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David Welch - Propaganda and the German Cinema 1933-1945
13.06.2026 um 17:09
Der englische Historiker David Welch hat 1983 mit diesem Buch ein Standardwerk über die nationalsozialistischen Propagandafilme geschaffen. Mir liegt die zweite Auflage aus 2001 vor. In diesem Werk werden 30 Filme analysiert und dekonstruiert sowie in einen Zusammenhang gestellt.
Die Konklusion der Analysen ist, dass diese "Staatsauftragsfilme" die Zentralthemen nationalsozialistischer Propaganda verbreiteten: Blut und Boden, Lebensraum, arische Herrenrasse, Verherrlichung von Gesundheit und Stärke, Romantisierung von Krieg und Kameradschaft, blinder Gehorsam, Heldenopfer, Führergehorsam.
Ein Grundstein für die Nutzbarmachung professionellen Filmeschaffens wurde bereits 1927 mit der Übernahme der Ufa durch den nationalkonservativen Medienunternehmer Alfred Hugenberg gelegt. Ein zweiter Aspekt der Zentralisierung innerhalb der NSDAP war, dass 1932 alle Partei-Filmaktivitäten in Berlin unter der Führung von Joseph Goebbels gebündelt wurden. Nach der Machtergreifung wurde am 22. September 1933 die Reichskulturkammer und innerhalb dieser die Reichsfilmkammer gebildet, welche dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (Goebbels) unterstanden. Nichtmitglieder waren nicht mehr berechtigt, Filme zu produzieren. Ausgeschlossen waren Juden und politische Gegner.
Mit dem Reichslichtspielgesetz vom 16. Februar 1934 wird nicht nur die Förderung von Filmen durch den Staat ermöglicht, sondern auch die Vorzensur durch den Reichsfilmdramaturgen (begleitet einen Film vom Drehbuch bis zum Abschluss). Die Verleihung von Filmprädikaten (steuerrechtlich relevant) wurde nun auch Teil dieses Zensurapparats, die Filmprüfstelle war keine unabhängige Organisation mehr. Auch die Filmkritik ist vom Kritikverbot im November 1936 betroffen. Ab diesem Zeitpunkt durften nur noch "Kunstbetrachtungen" veröffentlicht werden.
Zur Verbreitung von Filmpropaganda unter Kindern und Jugendlichen wurde 1934 eine "Jugendfilmstunde" bei der HJ eingeführt. Diese wurde immer mehr verpflichtend und ein Nichterscheinen wurde unter Strafe gestellt, sodass die überlieferte Statistik ein stetes Ansteigen der Vorführungen und Besucherzahlen aufweist. Der Höhepunkt war 1942/43 mit über 45.000 Vorführungen und über 11 Mio Besuchern.
Auch die Besucherzahlen in Kinos wuchsen laut Jahrbuch der Reichsfilmkammer von 1939. Die Anzahl der verkauften Karten stieg von 240 Mio (1932/33) auf 400 Mio (1937/38). Stark rückläufig hingegen war der Exportumsatz. 1929 wurde ein Drittel des Umsatzes der deutschen Filmindustrie außerhalb von Deutschland erwirtschaftet, 1934 strebte die NS-Regierung eine Erhöhung auf 40 Prozent an. Die Realität war, dass in der Saison 1934/35 der Exportumsatz auf 8 Prozent fiel. Es brauchte keine Sanktionen, nicht-deutsche Verleiher hatten kein Interesse an deutschen Filmen mehr.
An der Eigentumsstruktur der Filmproduktionsgesellschaften wurde ab 1936 gedreht. Die (staatsnahe) Kautio Treuhand GmbH begann die Firmen als Treuhänderin zu übernehmen. Im Laufe des Jahres 1937 wurden die größten Produktionsgesellschaften, Ufa, Terra und Tobis, de facto verstaatlicht. 1938 betraf es Bavaria. Nach der Annexion Österreichs wurde Wien Film vertreuhandet, nach der Besetzung Tschechiens wurde Prag Film gegründet. Somit waren alle großen Filmproduktionsgesellschaften staatsmittelbar. Diese hatten einen Anteil von 60 bis 70 Prozent am gesamten Filmoutput des Deutschen Reichs. 1942 wurde die Holdinggesellschaft Ufa-Film GmbH gegründet und diese kontrollierte sämtliche Filmgesellschaften im Deutschen Reich, auch diejenigen mit einem ausländischen Besitzanteil. Die deutsche Filmindustrie hatte nun diese Struktur (Bild von Seite 28):
Original anzeigen (0,6 MB)Mit der Reichsfilmintendanz war nun Goebbels Herr über das gesamte Filmschaffen.
Die Genreverteilung des Filmschaffens während der nationalsozialistischen Herrschaft wird auf Seite 36 folgendermaßen angegeben:

Die Propagandafilme werden sowohl chronologisch als auch thematisch geordnet vorgestellt. 1933 stand noch der Kampf der SA gegen die Kommunisten während der Weimarer Republik im Zentrum. Die Filme SA-Mann Brand, Hitlerjunge Quex und Hans Westmar waren sehr ähnlich gestaltet: Ein männliches Kind (ca. 15 Jahre) schließt sich der SA an, auch im Widerspruch zu den Eltern (meist dem Vater). Damit entfremdet es sich von der Familie, mit dessen Tod wird die Familie zerstört. Welch findet erwähnenswert, dass die Zerstörung der Familie zugunsten der Partei die Propaganda vom hohen Wert der Familie konterkariert. Dass die SA als sauber und die Kommunisten als schmutzig dargestellt werden, ist genretypisch (Freund - schön, Feind - hässlich).
Als besonders perfide wird der Film Ich klage an aus dem Jahr 1941 bezeichnet. Dieser begleitete die Mordwelle im Rahmen der Ermordung behinderter Menschen. Mit diesem Film, der die freiwillige Sterbehilfe bei Todkranken propagiert, soll die Mordkampagne psychologisch positiv konnotiert begleitet werden.
Krieg wurde in Spielfilmen wie auch Dokumentationen (nach Kriegsbeginn) positiv dargestellt. Der promineteste Regisseur war Karl Ritter. Für Kurzdokus stand die Deutsche Wochenschau zur Verfügung, die während der erfolgreichen Kampagnen sehr beliebt war und nach Stalingrad auf so wenig Interesse stieß, dass das Kinopublikum gezwungen wurde, die Wochenschau zu sehen, wenn es den Hauptfilm gebucht hat.
Eine Skurrilität am Rande. Der Film Kolberg mit der Uraufführung am 30. Januar 1945 über das Aushalten der Festung Kolberg gegen Napoleon 1806 (historisch ist das verdreht), eine der teuersten Farbfilmproduktionen, musste am 15. März 1945 abgesetzt werden. Grund: Die Rote Armee hat Kolberg eingenommen.
Unzählige Propagandafilme waren den nationalsozialistischen Feindbildern gewidmet: Kommunisten, Juden (mit den unsäglichen Filmen Jud Süß und Der ewige Jude), ab 1940 den englischen "Plutokraten" (das "Volk" wurde ausgespart, da "arisch"). Interessanterweise waren Franzosen ausgenommen, wohl aus Rücksicht auf das Vichy-Regime. Während des Nichtangriffspakts mit der Sowjetunion wurde die antikommunistische Propaganda zurückgeschraubt.
Auch wenn die Lust, solche Filme zu sehen, sich in Grenzen hält, die Lektüre dieses Buches ist sehr erhellend und die Filme werden in einer Art und Weise analysiert, die eine Bekanntheit der Filme nicht voraussetzt.