Cambridge-Russia-3

Der dritte Band der Cambridge History of Russia umfasst das 20. Jahrhundert vom Ende der Zarenherrschaft bis zum Präsidentschaftswechsel von Jelzin zu Putin. Mir liegt die Ausgabe von 2006 vor. Der erste Teil bietet eine chronologische Geschiche, der zweite Teil thematische Kapitel. Das Einleitungskapitel präsentiert den vor allem anglo-amerikanischen Forschungsstand zu diesem Geschichtszeitraum.

Russland von 1905 bis 1914

Einstieg ist der Modernisierungsversuch Russlands mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn (1903), der Einrichtung eines Parlaments (1905), den Reformversuchen Premierministers Stolypin (1906-1911; in seiner Agrarreform wollte er vor allem Kleinbauern Land zukommen lassen, 1916 wurden die Reformen rückgängig gemacht). Ein Seiteneffekt war, dass Kommunen oder Kommunenbauern Land von Großgrundbesitzern aufkauften.

Russland war wenig industrialisiert, die meisten Industrien konzentrierten sich im Raum St. Petersburg und Moskau, und diese Städte erlebten seit den 1890er Jahren einen massiven Zuzug ländlicher Bevölkerung, die dort ihr Glück suchte. In den 1890er Jahren wurden im europäischen Teil 6,2 Millionen Binnenpässe ausgestellt, Moskau hatte einen durchschnittlichen jährlichen Zuzug von 125.000 Menschen, St. Petersburg wuchs in diesem Zeitraum um zwei Drittel. Doch nur wenige fanden Arbeitsstellen in Fabriken, die meisten Zugezogenen arbeiteten in Kleinbetrieben, als Hausangestellte, am Bau, im Transportwesen oder als Prostituierte.

Der Russisch-Japanische Krieg wird nur am Rande gestreift.

Erster Weltkrieg

Für den Ersten Weltkrieg wird festgestellt, dass hauptsächlich Bauern in die Armee eingezogen wurden, was mit das Versorgungsproblem erkläre. Knackpunkt für den Niedergang des Zarismus sei das Scheitern der Brusilow-Offensive 1916 gewesen. Das Militär übernimmt mehr oder weniger die Macht, Deutschland bot den polnischen Gebieten Unabhängigkeit an, in Zentral-Asien kam es andauernden Aufständen.

Zar Nikolaus II. trat im März 1917 vermutlich nach einem Treffen mit dem Generalstab zurück. Anlass war wohl der Befehl vom 26. Februar an das Militär, auf Demonstranten in Petrograd zu schießen, worauf eine ganze Armeegruppe meuterte. Eigentlich sollte Nikolaus' Bruder Michael als Zar eingesetzt werden, doch dieser weigerte sich, da er kein Vertrauen der Bevölkerung mehr in ein zaristisches Regime erkennen konnte.

Zwei linke Organisationen dominierten nun die gebildeten Räte: die Menschewiki (Sozialdemokraten) und Sozialrevolutionäre (traten für eine radikale Bauernbefreiung ein). Die Bolschewiki (Kommunisten) bildeten nur eine Randgruppe. Die Sitzverteilung im Allrussischen Sowjet im Juni: 285 Sozialrevolutionäre, 248 Menschewiki, 105 Bolschewiki.

Die nun eingesetzte Provisorische Regierung unter zunächst Lwow und später Kerenski wurde hauptsächlich aus einer bürgerlichen Zivilgesellschaft (NGOs) gebildet, die zuvor bereits Staatsfunktionen zur Aufrechterhaltung von Wirtschaft und Sozialem bzw. Gesundheitswesen (Kriegsverletzte) übernommen hatte. Geplagt war Russland auch von marodierenden Soldaten, zum Schutz hätten Arbeiter in den Städten bewaffnete Rote Garden gebildet.

Die gescheiterte Juni-Offensive (Kerensky-Offensive) habe das Reichsheer in ihrer Struktur zerstört und die russische Armee sei in unterschiedliche militärische Einheiten zerfallen. Der mit Hilfe Deutschlands von der Schweiz nach Petrograd angekommene Führer der Bolschewiki, Lenin, erkannte, dass eine radikale Agitation das Kräfteverhältnis ändern kann. Er trat für einen sofortigen Frieden ein und übernahm von den Sozialrevolutionären das Konzept der Landverteilung.

Oktoberrevolution 1917

Am 10. Oktober äußerte Lenin den Plan, die Provisorische Regierung zu stürzen. Innerhalb der Partei waren Sinowjew und Kamenew strikt gegen einen Putsch und drohten diesen Geheimplan öffentlich zu machen. Lenin setzte sich durch, und der Vorsitzende des Petrograder Sowjet, Trotzki, erstellte das Konzept des Sturzes mit Hilfe von Soldaten und Marine. Am 24. Oktober wurden die strategischen Punkte Petrograds besetzt, Premierminister Kerenski floh, am 25. Oktober wurde der Winterpalast eingenommen.

Die am Tag danach gebildete Regierung bestand ausschließlich aus Bolschewiki. Verhandlungen mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären wurden absichtlich zum Scheitern gebracht. Der Weg zur Einparteien-Regierung war eingeschlagen.

Nach der Machtübernahme habe Lenin Frieden mit Deutschland durch die Aufgabe großer westlicher Gebiete erkauft, um im Bürgerkrieg mit der zersplitterten Reichsarmee (den Weißen Garden) freie Hand zu haben. Mit dem Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 wurden die baltischen Provinzen unabhängig, große Teile des westlichen Weißrussland und der westlichen Ukraine wurden Polen zugeschlagen. Mit ein Grund für diese harschen Bedingungen sei die Hinhaltetaktik Trotzkis während der Verhandlungen gewesen, sodass Deutschland Mitte Februar 700.000 Soldaten gegen Russland ziehen ließ, die mehr oder weniger auf keinen Widerstand stießen.

Die Landreform der Bolschewiki gab denjenigen das Land, die es bearbeiteten. Dies hieß aber auch, dass Land, das kommunal bearbeitet wurde, nun aufgeteilt wurde. Das Resultat: Russland wurde ein Fleckerlteppich von Kleinstbauern mit durchschnittlich 4,4 Hektar Land, einem Pferd und maximal zwei Kühen.

Bezüglich Leitung bevorzugt Lenin nicht das kollektive, sondern das Ein-Mann-Management. In der Partei wurde dies bis inklusive Gorbatschow durchgezogen, bei der Wirtschaftsleitung bis Gorbatschow, der dieses System auch nicht hat aufbrechen können, und die Wirtschaftsdirektoren waren die Insider, die bei den "Reformen" Jelzins als Gewinner aussteigen konnten.

Bürgerkrieg (1918-1920)

Prägend für die darauffolgenden Jahre war der Bürgerkrieg zur Machtergreifung in ganz Russland. Kennzeichnend war, dass sowohl die Rote Armee als auch die Weißen Armeen nicht auf agitatorische Überzeugung zur Unterstützung zurückgriffen, sondern zur Methode der Terrorisierung der Bevölkerung, um benötigte Mittel zu requirieren. Gleichzeitig begannen die Bolschewiki nach der Ermordung des deutschen Botschafters im Juli 1918 die Repräsentanten der Sozialrevolutionäre, welche die Räte in den Dörfern dominierten, auszuschalten (Begründung: diese seien eine Gefahr für die Revolution). Am 16. Juli 1918 wurde mit Gutheißen Lenins die Zarenfamilie ermordet. Nach einem Attentatsversuch auf Lenin am 30. August wurde sämtliche Opposition ausgeschaltet. Mittel zur Durchsetzung wurde die Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage (Tscheka, gegründet im Dezember 1917) unter Felix Dscherschinski, die mit mehr oder weniger unbegrenzten Machtmitteln inklusive Terror, Folter und Blutgerichtsbarkeit ausgestattet war.

Die Weißen Armeen wiederum ermordeten alle Kommunisten und deren (vermeintlichen) Sympathisanten in ihrem Herrschaftsgebiet, verübten Massenmorde an Juden in der Ukraine. Sie kontrollierten bis zu ihrer Niederlage 1920 Sibirien und große Teile Südrusslands, die Bolschwiki verlegten zur besseren Koordination des Bürgerkriegs im März 1918 die russische Hauptstadt nach Moskau. Mit der Niederlage der Armee Wrangels im November 1920 waren die Weißen Armeen geschlagen und die Bolschewiki hatten die Macht über ganz Russland. Die Opferzahlen im Bürgerkrieg werden auf 7 bis 8 Millionen geschätzt.

Der bewaffnete Konflik an der Westgrenze Russlands mit Polen wurde im März 1921 mit dem Frieden von Riga beigelegt. Westliche Gebiete Weißrusslands und der Ukraine wurden Polen zugeschlagen.

Wirtschaftlich ist eine Deindustrialisierung festzustellen. In Petrograd sank die Zahl der Fabriksarbeiter von 400.000 im Jahr 1917 auf 120.000 im Jahr 1920. Diese Stadtflucht war auch durch die miserable Versorgungslage in den Städten bedingt. Junge Menschen gingen zurück in ihre Heimatorte, wo sie hofften, von eigenem Anbau bei ihren Familien überleben zu können. Zwischen 1918 und 1920 verließen fast 700.000 Menschen Moskau, darunter 100.000 Arbeiter. Die Zahl der Bergarbeiter im Ural sank von 340.000 auf 155.000.

Kriegskommunismus (1918-1922)

Bürgerkrieg und Kriegskommunismus (Abschaffung der Marktökonomie und Mittelbeschaffung durch Requirierungen) schufen eine prekäre Versorgungslage und Hungersnot, was auch zu heftigen Protesten führten. Die Marinesoldaten von Kronstadt, die 1917 den Bolschewiki an die Macht verhalfen, verlangten Anfang 1921 eine sozialistische Regierung ohne Bolschewiki. Deren Protest wurde im März blutigst niedergeschlagen. Bis 1923 forderte die Hungersnot trotz westlicher Hilfsleistung etwa fünf Millionen Menschenleben.

Zur Durchsetzung ihrer Requirierungen griffen die Bolschewiki auf ihre Klassenterminologie zurück. Die Bauern wurden nun als ungebildete, kein Klassenbewusstsein besitzende Klasse gebrandmarkt, welche die Errungenschaften der Revolution gefährden könne, und daher sei es gerechtfertigt, Zwangsmittel im objektiven Interesse der Revolution einzusetzen. Die forcierte Requirierung begann bereits 1919, und forciert ist wörtlich gemeint. So wurden in einem Dorf namens Malinkowka über 200 Häuser niedergebrannt, da es nicht die gewünschte Menge an Lebensmitteln ablieferte. Der verantwortliche dafür hieß Tscheremukin. Die Reaktion war, dass sich Bauern zu bewaffneten Widerstandsgruppen zusammenschlossen, sogeannten "Grünen", die eine Wiedereinsetzung der Verfassungsgebenden Versammlung forderten, welche im Jänner 1918 von den Bolschewiki unter Androhung von Militärgewalt aufgelöst wurde. Auch sie waren in ihren Methoden nicht zimperlich: Kommunisten wurden ermordet, Kollektivfarmen niedergebrannt, Saatgut, Vieh und Agrarprodukte wurden auch von ihnen requiriert, was wiederum die Versorgungslage in Städten verschlechterte.

Die Arbeiter in den Städten waren neben Hunger auch einer Arbeitspflicht und strenger Disziplin ausgesetzt, Stückakkord wie in kapitalistischen Betrieben wurde eingeführt, ein Arbeitsbuch zur Überwachung wurde Pflicht, eine unbezahlte Arbeitsschicht pro Woche wurde Pflicht. Für die Durchsetzung traten auch die Gewerkschaften, nun Erfüllungsgehilfen der Bolschwewiki, ein. Dies entfremdete diese Kerngruppe der Bolschewiki von ebendiesen. Die Partei war ja der Ansicht, dass aufgrund objektiver Gegebenheiten Arbeiter gar nichts anderes sein könnten als Kommunisten. Nur war dies eben nicht so. Um überleben zu können, reichte nicht die geregelte Arbeit, man musste sich auf dem Schwarzmarkt versorgen.

Obwohl Lenin noch 1917 das Selbstbestimmungsrecht der Völker Russlands akzeptierte, begannen die Bolschewiki nach Beendigung des Bürgerkriegs mit der gewaltsamen Rückintegrierung der ethnisch nichtrussischen Provinzen. Die Ostukraine wurde im Frieden von Riga gesichert, 1920 marschierte die Rote Armee in Aserbaidschan, Armenien und Usbekistan ein, 1921 in Georgien. Als eine Art imperialistische Quadratur des Kreises wurde im Dezember 1922 die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gegründet, als ob die mit Gewalt reannektierten Gebiete in einer Föderation unabhängiger Republiken wären. Die Dachstruktur wurde eine gemeinsame sowjetische Verfassung. Zur Stärkung der Zentralgewalt wurde auch auf staatlicher Ebene das in der Partei gültige Prinzip des sogenannten Demokratischen Zentralismus durchgesetzt. Die sowjetischen Exekutivkomitees wurden dem zentralen Volkskommissariat (Ministerium) unterstellt. Sie waren weisungsgebunden. De Facto: Die Bolschwiken in Moskau setzten ein Machtmonopol durch. Um dieses zentralistische Konstrukt zu ummänteln, wurden Kultur und Sprache der Nationalitäten gefördert und Verwaltungspositionen von lokalen Personen besetzt.

Anzumerken ist, dass Stalin im Gegensatz zu Lenin eine Integration der ehemaligen nicht-russischen Provinzen in einem (russischen) Einheitsstaat bevorzugte. Lenin wollte aber das Mäntelchen "Internationalismus" und "Selbstbestimmungsrecht der Völker" nicht ausziehen.

Neue Ökonomische Politik (1922-1928)

Russland war nun wieder eine Militärmacht. Nach Bürgerkrieg und Hungersnot lag jedoch die Produktivität Russlands bei 30 Prozent vom Niveau von 1914. 1921 setzte Lenin die Neue Ökonomische Politik durch, die am 10. Parteitag beschlossen wurde. Geld wurde wieder eingeführt. Requirierungen am Land wurden durch eine Steuer ersetzt, und die Bauern durften die überschüssigen Produkte auf einem freien Markt verkaufen. Zur Besteuerung wurden die Bauern nach ihrem Besitz eingeteilt. Eine Maßnahme, die nach der NÖP von Stalin während der Kollektivierung ihre brutale Umsetzung nach sich zog. Die Einteilung:


  1. Arme Bauern: besitzen kein oder nur wenig Land, müssen sich als Arbeiter dingen.
  2. Mittlere Bauern: besitzen Land und Vieh, das gerade zum Überleben der eigenen Familie reicht
  3. Großbauern (Kulaken): besitzen mehr als Mittelbauern. Höhere Steuern, kein Wahlrecht. Ca. 3-5 Prozent der Bauern


Ergo: Kulaken sind diejenigen, die mehr als das Existenzminimum besitzen.

Auch wurde das staatliche Verteilungssystem durch ein System privater Händler ersetzt, wodurch die Versorgung der Städte sich rasant verbesserte und auch eine Art neues Bürgertum entstand. Es blühte nicht nur die Kultur auf, in Leningrad oder Moskau entstanden auch Nachtclubs und Casinos, sondern es gab auch die Schattenseite der Verlierer wie zum Beispiel eine große Anzahl von Straßenkindern. Auch das freie Scheidungsrecht war janusköpfig. So konnten sich Frauen zwar leicht von gewalttätigen Männern scheiden lassen, aber auch Männer konnten einfach abhauen und Frauen unversorgt lassen.

Der ideologische Hintergrund der NÖP: Die Bolschewiki hofften, die Getreideproduktion so weit steigern zu können, dass Getreide gegen Devisen exportiert werden könne, mit Hilfe derer wiederum eine Industrialisierung finanziert werden könne.

Sozial muss angemerkt werden, dass Bauern auch im bolschewistischen Russland als selbständig galten und daher keinen Anspruch auf eine Alterspension hatten.

Obwohl 1920 mehr oder weniger alle Lehrenden an Universitäten entlassen wurden, florierten während der Zeit der NÖP Wissenschaft und Forschung. Die Bezahlung war angemessen, internationale Kontakte wurden aufrechterhalten.

Unter dem Volkskommissar für Bildung Anatoli Lunatscharski, der 1929 von Stalin entlassen wurde, entwickelte sich eine breitgefächerte Kulturszene, berühmt sind die Filme von Sergej Eisenstein. Selbst Werke russischer Emigranten waren problemlos erhältlich. Neben eigenständigen Stilentwicklungen wie der des Proletkult wurden auch anfangs verfemte "Reichskünste" wie Theater, Opernhäuser, Balletts staatlich gefördert.

Aber auch wenn das Kulturleben aufblühte, standen Kunstschaffende von Anbeginn unter massivem Assimilationsdruck. Der Dichter Nikolaj Gumiljow wurde 1921 erschossen.

Die Beziehung zu kapitalistischen Ländern war von Wechselbädern geprägt. Ideologisch ging man zunächst davon aus, eine Revolution in entwickelten Industrieländern sei für das Überleben eines kommunistischen Russland notwendig. Die 1919 gegründete Kommunistische Internationale war zunächst auch eine Art Koordinationsmaschine für Revolutionen in Westeuropa. Als diese nicht möglich bzw. nicht erfolgreich waren, wurde die Politik dahingehend geändert, dass Verträge abgeschlossen wurden. Muster war der Vertrag von Rapallo 1922 mit der Weimarer Republik. Dennoch war der Grundgedanke weiterhin: Egal, welche Regierungsform, es bleibt eine kapitalistische Diktatur. So wurde auch der Faschismus nur als ein politischer Überbau des Kapitalismus gesehen wie auch der pluralistische Parlamenarismus. Und da die Sozialdemokraten auch nur an der Form des Kapitalismus bastelten, wurden sie Ende der 1920er Jahre als Faschisten bezeichnet, Sozialfaschisten. Ein Bündnis wurde ausgeschlossen.

Stalins Aufstieg

Die NÖP war auch die Zeit von Josef Dschugaschwilis (Stalins) Aufstieg in der Partei. Er war Sekretär und später Generalsekretär des Organisationsbüros des Zentralkomitees und damit zuständig für Kaderpolitik (er war Chef der Personalabteilung der Kommunistischen Partei würde man heute sagen). In dieser Funktion konnte er Seilschaften an sich binden. Der erste Einstiegspunkt in die oberste Ebene war Lenins erster Schlaganfall im Mai 1922. In zweiter Reihe standen Leon Bronstein (Trotzki), der Organisator der Roten Armee, und Stalin (der Sekretär). Zuerst schien es, dass Trotzki der Nachfolger sein würde. Er übernahm die Verantwortung für Georgien (Stalin zeichnete sich seinen Landsleuten gegenüber mit unsäglicher Brutalität aus), Lenin warnte vor Stalin und wollte, dass er abgesetzt wird. Aber ein zweiter Schlaganfall führte dazu, dass Lenin nicht mehr sprechen und dies der Partei nicht mehr kommunizieren konnte. Sein schriftliches Testament wurde unter Verschluss gehalten.

Ideologisch vertraten Trotzki und Stalin zwei Richtungen. Für Trotzki war eine Revolution in entwickelten Industrieländern für das Überleben der Sowjetunion unumgänglich, er war ein Verfechter des Revolutionsexports. Stalin hingegen sah dafür keine Chance und legte den Schwerpunkt auf eine eigenständige Entwicklung und Industrialisierung der Sowjetunion. Um sich in der Partei durchsetzen zu können, ging Stalin mehrfach wechselnde Bündnisse ein. Das erste Triumvirat war mit Sinowjew und Kamenew (beide ließ er in den 1936 hinrichten). Das zweite war mit Bucharin (auch er wurde 1938 hingerichtet). Mit Bucharin war Stalin ein Verfechter der NÖP, während Sinowjew und Kamenew mit Trotzki eher Kritiker der NÖP waren, da sie eine Rückkehr des Kapitalismus fürchteten. Mit Bucharin konnte Stalin Trotzki nun als "Linksabweichler" framen, der gegen die Parteilinie verstoße. Das Zentralkomitte schloss Trotzki aus diesem Gremium aus, er wurde nach Alma Ata (Almaty) verbannt und ging schließlich in die Türkei ins Exil.

Danach konnte Stalin Bucharin fallenlassen und sein neues Team bestand unter anderem aus Molotow, Kirow und Mikoyan. Mit ihnen übernahm er nun die Position der geschaßten "Linksabweichler" und 1928 wurde die NÖP beendet. Die Gefahr, dass damit ein wirtschaftliches Chaos ausbrechen würde, wie Bucharin und weitere hochrangige Kader meinten, wurde mit dem Argument vom Tisch gewischt, dass die NÖP nicht das erreicht habe, was man wollte: ausreichend Kapital zur Akkumulierung für einen industriellen Aufbau. Die Sowjetunion sei weiterhin ein Bauernstaat, könne nicht ausreichend exportieren, könne keine Industrie aufbauen. Hinzu kam 1927 eine diplomatische Krise mit Großbritannien, die Stalin zur Kriegsgefahr hochspielte, um die Notwendigkeit eines Aufbaus der Schwerindustrie zur Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit zu formulieren. Gleichzeitig wurde die bürgerliche Kultur, die sich breitmache, kritisiert: Jazz, Hollywood-Filme, Nachtclubs. Ideologisch begann die Sowjetunion sich abzuschotten.

Dass Stalin und seine neuen Seilschaften eine No-Nonsense-Politik meinten, zeigte 1928 der Schachty-Prozess gegen über 50 Bergbauingenieure der Region Schachty im Donezkbecken, die als "bürgerliche Spezialisten" Sabotageakte durchgeführt hätten. Der Prozess war der erste Schauprozess im Moskauer Gewerkschaftshaus und war ein großes Thema in der Presse. Es gab elf Todesurteile, fünf wurden vollstreckt. Die Botschaft: Niemand ist sicher.

Neben dem Schachty-Prozess gab es auch erste nationalistisch konnotierte Schauprozesse gegen Intellektuelle aus der Ukraine, aus Weißrussland, aus Kasachstan, aus der Tatarischen Autonomen Sowjetrepublik und von der Krim.

Innerhalb der Partei hatte Stalin es sich auch gerichtet. Eine Mehrheit derjenigen in führenden Positionen verdankten ihren Aufstieg Stalin und dementsprechend willfährig handelten sie, verstärkt durch die Angst, aus irgendwelchen an den Haaren herbeigezogenen Gründen als bürgerlich oder konterrevolutionär gebrandmarkt zu werden.

Stalins Herrschaft Phase 1 (1928-1939)

Die gesamte Herrschaftsphase Stalins wird als Modernisierungsrevolution bezeichnet, welche jedoch eine der größten Opferzahlen in der Weltgeschichte mit sich brachte. Aus einer Kleinbauerngesellschaft wurde eine mit riesigen landwirtschaftlichen Genossenschaften, der industrielle Output wuchs exponentiell, bei Stalins Tod wurde aus einer Großmacht eine atomare Weltmacht.

Zwischen 1928 und 1940 verzehnfachte sich die Energieerzeugung, versiebenfachte sich die Kohleförderung, verfünffachten sich Eisenerzförderung und Stahlerzeugung. Auch stieg die Anzahl der in Forschung und Entwicklung Beschäftigten, wobei weniger Augenmerk auf Grundlagenforschung als auf Ingenieurswesen bzw. technische Umsetzung gelegt wurde. Die Sowjetunion wurde in diesem Zeitraum auch von einem Erdgasimporteur zu einem Erdgasexporteur.

Die Überzeugung, die kommunistische Zukunft der Menschheit zu errichten, motivierte zum Bau neuer Städte, zur Errichtung von Straßen, zur Einführung wissenschaftlicher Methoden genauso wie zur Zerstörung von Kirchen, Synagogen und Moscheen, zur Deportation ganzer Völkerschaften, zur Verarmung der arbeitenden Bevölkerung, die zum Teil in den Hunger getrieben wurde, zur Verhaftung wie auch Erschießung großer Menschenmengen. Auch wenn von menschlicher Würde gesprochen wurde, der militär-industrielle Staat wurde auf Sklavenarbeit basierend errichtet.

Erster Schritt der wirtschaftlichen Umstellung war die Wiedereinführung von Requirierungen landwirtschaftlicher Erträge auf der Basis von "außerordentlichen Maßnahmen", sprich: Gewalt. Stalin bezeichnete die in der NÖP legalen Nach-Steuergewinne als "Spekulation", womit praktisch alle besitzenden Bauern zu "Spekulanten" wurden, die landwirtschaftliche Produkte horten würden. Parallel dazu wurden die legalen Händler als "bürgerliche Spezialisten" zum Klassenfeind geframet. Die "neue Bourgeoisie" müsse liquidiert werden (Stalin meinte das wörtlich). Sie stelle sich dem industriellen Fortschritt entgegen. Wie auch Kulaken. Privater Handel wurde wieder verboten, Handel war nur mehr über staatliche oder kooperative Organisationen und Geschäfte möglich. Rationierte Güter waren nur über Verteilungsstellen erhältlich. Die oberste Planungsbehörde Gosplan war nun nicht mehr nur für die industrielle Planung zuständig, sondern auch für die Planung jeglichen Aspekts der sowjetischen Wirtschaft. Gosplan legte Produktions- und Verteilungsquoten sowie Preise fest.

Staatliche Verteilungsstellen bzw. Geschäfte waren mit der Aufgabe, praktisch von einem Tag auf den anderen den privaten Handel zu ersetzen, grenzenlos überfordert. Güter des alltäglichen Gebrauchs wurden Mangelgüter. Die versteckte Inflation entwertete die Währung, sodass die ausbezahlten Löhne immer weniger wert wurden bzw. viele Arbeitsstellen nicht mehr in der Lage waren, überhaupt Löhne zu bezahlen. Betriebe sahen sich damit konfrontiert, nun auch das Soziale bereitstellen zu müssen: Wohnraum, Speisemöglichkeiten, Büffets, Kleidungsgeschäfte, Bildungseinrichtungen.

Errichtet wurden landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (Kolchosen) und Staatsgüter (Sowchosen). Wer sich der Kollektivierung entgegenstellte, wurde enteignet, in Lager gesteckt oder erschossen. Etwa 400.000 Haushalte (beinahe 2 Millionen Menschen) wurden bis 1933 als Klassenfeinde deportiert, 1935 waren über 80 Prozent der landwirtschaftlichen Haushalte kollektiviert. Für die Arbeitenden bedeuteten Staatsgüter (Sowchosen), dass sie ein fixes Gehalt bekamen, Arbeitende auf Kolchosen waren darauf angewiesen, dass diese Überschüsse produzierte, die in der Kolchose bleiben konnten. Sie wurden nicht vom Staat bezahlt.

Das Resultat der Kollektivierung war ein Einbruch landwirtschaftlicher Erträge. Zwischen 1929 und 1934 halbierte sich der Bestand an Nutztieren (die kasachischen Nomaden töteten 80 Prozent ihrer Nutztiere, damit sie nicht in ein Kollektiv miteingebracht werden können), 1932 und 1933 litten große Gebiete der Ukraine, Kasachstans und Zentralrusslands an einer Hungersnot, die etwa fünf Millionen Opfer forderte. Die Frage, ob ein Genozid an Ukrainern vorliegt, wird in diesem Band unterschiedlich beantwortet. Eine Seite argumentiert, es habe keine Absicht vorgelegen, gezielt die Ukraine zu treffen, die andere damit, dass bewusst Hilfslieferungen untersagt wurden.

Administratives Resultat dieser niederschmetternden Ergebnisse war eine neue Leibeigenschaft. Ländliche Bewohner durften nur mehr mit Genehmigung lokaler Behörden ihr Heimatgebiet verlassen, Arbeitende auf Kolchosen erhielten keinen internen Pass und konnten somit überhaupt den Ort nicht verlassen, auch nicht für einen Wechsel des Arbeitsplatzes. In Krisen eine Katastrophe, so bezahlten 1937 fünfzehntausend Kolchosen ihre Arbeiter nicht aus, weil sie selbst kein Geld hatten. Ausweichen konnte dem niemand mehr.

Parallel zur Immobilisierung der Gesellschaft wurde die Stadtbevölkerung von "unerwünschten Elementen" gesäubert. Unzählige Menschen wurden in den Ural, nach Zentralasien, nach Sibirien, in den Norden deportiert, bis 1934 wurde eine halbe Million Menschen in Lager verfrachtet. 1938 waren 1,5 Millionen Menschen in den Lagern der Gulag. Hinzu kamen fast eine Million in Polizeilagern und Polizeikolonien.

Ab 1933 wurden ganze Ethnien als "anti-sowjetische Elemente" aus Randgebieten der Sowjetunion deportiert: Polen, Ukrainer, Weißrussen, Deutsche, Finnen. Weiters betraf es die asiatische Bevölkerung und Koreaner. Eingesetzt wurden diese Zwangsdeportierten als Zwangsarbeiter unter anderem zum Bau von Städten wie Magnitogorsk oder von Straßen, Kanälen (Weißmeerkanal) oder Eisenbahntrassen. Aufgrund der katastrophalen Bedingungen (kein frisches Wasser, kein Essen, keine Hygiene) starben etwa 50 Prozent der Deportierten bereits während des Transports.

Dies war der Hintergrund, dass Stalin ab seiner "Siegesrede" von 1934 (deutscher Text auf 1000dokumente.de) Erleichterungen gewährte und Ansätze zur Verbesserung des Lebensstandards als Ziel ins Auge fasste. Kolchos-Familien durften einen kleinen Grund privat bewirtschaften und auf Märkten verkaufen (der Grund selbst blieb Kolchos-Eigentum). Wie wenig Kollektiv-Farmen wirtschaftlich effektiv waren, zeigt der Fakt, dass die privaten Hauswirtschaften bei etwa 10 Prozent des gesamten landwirtschaftlich bearbeiteten Bodens zwei Drittel der landwirtschaftlichen Produkte der Sowjetunion erbrachte. Und das ohne technisches Gerät. Auch wurde die Basisversorgung im Gesundheits- und Bildungsbereich ausgebaut und eine Schulpflicht eingeführt.

Augenmerk wurde in den 1930er Jahren auf Kultur und Propaganda gelegt. Der Sozialistische Realismus (von Maxim Gorki definiert) wurde Staatsdoktrin für die Künste. Positive Helden opfern sich für die Ziele der Gesellschaft auf. Stalin selbst engte den Stilbegriff ein, Kunst müsse "inhaltlich sozialistisch, formal national" sein. Mit dieser Formel konnten auch Komponisten wie Schostakowitsch angeprangert werden. Um als Schriftsteller publizieren zu dürfen, musste man Mitglied der Schriftstellergewerkschaft sein. Diese agierte wie ein Superverlag. Sie kümmerte sich um Druckmöglichkeiten, um Auslandslizenzen, aber auch um Goodies wie Wohnungen, Datschen, Delikatessen, Designer-Kleidung. Die Gewerkschaft war ein Januskopf: Wohlfahrtsorganisation und Kontrollorgan. Wer sich anpasste, konnte komfortabel leben und zählte zu den bestbezahlten Sowjetbürgern. Vor allem dann, wenn das Publikum Gefallen an dieser Art von Eskapismus fanden, was bei vielen populären (Heimat-)Filmen oder Schlagern der Fall war. Für revolutionäre Schriftsteller, die keine optimistischen, positiven Helden schufen wie Majakowski, bedeutete Stalins Herrschaft das Ende. Majakowski wählte den Freitod. Für seine Kunst war kein Platz mehr.

Bezüglich Nationalitäten ist eine Russifizierung innerhalb der Russischen Sozialistischen Föderation zu konstatieren. Nicht russischsprachige Institutionen, Organisationen, Publikationen wurden geschlossen bzw. eingestellt. Nationalitäten wurden territorialisiert. In Schulbüchern wurde das Zarenreich nicht mehr als brutales koloniales Ausbeuterregime dargestellt, sondern als zivilisiertes Reich, das den eroberten Gebieten die Errungenschaften der Aufklärung brachte. Russisch wurde 1938 Pflichtsprache an allen sowjetischen Schulen. Auch wurden gezielt ethnische Russen in nicht-russischen Republiken angesiedelt (in Kasachstan waren 1939 40 Prozent der Bevölkerung ethnische Russen, eine Verdoppelung des Anteils innerhalb von 10 Jahren).

Von Juli 1937 bis November 1938 wurde auf Basis des Einsatzbefehls 00447 des Innenministeriums (Text auf 1000dokumente.de) anhand von Verhaftungs- und Erschießungsquoten eine dreiviertel Million Menschen verhaftet, über 300.000 fielen in Kategorie I und waren damit zu erschießen. Die Quoten wurden nach Republiken und Regionen gesetzt, betroffen waren "asoziale Elemente" wie Mitglieder von potenziell "feindlichen Nationen". Verantwortlich für die Umsetzung war der Geheimdienstchef Nikolai Jeschow.

Einzig die jüdische Bevölkerung wurde nie territorialisiert, obwohl es einen Plan gab, sie in der Region von Birobidschan anzusiedeln. Während es Zweiten Weltkriegs gab es ein Jüdisches Antifaschistisches Komitee, das die Idee einer Heimstatt auf der Krim oder an der Wolga diskutierte. Alleine die Vorstellung, dass eine Gruppe von Menschen eigene Pläne entwickelt, war schon Grund genug für das stalinistische Regime, diesen zu misstrauen. Bis zum Tod Stalins konnten Juden in der Sowjetunion nicht mehr sicher sein, ob sie nicht wegen "anti-sowjetischer" Aktivitäten inhaftiert werden. Jüdisch zu sein, konnte reichen.

Das Verhältnis zu den westlichen Staaten hat sich zunächst nicht sonderlich geändert. Die Sozialdemokratie war Sozialfaschismus, der Faschismus nur eine Spielart des Kapitalismus, und wenn sich kapitalistische Länder gegenseitig zerfleischen, desto besser für die Sowjetunion, die langfristig aus einem innerkapitalistischen Konflikt nur als Sieger hervorgehen kann. Und damit der Kommunismus. Und damit die Menschheit, die laut Marx ja gesetzmäßig einem Kommunismus entgegenstrebe.

Auch als mit Hitler eine besonders aggressive Spielart des Nationalismus an die Macht kam, blieb diese Einstellung. Über die Komintern wurde den französischen Kommunisten aufgetragen, für den Frieden einzutreten. Der zynische Hintergrund: Ein defätistisches Frankreich kann ein aggressives Deutschland in den Krieg locken und somit kann der innerkapitalistische Konflikt beginnen.

Erste Anzeichen einer Änderung dieser Taktik begannen mit dem Leipziger Reichstagsbrandprozess gegen den bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff. Außenminister Litwinow war derjenige in der sowjetischen Regierung, der sehr pointiert zwischen Demokratien und faschistsichen Diktaturen unterschied. Als Dimitroff den Vorsitz der Kommunistischen Internationalen übernahm, war dies ein Zeichen, dass auch Stalin umschwenkte, Deutschland möglicherweise für bedrohlicher hielt als Frankreich oder Großbritannien. Die Politik der Volksfront war geboren. Die französischen Kommunisten konnten in eine Koalitionsregierung gehen, der spanische Widerstand gegen Francos Putschisten wurde unterstützt. Beides scheiterte letztlich und Stalin machte wieder eine Kehrtwende zurück zu einer Politik, in der er das nationale Interesse der Sowjetunion über alle anderen Überlegungen stellte. Und er verpokerte sich.

Als die Sowjetunion nicht Teil der Münchner Verhandlungen über das Sudetenland wurde, war Stalin dermaßen angepisst, dass er sich nicht mehr an die Grenzen des Versailler Vertrags gebunden fühlte. Am 9. Juli 1939 äußerte Stalin dem chinesischen Nationalistenführer Chiang Kai-shek, den er im Krieg gegen Japan unterstützte, dass ein Abkommen mit Frankreich und Großbritannien für ihn nur dann in Frage käme, wenn er die baltischen Staaten und Polen erhielte. Zu diesem Deal als Verstärkung eines Gegenpols zu Hitlerdeutschland waren weder Frankreich noch Großbritannien bereit, sie zweifelten überhaupt an der Ernsthaftigkeit sowjetischer Verhandlungen. Aber Stalin wollte diese Gebiete, also wurden Kanäle nach Deutschland geöffnet und schließlich der Nichtangriffspakt am 23. August 1939 unterzeichnet: Stalin erhielt diese Gebiete.

Doch hat Stalin Deutschland unterschätzt. Zwar richtete Deutschland bis 1941 "Konfusion" in den kapitalistischen Ländern an, jedoch rechnete er nicht damit, dass auch die Sowjetunion Zielscheibe sein könnte.

Und was sagte die Komintern zu diesem Pakt? Vor dem Krieg sei die Unterscheidung zwischen demokratischen und faschistischen kapitalistischen Staaten korrekt gewesen. In einer Zeit von Kriegen zwischen imperialistischen Mächten sei diese Unterscheidung nicht mehr relevant. Und welche Instruktion erhielt die französische KP für den Fall eines deutschen Angriffs? Sie solle Widerstandshandlungen unterlassen, um Deutschland nicht zu provozieren.

Stalins Herrschaft Phase 2 (1939-1945)

In Abstimmung mit dem Deutschlandpakt fiel die Sowjetunion 1939 in Polen und den baltischen Staaten ein. Die baltischen Republiken wurden sofort sowjetisiert: Verstaatlichung der Industrie, Konfiszierung aller Bankeinlagen oberhalb eines trivialen Betrags, Enteignung landwirtschaftlicher Güter; Schulen und Universitäten erhielten neue Lehrpläne.

1940/1945 wurde nach beiden Okkupationszügen massenhaft Einwohner ermordet oder deportiert. In Zahlen: 60.000/100.000 aus Litauen, 35.000/60.000 aus Lettland, 60.000/40.000 aus Estland. Anzumerken ist: Unter Lenin wurde die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten anerkannt. Rund 10.000 polnische Offiziere und Intellektuelle wurden nach einer Weisung des Politbüros vom 5. März 1940 in einem Wald bei Katyn ermordet.

Ende Juni/Anfang Juni marschierte die Sowjetunion in Bessarabien und der rumänischen Nordbukowina ein. Die Sowjetrepublik Moldawien wurde gegründet.

Am 12. November 1940 besuchte Außenminister Molotow Berlin, doch das Gespräch über weitere Deals verlief ergebnislos.

Am 30. November 1940 wurde das sozialdemokratisch regierte Finnland angegriffen.

Am 18. Dezember 1940 gab Hitler den Befehl, Unternehmen Barbarossa in Angriff zu nehmen (Direktive 21). Der Überfall auf die Sowjetunion ist entschieden.

Einstieg in das Kriegskapitel ist eine detaillierte Aufgliederung über die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkriegs auf Basis von Gefallenen, Ermordeten, unter Deutscher Besatzung Getöteten und Ermordeten, innerhalb der Sowjetunion Getötete bzw. Frühverstorbene. Insgesamt verstarb ein Fünftel der sowjetischen Bevölkerung, die Wirtschaftskraft sank um etwa ein Viertel bis ein Drittel und konnte erst Ende der 1970er Jahre kompensiert werden.

Warum die Bevölkerung nach Überfall der deutschen Wehrmacht diese zurückschlagen konnte, wird mit drei Punkten begründet: 1. Es gab mehr Menschen, die patriotischen Widerstand leisten wollten, als solche, welche die Erlösung vom kommunistischen Joch begrüßten; 2. Die brutale Okkupationsherrschaft der Deutschen war ernüchternd; 3. Strenge Strafen bei Defaitismus.

Der materiellen Unterstützung durch Alliierte wird weniger Bedeutung zugemessen: Sie betrug 5-10 Prozent der nutzbaren Kriegs-Ressourcen. Stärker wird das Faktum betont, dass Stalin im Laufe des Abwehrkriegs seinen Generälen mehr und mehr Handlungsspielraum gewährte und weniger durch seine amateurhaften Befehle in die Taktik pfuschte, auch wenn er Vorsitzender des am 30. Juni 1941 gebildeten Staatlichen Verteidigungskomitees GKO (nach Überfall durch die Deutschen wurde er von Molotow und anderen auf seiner Datscha bekniet!) und Oberster Befehlshaber war.

Schon im Mai 1941 wurde Stalin Vorsitzender des Rats der Volkskommissare (Sovnarkom) und damit Regierungschef. Stalin hatte damit eine praktisch unbegrenzte, absolute Machtfülle in Partei, Staat und Armee: Regierungschef, Verteidigungsminister, Generalsekretär der Partei, Oberbefehlshaber. Als Regierungschef bildete Stalin eine Art Beratergruppe mit persönlichen Vertrauten (darunter Beria und Malenkow), mit der er sowohl Regierung als auch das Politbüro der Partei aushebelte. Offiziell hieß es Büro der Sovnarkom. Dieses bildete auch nach dem Krieg gemeinsam mit dem Politbüro der Partei die Entscheidungsspitze in der Sowjetunion unter Stalin.

Stalins Herrschaft Phase 3 (1945-1953)

Bis 1948 litt die Sowjetunion an den Folgen des Kriegs. Die Hälfte der Einwohner war unterernährt, etwa zwei Millionen Menschen verhungerten in diesen Nachkriegsjahren. Die Sowjetunion musste nach den Verheerungen des Kriegs wirtschaftlich saniert werden. Sie griff zu einem altbewährten Mittel: Es wurden diejenigen ausgeplündert, die sich mühsam was abgespart hatten. Die Währungsreform von 1947 war bewusst so angelegt, dass die Ersparnisse von Bauern komplett vernichtet wurden.

International stand alles auf Konfrontation mit den ehemaligen Alliierten. Das European Recovery Program der USA von 1947 wird als Zeichen gesehen, dass die West-Alliierten und die ehmaligen, kapitalistisch gebliebenen Gegner sich nun zusammentun. Stalin reagierte mit der raschen Sowjetisierung in den mitteleuropäischen Staaten. Im September 1947 wurde die Kominform gegründet, um diese Sowjetisierung koordinieren zu können. 1948 schrieb Stalin persönlich an den ungarischen Parteichef Rákosi, dass der ungarische Innenminister László Rajk (selbst ein Kommunist) erschossen werden müsse. Eine Woche später war Rajk in einem Schauprozess verurteilt und hingerichtet.

Interessant ist die Bildung eines weiteren Machtzentrums im Jahr 1950, dem Büro des Präsidiums des Ministerrats. Mitglieder waren Bulganin, Beria, Kaganowitsch, Mikoyan, Molotow und Chrustschow. Dieses traf sich ohne Stalin und war nach dessen Tod die Basis einer zunächst kollektiven Post-Stalin-Machtstruktur.

Nach den in Bezug auf Verfolgungen ruhigen Nachkriegsjahren wurden mit Aufkeimen des Kalten Kriegs die Daumenschrauben wieder angezogen. In einer Kampagne gegen den Kosmopolitismus wurden jiddische Kunstschaffende attackiert. 1948 wurden der jiddische Schauspieler Solomon Michoels hingerichtet. 1952 wurden dreizehn Juden hingerichtet, darunter vier Schriftsteller.

Auch die zunächst konziliante Politik gegenüber den besetzten mitteleuropäischen Gebieten auf Basis des Potsdamer Abkommens wurde verschärft. Über die Kominform wurde koordiniert, dass die kommunistischen Parteien in den Koalitions- oder Konzentrationsregierungen das Innenministerium und damit das Polizeiwesen übernehmen sollen. Dies war dann der Hebel, um konkurrierende Parteien auszuschalten und missliebige Genossen mittels Schauprozess hinzurichten. Auch kommunistische Staaten, welche sich nicht dem Ideologiediktat Moskaus unterwarfen, wurden verfemt. So Tito, dessen Selbstbewusstsein auf dem Fakt aufbaute, aus eigener Kraft die Nationalsozialisten und Faschisten besiegt zu haben und nicht die sowjetische Rote Armee benötigt zu haben.

Das Ende Stalins ist durchaus skurril. Einige Monate zuvor erfand Beria einen "Ärzte-Komplott" hauptsächlich jüdischer Mediziner, welche die Absicht hätten, Stalin zu ermorden. Als Stalin hilflos in seiner Datscha lag, traute sich niemand zu ihm, und so verstarb er ohne Hilfe. Beria selbst bestimmte sofort nach Stalins Tod, alle bis dahin verhafteten Ärzte aus ihrer Haft zu entlassen.

Ära Chrustschow (1953-1964)

Neben der Befreiung der Gefangenen aus den Lagern der Gulag ist Chrustschows Nationalitäten- wie Religionspolitik grundsätzlich gegensätzlich zu Stalin. Die deportierten Völker des Nordkaukasus (Tschetschenen, Inguschen, Balkaren) durften in ihre angestammten Gebiete zurückkehren, den Krim-Tataren jedoch war eine Rückkehr untersagt. Die Krim selbst wurde 1954 zum Anlass des 300. Jubiläums eines Russland-Ukraine-Vertrags von der Russischen Föderation der Ukrainischen Republik zugeschlagen.

Skurril mutet ein Gesetz aus 1958 an. In den nicht-russischen Republiken erhielten die Eltern das Recht zu entscheiden, in welcher Unterrichtssprache ihre Kinder geschult werden, in der Sprache der Republik oder auf Russisch. Lokale Parteieliten sperrten sich gegen dieses Gesetz, da sie eine versteckte Russifizierung mutmaßten. Diejenigen, die sich weigerten, dieses Gesetz anzuwenden, wurden aus ihren Leitungsposten entfernt.

In Bezug auf Religionsgemeinschaften war Stalin ab 1941 nicht zuletzt wegen der Kriegsunterstützung konziliant, Chrustschow kehrte zur Unterdrückungspolitik der frühen Sowjetzeit zurück (Anti-Kirchen-Agitation, höhere Besteuerung, Schließung von Kirchen und Klöstern).

Wirtschaftlich wurde nun auch etwas für die arbeitende Bevölkerung getan. Die Reallöhne der Bauern stiegen signifikant in den Jahren bis 1967; Krankengeld, Invalidenunterstützung und Altersrenten wurden ausgeweitet. Ab 1960 erhielten auch Kolchosbauern einen fixen Lohn. Auch durften in der Landwirtschaft Arbeitende wieder die Arbeitsstelle wechseln. Gewisse Überschüsse wurden nun in allen staatlichen Betrieben auch an die Arbeitenden in Form von Boni weitergegeben, Löhne durften auch individuell ausgehandelt werden. Zum ersten Mal sind auch langlebige Konsumgüter für eine breitere Schicht der Bevölkerung zugänglich: Kühlschränke, Waschmaschinen, Nähmaschinen, Staubsauger, Fernsehgeräte.

Außenpolitisch ist der Bruch mit Mao und damit China relevant. Neben ideologischen Gründen (Chrustschow bestand auf dem Primat der Sowjetunion im kommunistischen Lager) war ein militärischer ausschlaggebend. Die UdSSR wollte auf chinesischem Boden Langwellen-Sender errichten, um mit ihren U-Booten im Pazifik kommunizieren zu können. Mao lehnte dies ab, da er eine Vertiefung der Abhängigkeit von der Sowjetunion befürchtete. Als Antwort zog Chrustschow 1960 alle sowjetischen Berater aus China ab, alle Wirtschafstverträge wurden annulliert. Damit schnitt sich die Sowjetunion jedoch auch ins eigene Fleisch, da es nun keine Möglichkeiten mehr gab, geheimdienstliche Informationen aus bzw. über China zu erhalten.

Auch die Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba und die daraus entstehende Kuba-Krise kritisierte Mao heftig als "Abenteuerismus" bzw. Chrustschows Rückzieher als "Kapitulationismus".

Die Beziehungen zu den nun kommunistisch regierten Staaten Mitteleuropas änderten sich kaum. Von einem "Tauwetter" wie innerhalb der Sowjetunion nach Chrustschows Rede vor dem 20. Parteitag, in der er Verbrechen und Personenkult Stalins anprangerte, kann nicht die Rede sein. 1953 wurde der Aufstand in der DDR mit Panzern niedergeschlagen, 1955 wurde das Verteidigungsbündnis des Warschauer Vertrags gegründet, im Juni 1956 wurden in Posnan bei Demonstrationen 70 Demonstrierende erschossen, Oktober/November 1956 wurde ein Neutralisierungsversuch in Ungarn mit Panzern niedergewalzt. Die Grenzen sind gesetzt, wie weit nationale Abweichungen vom sowjetischen Weg gehen dürfen (die Kominform wurde im April 1956 aufgelöst). Chrustschow wollte auch gegenüber dem Westen keine Schwäche zeigen. So auch nicht 1961 in der DDR und die Grenzbefestigung wurde befürwortet.

Die Beziehungen zum Westen waren zunächst in Richtung Entspannung orientiert. Österreich wurde 1955 der Status eines unabhängigen, neutralen Staates gewährt. Trotz der Kuba-Krise konnten sich die UdSSR und die USA auf ein Verbot von Atomwaffentests in der Atmosphäre bzw. im Weltall einigen.

Parteiintern wurde 1957 umstrukturiert. Molotow wurde als Außenminister entlassen, dem Geheimdienst wurden polizeiliche Kompetenzen entzogen.

Intellektuelle erhielten mehr Spielraum, Solschenizyn und andere durften veröffentlicht werden, dennoch wurden sie von Chrustschow bei einer Versammlung 1957 gewarnt, wenn sie ähnliche Bestrebungen wie die ungarischen Intellektuellen begännen, würden sie vernichtet.

1964 wurde Chrustschow entmachtet und mehr oder weniger unter Hausarrest gestellt. Die Gründe: Die Politik während der Kuba-Krise sowie das Scheitern seiner Wirtschaftspolitik. So war seine Neulandpolitik, durch die große Flächen im asiatischen Raum der Sowjetunion urbar gemacht wurden, nicht erfolgreich. Nach einigen Jahren mit hohen Erträgen, erodierte der neu gewonnene Boden sehr rasch. Die Parteielite wollte weg von einer aktionistischen Kampagnen-Politik.

Ära Breschnew (1964-1982)

Diese Zeit wird als "oligarchische Versteinerung" bezeichnet, die dazu führte, dass schließlich eine Gruppe alter, kranker Männer "with dozens of meaningless medals pinned to their chests" an den Hebeln der Macht war. Basis war eine Strategie, die "Vertrauen in Kader" genannt wurde. Breschnew wollte den Kaderfluktuationen und den damit einhergehenden ideologischen Zickzack-Kursen ein Ende setzen. Der langfristige Effekt war eine Überalterung.

Auch in den nicht-russischen Republiken zeitigte die Politik der "Stabilität der Kader" langfristige Auswirkungen. Lokale Parteifunktionäre konnten auf dieser Basis eine Hausmacht einrichten, die stark einem Clan-Wesen ähnelte. Dies war die Basis für autoritäre Dynastien nach Zusammenbruch der Sowjetunion.

Zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es 1978 in Georgien, als Russisch als zweite Amtssprache eingeführt werden sollte. In den 1980er Jahren kam es zu ersten Diskussionen über den Status von Nordossetien im Verhältnis zu Georgien und von Nagorni Karabach im Verhältnis zu Aserbaidschan. Beides führte zu bewaffneten Konflikten in den 1990er Jahren und schließlich zur Vertreibung aller Armenier aus Nagorni Karabach im September 2023.

Breschnew selbst war einer an Stalin angelehnten Machtfülle nicht abgeneigt. Er wurde Marschall der Roten Armee (er liebte es, sich in dieser Uniform zu zeigen) und Vorsitzender des Obersten Sowjets (Legislative).

Nüchterner betrachtet sei diese Ära als Triumph einer Rationalität über einen Utopismus von Lenin, Stalin oder Chrustschow zu bezeichnen. Auch seien die administrativ Verantwortlichen in höherem Ausmaß kompetent und rational gewesen als diejenigen während Chrustschows Herrschaftsperiode. Der Staat war weiterhin autoritär, aber stärker auf Wohlfahrt orientiert. Premierminister Kosygin gab aus, B-Industrie (Gebrauchsgüterindustrie) habe Vorrang vor A-Industrie (Schwerindustrie). Ungarische Praktiken ("Gulaschkommunismus") wurden wohlwollend beobachtet. Unangetastet blieb die absolute Priorität des militärisch-industriellen Komplexes, der seit dem Zweiten Weltkrieg für sowjetische Verhältnisse unbegrenzte Mittel erhielt und in eigens errichteten Geheimstädten die atomare Bewaffnung entwickeln konnte.

Die UdSSR sei während dieser Periode eine Mixtur aus Gleichzeitigkeiten gewesen: Modernisierung, Stabilisierung, Stagnation und Verfall. Hinzu sei ein hohes Ausmaß an Korruption gekommen. Politische und wirtschaftliche Organisation habe auf Seilschaften (modern: Netzwerken) gegründet. So habe jedes Politbüromitglied in seinem Verantwortungsbereich "seine" Leute gehabt. Und deren Macht hat sich unter Breschnew vergrößert, da Regionalisierungsbestrebungen Chrustschows rückgängig gemacht wurden und der Staat wieder stärker zentralistisch sowie hierarchisch strukturiert wurde: Über Politbüro, Ministerien und staatliche Plankommission (Gosplan).

Es wird eine Art ungeschriebener "Gesellschaftsvertrag" mit der Bevölkerung angenommen, der aus fünf Punkten bestand:

  • Arbeitsplatzsicherheit, Urlaubsansprüche, Mutterschaftsschutz
  • Niedrige Preise für Alltagsgüter
  • Tolerierung eines Schwarzmarkts (einer "zweiten Ökonomie")
  • Soziale Mobilität
  • Gewisse Freiheiten für nicht-russische Nationalitäten


Dies sei die Basis gewesen, dass nicht gegen das Machtmonopol der Kommunisten angegangen wurde.

Arbeitsplatzsicherheit führte jedoch langfristig zu überbelegten Unternehmen, niedriger Arbeitsmotivation, geringen Produktivitätssteigerungen.

Dass es bei Alltagsgütern permanent zu Engpässen gekommen sei (Toilettenpapier ist ein Klassiker), habe an den niedrigen Preisen gelegen, die wiederum durch überteuerte "Luxusgüter" wie Fernsehgeräte oder Autos subventioniert wurden. Wie gespalten die Gesellschaft eigentlich war, sei an den speziellen Läden für Parteikader und Devisenbesitzer zu sehen, in denen es keine Warenknappheit gab.

Die Gewährung sozialer Mobilität führte zu einer Landflucht. Kollektivfarmen wurden von einer agilen Jugend verlassen, sodass oft nur eine überalterte und kaum ausgebildete Arbeiterschaft auf Kolchosen und Sowchosen tätig war. Die Jugend ging in die Städte.

Verstärkt wurde unter Breschnew auch wieder der Einfluss des Geheimdienstes KGB, seit 1967 unter der Führung von Juri Andropow, der 1956 während der Niederschlagung des ungarischen Aufstands sowjetischer Botschafter in Budapest war. Abweichungen wurden weiterhin nicht toleriert, und die Bestrebungen der kommunistischen Führung der Tschechoslowakei 1968, ein pluralistisches System gewähren, wurde genauso mit Panzern niedergeschlagen wie der Ungarnaufstand 12 Jahre zuvor.

Auch wurden seit Chrustschows "Tauwetter" ermöglichte Freiheiten für die Wissenschaft 1968 zurückgenommen. Der Staat übte wieder eine stärkere Kontrolle auf Universitäten, Lehrende und Forschende aus. Aufgrund von "amoralischem" oder "antipatriotischem" Verhalten konnten akademische Titel entzogen werden.

Bezüglich der Freiheiten für nicht-russische Nationalitäten zeigte Moskau jedoch unmissverständlich, dass die unter Stalin begonnene Russifizierung nicht zurückgenommen wird. Die zweiten Sekretäre jeder Republik mussten ethnische Russen sein, Russischkenntnisse waren für alle Kaderpositionen verpflichtend, nicht-russische Wehrdiener mussten ihren Pflichtwehrdienst außerhalb ihrer Republik ableisten.

International war die Sowjetunion als zweite Supermacht neben den USA anerkannt. Dies erlaubte Breschnew nicht nur einen Spielraum für Verhandlungen zu atomaren Rüstungsbegrenzungen, sondern auch für Zugeständnisse in Bezug auf Menschenrechte (die eh kaum umgesetzt wurden) bei den Helsinki-Verträgen 1975 der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE).

Die Beziehungen zu China waren weiterhin schlecht. Die Grenze zu China wurde massiv militärisch verstärkt, 1969 kam es am Amur zu Schießereien. Anstelle der lange aufgegebenen Weltrevolution wurde nun eine Affinität zu nationalen Befreiungsbewegungen entdeckt und diese wurden propagandistisch, aber auch mit Waffentechnik unterstützt. Dabei kam es nicht so darauf an, ob diese sowjetisch orientiert waren, sondern dass sie antiimperialistisch (also gegen die USA oder ein kapitalistisches Modell) seien und nicht von China unterstützt würden.

Der im Vorfeld umstrittene Militäreinsatz in Afghanistan 1979 zur Unterstützung eines in sich sehr zerrissenen kommunistischen Regimes entwickelte sich aus einer geplanten kurzen Aktion zu einem zehnjährigen Kriegseinsatz gegen von den USA unterstützte islamische Kämpfer. Diese Fehlentscheidung dürfte einer der Katalysatoren des Zusammenbruchs der Sowjetunionn gewesen sein.

Wirtschaftlich war die Breschnew-Zeit wegen hoher Weltmarktpreise für Erdöl, die Devisen in die UdSSR schwemmten, eine angenehme Zeit, jedoch war der Boom nicht diversiviziert und noch dazu von Bedingungen abhängig, die in der UdSSR nicht gesteuert werden konnten. Die erträumten Investitionen aus und Handelsbeziehungen mit westlichen Staaten kamen kaum zustande. Billige Kredite und Energiesubventionen an Staaten des Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW aka "Ostblock") führte nicht nur diese Staaten in eine Schuldabhängigkeit, sondern belastete auch die sowjetische Wirtschaft. Probleme in der Landwirtschaft konnten nicht beseitigt werden, Devisen aus Ölexporten wurden auch für Getreideimporte genutzt, das Wachstum des BNP ging schließlich gegen Null.

Kulturell war diese Ära davon geprägt, dass das Zwangskorsett Sozialistischer Realismus gelockert wurde und auch Individuelles in der Kunst thematisiert werden durfte/konnte, solange nicht das Herrschaftsmonopol der Kommunistischen Partei oder die Sowjetunion in Zweifel gezogen wurden. Zensur gab es weiterhin, aber sie konnte freizügiger agieren.

Ära Gorbatschow (1985-1991)

Nach dem Tod Breschnews 1982 gab es zwei nur kurz an der Macht verweilende Generalsekretäre: den KGB-Chef Juri Andropow und Konstantin Tschernenko. Es war Andropow, der den "jungen" Mikhail Gorbatschow im Politbüro die Verantwortung für die gesamte Wirtschaft übertrug und somit die Basis legte, dass dieser Generalsekretär werden konnte.

Trotz hehrer Ziele einer Revitalisierung der Sowjetunion, sprechen nackte Zahlen für sich. Bei Gorbatschows "Amtsantritt" waren etwa 10 Prozent der Bevölkerung Mitglied der KPdSU. Tendenz stark sinkend. Für die Jugend war diese Partei offensichtlich nicht mehr attraktiv. Ob sich Gorbatschow dessen bewusst war, kann nur vermutet werden, er legte jedoch - ähnlich wie Stalin - das Machtzentrum von der Partei weg in Richtung Staat und bildete einen Präsidialrat, der mehr Macht innehatte als das Politbüro der Partei. Diese Konstruktion hatte jedoch ein Manko: Es gab keine hierarchischen Weisungsketten.

Für die weitere wirtschaftliche Entwicklung waren zwei Gesetze von Bedeutung:


  1. Das Gesetz über individuelle wirtschaftliche Tätigkeit vom November 1985, das private Einpersonen- und Familienbetriebe erlaubte wie zum Beispiel Reparaturwerkstätten, Taxi-Unternehmen, Privatunterricht.
  2. Das Gesetz über staatliche Unternehmen (Juni 1987). Dieses hatte zum Ziel, die Wirtschaft zu dezentralisieren und Betrieben größere Freiheiten bei wirtschaftlichen Tätigkeiten und Planungen zu ermöglichen. Mit diesem wurde die Grundlage der Machtfülle von Fabriksdirektoren gelegt. Wirtschaftliche Auswirkungen waren ein Anstieg der Inflation und höhere zwischenbetriebliche Schulden.


International von Bedeutung war das Abkommen mit den USA zum atomaren Rüstungsabbau, beginnend im Dezember 1987.

Die Lockerung der Zentralmacht bedeutete auch für die nicht-russischen Republiken neue Möglichkeiten. Dass in diesen Verwaltungsstrukturen, wenn auch lange Zeit unter russischer Dominanz, angelegt waren (Parteiverband, Oberster Sowjet, Ministerrat, Wissenschaftsakademien), bot nun die Möglichkeit, eigene nationale Forderungen und Ziele zu formulieren. Besonders ausgeprägt war dies in den drei baltischen Republiken und in der Ukraine (hier auch mit dem Mittel der Volksabstimmungen unterlegt). In Belarus sei die Unabhängigkeit eher ein Ziel der Elite als der Bevölkerung gewesen. Die islamisch geprägten Republiken seien nicht an vorderster Sezessionsfront gewesen. Verstärkt wurden diese nationalen Selbstbestimmungsbestrebungen auch dadurch, dass Gorbatschow den RGW-Staaten bereits 1986 eine eigene Entwicklung ohne sowjetische Einmischung gewährte.

Auch die erhofften Wirtschaftsreformen wirkten nicht. Die Staatsverschuldung erhöhte sich kontinuierlich, die Inflation war hoch, Versorgungsschwierigkeiten wurden mehr, Schlangen vor Lebensmittelgeschäften länger. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gab es wieder Rationierungen bestimmter Produkte. Die Bevölkerung wurde immer unzufriedener. 1989 wurde im Kohlebergbau gestreikt. Im März 1991 demonstrierten die Kohlebergarbeiter für einen Rücktritt Gorbatschows, für die Unabhängigkeit der Russischen Föderation und die Unabhängigkeit der Ukraine.

Und das, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen in den Gorbatschow-Jahren um 48 Prozent gestiegen sein soll bei einer Produktivitätssteigerung der Wirtschaft von 8 Prozent. Dennoch: Viele der Arbeitenden waren vom Good-Will der "Roten Direktoren" für Zuschüsse oder Boni abhängig.

Für Gorbatschow wurde schließlich der wohl auch aufgrund dieser selbstlaufenden Entwicklungen auszuhandelnde Unionsvertrag zum politischen Sargnagel. Nur neun von fünfzehn Republiken waren dazu eigentlich bereit. Der Vertrag wurde letztlich von drei Leuten ausgearbeitet: Von Gorbatschow für die UdSSR (nie vom Volk gewählt), Boris Jelzin (seit 1991 gewählter Präsident der Russischen Föderation) und Leonid Krawtschuk (Ukraine). Eine konservative Mehrheit in der KPdSU, der Armee sowie dem KGB waren gegen diesen neuen Vertrag. Einen Tag vor der Vertragsunterzeichnung, am 19. August 1991, wurde Gorbatschow in seinem Domizil auf der Krim festgesetzt, nur waren die Gesichter des Putsches unfähig, das Ziel zu vermitteln, und Teile der Armee verweigerten den Befehl, gegen Demonstranen in Moskau vorzugehen bzw. am Putsch teilzunehmen. Jelzin wurde zur Galeonsfigur des Widerstands, nutzte jedoch die Rückkehr Gorbatschows in seinem Amt als gewählter Präsident, die Kommunistische Partei in Russland zu verbieten. Damit war Gorbatschow die größte Machtbasis entzogen.

Am 8. Dezember unterzeichneten Russland, die Ukraine und Belarus in Belowesch (bei Minsk) einen Vertrag zur Eigenständigkeit. Am 21. Dezember 1991 unterzeichneten alle fünfzehn Sowjetrepubliken im Vertrag von Almaty einen Vertrag über eine Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, sprich: ihre Unabhängigkeit. Nach 79 Jahren war die Sowjetunion aufgelöst. Der marxistische Narrativ der historischen Mission eines Aufbaus einer kommunistischen Gesellschaft zog nicht mehr.

Ära Jelzin (1992-2000)

Boris Jelzins Priorität nach der Unabhängigkeit Russlands war die wirtschaftliche Transformation von der Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. Es wird festgestellt, dass nach acht Jahren (2000) Mangelwirtschaft, Schlangen vor Lebensmittelgeschäften beendet, die Geschäfte gut gefüllt waren.

Der Weg dorthin jedoch war holprig. Der erste Schritt war die Privatisierung, die damit endete, dass Manager und Fabriksdirektoren, die bereits unter Gorbatschow viel Möglichkeiten einberaumt bekamen, als große Gewinner ausstiegen. Die zum Teil zaghaften Reformen führten zu einem hohen Haushaltsdefizit, zu Inflation, zu Insider-Privatisierung, welche für einige hohen Reichtum ermöglichte ("Neurussen").

Für die nicht besitzende Bevölkerung war die Lage nicht so prickelnd. 1992 lag die Inflationsrate bei 2.600 Prozent (zweitausendsechshundert!). 1996 lag das durchschnittliche Einkommensniveau bei 47 % von 1992. Mitte der 90er Jahre versorgten sich 60 Prozent der Bevölkerung (zum Teil) von Produkten aus Gärten oder kleinen landwirtschaftlichen Flächen. Die landwirtschaftliche Produktion insgesamt lag 1997 um 36 Prozent unter dem Niveau von 1990.

Am bedeutendsten war jedoch die Aktion "Kredite für Aktien", mit der Jelzin seinen Wahlkampf für 1996 finanzierte. Aktien ehemaliger Staatsunternehmen wurden bei Banken als Sicherheit für Kredite hinterlegt. Da diese Kredite nicht zurückgezahlt werden konnten, wurden diese Aktien bei Versteigerungen zu Schleuderpreisen (weit unter dem Wert der Unternehmen) versteigert. Die "Neurussen", welche diese Aktien erwerben konnten, wurden über Nacht Besitzer wirtschaftskräftiger Großunternehmen. Sie waren diejenigen, die im Anschluss als Oligarchen bezeichnet wurden und noch werden.

Schließlich führte diese Politik zur Finanzkrise vom August 1998. Der Staat wurde zahlungsunfähig (zugeschrieben wird es auch den kaum vorhandenen Steuerzahlungen durch die neuen Oligarchen), die Staatsbank druckte kein Geld mehr, über die Hälfte der Industriebetriebe stellte auf Tauschhandel um, Staatsangestellte erhielten keinen Gehalt, Pensionisten keine Rente mehr. Hinzu kamen die asiatische Finanzkrise und fallende Rohölpreise. Es wurde durch Kredite durch den IWF und auf dem Privatmarkt versucht gegenzusteuern. Irgendwie gelang es Russland, sich aus der Misere rauszuwursteln, wohl auf Kosten der Arbeitenden und Pensionisten.

Die Umstrukturierung der Wirtschaft zeigt sich auch an den Beschäftigtenzahlen nach Sektoren. Zwischen 1991 und 1998 sank die Zahl der Industriearbeiter um 37 Prozent, während die Beschäftigtenzahl im Finanz- und Versicherungsbereich um 73 Prozent zunahm. Ebenso stieg die Zahl der Beschäftigten im Handel signifikant.

Konkret bedeute dies für die Bevölkerung, dass sie immer mehr auf Subsistenzwirtschaft (eigener Garten, eigene Nutztierhaltung) angewiesen war, demographisch lässt sich für die 1990er Jahre eine sinkende Lebenserwartung konstatieren. Etwa 700.000 Menschen verließen zwischen 1992 und 1998 Russland.

Auch in die Wissenschaft wurde kaum noch investiert, die meisten Investitionen im Bereich Forschung und Enwicklung stammten 1995 aus dem Ausland. Gleichzeitig war auch unter akademisch Gebildeten der Auswanderungsanteil sehr hoch.

Ins politische Tagesgeschäft wurde Jelzin 1993 mit einem Paukenschlag zurückgeholt. Das Parlament bereitete eine Verfassungsänderung vor, welche das Präsidialbüro aufgelöst hätte. Jelzin kam dem zuvor, indem er im September das Parlament auflöste. Der Showdown wurde Anfang Oktober mit Waffen ausgetragen. Jelzin ließ das Parlament beschießen und obsiegte. Mehrere hundert Tote sind in den Kämpfen zu verzeichnen. Die politische Folge war, dass präsidiale Dekrete ab nun Gesetzesrang hatten und nur durch ein kompliziertes Verfahren in beiden Parlamentshäusern sowie die Unterzeichnung durch den Präsidenten selbst rückgängig gemacht werden können - also sehr schwierig.

Nicht-russische Nationalitäten innerhalb der Russischen Föderation verfolgten die Unabhängigkeit der Sowjetrepubliken sehr genau. Im August 1991 erklärte Tschetschenien seine Unabhängigkeit, 1992 Tatarstan mit Stützung durch ein Referendum. 1994 beschloss Jelzin, Tschetschenien mit Waffengewalt zurückzuholen. Aus einem für einige Tage geplanten Militäreinsatz wurde ein zweijähriger Krieg. Der 1996 ausgehandelte Waffenstillstand hielt drei Jahre, als unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung erneut ein Krieg gegen Tschetschenien entfesselt wurde, diesmal unter der Federführung des Ministerpräsidenten und ehemaligen FSB-Chef Vladimir Putin mit 100.000 Soldaten.

Die konsequente Kriegsführung machte Vladimir Putin über Nacht zu einem Polit-Star. Jelzin ernannte ihn 1999 zu seinem Interimsnachfolger, die Präsidentschaftwahlen 2000 wurden von Putin gewonnen. Festgestellt wird, dass er zu Beginn seiner Amtszeit nicht nur ökonomische Reformen einleitete, sondern bereits sehr früh begann, das demokratische System auszuhöhlen. Auch wurde Russland zur Stärkung einer zentralen Lenkung in acht Föderationskreise eingeteilt, die von einem vom Präsidenten ernannten und ihm direkt weisungsgebunden unterstehenden Statthalter verwaltet werden. Sie sind keine selbstverwalteten Regionen. Der autonome Status der autonomen Regionen ist daher ebenso nicht mehr existent.

Positiv wird vermerkt, dass Russland noch nicht in einen Krieg gegen die Ukraine gezogen ist, doch das wird sich neun Jahre nach Erscheinen dieses Buches im Jahr 2014 ändern.