Narrenschiffer
Diskussionsleiter
Profil anzeigen
Private Nachricht
Link kopieren
Lesezeichen setzen
dabei seit 2013Unterstützer
Profil anzeigen
Private Nachricht
Link kopieren
Lesezeichen setzen
Dave Eggers - Der Circle
09.05.2026 um 18:56
Der 2013 von Dave Eggers veröffentlichte Roman ist eine Dystopie über einen IT-Konzern, der durch totale Transparenz totale Kontrolle über die Menschen haben will. Seine Produkte sind ein Mix aus Hardware und Social Media-Software, und sie sind in ein Konzern-Ökosystem eingebettet.
Beschrieben wird der Konzern aus der Sicht der 24-jährigen Mae Holland, die mittels Protektion durch ihre beste Freundin Annie, die zu den Top-40-Manager:innen des Konzerns gehört, einen Job am Campus der Firma erhält. Zunächst lernen wir also kennen, wie Mae am Campus in der Kundenbetreuung beginnt und wie jeder ihrer Kundenkontakte bewertet wird, wobei sie Höchstwertungen anzustreben hat. Schritt für Schritt werden ihre Aufgaben ausgeweitet, bis sie schließlich an neun Bildschirmen neun unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig zu betreuen hat.
Auch beginnt sie immer öfter in einer der Campus-Wohnungen zu übernachten, da der Konzern von ihr erwartet, auch bei den sozialen Events der Firma außerhalb der Arbeitszeit beteiligt zu sein. Gleichzeitig hat sie ihr Leben via Feeds (Tweets bzw. Zings, wie sie im Roman heißen) zu dokumentieren und auf Zings anderer zu reagieren. Dafür gibt es ein firmeninternes soziales Ranking, und man sollte zu den Top-Zehntausend gehören, um firmeninterne Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen. Mae strebt schließlich Top-Zweitausend an, was aber bedeutet, dass sie außer ihrer Schlafenszeit keine persönliche Freizeit mehr hat, und auch ihre Besuche bei ihren Eltern werden naserümpfend zur Kenntnis genommen. Auch diese stellt sie mehr oder weniger ein. Mae internalisiert immer mehr die Firmenerwartungen und entwickelt einen Ehrgeiz, die Karriereleiter zu erklimmen.
Maes Ex-Freund Mercer, der ein Kunstgewerbe ausübt, wirft ihr vor, nicht in einer Firma, sondern bei einer Sekte zu arbeiten, nachdem sie ihm - ohne Auftrag - zu einem Internet- und Social-Media-Auftritt verholfen hat. Er sieht das bedrohliche Potenzial dieses Konzerns und flieht in den Norden der USA, um ohne Inernetanbindung leben und arbeiten zu können. In einem Brief an Mae schreibt er, als bereits etwa 90 Prozent der Kongressabgeordneten eine Live-Cam um den Hals tragen:
Du und deinesgleichen werden bereitwillig und mit Freuden unter permanenter Überwachung leben, ihr werdet euch ständig gegenseitig beobachten, euch gegenseitig kommentieren, voten und liken und disliken, Smiles und Frowns verteilen und ansonsten nicht viel anderes machen.Bei einer Demo, dass die soziale Vernetzung des Circle-Publikums Menschen in kürzester Zeit ausfindig machen können, will Mae Mercer finden. Innerhalb einiger Minuten war er in einem Waldgebiet eines kleinen Ortes ausgemacht, ein Mob macht sich auf den Weg, Mercer flieht vor ihm, und als er von Drohnen verfolgt wird, stürzt er sich mit seinem Truck in einen Abgrund.
Ihr seid längst zu weit gegangen. Stattdessen sollte ich sagen, dass ich auf den Tag warte, an dem eine lautstarke Minderheit endlich aufsteht und sagt, dass ihr zu weit gegangen seid und dass dieses Instrument, das weit tückischer ist als alle bisherigen menschlichen Erfindungen, kontrolliert, reguliert, rückgängig gemacht werden muss und dass wir vor allen Dingen Optionen für den Ausstieg brauchen. Wir leben derzeit in einem Zustand der Tyrannei
Der nächste Schritt ist, dass Mae sich eine Kamera um den Hals hängt, um ihr ganzes Leben zu dokumentieren. Auch Politiker:innen beginnen mit dieser Art von Transparenz. Binnen einiger Monate tragen Tausende von Abgeordneten weltweit und 90 Prozent der Kongressabgeordneten in Washington eine Kamera mit Mikro um den Hals, womit ihr Tag dokumentiert wird. Diejenigen, die sich dieser Transparenz-Offensive nicht anschließen, werden als korrupt gebrandmarkt, und wer sie öffentlich anprangert und als Monopolunternehmen aufbrechen will wie früher AT&T, kann damit rechnen, dass sozial nicht erwünschtes Sexualverhalten "aufgedeckt" wird.
Auch das Elternhaus von Mae wird mit Kameras ausgestattet. Dies ist der Preis, dass ihr an Multipler Sklerose leidender Vater in die Firmenkrankenversicherung aufgenommen wird. Seine alte hat ihn rausgeschmissen, als die Krankheit diagnostiziert worden ist.
Mae identifiziert sich nun so weit mit der Firmen-Ideologie der Transparenz allen Wissens und Handelns, dass sie vorschlägt, dass Circle mit dem Abstimmungsprogramm DemoVis die Organisation von staatlichen Wahlen übernehmen soll, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Dies würde bedeuten, dass nur wählen darf, wer einen Circle-Account hat. Dieser Vorschlag wird von der Firmen-Community mit Begeisterung aufgenommen. Die Crux: Es ist auch transparent, wer sich wie entschieden hat. Das Wahlgeheimis ist aufgehoben.
Eggers hat keinen Bildungsroman geschrieben. Im Gegenteil. Mae ist von kritischen Stimmen umgeben, ohne zu einem Nachdenken oder gar Umdenken zu kommen. Von ihrem Ex-Freund Mercer, aber auch von einem mysteriösen Mann auf dem Campus namens Kalden, der Zugang zu geheimste Orte hat und mit dem sie leidenschaftlichen Sex hat. Er will, dass die Verflechtung von Circle und Staat verhindert wird. Kalden stellt sich als Ty (Tyson Gospodinov), einer der drei Gründer von Circle, heraus. Er hatte die Programmideen zum Spaß entwickelt. Die beiden anderen Gründer, Eamon Baily und Tom Stenton (mit Ty bilden sie die "drei Weisen"), sind für Kommerz und politische Verflechtung verantwortlich und haben mittlerweile Ziele, die Ty nicht mehr teilt. Er ist am Campus nur noch geduldet. Mae wendet sich von ihm ab, als er seine Kritik am Circle formuliert:
... es ist ein totalitärer Albtraum ... Im Interesse von Erziehung und Sicherheit wird alles, was sie gemacht haben, aufgezeichnet, getrackt, dokumentiert, analysiert – für immer und ewig. Und dann, wenn sie alt genug sind, um zu wählen, zu partizipieren, ist ihre Mitgliedschaft obligatorisch. Und da schließt sich der Circle. Alle werden getrackt, von der Wiege bis zur Bahre, ohne die Möglichkeit, zu entkommen.Auch Alternativwelten wie das auf einem Hausboot lebende alte Paar, das Mae bei einer ihrer Kanu-Fahrten kennenlernt, werden keine Ausstiegsoption. Das Sinnbild des alles auffressenden Tiefseehais in einem Meeresaquarium wird für Mae nicht zum Sinnbild des Circle, der alle Konkurrenten oder interessanten Start-Ups aufkauft. Ty: "Der verdamme Hai, der die Welt frisst."
Dieses Demokratie-Dingsbums, DemoVis oder wie das heißt, großer Gott. Unter dem Vorwand, jeder Stimme Gehör zu schenken, erschaffst du die Herrschaft des Mobs, eine filterlose Gesellschaft, wo Geheimnisse Verbrechen sind.
Der Roman endet, dass ihre alte Freundin und Protektorin Annie in ein Erschöpfungskoma fällt, nachdem ein genealogisches Projekt herausgefunden hat, dass sie nicht nur von Maeflower-Siedlern abstammt, sondern auch von Sklaventreibern, und das Projekt hat stoppen wollen, was von der Top-Ebene aus ideologischen Gründen abgelehnt worden ist. Mae steht am Krankenbett, sieht die EEG-Aufzeichnungen und sinniert, ob es technisch möglich ist, Annies Träume zu rekonstruieren.
Zum Teil bricht durch, dass Eggers sich sehr stark an Orwell orientiert. So unterlegt er der Firma Slogans, die auch mit Großbuchstaben geschrieben sind. Die letzten drei sind von Mae erfunden.
Dahinter geht es aber um Geld. Bei allen Produkt-Empfehlungen, die Mae über Social Media verbreitet, wird die Conversion Rate ermittelt, also wie viel Käufe ihre Empfehlungen erbracht haben und wie viel Dollar dabei umgesetzt wurden.ALLES, WAS PASSIERT, MUSS BEKANNT SEIN
GEHEIMNISSE SIND LÜGEN
TEILEN IST HEILEN
ALLES PRIVATE IST DIEBSTAHL