Feuerwanzen

Die Schriftstellerin und Lehrerin Stefanie Höfler thematisiert in diesem Jugendroman aus 2017 Mobbing und körperliches Aussehen, greift dabei jedoch sehr tief in den Klischeetopf und den Schwarz-Weiß-Malkasten.

Thema ist Mobbing von Dicken, und als Gegenpart muss eine ägyptische Schönheit herhalten. Extrem skurril: Während einer Klassenfahrt machen sich die beiden aus dem Staub und übernachten in einem Wald, und die Lehrerin interessiert das nicht. Sie werden nicht gesucht und als sie nicht kontaktierbar sind (Handy ausgestellt), wird nichts unternommen, sie zu finden. Die ihre Aufsichtspflicht grob fahrlässig unterlassende Lehrerin ermahnt die beiden 14-Jährigen, die per Autostopp von der Klassenfahrt zurückkehren, mit einem leicht erhobenen Zeigefinger. In Realität wäre diese Frau wohl ihren Job los. Eine Autorin, die als Lehrerin arbeitet, sollte dies eigentlich wissen. Aber vielleicht sind Dicke und Migrantenkinder eh nicht wichtig ... außer als Hauptfiguren in Antimobbingromanen.

Zum Detail. Hauptfiguren sind Niko (dick) und Sera (schön). Beide sind 14 Jahre alt, Niko wird wegen seines Dickseins in der Klasse gemobbt ("Tiefseequalle" ist eines seiner Spitznamen), Sera ist bildschöne Ägypterin (wird mit Nofretete verglichen). Bei einer Klassenfahrt greift der strunzdumme Schönling Marko Sera aus und sie wehrt sich, wonach auch sie zum von Marko orchestrierten Mobbingopfer wird und Seras beste Freundin schmeißt sich an ihn ran. Bei der Party stehen nun die schöne Sera und der dicke Niko alleine rum und beginnen gemeinsam zu tanzen. Großes Mobbingfestival, die beiden zischen ab, nehmen eine Decke mit und übernachten in einem Wald. Und da sie nicht zurück zur Klasse wollen, stoppen sie am nächsten Tag nach Hause zurück. Nicht ohne vorher auch mal über die Stränge zu schlagen: An einer Tankstelle stehlen sie Eiskrem.

Zurück an der Schule treffen sie sich manchmal, einmal hilft Sera Niko auf einen Baum zu klettern und verspricht, auch ihr Unangenehmes zu erfüllen: in einem Moorteich zu schwimmen.

Was fehlt? Ach ja, der Showdown zwischen Marko und Niko. Am Schulschlussfest organisiert die Mobbingbande der Mitschüler:innen einen Sumo-Ring, wo ausstaffiert mit Polstern gekämpft wird. Marko (mit Polstern) kämpft gegen Niko (ohne Polster) und verliert. Wie es Niko erzählt, scheint Marko Glück zu haben, lebend aus dem Ring zu steigen:
Marko schreit auf vor Schmerz, und sein ganzer Körper wehrt sich, während ich quetsche, trete und klemme, stoße, schlage und würge, alles gleichzeitig
Ach ja. Den Kampf interessiert keine Lehrkraft an der Schule. 14-Jährige können beim Schulfest einen Kampfring aufbauen und sich gegenseitig beinahe erwürgen, ohne dass es nur irgendwen interessiert. Was zum Teufel ist das für eine Schule?

Ende: Sera hüpft nach Niko in einen Moorteich. Geschildert ist es mit offenem Ende, beinahe klingt es nach Doppelselbstmord, wird es aber kaum sein. Aber wer weiß: Das Ende muss man sich ja zusammenbasteln.

Fehlen noch die inneren Werte. Beide sind blitzgescheit und Schnelldenker:innen mit Witz. Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive von Niko und Sera erzählt.

Und was haben wir noch? Ach ja, ein Freund von Niko hat ADHS, ein anderer erwachsener, sehr liebenswürdiger Freund von Niko (Osman, ein Automechaniker) ist noch viel dicker als Niko. Wie er beschrieben wird, dürfte er 200 Kilo auf die Waage bringen. Oder so.

Das kann noch nicht alles sein. Oh! Es fehlt noch was. Eine Prise desolate Familienverhältnisse. Nikos Eltern haben sich getrennt (warum? egal) und Niko wird zu einer skurrilen Großmutter mit uringelben Sonnenbrillen und Schweinsbratenfanatismus abgeschoben. Als Kind war er dürr, und ab dem Streit seiner Eltern hat er zugenommen. Das Wort "Panzer" darf natürlich nicht fehlen. Fehlt auch nicht.

Und ... einmal küsst sie ihn auf den Mund. Darf ja auch nicht fehlen.

Nun haben wir aber so ziemlich alle Ingredienzien für ... begeisterte Kritiken und den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis. Die ihre Aufsichtspflicht wohl gröbst fahrlässig unterlassende Lehrerin ist schon wieder vergessen. Insgesamt ist dieser Roman irgendwie ein Schmalzbrot, auf das fünf Zentimeter Schmalz aufgetragen worden ist.