Eaton-Daily

Die US-Historikerin Kathrine Eaton hat 2004 ein Buch über das Alltagsleben in der Sowjetunion vorgelegt, wobei sie nach einem kurzen historischen Überblick ihr Werk in 11 Abschnitte nach Thematiken gliedert. Hervorzuheben ist die Bildauswahl, die aus dem Fundus der Library of Congress stammt.

Durchgehendes Merkmal ist, dass bereits mit Machtübernahme der Bolschewiki radikalst und mit terroristischen Mitteln sowie von Lenin akzeptiert oder gar gefordert in das Leben der Menschen eingegriffen wurde, was sich erst unter Gorbatschow gemildert hat.

01-Gefangene

Unterschiede zwischen Lenin und Stalin waren graduell. So wurde während der Hungersnot während des Bürgerkriegs und danach US-Hilfe der American Relief Administration oder des Roten Kreuz ins Land gelassen, 1932 nicht mehr.

02-RotKreuz

Doch es war unmöglich, diese Hungersnot zu mildern. Hier werden zwei Kinder zu Grabe getragen, die verhungert sind.

03-Kinder verhungertOriginal anzeigen (0,5 MB)

Aus dem europäischen Teil flohen Menschen vor dem Hunger nach Sibirien und mussten unter fürchterlichsten Bedingungen schauen, dass sie überleben konnten.

04-Flucht

05-Flucht

Das erste thematische Kapitel handelt von den Ethnien in der Sowjetunion. Nach einem Überblick über die größten Ethnien werden Völker im Nordosten Sibiriens vorgestellt, die Ewenen, Ewenken, Tschuktschen und Korjaken, deren traditionellen Lebensformen durch die Bergbau-Erschließung und das Vorantreiben einer Sowjetisierung (eigentlich Russifizierung) zerrüttet wurden.

Auch die großen asiatischen Republiken wurden sowjetisiert bzw. russifiziert. Die kasachischen Nomaden wurden in Kollektive gezwungen, Usbekistan wurde zur Baumwollplantage erklärt, Russisch war die erste Schulsprache. Während auch sehr viele Russen in Kasachstan angesiedelt wurden, war diese Kolonialisierung in Usbekistan geringer, auch mit der Auswirkung, dass Usbekistan am Ende der Sowjetunion mehr Einwohner hatte als Kasachstan. Auch gelang in Usbekistan die Zurückdrängung islamischer Wertevorstellungen in geringerem Ausmaß.

Eingegangen wird noch auf die Tataren (der Krim, Litauens und von Kazan) sowie auf die deutsche Minderheit, die stark russifiziert wurde.

Bezüglich Regierung und Rechtswesen wird zunächst festgehalten, dass sämtliche hohen Staatsämter von Parteimitgliedern ausgeübt wurden und die Sowjetunion letztlich von einem kleinen Kreis von Männern beherrscht wurde. Die Staatspolizei (NKWD) war unter Stalin von Staat und Partei unabhängig und ausschließlich Stalin berichtspflichtig. Auch hatte der Geheimdienst richterliche Gewalt bis hin zur Blutsgerichtsbarkeit. Für 1937/38 werden 1,3 Millionen Gefangene in den Lagern der GULAG geschätzt.

Die russische Staatsanwaltschaft hatte in der Sowjetunion das Recht, Gerichtsentscheidungen zu ändern. Der Oberste Gerichtshof war zahnlos, er hatte nicht das Recht, Gesetze auf ihre Verfassungsgemäßheit zu überprüfen und gegebenenfalls zu annulieren. Auch gab es keine Rechtsmittel, um verletzte Verfassungsfreiheiten einzuklagen. Die Verfassung von 1977 änderte nichts an dem Machtmonopol der Kommunistischen Partei.

Wahlen in Partei und Staat funktionierten von unten nach oben, direkt gewählt waren nur Funktionäre oder Delegierte in Orts- bzw. Betriebsgruppen. Die unteren Einheiten hatten Entscheidungen der oberen Einheiten bedingungslos zu erfüllen. Es gab bis zur Verfassung 1936 keine Geheimabstimmungen. Danach war Nichtteilnahme bzw. der Gang in die Wahlkabine als Ausdruck von Dissent gesehen, notiert und von einem Geheimdienstbesuch begleitet.

Ortswechsel (sei es für den Arbeitsplatz oder touristisch) war nur mit einem internen Pass möglich. Kolchosarbeiter:innen - im Gegensatz zu den Staatsangestellten auf Sowchosen - erhielten diesen erst ab 1976, waren zuvor also Hörige der Kolchose. Das Passsystem blieb bis zum Ende der Sowjetunion aufrecht. Auch mit einem internen Pass entschied die Polizei (Miliz) über ein Aufenthaltsrecht in einer Gemeinde/Stadt.

Das Militär war nach dem Zweiten Weltkrieg in folgende Gruppen gegliedert: Armee, Marine, Luftwaffe, Luftabwehr und Raketentruppen. Nach der Revolution wurde die Struktur der zaristischen Armee zerschlagen, doch Trotzki führte im Bürgerkrieg aus Effizienzgründen wieder Offiziersgrade ein. Beigestellt waren politische Kommissare, die auch dafür sorgen sollten, dass sich gewaltsame Übergriffe auf die Bevölkerung (Raub, Mord, Vergewaltigung) in Grenzen hielten. 1938 zerschlug Stalin das Offizierscorps, etwa 40.000 Offiziere wurden verhaftet, nur die Hälfte überlebte.

Der Geheimdienst unterhielt eigene militärische Einheiten. Die Internen Truppen waren für innere Sicherheit (Zerschlagung von Protesten oder Aufständen), die Grenztruppen für Grenzsicherung und die Nachrichtentruppen für jegliche Form der Kommunikation zuständig.

Das Militär war sehr stark russifiziert. 80 Prozent der Offiziere waren ethnisch Russen, der Rest hauptsächlich weißrussisch oder ukrainisch. Frauen wurden vor allem im Zweiten Weltkrieg herangezogen. Etwa ein Viertel des Personals der Luftwaffe war weiblich.

Das Leben der Soldaten und Rekruten war geprägt von Unzulänglichkeiten (desolate Behausung, fehlende Ausrüstung, Nahrungsmittelknappheit, 10 Rubel Entschädigung) und Gewalt. Die Dedowschtschina (das gewaltsame Schikanieren der Neulinge in den ersten sechs Monaten durch die Dienstältesten) war gängige Praxis. Dies alles eskalierte bei den in Afghanistan im Einsatz befindlichen Truppen (von den etwa 650.000 Soldaten wurden um die 15.000 getötet). Interne Gewalt, Korruption, Alkohol- und Drogenmissbrauch waren üblich. Gefangene wurden gefoltert und getötet. Rückkehrer hatten keinerlei Betreuung und ihnen drohte extreme Armut, vor allem wenn sie aus Invaliditätsgründen nicht/kaum noch arbeitsfähig waren.

Das Wirtschaftsleben war grundsätzlich davon geprägt, dass keine Privatinitiative erlaubt war. Produktionsmittel und Land gehörten ausschließlich dem Staat. An Privatbesitz waren persönliche Gegenstände, aber auch Wohnraum (nicht der Boden!) gestattet.

Auch wenn es offiziell keine gesellschaftlichen Klassen mehr gab, konnte die Elite ein Leben in Luxus führen. Sie hatte eigenen Wohnraum (mit Landgütern - Datschen), eigene Geschäfte, eigene medizinische Einrichtungen, Autos, westliche Produkte und Einrichtungsgegenstände, besondere Freiheiten. Zur Elite zählten hohe Parteifunktionäre, Regierungsminister, hohe Offiziere von Militär, Geheimdienst und Polizei, Direktoren großer Betriebe, Diplomaten sowie angesehene Wissenschafter und Künstler.

Hinzu kam ein Gefälle des Lebensstandards in Städten und am Land, bzw. zwischen Moskau, Leningrad und Kyjiw sowie dem Rest.

06-Schuhputzerin

Die staatliche Versorgung war von Engpässen und Qualitätsmängeln geprägt. Geduldete Erleichterungen brachten die nach der Hungersnot von 1932 erlaubten Kolchosenmärkte, auf denen Kolchosbauern die Produkte ihres privat genutzten Landstreifens ohne Preisobergrenze anbieten durften.

07-Kolchosenmarkt

08-Kolchosenmarkt

09-Kolchosenmarkt

Die Elite hatte eigene Geschäfte, auch mit Westwaren.

Die Landwirtschaft kämpfte mit permanenter Unterproduktion, auch waren die Hörigen auf Kolchosen nicht sonderlich an einer Produktivitätssteigerung interessiert. Sie erhielten keinen Staatslohn, sondern es wurde nach "Arbeitsstunden" abgerechnet und von der Kolchose bezahlt (oder auch nicht, falls sie keine "Gewinne" erwirtschaftete). Die Bezahlung war erbärmlich, und als Breschnew 1966 einen Mindestlohn verordnete, wurde dieser jedoch nicht staatlich, sondern von der Kolchose festgelegt.

Die Versorgung mit Gebrauchsgütern am Land war erbärmlich, eine Infrastruktur (fließendes Wasser, Kanalisation, befestigte Straßen, medizinische Versorgung, Schulen, ...) kaum vorhanden. Arbeiten wurden oft ohne technische Hilfsmittel verrichtet.

10-Schuhgeschaeft

11-Waschtag

12-Melkerin


Die Wohnsituation war in der Sowjetunion durchgehend von Enge und fehlender Infrastruktur geprägt. 1950 betrug der durchschnittliche Wohnraum 5 m2, 1972 für die Stadtbevölkerung 7,6 m2. Wohnraum wurde zugeteilt. Die meisten Städter lebten in Kommunalkas. Eine Wohnung wurde von vielen Menschen/Familien geteilt, wobei eine generationenübergreifende Familie sich einen Raum zum Wohnen und Schlafen teilte (Großeltern, Eltern, Kinder). Alleinstehende wurden irgendwo hinzugepappt. Überliefert ist aus Anfang der 1970er Jahre eine 9-Zimmer-Wohnung mit 54 Bewohner:innen. Alle Wohnhäuser hatten einen Hausmeister, der sämtliche Personen, die das Wohnhaus betraten, an den Geheimdienst melden musste.

Menschen mit Geld konnten sich in Genossenschaften einkaufen, um eine Genossenschaftswohnung zu erhalten. Für eine schlechtere Gegend mussten etwa 60 durchschnittliche Monatsgehälter auf den Tisch gelegt werden. Mitte der 1960er Jahre gab es etwa 4.000 Wohnungsgenossenschaften mit 240.000 Mitgliedern. Man hatte jedoch kein Besitzrecht und konnte bei politischer "Unzuverlässigkeit" ausquartiert werden. Auch waren Genossenschaftswohnungen ein Mittel, zum Beispiel Künstler überwachen und erpressen zu können. Ein Beispiel ist die Lebensgeschichte von Osip Mandelstam.

Die oben genannte Elite erhielt mehr Wohnraum, zum Teil Wohnungen mit 4-5 Zimmern oder auf oberster Ebene Villen mit Personal. Juri Gagarin erhielt nach seinem Weltraumflug erstmals eine Wohnung mit Fließwasser und Bad wie Toilette.

1956 hatten zwei Drittel der Wohnungen kein Fließwasser, 97 Prozent kein Warmwasser. 1975 hatten 20 Prozent kein Fließwasser, 50 Prozent kein Warmwasser.

Obwohl politisch eher unerwünscht und mit Schikanen bis hin zum Abriss versehen, wohnten gegen Ende der Sowjetunion etwa 20 Prozent der städtischen Bevölkerung in Einfamiienhäusern. Besonders ausgeprägt war diese Wohnform in Estland.

Die Wohnraumsituation am Land war etwas günstiger, viele Familien lebten in einem eigenen Haus. Eine Infrastruktur war kaum vorhanden, Wasser musste oft 100 Meter oder mehr zum Haus getragen werden.

13-Pferdewagen

14-Bauernhaus

15-Bauernhaus

Das Gesundheitswesen war grundsätzlich für alle gratis zugänglich. Auch wenn die staatlichen Stellen den Erfolg des sowjetischen medizinischen Systems preisten (ca. 1920 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre), war es geprägt von Mangel und eklatanten hygienischen Problemen. Noch gegen Ende der Sowjetunion hatten die meisten zentralasiatischen Krankenhäuser kein Fließwasser, keine Abwasserinstallationen, keine Heizung. Von Landkrankenhäusern der gesamten Sowjetunion hatte ein Viertel der Krankenhäuser keine Abwasserinstallation, die Hälfte kein Fließwasser, zwei Drittel kein heißes Wasser und 17 Prozent überhaupt keine Wasserinstallation.

Es fehlte an Medikamenten wie medizinischen Geräten bis hin zu Einwegnadeln bzw. Desinfektionsgeräten. In der Autonomen Republik Kalmükien kam es 1989 zum Beispiel zu einer HIV-Epidemie unter Kleinkindern, die alle wegen wiederverwendeter Nadeln in einem Krankenhaus angesteckt wurden.

Das medizinische Personal war schlecht bezahlt, in den 1970er Jahren betrug ein Arztgehalt zwei Drittel desjenigen eines Fabrikarbeiters.

Die Bevölkerung war sogenannten Polikliniken zugeteilt, wo sie allgemeinmedizinisch oder internistisch betreut wurden, im Bedarfsfall wurden die Patienten von dort an Spezialkliniken weiterverwiesen. Freie Arztwahl gab es nicht. Dies und die schlechte Bezahlung öffnete Korruption Tür und Tor. Es gab mehr oder weniger Preislisten für eine bessere Betreuung.

Die Elite (siehe oben) hatte diese Probleme nicht, sie konnte sich in Spezialkliniken mit Westausrüstung behandeln lassen, komplexere Blutbilder wurden in finnischen Labors ausgewertet.

Ein dunkles Kapitel ist, dass psychiatrische Anstalten dafür missbraucht wurden, Dissidenten zu "behandeln". Meist mit sehr starken Medikamenten, die für sie überhaupt nicht indiziert waren. Ihr "Glück": Lobotomie war in der Sowjetunion verboten.

Bezüglich Bildungwesen übernahmen die Bolschewiki einen Staat ohne Schulpflicht. Höhere Bildung war nur Adeligen und einer reichen Oberschicht zugänglich. Der erste sowjetische Bildungsminister Anatoli Lunatscharski hatte einen ehrgeizigen Bildungsplan mit Zugang zur Bildung für alle. Er scheiterte an der Realität. Noch 1926 betrug die durchschnittliche Schulbesuchszeit noch nicht einmal drei Jahre.

Auch die sehr fortschrittlichen Bildungsmethoden Lunatscharskis (Abschaffung von Noten, selbstbestimmtes Lernen ohne Tests und Prüfungen) führten nicht zu dem erhofften Ziel. Die ersten Abgänger:innen mit medizinischer oder technischer Ausbildung waren für ihren Beruf meist unbrauchbar, da sie kein Wissen hatten. 1922 wurde dieses Experiment beendet. Stalin zentralisierte das Bildungwesen und unterband jegliche Experimente.

Die Qualität der (Aus-)Bildung war in Städten höher als am Land, in Zentren wie Moskau höher als in regionalen Zentren. Der Elitennachwuchs hatte Zugang zu den besten Bildungseinrichtungen, in die Kinder von "Normalsterblichen" nur bei außergewöhnlichen schulischen Leistungen Zugang hatte.

In allen Bildungseinrichtungen war Marxismus-Leninismus ein Pflichtfach für alle.

Die Künste waren am Gängelband der Partei.

1919 wurden alle Theater verstaatlicht, 1922 wurden alle Theaterskripte zensiert, Aufführungen mussten von einer Zensurbehörde freigegeben werden. Glavlit war die Zensurbehörde für schriftliche Texte, Glavrepertkom diejenige für Aufführungen. Selbst die "freiere" Zeit der 1920er Jahre (Neue Ökonomische Politik), in der es formal noch keine Beschränkungen gab, waren für Kunstschaffende eine Hochrisikozeit. Bereits 1921 wurde der Dichter Nikolai Gumiljow als "Feind des Volkes und der Arbeiter- und Bauernrevolution" hingerichtet. 1929 wurde der liberale Bildungsminister Lunatscharski von Stalin abgesetzt.

Ab 1932 durften nur mehr Personen veröffentlichen, die Mitglied der Schriftstellergewerkschaft waren. Zumindest hatten auch Nicht-Parteimitglieder Zugang zu ihr. Die Mitgliedschaft brachte auch Goodies mit sich: gute Bezahlung, besserer Wohnraum, Zugang zu Elitegeschäften, bessere medizinische Versorgung, Auslandsreisen.

Ebenso ab 1932 wurde der Sozialistische Realismus einziger staatlich anerkannter Kunststil. Kunstschaffende, deren Werke nicht dieser Doktrin entsprachen, wurden als "Formalisten" bebrandmarkt und waren Repressionen ausgesetzt. Selbst Instrumentalmusik wurde dieser schwammigen Doktrin unterworfen (Schostakowitsch bekam große Probleme wegen seines Kompositionsstils).

Der Zugang zu den Prestigetheaterhäusern war mehr oder weniger auf die Elite und Touristen beschränkt. Karten für Bolschoi oder in die Leningrader Eremitage waren oft Teil eines Bestechungspakets.

Medien waren ab Machtübernahme kontrolliert und zensiert, da Lenin dies besonders wichtig war. Bereits am 9. November 1917 wurden alle nichtsozialistischen Medien verboten, Anfang der 1920er Jahren waren alle nichtbolschewistischen Medien verboten. Publikationen wurden von Glavlit zensiert. Erst mit Gorbatschows Glasnost war es möglich, freier zu berichten, wenn auch mit Einschränkungen (tragisch beim Unfall in Tschernobyl). Mehr oder weniger totale Freiheit ist im politischen Chaos ab 1990 zu beobachten.

Die Sowjetunion sah sich als atheistischer Staat. Religionsgemeinschaften waren staatskontrolliert und unterdrückt. Einzige Ausnahme, als Stalin die propagandistische Unterstützung für den Abwehrkrieg gegen Deutschland benötigte. Chrustschow hat die Antireligionspolitik wieder verschärft. Zuvor hatte Lenin persönlich in einer Verordnung vom 19. März 1922 eine Terrorkampagne gegen russisch-orthodoxe Priester initiiert. Über 1200 Priester und Bischöfe wurden hingerichtet.

Unklar war sich die Sowjetunion, ob Judentum eine Religions- oder ethnische Bezeichnung ist. In den internen Pässen "jüdisch" als Nationalität geführt. Es gab auch eine "Mischlingspolitik", Kinder aus einer "gemischten" Ehe durften selbst entscheiden, ob sie jüdisch sind oder nicht. Der Trend war, sich nicht jüdisch zu sehen, um den Karriereweg nicht zu beeinträchtigen. Noch in den 1920er Jahren war der jüdische Anteil an der bolschewistischen Elite hoch, Stalin bereitete dem ein Ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg initiierte Stalin antisemitische Kampagnen, der Schauspieler und Vorsitzende der Sowjetischen Jüdischen Gemeinde, Salomon Mikhoëls, wurde durch einen initiierten Autounfall ermordet, alles Jiddische wurde verboten. Die Verhaftungen des "Ärzte-Komplotts" konnten sieben von neun verhafteten hochrangigen Ärzten wegen Stalins Tod überleben.

1928 versuchte man eine autonome jüdische Region in Birobidschan (im Fernen Osten an der chinesischen Grenze) einzurichten. Es gab eine große internationale Propagandakampagne, selbst Einstein sponsorte Gelder. Das Problem war: Es gab dort nichts, das Land war unfruchtbar, heiß im Sommer, eiskalt im Winter. Etwa 40.000 jüdische Menschen siedelten sich in Birobidschan an, aber viele ihrer Nachkommen entschieden sich für eine Ausreise in die USA oder nach Israel, als dies in den 1970er Jahren nach Abkommen mit den USA ermöglicht wurde.

Dem Islam zugehörig waren am Ende der Sowjetunion etwa 55 Millionen Menschen. Etwa 50 Milionen von ihnen sprachen/sprechen eine Turksprache.

Nicht zuletzt um die Einheitlichkeit eines großen muslimischen Blocks zu unterbinden, wurden 1924/25 die Kirgisische ASSR und die Turkestanische ASSR in vier Republiken aufgeteilt: Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisistan. Tadschikistan wurde als fünfte Republik 1929 aus Usbekistan ausgegliedert.

Weitere muslimische Mehrheiten gab es in der Kaukasusregion: in der Republik Aserbaidschan sowie bei kleineren Kaukasusvölkern in der Russischen Sozialistischen Föderativen Republik.

Die muslimische Bevölkerung war trotz angestrengter Versuche, muslimische Traditionen zu brechen, sehr resistent. Fastengebräuche wurden eingehalten, die Hadsch wurde zu lokalen Helden durchgeführt, die Gebetszeiten wurden eingehalten, wann immer es möglich war. Organisiert waren viele nach Clans. Am Ende der Sowjetunion zeitigte sich dieser Zusammenhalt sowohl im Positiven (humanitäre gegenseitige Unterstützung) als auch im Negativen (Gewaltausbrüche gegen andere Ethnien oder Religionen, Intoleranz).

Insgesamt ist das Buch trotz seiner Kürze im Detail eine interessante Lektüre, da neben Bekanntem auch unbekanntere Details bzw. Zeugenaussagen eingeflochten sind. Sehr gelungen ist die Bildauswahl.