Artmann-Schatzi

1973 hat der österreichische Schriftsteller H.C. Artmann diesen Erzählband veröffentlicht. Er ist eine sprachliche Wucht voll skurriler und absurder Geschichten, deren Protagonisten und Protagonistinnen durchgehend der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Die Handlungsorte befinden sich zumeist in Frankreich. Geschrieben in Kleinschreibung wie das Englische.

How much, schatzi?

Der Held der Geschichte ist ein reicher Jüngling, ein "backbärtiger Lackaffe", der sich den Tag mit Wetten auf der Trabrennbahn und mit einer Nutte vertreibt, während seine Mutter sich aufgeilt, als sie der in der gegenüberliegenden Wohnung lebenden Schwiegertochter in spe zuschaut, als sie es mit einem anderen Mann als ihrem Sohn treibt.
Die mutter am fenster ihrer villa, ihre augenblickliche haartönung war zimtbraun, beobachtete nun eine seltsame veränderung im zimmer ihrer futuren schwiegertochter: das bebrillte mädchen war vom kakadukäfig, durch dessen gitterstäbe sie bis jetzt den zeigefinger gesteckt hatte, plötzlich auf die tapetentüre hingeeilt, hatte sie geöffnet, und ein mann war eingetreten, der aber nicht ihr sohn war, denn dieser stand ja zur zeit im nord-osten der stadt vor der grünen tribüne der trabrennbahn oder genauer gesagt, er lief, seinen ridikülen geckenstock verärgert schwingend, hinter seinem windentführten hut her..

... hier sah sie mit eigenen augen, wie sich diese zukünftige ihres einzigen sohnes aufs ge-ratewohl dem nächstbesten hingab oder das zu tun wenigstens im begriffe stand. Nandors mutter, obgleich eine leicht angewelkte hure, hatte sich dennoch so viel schamgefühl durch zehntausend nächte der ausschweifungen hinübergerettet, daf ihr nach dieser kintopphaften eröffnung die unterlippe hinunterrutschte,
Grunzbojar im musenhain

In dieser Erzählung wird der Kunstmäzenismus angeprangert. Ein von allen Gesellschaftsschichten verehrter Sänger ist im Hause eines Grafen, der sich den Scherz erlaubt, dass er den Sänger von einem Schwein angrunzen lässt.

Auftritt eines rowdys

Gewalt um der Gewalt willen. Ein Rowdy fordert mit gezogener Waffe von Menschen, dass sie einen stinkenden, dreckigen Filzhut aufsetzen sollen. Bis er selbst im Dreck liegt, da er ausrutscht.

Zauberkunststücke und gelockerte sitten

Ein Seiltänzer verschwindet in der russischen Weite. Skurrile Geschichte.

Flieger, grüß mir die sonne..

Eine Hochstaplergeschichte. Ein junger Mann gibt sich als Adeliger und Pilot aus, residiert in einem Nobelhotel an der französischen Kanalküste. Bis ihn ein ehemaliger Schulkollege erkennt und aufdecken will. Dieser ist ein sehr unguter Zeitgenosse:
sein lebenszweck (das soll nicht mit ideal verwechselt werden) bestand darin, seine umwelt zu vergrämen, woodstocks und wights zu stören, langspielplatten listig zu verwüsten, zeltende urlauber zu plündern, lagernde pärchen zu schänden (in zusammenarbeit mit komplizen), mercedes-sterne und rolls-royce-victorias abzu-montieren, alte damen zu beflegeln und steine zu werfen, wenn irgendwo polizei einschritt.
Doch René de Clavigny, der Hochstapler, entkommt der Enttarnung, indem er während einer Rettungsaktion bei einem brennenden Schiff unter begeistertem Mitleid der Gaffer ertrinkt.

Liebe, waidwerk und musik

Ein Liebespaar aus dem Banlieu auf Spaziergang, ein Jäger, ein durch ein Pfeifenstück des Jägers getöteter Hase. Skurril.
Der ansehnliche, etwa hundertachtzig pfund schwere mann war wie eine rakete aus schuhwerk und beinkleid geschnellt, hatte gleich darauf eine höhe von etwa zehn metern erreicht und zierte nun, eine seltsame apparition in malgeschneiderter flanellunterwäsche, gelbdoldiges ginstergestrüpp, die sorgfältig abgestellte schrotflinte war ohne zutun ihres meisters losgegangen, hatte aber wieder nichts getroffen, es sei denn einzelne wildwachsende narzissen, wohl aber die kernhafte bruyérepfeite, eben noch von einem knisternden schnurrbart überdacht, jetzt weit übers mundstück im schädel eines gefällten hasen sitzend, langsam aus leid erlöschend, ein beseeltes instrument, das sich nimmer zum mord bestimmt geglaubt hatte.
Drangsale eines piccolo eines mittleren gastbetriebes an der see

Das Scheitern eines 14-Jährigen als Kellnerlehrling in einem Touristenhotel. Er wird gefeuert, da der genauso unfähige Oberkellner ein Geheimnis der Besitzerin kennt.
frau Germaine, durch eine jahre zurückliegende straftat auf gedeih und verderb einem welschschweizer restaurationsschakal ausgeliefert, ließ Léopolds vater die nachricht zustellen, sein sohn sei leider nicht den anforderungen eines piccolos gewachsen, er hätte zwei verkehrte hände, zerbräche alles porzellan, mucke gegen seine vorgesetzten bei jeder sich bietenden gelegenheit auf, befände sich während seines dienstes mehr in der lauschigen intimität des wasserklosetts, anstatt wie ein geflügelter dezenter schatten zwischen küche und speisesaal zu schwirren; leider, leider, aber vielleicht habe er seine talente anderswo verlagert: beim schuster, beim schneider, beim militär usw.

Daß er ihm die ohren abschnitte, um sie den sauen als fraß vorzuwerfen, nein, soweit ging der vater, der im grunde seines wesens ein herzensguter mann war, nicht, er hatte bloß etwas unbewußt blaubärtiges in der stimme, als er jaulend vom sofa auffahrend ausrief: Ich schneide dem nichtsnutz die ohren ab.. ohne nachsatz, bien entendu.
Hasard und entenbraten

Drei in einem Casino Unmengen an Geld verspielt habende Männer treffen aufeinander, die für den Selbstmord bestimmte Pistole geht nicht, also wollen sie in einem Nobellokal Entenbraten essen.

Gerechter zorn der geschlechter

Reflexionen eines jungen Mannes, der keine Chance bei Frauen hat.
ein Landru werde ich wohl niemals, dazu bin ich zu schwach, aber, so fuhr er mit wachsender, wenn auch düsterer begeisterung fort, den weibern werde ich es schon noch zeigen, ich will ihnen die waden nach vorne richten und die wackelärsche auf trab bringen, dais ihnen hören und lauschen vergeht; sie sind allesamt nutten und huren, glauben sich die wiefsten dinger von der welt, drehen ihr gestell nach allen windrichtungen, treibens heut mit diesem, morgen mit jenem und übermorgen mit weißgott wem; von treue und glauben nicht das spürchen einer spur, keine scham, keine religion, bestenfalls schwarzemessefeen und hexen, zu jeder luderei bereit, wenn ordentlich geld dabei rausguckt, lustbesessene schweinchen, die nichts andres im sinne führen als uns männern den letzten cent, centavo, centesimo aus der börse zu filidieren
Apotheose in kammgarn

Über toxische Männlichkeit. Schlusssatz:
wer sich an einer schutzlosen frau vergreift, der hat wohl keine mutter gehabt, ist keinem schoß entsprungen, trägt keinen zärtlichen schimmer im blick, hat die sonne mit einer klosettbrille verwechselt und durch sie sein allerwertestes verrichtet. Oder vielleicht nicht, ihr arschlöcher?