe an Jennifer und Jan und bringen Jennifer die Bombe in einem Geschenkpaket. Vermutlich hat Bachmann auf nordische Mythen zurückgegriffen, in denen das Eichhörnchen Ratatöskr Bote zwischen göttlicher und irdischer Welt ist, der Zwist und Streit bringt. Auch soll es im Deutschen das mir nicht bekannte Sprichwort "Der Teufel ist ein Eichhörnchen" geben.

Das Hörspiel lässt sich also durchaus in die Kategorie Groteske einordnen, doch die Aussage geht tiefer. In einer Zeit der industrialisierten Massengesellschaft und der massenhaften Tötung (real: Weltkriege, potenziell: Waffenarsenal des Kalten Kriegs) ist individuelle Liebe nicht möglich. Sie muss sich von der Welt abwenden (Suite im 57. Stock eines Hotels), um gelebt zu werden. Doch sie kann nicht gelebt werden, da sie gegen die Ordnung dieser Welt verstößt. Sie muss sterben und zu einer funktionalen "Beziehung" werden oder wörtlich sterben wie hier.

Das Originalhörspiel aus dem Jahr 1958 ist beim Bayerischen Rundfunk hörbar und steht auch zum Download zur Verfügung.