Narrenschiffer
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Ortwin Ramadan - Der Schrei des Löwen
gestern um 18:29
Großteils realistisch, zum Teil kaum glaubwürdig schreibt der Drehbuchautor Ortwin Ramadan 2011 einen Jugendroman über die Flucht zweier nigerianischer Straßenkinder nach Europa. Ziel: Ein Onkel in Hamburg.
Der Push-Faktor ist kaum zu glauben. Yoba ist 16 Jahre alt, sein Bruder Chioke ein 12-jähriger Autist. Ethnisch gehören sie dem südostnigerianischen Ibo-Stamm an und religiös sind sie christlich. Yoba verdient ihr Überleben als Autowäscher auf dem Parkplatz eines ausländischen Unernehmens. Sein Ziel ist: Mitglied der Mafia-Gang eines ehemaligen Milizenführers, Big E, zu werden. Als Aufnahmeritual erhält er den Auftrag, einen Mann, der Geld von Big E gestohlen hat und sich in einem Quartier einer verfeindeten Mafia-Gruppe aufhält, zu erschießen und das Geld zurückzubringen. Yoba muss ihn nicht erschießen, dieser gibt ihm das Geld freiwillig. Bei der Rückgabe des Geldes wird sein Bruder vom Hund von Big E bedroht, Yoba erschießt den Hund mit der noch bei ihm befindlichen Pistole, bedroht Big E und kann mit einer Unmenge an Geld fliehen. Dabei stellt sich die Frage: Was für Luschen hat dieser Mafiaboss als Leibwächter?
Aber Yoba hat einen triftigen Grund abzuhauen und das Geld, um die Schleuser für einen Transit nach Libyen zu bezahlen. Immer wieder werden sie auf dem Weg über Agadez nach Dirkou von Soldaten und Milizen angehalten, welche die "Reisenden" ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Von Dirkou geht es mit einem Lastwagen durch die Sahara nach Libyen. Bequem geht anders.

Übliches Transportmittel für Trans-Sahara-Fahrten zwischen Niger und Libyen. Kunden: Wanderarbeiter, Schmuggler, Migranten. (Bild: Maximilien Bruggmann)
Bei einer Übernachtung vergräbt Yoba seine Geldbüchse bei einem Baum, doch als er seinen kleinen Bruder nicht mehr neben sich liegen sieht, sucht er ihn, verläuft sich und findet nicht mehr zum LKW zurück. Am Ende des zweiten Tages findet ihn eine Salzkarawane und rettet ihn vor dem Verdursten. Unter dem Schutz des Karawanenführers wird er zu einer Oase gebracht, durch die die LKW-Transporte fahren, und es gelingt Yoba, sich auf einen der LKWs zu schmuggeln und gelangt in die westlibysche Hafenstadt Zuwara, von wo Schleuserboote nach Italien aufbrechen. Dort findet er in einer Gruppe von Migranten auch seinen kleinen Bruder wieder.
In einem ziemlichen Chaos (Ankunft der Küstenwache, drohendes Unwetter) besteigen die beiden ein ägyptisches Schleuserschiff. Der Kapitän weigert sich ursprünglich wegen der Wettervorhersage zu fahren, doch aufgrund multiplen Drucks (Schleuserboss, Küstenwache) bricht er auf und das Boot zerbricht im Mittelmeer in einem Orkan. Chioke rettet sich auf eine Planke, Yoba kann sich wegen eines zerbrochenen Oberarms nicht halten und ertrinkt.
Eingeflochten ist die Geschichte von Julian, der mit seinen Eltern gelangweilt Urlaub auf Sizilien in einem Hotelressort macht, und bei einem Tauchkurs taucht er eigene Wege und sieht einen Ertrunkenen. Am Strand findet er ein in Folie eingewickeltes Tagebuch. Es ist das Tagebuch Yobas, das er auf der Reise regelmäßig geführt hat. So geht Julian mit Adria, der deutsch-italienischen Tochter des Hoteldirektors, auf Suche nach dem Tagebuchschreiber und dessen Bruder. Auf Lampedusa gelingt es ihnen durch die Beziehungen Adrias, in das Flüchtlingslager zu gelangen. Sie machen Chioke in einem Lazarett ausfindig und legen ihm das Tagebuch aufs Bett.
Die Stärken des Buchs sind definitiv die geschilderten Strapazen und Risiken einer solchen Reise. Schwächen sind die Ausgangsschilderung (oben beschrieben) und die etwas kitschige Beziehung zwischen Julian und Adria.