Klueger-weiter

Die 1931 in Wien geborene amerikanische Literaturwissenschafterin Ruth Klüger hat 1992 den ersten Teil ihrer Autobiographie vorgelegt.

Als kleines Kind war sie ab 1938 in Wien einem aggressiven Antisemitismus ausgesetzt, wurde zweimal ausquartiert, ihr Vater, ein Arzt, ist nach Italien und Frankreich geflohen und von dort nach Auschwitz verfrachtet und ermordert worden. Klüger wächst mit ihrer nun alleinerziehenden Mutter auf, sie werden nach Theresienstadt und schließlich Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie sich bei der Selektion als 15-Jährige ausgegeben hat und mit ihrer Mutter als Arbeiterin ins KZ Christianstadt überführt worden ist. Während der Wirren der heranrückenden Roten Armee und der Massenflucht Richtung Westen ist es ihnen gelungen, aus einem Todesmarsch auszubrechen und zu fliehen. Ein protestantischer Priester hat ihnen zu falschen Papieren verholfen und sie können als Ostflüchtlinge mit einem Zug nach Straubing fahren, wo sie bis zum Eintreffen der US-Armee unbehelligt als "Arierdeutsche" leben können. Gegenüber den US-Truppen haben sie ihre wahre Identität zurückerhalten. Die tätowierte Auschwitznummer ist auch ein Beleg.

Klüger kann als 15-Jährige ein Notabitur ablegen und beginnt in Regensburg Philosophie zu studieren, wo sie Martin Walser kennenlernt, mit dem sie bis zu seinem ihrer Ansicht nach antisemitischen Buch über Reich-Ranicki eine Freundschaft verbunden hat. Ihre Mutter arbeitet bei der UNRRA in Nürnberg, und da eine Migration nach Palästina nicht möglich ist (keine benötigte Qualifikation, strikte Einwanderungsregelungen der Briten), emigrieren sie schließlich in die USA, wo Klüger eine Doktorarbeit abschließen kann und Literaturwissenschafterin für deutsche Literatur wird.

Stilistisch ist interessant, dass Klüger nicht in die Rolle des Kindes schlüpft, sondern ihr eigenes Leben aus der Sicht der 60-Jährigen kommentiert, wobei es aufgrund der gemeinsam überlebten Extremgeschichte doch etwas überrascht, wie sie sich an ihrer noch lebenden 90-jährigen Mutter abarbeitet, als ob sie Kindheits- und Pubertätsdifferenzen nie überwunden hat. Ihre Mutter sei immer eine Lügnerin gewesen und habe nie wollen, dass ihre Tochter ein eigenständiges Leben führe. Im Kontrast dazu, was Klüger schon als Kind immer wieder hat durchsetzen können, sind so manche Passagen, in denen sie sich über ihre Mutter auslässt, eigentümlich. Kern ist vermutlich, dass Klüger sich erinnert, aus Wien noch mit einem Kindertransport nach Palästina fliehen zu können, was ihre Mutter abgelehnt hätte. Dies müsste etwa 1939 gewesen sein, als die Alija-Jugend noch solche Transporte organisieren konnte. Klüger war 7 Jahre alt.
Einmal bin ich mit ihr zur jüdischen Gemeinde gegangen, wo ein junger Mann uns gefragt hat, ob sie mich nicht mit einem Kindertransport nach Palästina schicken wolle. Es sei gerade noch Zeit, die letzte Chance. Sehr zu raten. Mir klopfte das Herz, denn ich wäre liebend gern weggefahren, auch wenn es ein Verrat an ihr gewesen wäre. Aber sie hat mich nicht gefragt und nicht einmal angeschaut, sondern sagte, »Nein. Man trennt kein Kind von der Mutter.« Auf dem Heimweg kämpfte ich mit meiner Enttäuschung, die ich ihr ja nicht ausdrücken konnte, ohne sie zu verletzen. Ich glaube, das hab ich ihr nie verziehen. Der andere Mensch, der ich geworden wär, wenn ich nur ein Wort hätte mitreden können, wenn sie mich nicht einfach als ihr Eigentum behandelt hätte.
Ihre Mutter hat gehofft, noch die Summe der sog. Reichsfluchtsteuer ersparen zu können, was jedoch nicht gelingt.

Tiefe Einblicke erhält man in die Anfangszeit der NS-Herrschaft in Wien. Selbst als das Tragen eines Judensterns obligatorisch wird, geht die 10-Jährige ohne Stern in die Wiener Innestadt, um in für Juden verbotene Kinos zu gehen. Zunächst sind es noch Disney-Filme (Schneewittchen), doch schließlich interessiert sie sich für Propagandafilme, und so hat sie auch Jud Süß gesehen. Im Rückblick schreibt Klüger:
Wien ist Weltstadt, von Wien hat jeder sein Bild. Mir ist die Stadt weder fremd noch vertraut, was wiederum umgekehrt bedeutet, daß sie mir beides ist, also heimatlich unheimlich. Freudlos war sie halt und kinderfeindlich. Bis ins Mark hinein judenkinderfeindlich.
Kritisch setzt sich Klüger mit den zu musealen Gedenkstätten umfunktionierten Konzentrationslagern auseinander, da sie nicht in der Lage sind, die Grauen zu spiegeln, sie seien in einer anderen "Zeitschaft", wie sie es formuliert. Ein "Ort in der Zeit, die nicht mehr ist."
das Wort Zeitschaft sollte es geben, um zu vermitteln, was ein Ort in der Zeit ist, zu einer gewissen Zeit, weder vorher noch nachher.
Klüger schreibt von "Museumskultur" und führt aus:
Es liegt dieser Museumskultur ein tiefer Aberglaube zugrunde, nämlich daß die Gespenster gerade dort zu fassen seien, wo sie als Lebende aufhörten zu sein. Oder vielmehr kein tiefer, sondern eher ein seichter Aberglaube, wie ihn auch die Grusel- und Gespensterhäuser in aller Welt vermitteln. Ein Besucher, der hier steht und ergriffen ist, und wäre er auch nur ergriffen von einem solchen Gruseln, wird sich dennoch als ein besserer Mensch vorkommen. Wer fragt nach der Qualität der Empfindungen, wo man stolz ist, überhaupt zu empfinden? Ich meine, verleiten diese renovierten Überbleibsel alter Schrecken nicht zur Sentimentalität, das heißt, führen sie nicht weg von dem Gegenstand, auf den sie die Aufmerksamkeit nur scheinbar gelenkt haben, und hin zur Selbstbespiegelung der Gefühle?
Und weiter:
Nicht die Toten ehren wir mit diesen unschönen, unscheinbaren Resten vergangener Verbrechen, wir sammeln und bewahren sie, weil wir sie irgendwie brauchen: Sollen sie etwa unser Unbehagen erst beschwören, dann beschwichtigen? Der ungelöste Knoten, den so ein verletztes Tabu wie Massenmord, Kindermord hinterläßt, verwandelt sich zum unerlösten Gespenst, dem wir eine Art Heimat gewähren, wo es spuken darf. Ängstliches Abgrenzen gegen mögliche Vergleiche, Bestehen auf der Einmaligkeit des Verbrechens. Nie wieder soll es geschehen.
Aus diesem Grund hat Klüger auch nie wieder Auschwitz besucht:
Nach Auschwitz bin ich nicht zurückgegangen und hab auch nicht die Absicht, es in diesem Leben noch zu tun. Mir ist Auschwitz kein Wallfahrtsort, keine Pilgerstätte. Ich könnte mir was einbilden darauf, dort überlebt zu haben, das heißt, daß es eben nicht meine Ortschaft geworden ist, daß ich durchgegangen bin und es mich nicht hat halten können. Aber es ist ein gefährlicher Unsinn, zu denken, man hätte viel zur eigenen Rettung beigetragen. An den Ort, den ich gesehen, gerochen und gefürchtet habe und den es jetzt nur noch als Museum gibt, gehör ich nicht hin, hab dort niemals hingehört. Ein Ort für Geländebewahrer.
Auch habe Auschwitz nichts mit ihrer Identität zu tun:
ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien. Wien läßt sich nicht abstreifen, man hört es an der Sprache, doch Auschwitz war mir so wesensfremd wie der Mond. Wien ist ein Teil meiner Hirnstruktur und spricht aus mir, während Auschwitz der abwegigste Ort war, den ich je betrat, und die Erinnerung daran bleibt ein Fremdkörper in der Seele, etwa wie eine nicht operierbare Bleikugel im Leib. Auschwitz war nur ein gräßlicher Zufall.
Immer wieder reflektiert Klüger ihr Überleben ("daß mir die Toten zu schaffen machten, weil ich am Leben war") und setzt es einem Zufall gleich.
Und in Wirklichkeit war es Zufall, daß man am Leben geblieben ist.
An einer Stelle vergleicht sie ihr Überleben mit einem Lottogewinn. Lotto, ein Spiel, bei dem statistisch alle verlieren müssen, es jedoch statistische Ausreißer gibt, die Lottogewinner.
Ich hab die Hoffnung nie aufgegeben und meine heute, daß es aus keinem besseren Antrieb als kindischer Verblendung und Todesangst so war. Daß sich die Hoffnung gerade bei mir bewährt hat, ist zwar ein für mich persönlich erfreulicher Ausgang gewesen, widerlegt aber ebensowenig die Unwahrscheinlichkeit eines solchen Ausgangs wie der Hinweis auf einen Lottogewinner die Tatsache widerlegt, daß die meisten Spieler verlieren müssen und daß es ebenso unwahrscheinlich ist, daß ein bestimmter Spieler gewinnt, wie es sicher ist, daß einer gewinnen muß. Man soll die Gesetze der Statistik nicht mit der Vorsehung verwechseln, denn diese Gesetze wählen und werten nicht. Statistisch gesehen, mußten wohl manche von uns den Nazis durch die Lappen gehen, besonders da sie im Begriff waren, den Krieg zu verlieren. Die Frage, wer die Glückspilze waren, führt jedoch leicht von der Statistik fort und in den Märchenwald der Erfolgsgeschichten.
Klüger berichtet auch über die Zwistigkeiten zwischen politischen Gefangenen und jüdischen Häftlingen:
Dort, im Frauenlager, herrschten die Politischen, zumindest in unserer Baracke. Sie taten sich was zugute darauf, daß die Nazis ihnen rote Dreiecke angeheftet hatten und keine gelben wie uns. Die rote Blockälteste schrie ihre Verachtung für uns in den Raum; das konnte sie gut, da war sie in die richtige Schule gegangen, unbeschadet aller humanistischer Ansprüche, die mir in Theresienstadt als das Herzstück des Sozialismus eingeleuchtet hatten. Links wo das Herz ist. Denen hier war nur am eigenen Überleben gelegen, vielleicht hatten sie noch was für ihre Kameraden übrig, aber die Juden waren auch für sie der letzte Dreck, wie wir es für die Nazis waren.

Meine Mutter verlor irgendwann den Kopf und schrie zurück. Dafür mußte sie dann zur Strafe auf dem schon erwähnten steinernen Kamin, dem Mittelstreifen der Baracke, knien, eine Stellung, die nach ganz kurzer Zeit qualvoll wird. Sie war in elender Verfassung, völlig außer sich, der Irrsinn flackerte ihr in den Augen, als sie, schon knieend, noch weiter auf die Beamtete einschrie.
Ein Buch, das deswegen beeindruckt, da es so gegen den Strich gebürstet ist.