Narrenschiffer
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Friedrich Ani - Die unterirdische Sonne
18.02.2026 um 22:31
Friedrich Ani greift 2014 ein sensibles Thema auf: Kindesentführung, Kellergefangenschaft, Missbrauch, Handel mit Kinderpornographie. Doch bleibt das Gefühl, dass Ani sich übernommen hat, das Thema nicht stimmig verarbeitet.
Fünf Kinder werden nacheinander entführt und auf einer fiktiven Insel in einen fensterlosen Keller gesteckt. Sie werden einzeln "nach oben" ins Haus geführt, wo etwas mit ihnen geschieht, worüber sie nicht sprechen dürfen. Wir lernen die Verzweiflung der Kinder kennen, aus ihren Aussagen und neutral geschilderten Handlungen. Die Täter, zwei Männer und eine Frau, bleiben lange Zeit nur Schemen. Die Charaktere der elf- bis fünfzehnjährigen Kinder werden langsam entwickelt. Von der hochreligiösen Ministrantin Sophia bis zum kleinen Eike, der seinen Vater mit einem Hammer erschlagen hat, weil dieser ihn immer in einen Keller gesteckt hat, ist ein breites Spektrum abgedeckt. Entführt werden die Kinder von Bushaltestellen, Bahnhöfen und sogar bei einem Jugendfußballspiel. Von "oben" kommen die Kinder immer verstört und verletzt zurück. Geschildert wird nicht, was ihnen angetan wird, aber es sind ausreichend Mikroinformationen im Buch, dass ein sehr ungangenehmes Kopfkino starten kann.
Der beste Teil des Buches ist vermutlich derjenige, in dem sie sich gegenseitig erfundene Märchen erzählen, die ihr eigenes Leben und ihre Angst spiegeln. Der neu hinzugekommene Noah erzählt sich als elektrischen Schmetterling, der auch immer in einen Keller gesperrt worden ist. Er hat eine dauernde Beinbehinderung, da er wohl von seinem Vater eine Treppe hinuntergestoßen wurde, und benötigt einen Gehstock, den er auch in diesem Keller hat. Er ist widerspenstig, und als er bei einem der Besuche eines der Täter sich zur Wehr setzt, nach oben gebracht zu werden, wird ihm das Genick gebrochen.
Nach diesem Mord vor den Augen der Kinder werden sie ausgehungert, der Keller wird tagelang nicht geheizt. Doch erreicht dies einen Punkt, an dem Verzweiflung und Todesangst und -gewissheit umschlagen. Als der etwa 40-jährige Täter etwas Essen in den Keller bringt, lockt Sophia ihn ins Bad und erwürgt ihn mit Hilfe der anderen, die nun spontan aktiv werden und ihn halten, mit einem Handtuch.
Die Kinder gehen nach oben, erstechen die Frau mit Noahs Gehstock, befreien Eike, der seit Wochen gefesselt in einem Zimmer liegt, und fliehen mit dem vor der Tür mit steckendem Schlüssel stehenden Geländewagen (die vierzehnjährige Sophia hat von einem Priester mehr oder weniger Rallye-Fahren gelernt). Als sie den dritten Täter zurückkehren sehen, drehen sie um und stecken das Haus in Brand, wo dieser verbrennt.
Als blinde Passagiere fahren sie mit der Autofähre von der Insel, melden sich nicht bei der Polizei oder ihren Eltern (bei manchen von ihnen verständlich) und schließen sich in der nächsten größeren Stadt einer Gruppe von jugendlichen Hausbesetzern an. Da sie aus dem Haus noch über 1000 Euro haben mitgehen lassen, hoffen sie, einige Zeit durchzukommen. Damit schließt der Roman.
Die Crux ist, dass man sich klar wünscht, dass die Kinder überleben, und als Mordopfer sucht Ani Noah aus, der erst kurz zuvor in der Mitte des Romans eingeführt wurde und mit dem als Leser man vermutlich noch das wenigste Mitgefühl hat. Doch irgendwie muss Ani aus dem Roman raus, und so ist der Mord an Noah der Katalysator, dass die verzweifelten, ausgehungerten, missbrauchten Kinder zu Superkids werden und sich in Action-Film-Manier selbst befreien. Die Täter lässt er allesamt sterben und diese sind somit im Off. Dass es zahlende Kunden für ihr gefilmtes Material gibt, wie im ersten Teil mehrfach geschildert, ist vergessen. Stattdessen wird ein neues Themenfass aufgemacht: Kinder aus desolaten Familien wollen nicht mehr nach Hause und ziehen in die Hausbesetzerszene.
Für Jugendliche oder gar Kinder ist der Roman nichts, alleine wegen der verstörenden Kopfkinotrigger (Entführung, Gefangenschaft, Gewalt, Missbrauch), für Erwachsene eigentlich auch nichts, da der Roman plötzlich ins Superkids-Action-Genre abweicht und die echten Probleme (Schwarzmarkt für reale Kindesmissbrauchmedien) nicht angegangen werden. Der Schluss ist dann vermutlich ein Cop-Out. Ich vermute, Ani wusste einfach nicht mehr, wie er ein versöhnliches Ende für Kinder mit zum Teil gewalttätigen Eltern gestalten soll. Dass aber Leon seine stumme Mutter, die als ehemalige Sängerin den Job einer Reinigungskraft ausüben muss, liebt, wird einfach übersehen.
An zwei Stellen versucht Ani eine Theodizee, also die Frage, warum Gott so Entsetzliches zulässt. Einmal aus der Sicht Marlens, deren beste Freundin von einem Auto angefahren worden ist und im Koma liegt (das Café Stroh ist ein Schülertreff):
An Gott hatte sie eigentlich immer nur wegen der anderen Kinder geglaubt, besonders wegen Annabel. Spätestens, nachdem die beste Freundin ihrer Mutter mit neununddreißig Jahren an Krebs gestorben und Annabel am helllichten Tag von einem außer Kontrolle geratenen Auto überrollt worden war, war Gott für Maren ein unberechenbarer Irrer, der im Café Stroh je nach Laune mal ein Mädchen vergötterte und mal verfluchte. Und niemand kapierte, wieso.Und Conrad:
Als der Religionslehrer ihn einmal gefragt hatte, wie er sich Gott vorstelle, hatte Conrad erwidert: wie eine Vogelscheuche. Daraufhin wollte der Lehrer wissen, wie er auf diesen Blödsinn käme, und der achtjährige Conrad erklärte, dass Gott Mensch und Tier erschreckte und nichts weiter sei als ein Geist in der Landschaft. ... Das Paradies, dachte er, war die Wiese, auf der die Vogelscheuche stand. Und in der Wiese wuchsen vergiftete Gräser, Blumen und Kräuter, und jeder, der davon kostete, fing an zu sterben und hörte nie wieder damit auf. ... Die Vogelscheuche drehte sich im Wind. Wenn man genau hinhörte, konnte man ihr Lachen hören. Sie lachte Tränen über die Dummheit der KinderDie Motive der Täter (ein pensioniertes Gastwirtehepaar und ein Auto-Mechatroniker) sind letztlich auch sehr eindimensional (aber vielleicht ticken so Leute so). Hier aus dem Mund der weiblichen Täterin:
Ihr seid widerspenstig, arrogant, kaltschnäuzig. Ihr klammert euch an etwas, das euch nicht gehört. Die Zeit. Die Kindheit. Die Jugend. Wenn es nach euch ginge, würdet ihr euch darin suhlen wie Schweine im Koben. Manche von euch versuchen das auch, dann verzweifeln die Eltern und wissen sich nicht zu wehren und ergeben sich eurer Mutwilligkeit. So etwas darf nicht passieren.
Hier, in diesem Haus, passiert so etwas auch nicht. Hier nehmt ihr niemandem die Zeit weg oder könnt so tun, als wärt ihr der Mittelpunkt des Universums. Ihr seid nichts. Weil ihr das immer noch nicht verstehen wollt, müssen wir euch so behandeln, wie wir euch behandeln. Ihr armen Kinder. Eure Tränen können mich leider nicht trösten. Sie sind zu winzig, eure Tränen, kaum zu sehen, ich sehe sie nicht, ich sehe nur eure armseligen Körper und frage mich, wie ihr mit solchen Körpern den Anspruch erheben könnt, auf der Erde zu sein. Aber den Anspruch treibe ich euch noch aus, vollständig, und dann werdet ihr mir auf Knien dafür danken.
Erst wenn ihr keinen Widerstand mehr leistet gegen uns, die einzig wahren Lehrmeister, denen ihr jemals begegnet seid, erst dann werden wir euch erlauben, noch einmal das Tageslicht zu sehen, damit ihr euch in Würde verabschieden könnt.
Ihr widert mich an.
Wann immer ich euch zu Gesicht bekomme, will ich nur eines: euch aus der Welt schaffen.